Coronakrise: Wohin führt der schwedische Sonderweg?

Von Jürgen Fritz, Do. 23. Apr 2020, Titelbild: Ourworldindata-Screenshot

Schweden hatte sich entschlossen, im Umgang mit der Corona-Pandemie einen anderen Weg zu gehen als andere Länder: weniger Restriktionen, dafür mehr Empfehlungen. Doch die Zweifel nehmen zu, ob es diesen Weg beibehalten kann. Ein Gesetz, welches die Regierung ermächtigt, landesweit entsprechende Maßnahmen kurzfristig anordnen zu können, ist bereits verabschiedet. Einen derartigen Ausnahmezustand kannten die Schweden in Friedenszeiten bisher nicht. Ministerpräsident Löfven sagte klipp und klar: „Die Gefahr ist noch lange nicht vorbei“ und „Wir sind bereit, weitere Maßnahmen zu ergreifen“. Und nun wurden auch noch zwei peinliche Pannen bekannt, welche den bisherigen schwedischen Optimismus etwas bremsen.

Die schwedische Sondersituation und der schwedische Sonderweg

Die Schweden hatten sich von Anfang an entschlossen, in der Coronakrise einen anderen Weg zu gehen als ihre nördlichen Nachbarn und als die meisten anderen europäischen Länder. Nur weniges wurde streng untersagt, man setzte lieber auf mehr Freiwilligkeit. Die Behörden sprechen Empfehlungen aus und raten, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen, schreiben es aber nicht vor. Strenge Ausgangsperren oder -auch nur beschränkungen gibt es bislang nicht. Kindertagesstätten, Grundschulen und Restaurants wurden nicht geschlossen. Auch Cafés, Lokale, Friseure, Einkaufszentren und Fitnessstudios sind weiter geöffnet.

Die rot-grüne Minderheitsregierung von sozialdemokratischen Ministerpräsident Stefan Löfven hat in der Pandemie von Beginn an auf die Vernunft und Einsicht der Bürger gesetzt und appellierte an deren Verantwortungsbewusstsein. Gleichwohl wurden einige Restriktionen wie ein Verbot von Versammlungen von mehr als 50 Menschen und ein Besuchsverbot in Altenheimen erlassen. Und der Ministerpräsident mahnte wiederholt in Ansprachen und Interviews davor, wie ernst die Lage durch das Coronavirus sei und dass die Krise auch Schweden noch lange beschäftigen werde.

Dazu muss man wissen, dass die Schweden auf Grund ihrer Geschichte – sie hatten nie eine politische Führung, die sie so schwer enttäuschte, wie dies in vielen anderen Ländern der Fall war, Stichwort: Erster Weltkrieg, Faschismus, Zweiter Weltkrieg, sozialistische Diktatur – sehr viel mehr Vertrauen in den Staat haben. Wenn dieser etwas nur empfiehlt, dann halten sich die Schweden da sehr viel mehr dran als die Bürger in anderen Ländern, aber natürlich weniger, als wenn es vorgeschrieben wird. Wie sieht nun das Zwischenergebnis dieses Sonderweges aus?

Ernüchterndes Zwischenergebnis

Das kleine Land mit nur 10,2 Mio. Einwohnern (nicht einmal 1/8 so viele wie Deutschland: 12,3 Prozent) hat zum Stand 22.04.2020 aber bereits 1.937 offizielle Corona-Tote (36,4 Prozent so viele wie Deutschland), fast so viel wie Kanada (1.974) mit 37,6 statt 10,2 Millionen Einwohnern – 3,7 mal so viele. Hinzu kommen weitere, die nicht erfasst wurden, Stichwort: Dunkelziffer. Und die könnte in Schweden wesentlich höher sein als in manchen anderen Ländern, denn in Schweden wurde bislang eher wenig getestet. Bis gestern Abend wurden in ganz Schweden nicht einmal 95.000 Tests durchgeführt. Zum Vergleich: in Deutschland über 2,07 Millionen (22 mal so viele).

Vergleichen wir Schweden mit den drei nördlichsten deutschen Bundesländern: Schleswig-Holstein (2,9 Mio. Einwohner), Mecklenburg-Vorpommern (1,6 Mio.) und Hamburg (> 1,8 Mio.), zusammen 6,3 Mio. Einwohner (62 % von Schweden), so zählen wir in diesen drei Bundesländern zusammen 185 Tote (9,6 % von Schweden: 1.937). Auch im Vergleich zu seinen Nachbarn in Skandinavien schneidet Schweden alles andere als gut ab. Dazu gleich mehr. Und dabei stellt sich immer die Frage, ob Schweden seine COVID-19-Toten ähnlich genau zählt wie Deutschland und andere Länder.

„Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen“

Der schwedische Chef-Epidemiologe Anders Tegnell, der das Land quasi im Alleingang durch die Coronakrise führt – die Regierung macht im Grunde, was er sagt, folgt ihm fast blind -, spricht immer wieder von dem Sonderweg und hofft auf eine baldige Herdenimmunität.

Tegnell

Beraten wird die rot-grüne Regierung vor allem vom Staatsepidemiologen Tegnell. Und der hält noch immer nichts von den Lockdown-Maßnahmen anderer Länder. Es sei nicht die Lösung, alles zu schließen, so Tegnell. Auch die Schließungen der Grundschulen sei nicht notwendig. „Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen“, sagte Schwedens Staatsepidemiologe am Montag erneut. Es sei wenig wahrscheinlich, dass Schweden die Richtung ändere.

Zugleich appelliert er seit Beginn der Krise auch fast täglich, die Bürger sollten sich an die Empfehlungen von Regierung und Gesundheitsbehörde halten, das heißt:

  • soziale Kontakte minimieren
  • Abstand halten
  • Hände waschen
  • ältere Bürger besonders schützen
  • die Besuchsverbote in Pflegeeinrichtungen einhalten
  • Menschen über 70 sollten zu Hause bleiben und
  • wer auch nur die geringsten Krankheitssymptome hat, soll nicht zur Arbeit gehen.

„Wir in Schweden glauben, wir sind besser als die anderen und müssen nicht auf die WHO hören – das ist dumm“

Dass dies ausreicht, finden aber längst nicht alle. Bereits Mitte März haben fast 2000 Wissenschaftler in einem Brief ein Umdenken der schwedischen Regierung gefordert. 22 Forscher lösten dann mit einem Artikel mit der gleichen Forderung am 14. April in einer schwedischen Zeitung eine heftige mediale Debatte aus.

2000 Wissenschaftler

Einer unter den Forschern ist Bo Lundbäck, Professor für klinische Epidemiologie von Lungenerkrankungen in Göteborg. Er hält die hohen Todeszahlen für inakzeptabel und den Preis, den Schweden im Coronavirus-Kampf bezahlt, für zu hoch. „Ich sehe nicht, dass Schweden eine konkrete Strategie verfolgt und ich sehe auch keinen Trend“, sagte er am Dienstag im Gespräch mit der Deutsche Presse-Agentur. „Die Richtlinien sind viel zu vage und die Menschen sind verwirrt.“ Dass die Kneipen und Einkaufszentren in Stockholm am Wochenende immer noch voll waren, zeige, dass die Botschaft nicht richtig angekommen sei. „Die Leute scheinen zu glauben, das hier sei ein Eishockeyspiel: Schweden gegen den Rest der Welt.“

Lundbäck fordert die Schließung aller Schulen und einen besseren Schutz des Personals in den Altersheimen. Ein Drittel der Todesfälle im Land wurden aus Pflegeeinrichtungen gemeldet. „Wir in Schweden glauben, wir sind besser als die anderen und müssen nicht auf die WHO hören. Das ist dumm“, so Lundbäck.

Bo Lundbäck

Am Dienstag teilte die Gesundheitsbehörde unter Berufung auf ein statistisches Modell mit, der Höhepunkt der Pandemie wäre in Schweden am 15. April erreicht gewesen. Man könne von nun an von weniger Fällen ausgehe. Das Modell besage auch, dass am 1. Mai in der besonders vom Coronavirus betroffenen Region der Hauptstadt Stockholm ein Drittel der Einwohner infiziert wäre.

Zwei schwere schwedische Pannen

Jüngste Veröffentlichungen unter anderem der WHO wecken aber Zweifel an diesem Optimismus. So teilte die WHO mit, wahrscheinlich seien deutlich weniger Menschen weltweit gegen das Coronavirus immun als bisher erhofft. Ersten Studienergebnissen zufolge tragen im Schnitt nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus in sich.

Inzwischen wurden gleich zwei voneinander unabhängige, grundlegende Fehler aus Schweden bekannt: Eine Studie, bei der zwei Mal in jeweils hundert Blutspenden Corona-Antikörper gesucht und in elf Prozent der Proben auch gefunden worden waren, wurde vom Karolinska-Institut nun wieder zurückgezogen. Der Grund: Es sei nicht auszuschließen, dass unter den Proben auch solche von bereits bekannten Corona-Infizierten waren, mit deren Plasma schwer Erkrankten geholfen werden sollte. Damit ist die Annahme nicht mehr haltbar, dass unter Einrechnung eines Korrekturfaktors in Wirklichkeit sogar schon 20 bis 30 Prozent aller Schweden angesteckt gewesen und damit immun sein könnten.

Und auch Staatsepidemiologe Anders Tegnell musste einen Rückzieher machen. Die Gesundheitsbehörde hatte aufgrund einer Studie vermutet, dass auf jeden nachgewiesenen Corona-Fall in Schweden 999 unerkannte kämen, dass also also die Zahl der Infizierten mit dem Faktor 1.000 multipliziert werden könne. Bei etwa 6.400 Erkrankten allein in Stockholm hätte das allerdings über 6,4 Millionen Infizierte in der Hauptstadt bedeutet. Stockholm hat aber nur 0,97 Millionen Einwohner. Diese Annahme scheint also nicht nur ein wenig daneben zu liegen.

Die Länder mit den meisten COVID-19-Todesfällen pro Einwohner

Fest steht auf jeden Fall, dass das kleine Schweden mit nur 10,2 Millionen Einwohnern sogar bei der Zahl der offiziell gemeldeten COVID-19-Toten mit 1.937 weltweit bereits auf Rang 14  steht, siehe oben. Noch schlechter sieht es aus, wenn wir die Anzahl der offiziellen Toten pro Einwohner betrachten. Wenn wir die Miniländer, wie San Marino (knapp 34.000 Einwohner), Andorra (77.000), Sint Maarten (37.000) etc. außen vor lassen, dann haben diese Länder bezogen auf die Einwohner die meisten COVID-19-Todesfälle pro eine Million zu verzeichnen:

  1. Belgien: 540*
  2. Spanien: 464
  3. Italien: 415
  4. Frankreich: 327
  5. Großbritannien: 267
  6. Niederlande: 237
  7. Schweden: 192
  8. Schweiz: 174
  9. Irland: 156
  10. USA: 144

*Dabei muss man berücksichtigen, dass Belgien im Gegensatz zu den anderen Ländern auch Verdachtsfälle mitzählt, die nicht auf SARS-CoV-2 getestet wurden, während bei den anderen eine Dunkelziffer hinzukommen dürfte von mindestens 20, womöglich bis zu 80 Prozent, da ja nicht bei allen, die an dem Virus starben, diese auch auf SARS-CoV-2 getestet wurden.

Besonders aussagekräftig ist auch der Vergleich Schweden mit seinen direkten Nachbarn in Bezug auf die Todesfälle pro eine Million Einwohner:

total-covid-deaths-per-million

Schweden liegt hier mit ca. 192 Todesfällen pro eine Million Bewohner

  • ca. dreimal so hoch wie Dänemark: 66
  • und Deutschland: 61
  • und ca. sechs- bis siebenmal mal so viele wie Norwegen: 31
  • und Finnland: 27.

Dabei zählen die Schweden mehr als die Hälfte aller Todesfälle (1.070) in der Region der Hauptstadt Stockholm.

Schwedens Ministerpräsident: „Wir sind bereit, weitere Maßnahmen zu ergreifen“

Angesichts von Bildern gut besuchter Lokale in zum Beispiel Stockholm oder Göteborg sprach Ministerpräsident Stefan Löfven gestern, am Mittwoch, eine Art letzter Warnung aus. „Glauben Sie nicht für einen Augenblick, dass wir die Krise gemeistert haben“, sagte der der schwedische Regierungschef in einer Pressekonferenz in Stockholm. „Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen. Darauf sollten wir uns einstellen“, hatte er schon vor längerem gewarnt.

Diese Aussage wiederholte er am vergangenen Freitag in einer Pressekonferenz. „Die Gefahr ist noch lange nicht vorbei.“ Die überwiegende Mehrheit der Bürger habe sich bisher an die Empfehlungen wie die Abstandsregeln gehalten. Aber: „Wir sind bereit, weitere Maßnahmen zu ergreifen“. Allen Gastronomen müsse klar sein, „dass Restaurants und Bars geschlossen werden, wenn man sich nicht an die Regeln hält“.

Inzwischen hat man in Schweden übrigens ein neues Gesetz geschaffen, welches es bislang gar nicht gab, dass es der Regierung ermöglicht, sofort drastische verschärfte Maßnahmen für das ganze Land anzuordnen. Die schwedische Regierung hat damit umfangreiche Möglichkeiten, welche die deutsche Bundesregierung so nicht hat, da hier der Föderalismus greift und vielfach die Bundesländer und Kreise zuständig sind, Verordnungen zum Schutz der Bevölkerung zu erlassen. Die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin greift hier also nicht in die Länder hinein. Sie kann nur versuchen zu überzeugen, dass die Länder nicht völlig auseinander driften.

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