Meine Warnung von Anfang Dezember und was tatsächlich passierte

Von Jürgen Fritz, Do. 01. Apr 2021, Titelbild: Symbolbild, YouTube-Screenshot

„Es drohen über 46.000 weitere COVID-19-Tote bis Ende März“, schrieb ich am 11. Dezember. War dies nur unbegründete, völlig übertriebene Schwarzmalerei? Schauen wir, was in den knapp vier Monaten seither tatsächlich passierte.

Was ich am 11. Dezember schrieb

Am 11. Dezember 2020, also vor knapp vier Monaten, schrieb ich folgendes„Die COVID-19-Todesfallzahlen in Deutschland steigen weiter. Gestern wurde dem RKI mit 598 ein neuer Rekordwert gemeldet. In den letzten sieben Tagen waren es knapp 3.000 registrierte COVID-19-Tote“. Und ich fuhr fort: „Sollte die täglichen Todesfälle nicht fallen, sondern konstant bleiben, drohen uns bis Ende März über 46.000 weitere Todesfälle“. Zu dem Zeitpunkt hatten wir ca. 21.000 COVID-19-Todesfälle in Deutschland. Und ich präzisierte die Zukunfsperspektive:

„Ginge es ’nur‘ auf diesem Niveau so weiter, ohne dass die Todesfallzahlen weiter ansteigen, könnte also der steile Aufwärtstrend zwar gebrochen werden und es würde sich ein Plateau bilden, die Zahlen gingen also nicht weiter hoch, aber auch nicht runter, kämen bis Ende März zu den jetzigen ca. 21.000 COVID-19-Toten in Deutschland über 46.000 weitere dazu (…) so dass die Gesamtzahl bis zum 31. März auf ca. 67.500 steigen würde.“

Anfang Dezember haben das sicherlich nicht wenige als völlig übertriebene Schwarzmalerei empfunden. Wahrscheinlich konnten sich das nicht wenige auch gar nicht vorstellen zu dem Zeitpunkt, dass sich die Corona-Toten von 21.000 auf 67.500 hochschrauben könnten in kaum mehr als dreieinhalb Monaten. Warum sich viele bestimmte Dinge nicht so gut vorstellen können, hatte ich schon vor mehr als einem Jahr, am 29. März 2020 hier erläutert: Warum so viele den Ernst der Lage bei der Corona-Pandemie unterschätzen. Aber schauen wir nun, was aus meiner Warnung vom 11. Dezember 2020 geworden ist. Wurden es tatsächlich 67.500 Todesfälle oder zumindest nicht sehr viel weniger?

Was seither tatsächlich passierte

Hier die Zahlen, die dem Robert Koch-Institut bis zum 31.03.2021 um 23:59 Uhr gemeldet wurden:

Aus 21.000 Todesfällen sind nicht nur 67.500 geworden, wie von mir nicht als Prognose, sondern als Warnung ausgesprochen, sondern sogar noch mehr, nämlich: über 76.500.

Laut Worldomoter, das meist etwas aktuellere Zahlen hat als das RKI, waren es bis gestern sogar schon über 77.000 COVID-19-Tote. Nur acht Länder von weltweit 150 bis 180 haben mehr SARS-CoV-2- Todesfälle zu verzeichnen als Deutschland: USA, Brasilien, Mexiko, Indien (mit fast 17 mal so vielen Einwohnern), Großbritannien, Italien, Russland (mit Dunkelziffer wohl noch deutlich mehr) und Frankreich.

Worldometer-Total-Deaths

Worldometer-Screenshot

Auf die 21.000 vom 10. Dezember 2020 (wir müssen ja immer die Werte des Vortages nehmen) kamen also nicht über 46.000 weitere Todesfälle hinzu, wovor ich warnte, sollten wir es nicht schaffen, den Anstieg der täglichen Todesfallzahlen nicht nur zu brechen, sondern deutlich zu senken, sondern es kamen 77.039 – 21.233 = 55.806, also fast 56.000, weitere Todesfälle hinzu, also nochmals fast 10.000 mehr, als ich in Aussicht gestellt hatte.

Es geht um 77.000 menschliche Schicksale und hinter jedem stehen viele weitere, die diesen Menschen liebten, brauchten oder einfach nur mochten

Natürlich kann niemand über mehrere Monate hinweg exakte Prognosen abgeben, was passieren wird. Was man aber sehr wohl tun kann und auch tun sollte, ist, die Zusammenhänge so gut als möglich verstehen und sich bewusst machen, was in dieser Pandemie jeweils auf einen zurollt, was es bedeutet, wenn man sich darauf nicht rechtzeitig vorbereitet und entsprechende Gegenmaßnahmen präventiv ergreift. Vor allem sollte man sich als verantwortlicher Politiker und auch verantwortlicher, mündiger Bürger immer klar machen, um welche Dimensionen es geht. Zum Abschluss möchte ich noch wiedergeben, was Samira El Ouassil heute in ihrer SPIEGEL-Kolumne schreibt:

„Wenn jeder der mehr als 70.000 Coronatoten in Deutschland mindestens 20 Menschen hatte, die weinend am Grab standen, wären das 1,4 Millionen Hinterbliebene. Ich bin eine von ihnen. (…)

Tante E. war vor Kurzem an Covid erkrankt, ihr Sohn hatte sie angesteckt. Er hatte das Virus von der Arbeit mit nach Hause gebracht, obwohl er alles getan hatte, um Tante E. so gut wie möglich zu schützen: Abstände wurden eingehalten, Besuche reduziert, Geschäfte vermieden, dafür gab es viele Spaziergänge an der frischen Luft. Das Kümmern um seine greise Mutter, das Pflegen ihrer Gesundheit, waren sein Lebensinhalt, auch schon vor der Pandemie. Selten hatte ich einen Sohn gesehen, der sich so liebevoll um die eigene Mutter gekümmert hatte.

Tante E. hat die Infektion gut überstanden, nahezu symptomfrei. Sie ist fit, rüstig und widerstandsfähig. Ihr dreißig Jahre jüngerer Sohn hat Corona nicht überlebt. Vor seiner Beisetzung läuft ‚Yesterday‘ …

Als wir vor dem Loch stehen und die Urne herabgelassen wird, habe ich Angst, dass Tante E. zusammenklappt. Wie viel Traurigkeit erträgt ein durchlebtes Herz? Sie spricht – um Fassung ringend – in die Runde: ‚Ich habe so viel erlebt und ausgehalten in meinem Leben. Dass ich jetzt mit 92 meinen Sohn beerdigen muss… ich verstehe das einfach nicht, ich verstehe das einfach nicht.'“

Hinter jeder Eins, die auf die bisherige Gesamtzahl der COVID-19-Toten oben drauf kommt, steht ein Mensch, der nun nicht mehr ist. Und hinter jedem Menschen, der nun nicht mehr ist, stehen etliche andere, die diesen Menschen liebten, die ihn brauchten oder einfach nur kannten und mochten.

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