Kann und soll Journalismus objektiv sein?

Von Thomas Schmid, Sa. 13. Jun 2020, Titelbild: Haxorjoe / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Der Kampf zwischen Trump und den liberalen Medien ist ein asymmetrischer, denn der US-Präsident hat die Dunkelräume der sozialen Medien und deren Höhlenbewohner auf seiner Seite. Zu diesen dringen die klassischen Medien nicht (mehr) durch. Wobei auf beiden Seiten gilt: vorgefasste Werturteile dominieren alles. In dieser notorisch vergifteten Atmosphäre zählt das Grelle und Laute oft mehr als das Gründliche. Der SPIEGEL titelt bereits, die Zeit der Neutralität sei vorbei. Thomas Schmid zeigt aber auf: Ohne einen Rest der Hoffnung, dass Vernunft und Wahrheit obsiegen können, geraten Journalismus wie das geistige Leben insgesamt auf die schräge Bahn.

Nachricht und Kommentar, Fakten und Meinung

Der angelsächsischen Welt war lange ein gewisser Optimismus eigen. Man war zum Beispiel unerschütterlich der Ansicht, im Journalismus könne messerscharf zwischen Nachricht und Kommentar, zwischen Fakten und dem Deuten von Fakten unterscheiden werden. Das bescherte der Welt die lange Tradition der Meinungsseiten, die allen Nachrichtenredakteuren verschlossene Domänen interpretationsfreudiger Spezialisten fürs Allgemeine waren. Das Denkerstübchen war ein eigenes Häuschen, das neben dem großen Haus der journalistischen Objektivität stand. Der Leser konnte glauben, er erfahre stets die faktische Wahrheit. Und er konnte damit rechnen, dass seine Zeitung auch Meinungen Raum gibt, die von der Redaktion wie von ihm selbst nicht geteilt werden. Die Freiheit der Meinung war ein hohes, ein heiliges Gut.

Doch so heil und übersichtlich ist die Welt nicht mehr. Das musste gerade die legendäre New York Times erleben. Inmitten der antirassistischen Demonstrationen nach dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd veröffentlichte sie einen Meinungsbeitrag des republikanischen Senators Tom Cotton, in dem dieser den Einsatz des Militärs in amerikanischen Städten notfalls für gerechtfertigt hielt und sich damit Präsident Donald Trump anschloss. Hier sahen viele das Recht auf freie Meinungsäußerung unerträglich überdehnt. Protest formierte sich, der Verantwortliche musste gehen, der Herausgeber entschuldigte sich bei den Lesern des liberalen Blattes. War alles wieder in Ordnung?

Der Kampf zwischen Trump und den liberalen Medien ist ein asymmetrischer

Gesetzt den Fall, die USA würden gerade nicht von Unruhen und Polizeigewalt erschüttert, Barack Obama wäre noch US-Präsident und ein demokratischer Senator hätte in einem Artikel die Möglichkeit erwogen, das Militär in Städten einzusetzen – es hätte in einem Amerika, dessen Sicherheitskräfte immer schon zu martialischem Auftreten und schnellem Gebrauch der Schusswaffe neigten, vermutlich kein besonderes Aufsehen erregt. Es hätte Kopfschütteln wie Empörung gegeben, business as usual.

Es liegt an der notorisch vergifteten Atmosphäre in den USA, dass Tom Cottons Artikel Skandal machen konnte. Donald Trump ist es – wenn auch nicht im Alleingang – gelungen, die liberale Kultur der Vorsicht, des Zweifels, der gedanklichen Schärfe als ein Machtinstrument der Eliten hinzustellen, die es mit dem einfachen Volk nicht gut meinen. Und er inszeniert sich in der Rolle des großen Bosses, der für die real people spricht und der qua Existenz die Kraft und das Recht hat, die Lüge zur Wahrheit zu erklären.

Der Kampf zwischen Trump und den liberalen Medien ist asymmetrisch: Der Präsident hat die Dunkelräume der „sozialen Medien“ und deren Höhlenbewohner auf seiner Seite. Viel stärker als in Europa lässt das die klassischen Medien einen verzweifelten Kampf führen. Sie dringen nicht (mehr) durch, sie fühlen sich vom Thron der „vierten Gewalt“ gestoßen. Es gehört zur Misere dieser Entwicklung, dass der Geist der Schlammschlacht nun auch auf das liberale Lager überzuschwappen droht. Das Motto: Was ihr könnt, das können wir schon lange. Schluss mit Zurückhaltung, Schluss mit der Mühe um Objektivität und Distanz. Eure Waffen werden auch unsere sein.

Wenn vorgefasste Werturteile alles dominieren

Ein Redakteur des SPIEGEL (Philipp Oehmke) hat diesen Paradigmenwechsel offensiv gefordert. Seine Überschrift: Die Zeit der Neutralität ist vorbei. Helm auf, rein ins Getümmel. Der Mann merkt offensichtlich gar nicht, dass er nur mehr vom Gleichen will. Wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine Forschung im Vordringen ist, die von politisch gesetzten Werturteilen und -präferenzen ausgeht, so hat dem auch der Journalismus die Tore geöffnet. Und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums.

Wer die deutsche Flüchtlingspolitik bzw. Migrationspolitik der Jahre 2015 ff. für grundlegend verfehlt hält, hat in vielen Verlagshäusern einen schweren oder gar keinen Stand. Ähnlich erginge es allen, die die deutsche Klimapolitik für überdimensioniert, die Energiewende für kopflos halten und Zweifel an der immer engeren europäischen Union haben. Wie es auch Medien gibt, die kaum jemanden zu Wort kommen lassen, der in Angela Merkel nicht eine große Verderberin des deutschen Volkes sieht. In beiden Fällen hat die vorgefestigte Meinung Vorrang vor allem Anderen. Der journalistische Text wird zur Ausmalung von Bildern in einem Heft, deren Konturen vorab festgelegt sind.

Ohne die Hoffnung, dass Vernunft und Wahrheit obsiegen können, gerät Journalismus auf die schräge Bahn

So ist eine Atmosphäre hybrider Aufgeregtheit entstanden, in der das Grelle und Laute mehr zählt als das Gründliche. Wenn die Corona-Zeit einmal vorbei ist, wäre nachzuzeichnen, wie viel journalistischer Eifer in das vorab feststehende Vorhaben geflossen ist, der Bundesregierung und den sie beratenden Virologen nachzuweisen, was sie von Anfang an und dann immer wieder falsch gemacht haben. Auch so kann man dem Journalismus schaden.

Nicht nur der Mensch, auch die Wirklichkeit ist aus krummem Holz. Man kommt ihr mit Generalisierungen und dem trügerisch-bequemen Bemühen, ihre Komplexität zu mindern, nicht bei. Und so laut die Populisten dieser Welt auch schreien, so sehr sie lügen, verzerren und herabsetzen: Ohne einen Rest der Hoffnung, dass Vernunft und Wahrheit obsiegen können, geraten Journalismus wie das geistige Leben insgesamt unweigerlich auf die schräge Bahn.

*

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

**

Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

***

Aktive Unterstützung: Jürgen Fritz Blog (JFB) ist vollkommen unabhängig und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR