Der letzte Querpass ist nahe

Ein Gastbeitrag von Joseph Emich Rasch, Mo. 25. Jun 2018

Joachim Löw schrammt an der Blamage vorbei und Angela Merkel beginnt, sich nun selbst ganz überflüssig zu machen. Ihr politisches Ende könnte noch vor dem finalen Schlusspfiff in Putins Fußballträumen eintreten.

Die Schweiz wird Weltmeister

Ball und Erde sind rund – zumindest annähernd. Mit flachen Scheiben könnte man auch nicht Fußball spielen. Und leben auf einer solchen wäre nicht nur gefährlich, sondern astronomisch schlicht unmöglich, wie wir das spätestens seit Nikolaus Kopernikus wissen. Das ist der mit dem Heliozentrischen Weltbild. Mit der anschwellenden Fußballhysterie hat das aber nur peripher etwas zu tun. Irgendwie aber doch. All das klingt jedenfalls so durchgeknallt wie ein Twitter von Trump, ein motziger Halbsatz von Anton Hofreiter (dem stets grantigen Grünen), oder wenigstens so „semi-national“ wie „dem Jogi seine“ badisch- gleichmütige Anmerkung zu den Erdogan-Fans Özil und Gündogan. Politisches Gespür gehört sicher nicht zu seinen Kernkompetenzen.

Doch derweilen, verehrtes, staunendes Publikum, winkt uns Astro-Alex Gerst, der deutsche ISS-Kommandant, freundlich aus dem kalten All zu. WM-Fußball kann er nicht live schauen. Dafür ist sein Vehikel nämlich zu schnell und der Erdball zu rund. Er umkreist damit innerhalb eines normalen Fußballspiels von 90 Minuten unseren Planeten genau einmal. So dumm kann’s gehen. Ich würde da oben ohnehin lieber Karten spielen, schon weil man angeblich wegen der Schwerelosigkeit so schön schummeln könnte…

Sie sehen schon, die Lage zwischen den Spielen ist so oder so labyrinthisch. Vielleicht – nun ja: ein bisschen gaga. Doch das scheint auf diesem Erdenrund zurzeit der Regelfall zu sein. Erfreulich rund wenn auch rätselhaft sind aber nur noch der Mond am dunklen Firmament und die geheimnisvollen Augen seiner Anbeter. Sagt meine Nachbarin. Sie muss es wissen. Sie hatte eine transylvanische Großmutter. Die Nachbarin gibt deshalb auch prophetische Tipps ab. Genau: die Schweiz wird Weltmeister. Ach, ja!

In den Balken der Koalition knistert es immer bedenklicher – die SPD bereitet sich schon auf Neuwahlen vor

Horst Seehofer, der christsoziale Mittelfeld-Libero spielt derweil schon ganz unverblümt über Bande mit Sebastian Kurz. Kleine Zwischenattacken von den spurtstarken Außenstürmern Söder und Dobrindt entlasten ihn dabei spürbar. Die italienische Achse befeuert zudem kräftig, nach aggressivem Kurzpassspiel, das europäische Tor. Es ist ungeschützt und doch untenrum geschlossen. Der alternde Keeper Juncker sitzt mit der ratlosen, vereinsamenden Vereinsmutter bei einem Glas Rotwein – oder auch zwei – in der Club-Kantine in Brüssel.

Die wirklichen Weisheitsbotschaften, keine Bange, zumindest was die WM in Russland betrifft, kommen erst. Vorher müssen die Fans der 22 Gladiatoren auf grünem Untergrund bestimmt noch das eine oder andere Kracherlspiel über sich ergehen lassen. Auch hier gilt, so banal es klingt: der Ball ist rund. Überraschungen sind quasi systemimmanent. Genau deshalb.

Das scheinen auch die Streithähne und -Hühner im Berliner Stall (das ist noch eine vergleichsweise freundliche Bezeichnung) einzukalkulieren. In den Balken der Koalition knistert es jedoch jeden Tag bedenklicher. Es wird langsam ruchbar, dass diese schrecklich zerfahrene Regierungsmannschaft nicht über die Gruppenphase der Legislatur hinauszukommen scheint. Wetten werden an den Schaltern der Wahlkommissionen schon angenommen. Andrea Nahles, die unvermutet schmallippige SPD-Fraktionistin dieser dämmernden Koalition, hat ihrem Parteisekretär Klingbeil bereits die Weisung gegeben, sich auf eine kurze, aber heftige Kampagne zu herbstlichen Neuwahlen vorzubereiten.

Der letzte Querpass ist nahe

Und nun brechen auch noch alte Entzündungen aus den Balkankriegen wieder auf: nur ein bisschen Abseits vom deutschen Siegertänzchen in Sotschi versteigt sich ein ohnehin schon ziemlich ungehobelter Trainer aus Serbien zu gehässigen und entsprechenden geschmacklosen Forderungen, der deutsche Schiedsrichter im Spiel seiner sieglosen Elf gegen die Schweiz gehöre doch gefälligst vor das Kriegsverbrechergericht in Den Haag. Einfach, weil dieser nicht so gepfiffen hat, wie es dem balkanischen Kommisskopf gefallen hätte.

Joachim Löw und Angela Merkel haben natürlich andere Sorgen. Der badische Fußballlehrer mit dem üppigen Pony könnte noch reüssieren. Er hat noch sehr viele Freunde. Bei Angela Merkel wird es mager. Horst Seehofer verweigert ihr längst den Flankenschutz. Der letzte Querpass ist nahe.

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Zum Autor: Joseph Emich Rasch, Jahrgang 1953, Linguist, Dramaturg und Kolumnist, schrieb und inszenierte diverse Theaterstücke sowie zahlreiche Satire-Programme. Im vergangenen Jahrzehnt wandte er sich vermehrt der Analytischen Philosophie zu. Er ist Lehrbeauftragter und Dozent für Kommunikation, Rhetorik und Dialektik.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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