Wo kommt das CO2 im Käse her?

Von Archi W. Bechlenberg, So. 29. Dez 2019 , Titelbild: YouTube-Screenshot

Wenn Opa Kurt zur Weihnachtsgesellschaft lädt, kommen alle gerne, und die Kinder dürfen länger aufbleiben. Kinder sind kleine Erwachsene, und da versteht es sich von selber, dass auch sie zu Wort kommen müssen. Klein Anna-Lena bringt ihren ersten selbstgezogenen und -angemachten Rucolasalat mit. Sie ist sehr stolz. Klein Claas und Maximilian haben Servietten mit Tannenbäumchen bemalt und auf dem festlich geschmückten Tisch verteilt. Familie Lurch-Schlinkenberg ist fast komplett, nur Papa Thorben ist noch für den Rückweg tanken. Die Kinder bekommen vorneweg schon mal ein Brot. Doch dann taucht beim Abendessen eine Frage auf, die für reichlich Unruhe und Unfrieden sorgt, wie Archi W. Bechlenberg auf seine unnachahmliche Art schildert.

Ist das CO2 auch im Käse?

„Mama, Greta hat gesagt, sie kann CO2 sehen – das kann man doch gar nicht sehen!“ – „Du sollst beim Tischgebet nicht reden.“ – „Mama, guck mal hier, ist das CO2?“ – „Und auch nicht popeln!!!“ Zwei Kinderstimmen, gleichzeitig: „Der Maximilian ist aber dumm! In der Luft ist doch immer CO2!“ Eine weinerliche Jungenstimme: „Na ja – aber kann man es denn sehen? Mama! Wie sieht denn CO2 aus?“ – „Du sollst bei Tisch nicht reden!“ – „Ich möcht aber doch wissen, wie das CO2 aussieht! Ist das auch im Käse?“ – Pause. Mama: „Das CO2 … also das ist immer da, und manche Menschen können es sehen! …besonders sensible Menschen und auch Frauen und sogar manche Kinder.“ – „Mama! Aber ist das CO2 auch in diesem Käse? Wo ich doch so gerne Allgäuer Emmentaler esse. Den mit den großen Löchern! Ist da das CO2 drin?“ – „Jetzt schweig und iss. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst bei Tisch nicht reden! Iss dein Käsebrot!“ – „Bwww! Ich möcht aber erst wissen, ob in den Löchern … aua, schubs doch nicht immer … !“ Geschrei. Eintritt Papa.

„Was ist denn hier los? Gun Ahmt!“ – „Ach, Maximilian ist wieder ungezogen!“ – „Gah nich wahr! Ich will nur wissen, ob im Käse CO2 ist. Hier, der Allgäuer Emmentaler. Der hat so große Löcher, und der Babybel hat keine!“ – Papa: „Na, deswegen brauchst du doch nicht so zu brüllen! Mama wird dir das erklären!“ – Mama: „Thorben, jetzt gib du dem Jungen noch recht! Bei Tisch hat er zu essen und nicht zu reden!“ – Papa: „Wenn der Junge was fragt, kann man ihm das schließlich erklären! Ist doch nun wirklich nicht schwer, oder?“ – Mama: „Ja toll, immer vor den Kindern! Wenn ich es für richtig finde, ihm das zu erklären, werde ich ihm das schon erklären. Nu iss nicht schon vorher!“ – „Papa, wo doch aber das CO2 im Käse herkommt, möcht ich doch aber wissen! Wo doch Ferien sind, und ich kann Frau Dr. Doppel-Dreyer nicht fragen…“

Papa: „Also, das CO2, das ist nicht im Käse. In den Löchern ist nur Luft und die entsteht beim Käsen von Butter und Milch, und im Allgäu – wenn du groß bist, fahren wir mal ins Allgäu, da sind ganz hohe Berge mit Schnee drauf, und dazwischen liegt das Emmental – da ist es schön.“ – „Ja. Aber Papa, wo kommen denn die Löcher im Allgäuer Emmentaler her?“ – „Ich habs dir doch eben erklärt: Die kommen, wenn man ihn herstellt, wenn man ihn macht.“ – „Ja, aber … wie kommen denn die da rein, die Löcher?“ – „Maxi, jetzt löcher mich nicht mit deinen Löchern und iss auf, und dann geht es ins Bett! Marsch! Es ist spät!“ –  „Aber Papa! Kinder dürfen doch heute lange aufbleiben. Kinder sind kleine Erwachsene, und da versteht es sich von selber, dass auch wir zu Wort kommen müssen.“ –  „Wo hast du das denn wieder aufgeschnappt? Ab ins Bett!“ – „Nein! Papa! Noch nicht! Erklär mir doch erst, wie das CO2…“ Patsch! Papa haut wuchtig auf den Tisch. Mama lässt die Käsereibe fallen. Anna-Lena versteckt sich unter der Eckbank. Ungeheuerliches Gebrüll. Klingel.

„Was hast du für schöne Zöpfe, Anna-Lena!“

Onkel Hermann Harry. „Guten Abend! Guten Abend, Mariehelene – ‚n Ahmt – na, wie gehts? Was machen die Kinder? Maxi, was schreist du denn so?“ – „Ich will wissen …“ – „Schnüss jetzt!“  – „Hermann Harry, er will wissen … „ – „Mariehelene jetzt bring den Jungen ins Bett und lass uns mit den Dummheiten in Ruhe! Komm, Hermann Harry, wir gehen solange ins Herrenzimmer; hier ist es mal wieder zu unruhig!“ – „Was heißt denn bitte ‚mal wieder‚, Thorben?“ – Onkel Hermann Harry: „Gute Nacht! Gute Nacht, kleiner Schreihals! Was hast du für schöne Zöpfe, Anna-Lena! Ach je, nu hört doch bloß…! Was hat er denn nur?“ – „ Ach, er nervt. Mariehelene wird mit ihm nicht fertig – er will wissen, ob im Käse CO2 ist, und sie hat’s ihm nicht erklärt.“ – „Dann erklär‘ du’s ihm.“ – „Habbich doch.“ – „Hast du? Thorben, hast du mal ein Bier – sage mal, weißt du denn nicht, was mit dem CO2 ist? Das weiß doch sogar diese Kröta da aus Lappland. Höhö…“ – „Mensch, Harry, was für ne komische Frage! Das weiß ich ja wohl! Das entsteht beim Autofahren, und das sammelt sich durch die Berge, vor allem in der Schweiz, da ist das Emmental, und geht dann in den Käse über … das ist doch ganz einfach!“ – „Na, mein Lieber … CO2 gibt es doch nicht nur im Emmental! Da hast du dem Jungen aber einen schönen Käse erklärt! Das ist doch überhaupt keine Erklärung!“ – „Mein lieber Bruder, du bist ja echt einer! Kannst du mir denn erklären, wo das CO2 im Allgäuer Emmentaler herkommt?“ – „Na hör mal! Bin ich Akademischer Rat oder Unrat? Gott sei Dank kann ich das.“ – „Also bitte. Ich bin gespannt.“

„Also, die Löcher im Allgäuer Emmentaler entstehen nicht durch CO2, sondern durch das sogenannte Kaseïn, was in dem Käse drin ist.“ – „Das ist doch Quatsch.“ – „Das ist kein Quatsch.“ – „Das ist wohl Quatsch; denn mit dem Kaseïn hat das … gun Ahmt, Samira, gun Ahmt, Ralf … bitte, Samira, hier setzen. Ja, s e t z e nDa setzen! Beste Platz an Tisch! Wie geht es euch? Ist kalt, nich, Samira? Nich wie bei euch in der Wüste … überhaupt nichts zu tun!“

„Was streitet ihr euch denn da rum?“ – Papa Thorben: „Nu bitt ich dich um alles in der Welt; Ralf! Du bist doch Staatssekretär im Umweltministerium. Haben die Löcher im Allgäuer Emmentaler irgend etwas mit Kaseïn zu tun?“ – Ralf: „Ja, auf jeden Fall. Sogar indirekt. Die Löcher im CO2 … ich wollte sagen: Die Löcher im Allgäuer Emmentaler rühren daher … also die kommen daher, dass sich durch das Ozon die Erde erwärmt, und dann dehnt sich das Kaseïn durch die Wärme zu schnell aus.“ Hohngelächter der plötzlich Verbündeten Thorben und Onkel Hermann Harry. „Haha! Hahaha! Na, das ist eine ulkige Erklärung! Der Käse dehnt sich aus! Hast du das gehört? Haha … !“

Eintritt Onkel Murmel, Tante Erdmute, Dr. Roth und Direktorin Schlacke-Land. Großes „Guten Abend! Guten Abend! – … geht’s? … unterhalten uns gerade … ach der Junge… sogar riesig komisch … ausgerechnet Löcher im Kaseïn! … es wird gleich gegessen … also bitte, dann erkläre du!“

„Muahaha! Pffft! Das wissen wir auch!

Onkel Murmel: „Also – die Löcher im Kaseïn kommen daher, dass sich das übermäßig vorhandene CO2, bedingt durch den Klimawandel, vor Kälte zusammenzieht!“ Anschwellendes Rhabarber, Rumor, dann großer Ausbruch mit voll besetztem Orchester: „Bruahaha! ROFL! Vor Kälte! Du erzählst aber echten Gammel-Käse! Guuut, Herr Topchecker! Wohl in Facebook aufgeschnappt! Vor Kälte! Hähä! Muahahaha!“ – Onkel Murmel beleidigt ab in die Ecke.

Dr. Roth: „Bevor man diese Frage entscheiden kann, müssen Sie mir erst mal sagen, um welchen Käse es sich überhaupt handelt. Das kommt nämlich auf den Käse an!“ Mama: „Wie gesagt. Um Allgäuer Emmentaler! Wir haben ihn gestern gekauft … Erdmute, ich kauf jetzt immer bei Bio-Biber, mit Mischpoky bin ich nicht mehr so zufrieden, er hat uns neulich Tofuburger geliefert, die waren total …“ – Dr. Roth: „Also, wenn es Allgäuer Emmentaler war, dann ist die Sache ganz einfach. Der hat genau wie Leimburger und Maasdammer Löcher, weil er ein Hartkäse ist. Alle Hartkäse haben Löcher, denn darin entwickelt sich bei der Verkäsung…“

Direktorin Schlacke-Land greift ein. „Meine Herren, da muss wohl wieder mal eine Frau des praktischen Lebens kommen … die Herren sind ja größtenteils Akademiker … (Niemand widerspricht.) Also, das CO2 ist ein Zerfallsprodukt bei der Verpuffung von Dieselkraftstoff. Ja. Das … das CO2 zerfällt, eben … weil der Klimawandel …“ „Ja! Ja? Weiter?“ Alle Daumen sind nach unten gerichtet, das Volk steht auf, der Sturm bricht los. „Muahaha! Pffft! Das wissen wir auch! Aber mit schlichten Fakten ist die Sache ja wohl nicht gemacht!“ Eine hohe Stimme: „Habt ihr denn kein Internet?“ Rhabarberrhabarber. Blasiertes Seufzen.

Papa Thorben holt murrend sein intelliPad. „Aber da geht mir jetzt keiner mit fettigen Fingern dran.“ Mama Mariehelene sieht ihn an, als habe er gerade ungeniert in eine Mettfrikadelle gebissen. Papa Thorben fährt das intelliPad hoch. Alle stehen um ihm versammelt. Grummelnde Stille. Es dauert etwas.

Papa tippt bei Google „Käse + Löcher“. Ungefähr 1.410.000 Ergebnisse (0,76 Sekunden).

„Ich weiß ja, wie Sie politisch drauf sind…“

„Also, Leute… Die  blasige Beschaffenheit mancher Käsesorten rührt her von einer Kohlensäureentwicklung aus dem Zucker der eingeschlossenen Molke.“ – Fast alle, unisono: „Kohlensäureentwicklung! CO2! Dä! Was hab ich gesagt?“ – „Blasige Beschaffenheit…was soll das denn sein? Und eingeschlossenen Molke …“ – Plötzliche Dunkelheit. „Was ist denn jetzt los?“ – „Sicherung.“ – „Draußen ist auch alles dunkel!“ – „Das ist doch wohl echt…“ „Nicht vor den Kindern, Thorben!“ – „Stromausfall, wie bei den Neg…“ – „Is doch wahr!“ – Onkel Murmel murmelt Energiewende. „Das habe ich gehört, Herr Boesedick!“ sagt Direktorin Schlacke-Land. „Ich weiß ja, wie Sie politisch drauf sind…“  „Na so lange ich nicht auf Ihnen drauf…“ Knuff von Mama Mariehelene. Onkel Murmel verstummt schmerzverzerrt.

„Der Strom kommt gleich wieder, das dauert nie länger als…“ – „…aber immer öfter…“ „Nu lass doch mal, Murmel. Ah, da kommt eine Kerze! Ist doch auch viel festlicher so. Hach Kinder… Also wie war das? Deine Erklärung war falsch. Meine Erklärung war richtig.“ – „Du hast gesagt, das Emmental kühlt sich ab…“ „Aber nur das in der Schweiz, und ich hab richtig gesagt, dass sich dadurch der Käse erhitzt!“ – „Na von dem kohlensauren CO2 hast du aber nichts gesagt!“ – „Das steht ja auch so nur in Wikipedia, und das ist immer Blödsinn!“ – „Linksverseucht…“ „Ach, auch noch Nazi!“ – „Was verstehen Sie überhaupt von Käse? Sie können ja nicht mal Scheibletten von einem Banon unterscheiden!“ – „Banon! Wollen wohl intellektuell punkten, was? Ich hab‘ mehr Scheibletten in meinem Leben gegessen als Sie!“ – „Spuck nicht, wenn du mit mir sprichst!“– „Wie können Sie mich duzen???“ – „Sie Kobold!“ – „Sie Heinzelmann!“ – „Homöopath!“– „Das nehmen Sie sofort…“ –  „Oaaahhhh!“

Es klopft vernehmlich an der Haustüre. Bestimmt der Stromanbieter. Mutti tastet sich hin und öffnet. „Guten Abend. Ich bin Weihnachtsmann. Benötigen Sie einen Studenten?“ Mutti tastet sich zurück. Im Wohnzimmer ist es jetzt sehr laut.

Alle reden mit einem Mal. Man hört:

– „Betrag dich gefälligst anständig, wenn du bei mir zu Gast bist … !“ – „…saurige Beschaffenheit der Muckerzolke …“ – „…keine Vorschriften zu machen!“ … „Bei Maasdammer – ja! Bei Emmentaler – nein! …“ – „Sie Milbenkäse! Sie sind hier nicht bei dir zu Hause! Hier sind anständige Leute …“ – „Dass du Nazi überhaupt…“ „Wo denn?“ – „Das nimmst du zurück! Das nimmst du sofort zurück! Ich lasse nicht in meinem Hause meine Gäste beleidigen – ich lasse in meinem Hause meine Gäste nicht beleidigen! Du gehst mir sofort aus dem Haus!“ – „Aber nur zu gerne! Ich bin froh, wenn ich raus bin – ihr Reisbürger! Euren veganen Fraß wollen doch nicht einmal die Kaninchen!“ – „Du betrittst mir nicht mehr meine Schwelle!“ – „Meine Herren, aber das ist doch … !“ – „Sie Doppelname halten überhaupt den Mund – Sie gehören nicht zur Familie! …“ – „Na, das hab ich noch nicht gefrühstückt!“ – „Ich als geprüfte stattliche Mediatorin …“ – „Nu, die Negerkinder in Afrika wären froh, so einen Käse…“  – „Er hat Neger gesagt!“ – „Ich sage das, so oft ich will!“ „Was?“ „Na das, Sie Grün-Wähler!“ „Darauf bin ich stolz, du Rassist!“ „Nun vertragt euch doch!“ „Es ist mir ganz egal, und wenn du platzt: Wenn ich mal sterbe, betrittst du nicht mein Haus!“ „Nö, ich torkel rein! Dann betrinke ich mich vor Freude!“ – „Erbschleicher!“ – „Hast du das…!“ – „Und ich sag es ganz laut, damit es alle hören: Erbschleicher! So! Und nu geh hin und verklag mich!“ – „Lümmel! Kein Wunder bei dem Vater!“ – „Lass Vater aus dem Spiel! Wo ist der überhaupt?“– „…deine Frau? Wo hast du die Schabracke noch mal her? Gewerkschaft? Die hat doch wirklich mit jedem…“ – „Bätschi! Schnauze! Lümmel!“ – „Hasskommentator!“ – „Kommunist!“ –  „Erdmute! Wo ist mein Hut? In so einem Hause muss man ja auf seine Sachen aufpassen!“ – „Die sind ja auch Sozen!“ – „Wenn doch nur wieder Licht wäre!“ „Na du kannst dich auf was gefasst machen! … juristisches Nachspiel! Nazirassist! …“ – „Du mir auch…!“ – „Jehova!“

Der Strom kehrt zurück. Es wird hell. In der Türöffnung erscheint Opa Kurt und spricht: „So, Kinners, jetzt hab ich Hunger!“

Ergebnis des Abends

Vier Beleidungsklagen. Ein umgestoßenes Testament. Ein aufgelöster Yogakursvertrag. Eine Scheidung. Ein Parteieintritt. Ein Shitstorm bei Stayfriends. Drei gekündigte Hypotheken. Drei Klagen um bewegliche Vermögensobjekte: ein gemeinsames Theaterabonnement, eine Hüpfburg, ein solarbeheiztes Bidet. Nachbarschaftszwist. Ein Pizzakarton von Opa Kurt.

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Diese Artikel erschien zuerst auf achgut.com. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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Zum Autor: Archi W. Bechlenberg, Jg. 1953, studierter Kunsthistoriker, Journalist, Buchautor, Grafiker und Maler, schreibt für Livestylemagazine und kritische Medien wie Die Achse des Guten und JFB.

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