Kalbitz‘ politisches Ende: Die Milzriss-Affäre

Von Jürgen Fritz, Do. 20. Aug 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

„Chef von uns wird der definitiv nicht mehr“, sagt ein AfD-Abgeordneter aus Brandenburg in einem vertraulichen Telefonat mit dem SWR. Mehrere Stunden hatte die AfD-Fraktion vorgestern darüber beraten, ob Kalbitz den Posten als Fraktionsvorsitzender, den er bereits ruhen ließ, nun endgültig abgeben soll. Als nach der Milzriss-Affäre selbst seine bisherigen Fürsprecher ihm die Unterstützung verweigerten, warf Kalbitz schließlich das Handtuch und gab sein Amt endgültig ab.

Kalbitz boxt Hohloch zum Spaß in den Leib, dieser muss ins Krankenhaus

Der Milzriss-Vorfall zeigt, wie sehr die AfD, die ja von Anfang an aus mindestens zwei, eher drei Parteien in einer bestand, innerlich zerrissen ist. Die Never-ending-Kalbitz-Story – rein in die Partei, raus aus der Partei, wieder rein, wieder raus – legt das immer mehr offen. Doch was hat es mit dem Milzriss-Vorfall auf sich?

Kalbitz soll Dennis Hohloch (im Titelbild rechts), den Parlamentarischen Geschäftsführer der brandenburgischen Landtagsfraktion, „krankenhausreif geprügelt“ haben, sagen die Kalbitz-Gegner innerhalb der AfD. Hohloch liege mit einem Milzriss im Krankenhaus, sei sogar auf der Intensivstation gewesen.

Ach was!, meinen die letzten Kalbitz-Treuen. Es sei doch nur ein „freundschaftlicher Knuff“ gewesen, eine rein freundschaftliche „Kabbelei unter Männern“, ja eventuell „ein kleiner Boxhieb in die Seite“. Anschließend habe man ja sogar ganz normal zusammen weitergearbeitet. Erst als Hohloch dann immer stärkere Schmerzen bekommen habe, sei Kalbitz selbst gleich mit ihm zum Arzt gefahren. Dort sei eine „Zyste auf der Milz“ festgestellt worden. Im Grunde müsse Hohloch Kalbitz sogar dankbar sein, denn ohne den Schlag in den Leib hätte man die Zyste vielleicht nie entdeckt.

Zugetragen hat sich wohl folgendes: Die brandenburgischen AfD-Abgeordneten kamen gerade zurück vom Mittagessen, Hohloch saß im Büro eines Fraktionskollegen. Nun hat Kalbitz die Tür geöffnet, kam herein hat Hohloch statt einer üblichen Begrüßung unkontrolliert heftig in die Seite geboxt. Schon kurze Zeit später klagte Hohloch über heftige Magenschmerzen, musste ins Krankenhaus. Dort stellte man dann einen Milzriss fest.

Die Behauptung der Kalbitz-Treuen, er habe eine Zyste, wohl eine reine Erfindung, stellte Hohloch, der sich ansonsten weitgehend zurückhielt, vorgestern richtig:

„Ja, ich liege aktuell noch im Krankenhaus mit einem Milzriss (keine Zyste o.ä.).“

DH1

Langjähriger Ring-Arzt: So leicht reißt die Milz nicht

Für Klaus Dräger, den langjährigen Mannschaftsarzt der Boxclubs Ringfrei Ludwigsfelde und Motor Babelsberg, ist es laut Märkischer Allgemeiner „unvorstellbar“, dass Kalbitz Hohloch lediglich durch einen verunglückten „freundschaftlichen Knuff“ einen Milzriss beigebracht haben könnte. Es müsse schon ein Schlag „von erheblicher Gewalt“ ausgeführt worden sein, so der Mediziner mit 50 Jahren Erfahrung als Mannschaftsarzt.

Ob Kalbitz die Absicht hatte, Hohloch ernsthaft zu verletzen, sei von außen nicht zu entscheiden. Fahrlässigkeit müsse man ihm aus medizinischer Sicht aber „auf jeden Fall“ unterstellen. Aus dem Boxring selbst sei ihm kein Fall bekannt, dass ein Boxer jemals einen Milzriss davon getragen habe. Durch den Boxhandschuh werde die punktuelle Gewalt natürlich abgefedert und auf eine breitere Fläche verteilt.

Wenn ein gezielter, harter Schlag mit nackter Faust einen Menschen überraschend treffe und dieser keine Gelegenheit habe, eine Abwehrspannung aufzubauen, könne dies aber schon zu einem Milzriss führen. Gewöhnlich komme das aber eher bei Verkehrsunfällen vor. Das könnten Blechteile sein, die einem in die Seite gerammt würden, oder die Bordsteinkante, auf die man als Radfahrer mit voller Wucht stürze, so Dräger. Ein einfacher Sturz vom Fahrrad verursache eine solche Verletzung gewöhnlich nicht.

Hohloch liegt auf jeden Fall seit voriger Woche mit einem Milzriss in einem Berliner Krankenhaus, nicht auf Grund eines Unfalls, sondern nach einem Spaß-Boxhieb von seinem ehemaligen Parteikollegen.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Kalbitz

Kalbitz selbst sprach nach seinem Rücktritt vom Fraktionsvorsitz von einer „fortlaufenden medialen Skandalisierung“ seiner Person. Allerdings gehen inzwischen sogar frühere Flügel-Freunde zu dem aus der AfD ausgeschlossenen Politiker auf Distanz. Von einem „Missgeschick“ spricht Kalbitz, von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“.

Was wirklich vorgefallen ist, werden die Ermittlungen zutage fördern. Doch auf das Ergebnis will die AfD Brandenburg nicht warten. Am Dienstag hat sie vollendete Tatsachen geschaffen. Nach einer Fraktionssitzung hat Andreas Kalbitz erklärt, dass er sein ohnehin ruhendes Amt als Fraktionschef endgültig ruhen lassen werde. 

In Brandenburg wird das als sicheres Indiz dafür gewertet, dass der Chef des inzwischen aufgelösten völkischen Flügels zumindest im Landtag keinen Fuß mehr in die Tür der Partei bekommen wird. Das Timing für die Enthüllung dieser haarsträubenden Geschichte kommt für den Gauland-Zögling und neben Höcke bisherigen zweiten Kopf des ultrarechten AfD-Flügels denkbar ungünstig. Denn morgen, am Freitag, entscheidet das Landgericht Berlin im Eilverfahren, ob er Rechtsschutz für seine Klage gegen seinen Parteiausschluss bekommt.

Ende Juli hatte der Bundesvorstand Kalbitz seine Mitgliedschaft aberkannt, unter anderem weil er bei seinem Parteieintritt 2013 verschwiegen haben soll, dass er in früheren Jahren Mitglied der inzwischen verbotenen rechtsextremen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) und der Republikaner gewesen sein soll.

Selbst die Brandenburger AfD scheint inzwischen die Nase voll zu haben von ihrem ehemaligen Landesvorsitzenden und Fraktionsvorsitzenden, der sogar im Bundesvorstand der AfD war und den manche schon als den kommenden Parteivorsitzenden gesehen haben.

Um Ihnen einen Eindruck zu verschaffen, wie es in dieser Partei – zumindest in Brandenburg, aber wohl nicht nur dort – zugeht, hier ein Text, den der Stellvertretende Fraktionsgeschäftsführer der AfD-Fraktion im Landtag Brandenburg Kai Laubach vorgestern, am Dienstag, auf Facebook veröffentlichte.

Kai Laubach (AfD): „Andreas, bitte geh!“

»Die neueste Nachricht quillt durch alle Fugen, bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg und jeder weiß intuitiv, dass es die Wahrheit ist. Denn jeder hat ein Gefühl für dich entwickelt, ein inneres Gefühl für deine Verdrängung der Realität. Ob du vergessen hast, wie oft du sitzen geblieben bist, dich nicht mehr daran erinnern magst, auf welchem Balkon von welchem Hotel du eines Nachts bestimmt keine Fahne gehisst hast oder wie oft und regelmäßig du bei Zeltlagern mit Führerbunker-Zelten gewesen bist.

Es gab mittlerweile eine Fülle von Momenten, in denen die Menschen deine Art zu lügen, deine Art sich aus der Affäre zu ziehen, kennen gelernt haben. Zu Beginn mag dem ein oder anderen diese Art von Bauernschläue und Unverfrorenheit noch ein verschmitztes Lachen oder gar einen gewissen Respekt abgenötigt haben, mittlerweile gibt es niemanden, der nicht vollständig von dir und deinen sich scheibchenweise bahnbrechenden Eskapaden genervt ist.

Und deine Unverfrorenheit erklimmt immer neue Höhen. Du reitest die Partei mit deiner Vergangenheit Huckepack und bürdest ihr deinen absoluten, egoistischen Machtwillen auf. Du bist dabei durchdringend verlogen und repräsentierst nicht ansatzweise das, wofür wir als AfD stehen: Mut zur Wahrheit.

Auf t-online wirst du damit zitiert, dass die Berichterstattung eine Schmutzkampagne gegen dich sei. Es ist keine „Schmutzkampagne deiner Partei“. Du bist so unfassbar d r e c k i g! In genau dieser Angelegenheit, zeigt sich wie unter einem Brennglas, w a s für ein verlogener und mickriger Charakter du bist.

Du hättest beinahe Dennis Hohloch fahrlässig getötet. Du verspottest ihn danach noch mir selbst gegenüber als „zerbrechliches Weichei“, nachdem mir Dennis schon enttäuscht davon erzählt hat, dass du überall genau so etwas verbreiten würdest. Du stehst also nicht ansatzweise zu deiner Verantwortung, sondern ziehst nebenbei auch noch den Jungen in den Dreck, der dir in den letzten stürmischen Wochen immer politischen Rückhalt, Freundschaft und Treue entgegengebracht hat.

Zur schweren Verletzung kommt also auch noch herbe Beleidigung dazu. Um das alles dann nochmal zu toppen, versuchst du sogar, politisches Kapital aus deinem unkontrollierten, besoffenen Verhalten zu ziehen, indem du deiner Opposition eine Schmutzkampagne vorwirfst, obwohl alles wahr ist, was dein Fehlverhalten betrifft. Widerlicher, schäbiger, ruchloser und menschlich erbärmlicher kann ich mir nichts vorstellen.

Du verleumdest/verdrängst deine eigene Verantwortung (weil es dir nur um deine eigene Macht geht(!)) selbst in einer so offensichtlich der Würde und Aufrichtigkeit bedürfenden Situation. Du benimmst dich damit nicht nur wie ein charakterloser Mistkerl ohne jegliche menschliche Größe, du betrügst damit auch ganz en passant deine angebliche politische Haltung der „Aufrechten“. Statt zu deiner Verantwortung zu stehen, willst du dich wie eine schleimige Kröte herauswieseln. Das ist ein unfassbarer Bitch-Move und in jeder Hinsicht unwürdig.

Es ist ja auch nicht das erste mal, dass dir ‚das Maß‘ abhanden gekommen ist. Du erinnerst dich sicher noch an die Fraktionsklausur im Jahr 2019, als du Kevin in die Fresse geschlagen hast, weil du angeblich beim Saufen wichtige Reden in der Hotellobby schwingen wolltest, während Kevin mich zu später Stunde noch dazu holen wollte und plötzlich das Gespräch abriss. Später entschuldigte sich Kevin sogar noch bei mir, dass er das Gespräch nicht so abrupt beenden wollte, aber sich das Telefon nach deiner gepfefferten Watschen ins Gesicht rücklings im hohen Bogen auf den Steinfußboden begeben hatte.

Dass sich ein aktueller Vizepräsident im Landtag, deine Stellvertreterin im Land und weitere Abgeordnete danach nicht zu Wort gemeldet haben und alles nur hinter verschlossenen Türen behandelt haben, und zwar ohne dich zu Konsequenzen aufzufordern, ist deren ganz eigener trauriger Beweis ihrer Unfähigkeit für die Ämter, die sie aktuell bekleiden.

Du nimmst alle deine sogenannten Kameraden in Mithaftung für deinen unterirdischen Scheiß. Selbst MdB Pasemann verbrennst du jetzt nochmal, indem du ihm eine falsche Story auftischst und ihn damit in die Parteiöffentlichkeit schickst. Du verbrennst ihn wissentlich. So viel zu deinem Verständnis von Kameradschaft. Genauso wird es allen gehen, die du für dich eingespannt hast. Um Dr. Roland Hartwig tut es mir am allermeisten leid. Ein so anständiger, hochbegabter, eloquenter und angenehmer Mitstreiter, den du mit deiner HDJ-Scheiße ins Feuer wirfst. Du bist Parteikrebs, Junge.

Ich weiß nicht, was für ein unfassbarer Schrotthaufen von Charakter da in deinem Innersten gegen den hoch engagierten und gewieften Teil deiner Persönlichkeit kämpft und warum dieser Schrotthaufen überhaupt da ist, aber ich bin es auch wirklich endlich leid, mir darüber Gedanken zu machen.

Andreas, ich könnte noch Stunden weiterschreiben, ich will es nicht. Bitte geh!«

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“Der hat sich nicht im Griff.”

Brandenburger AfD-Mitglieder reagierten gegenüber zum Teil schockiert auf die Nachricht der Verletzung des kommissarischen Fraktionschefs. Über Kalbitz sagen sie gegenüber dem RND im Vertrauen: “Der hat sich nicht im Griff.” Es habe schon mehrere unvermittelte körperliche Übergriffe vor Zeugen auf Abgeordnete oder Mitarbeiter gegeben.

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