Ciceros Eigentor

Von Jürgen Fritz, Do. 7. Jun 2018

Christoph Schwennicke gilt als einer der renommiertesten Journalisten in Deutschland. Vor sechs Jahren übernahm er von seinem Vorgänger Michael Naumann (SPD) die Chefredaktion des Cicero. Zuvor war er fünf Jahre für den Spiegel tätig und davor elf Jahre für die Süddeutsche Zeitung. Mit seinem Artikel vom Sonntag über Alexander Gauland hat Schwennicke nun derart daneben gegriffen, dass sich die Frage stellt, wie so etwas möglich und wofür dieser Totalausfall symptomatisch ist.

Kritik, die Kunst der qualifizierten Beurteilung

Kritik bedeutet die Beurteilung von etwas anhand von Maßstäben, die eine allgemeine Gültigkeit haben respektive beanspruchen. Mithin können wir von der Kunst der Beurteilung sprechen, die eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten überhaupt darstellt. Kritik ist eine Grundfunktion der denkenden Vernunft. Und insofern sie auf das eigene Denken angewandt wird (Selbstkritik), stellt sie ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung dar. Indem wir uns vor uns selbst und vor anderen rechtfertigen – sagen, warum es richtig ist, wie wir urteilen -, geben wir Rechenschaft, warum wir so und nicht anders urteilen und geben an, was dafür spricht, dass wir zu diesem Urteil gekommen sind. Kritik gehört zum Wesen der Philosophie und der Demokratie und ist essenziell für jede qualifizierte, vernunftbasierte Urteilsfindung.

Wenn nun A B kritisiert, dann geht es ihm 1. um ein sachgerechtes Urteil bezüglich des zu beurteilenden Gegenstandes, hier also einer Handlung oder Haltung von B, und 2. darum, dass diese Haltung und folgende Handlungen von B sich verbessern mögen. Kritik zielt also immer auf Verbesserung. Natürlich kann Kritik auch darauf abzielen, B zu entmachten, weil A nicht an die Lernfähigkeit oder die Integrität von B glaubt und den Gesamtzustand zum Beispiel der Gesellschaft verbessern will. A meint in dem Fall, dass das Ganze G nur über eine Entmachtung von B bewerkstelligt werden kann. Auch das scheint legitim, denn auch hier haben wir es mit einer Ausrichtung am Guten zu tun, der Idee, die hinter jeder Idee von Verbesserung und hinter jeder Idee von Kritik steht.

Doch dann gibt es noch etwas anderes, bei dem fraglich ist, ob hier der Begriff der Kritik überhaupt noch angebracht ist. Dann nämlich, wenn es A gar nicht um eine Verbesserung der Haltung und Handlungen von B geht und auch nicht um eine Verbesserung des Ganzen G, sondern um die Vernichtung von B. Dies finden wir bisweilen im Verriss oder in der Schmähkritik, die kaum noch oder gar nicht mehr auf eine Auseinandersetzung in der Sache respektive sachliche Kritik an B abzielt, sondern die Person zu diffamieren, herabzusetzen, verächtlich zu machen, letztlich zu vernichten sucht. Weshalb jemand einen anderen zu diffamieren, zu verschmähen, verächtlich zu machen, zu vernichten sucht, hat nicht selten stark emotionale Gründe. Oftmals dürfte es in Hassgefühlen gründen.

Schwennickes Totalausfall

Und nun, liebe Leser, betrachten Sie bitte, was der Chefredakteur des Cicero, Christoph Schwennicke, vor vier Tagen über Alexander Gauland schrieb. Ich zitiere einige Passagen:

Gaulands kalkulierter GAU: Alexander Gaulands Rede vor der Jugendorganisation der AfD ist das Werk eines atemberaubend skrupellosen Politikers. Für den Erfolg geht er historisch über Leichen. Ein Scheitern ist ihm zu wünschen. (…)

Man muss ihn nur einmal genau in Talkshows studieren. Oder leibhaftig erleben. Er sitzt zusammengesackt in seinem Sessel, die Augen zu Boden gesenkt, den stoischen Gesichtsausdruck einer Schnappschildkröte. Dann richtet er sich, wenn er dran ist, kurz auf, lässt seine Sätze ungerührt vom Stapel – und sackt danach wieder in sich zusammen. Es ist ihm völlig einerlei, was die anderen daraufhin sagen.

Dieser Mann ist tiefgekühlt bis ans Herz und affektfrei. Also passiert ihm so was wie bei einer Veranstaltung der Jugendorganisation der AfD auch nicht im Affekt. Das ist eiskaltes Kalkül. Nicht nur bei der Wahl des ordinären Wortes, an dem sich jetzt die ganze Aufregung entzündet. Sondern auch bei der Nennung des Zeitraums, des Milleniums. Es ist alles Kalkül, alles. 

Und abgrundtief widerlich. Denn, ohne das Zitat jetzt zu wiederholen: Die Monstrosität der Verbrechen des Nationalsozialismus in Deutschland bemisst sich nicht in Jahren, sondern in Menschenleben. Die einzige Zahl, die in diesem fürchterlichen Zusammenhang zählt, sind die 6 Millionen ermordeten Juden (und die vielen weiteren Millionen Toten, etwa in der Sowjetunion, die ursächlich auf das Konto Nazi-Deutschlands gehen). Beim Zeitraum ist allenfalls auf schrecklichste Weise bemerkenswert, wie so viel Massenmord in so wenigen Jahren passen kann. (…)

Der späte Alexander Gauland ist nichts weiter als ein atemberaubend skrupelloser Politiker, der in seiner Rache an der CDU vor nichts, aber auch gar nichts zurückschreckt. Früher, als Alexander Gauland noch jung war, gab es mal Uhren mit Handaufzug. Wenn man da das Rädchen überdrehte, dann machte es irgendwann „knack“, und das Uhrwerk war im Eimer. Es ist inständig zu hoffen, dass der alte Gauland das Rädchen nunmehr überdreht hat. (…)“

Soweit Christoph Schwennicke.

Kritik oder reine Verbalisierung der eigenen Hassgefühle?

Meine Damen und Herren, und nun frage ich Sie: Was hat das noch mit sachlicher Kritik zu tun? Was hat das überhaupt noch mit Kritik zu tun? Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht von irgendjemandem, wir reden von dem Chefredakteur des Cicero, eines Magazins, das bislang sicherlich zu den wenig verbliebenen Qualitätsprintmedien gezählt werden durfte.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich selbst bin schon lange erschrocken über das intellektuelle Niveau, über das Bildungsniveau, vor allem aber über das charakterliche Niveau in den Chefredaktionen wichtiger Printmedien. Nun mag es ja sein, dass gerade Journalisten und ganz besonders solche, die es in derartige Positionen bringen, nicht selten extreme Machtmenschen sind und dass Charakter beim Streben nach Macht meist eher hinderlich ist. Gleichwohl scheinen mir hier in den letzten Monaten und Jahren neue Dimensionen erreicht zu werden.

Interessant wäre natürlich die Frage – so wir nicht davon ausgehen wollen, dass Herr Schwennicke sich mit diesem Text einfach nur andienen wollte, was ich mir nicht vorstellen kann -, wo diese überbordenden Hassgefühle herrühren. Ob sie aus persönlichen Begegnungen stammen und einer tiefen Antipathie plus persönlichen Verletzungen oder ob sie einfach daher rühren, dass die AfD und hier namentlich Alexander Gauland bestimmte Tabus antasten, die über nie verarbeitete tiefe Traumatisierungen und damit verbundene Projektionen des Bösen in bestimmte Personen hinein gelegt wurden, um das Böse so von sich selbst und seinem unmittelbaren Umfeld abzuspalten, so dass daraus eine unbändige Angst entsteht, wenn jemand an solch einem Tabu auch nur ein wenig den Deckel hebt. Dass dann aus dieser Emotion der Angst Hass resultiert auf den, der diese Angst oder dieses Gefühl der Abscheu auslöst, so dass jegliches Distinktionsvermögen, jegliche Fähigkeit zur sachgerechten Beurteilung vollständig abhanden kommt. Und dass dies derart heftig ausfällt, dass regelrechte Vernichtungssehnsüchte entstehen.

Ciceros Eigentor

Auf jeden Fall bemerken auch andere diese neue Dimension der Niveaulosigkeit im deutschen Journalismus bis hinauf in die Chefredaktionsstuben bislang angesehener Medien. So schrieb ein Leser des Cicero den folgenden Leserbrief bzw. Kommentar, den er mir zukommen ließ, den der Cicero selbst aber zumindest anfangs nicht abdrucken wollte:

Lieber Herr Schwennicke, ich schätze ihr Journal neben einigen anderen im Internet hauptsächlich, weil sie es nach meinem Eindruck als Forum für gesellschaftspolitische Debatte verstehen. (…) Insbesondere Autoren wie Kissler und Grau genießen meine höchste Wertschätzung. Analytische Schärfe, gepaart mit journalistischer Sorgfalt garantieren so in der Regel Unabhängigkeit vom Zeitgeist. Vor allem das verschafft ihrem Magazin Anerkennung und eine treue Leserschaft. Soweit meine grundsätzliche Wertschätzung.

Ihr Kommentar zu Gaulands Vogelschissvergleich ist nun allerdings, freundlich formuliert, gründlich missglückt. Inhaltlich ist den zahlreichen Leserstimmen hier (auch diese eine Stärke von cicero ) nichts hinzuzufügen. Ich frage mich, wieso ist ihnen das passiert? Gab es da eine offene Rechnung?

Dabei fand sich doch bereits gestern eine überaus heftige wie treffende Kritik von Jürgen Fritz auf dessen Blog – trotz seiner offener Sympathie nicht für die AfD aber für deren schiere Existenz & Politik: Liebe AfD, wie dämlich kann man eigentlich sein? Und heute – oh Wunder – erleben wir einen eher kleinlauten Gauland, der seinen sprachlichen Fehlgriff in aller Öffentlichkeit zutiefst bedauert und vermutlich am liebsten rückgängig machen würde: Gauland zeigt Größe.

Sieht so die kalkulierte Provokation eines „bis ans Herz tiefgekühlten“ ( was für eine Formulierung! ) Mannes aus? Ein Mensch kann irren. Jeder, Gauland, ich, auch sie, verehrter Herr Schwennicke. Menschen sind fehlbar, aber deswegen müssen wir sie nicht gleich zum Monster stempeln, oder habe ich sie da missverstanden? Vielleicht ein Anlass für sie selbst, in sich zu gehen, und Abbitte zu leisten, wenn denn schon nicht gegenüber dem von ihnen offenbar verachteten Gauland, so doch zumindest gegenüber dem Leser. Der sehr wohl zu differenzieren weiß und darauf wartet, dass der Chef sich den Schaum vom Mund wischt und in Zukunft kühlen Kopf bewahrt und souverän reagiert. Danke!!

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Titebild: YouTube-Screenshot

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