Aus dem Tagebuch eines „Die Mannschaft“-Mitgliedes

Ein Gastbeitrag von Archi W. Bechlenberg, Fr. 29. Jun 2018

Jetzt kommt die Wahrheit langsam ans Licht. Auf verschlungenem Wege ist uns die Kopie eines Dokumentes aus dem bisherigen Elendsquartier der „Mannschaft“ zugespielt worden. Für die Authentizität verbürgt sich niemand, außer bei den Zitaten. Auch der Name des Urhebers ist streng geheim.

Wir haben alle ganz feste geglaubt, dass wir das schaffen werden

Watutinki, 27.06.2018. Liebes Tagebuch, ich schreibe in einer der schwärzesten Stunden meines Lebens. Dass es jemals so weit kommen könnte, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können, wo doch alles bis heute so gut lief…

Keine vier Wochen ist es her, da besuchte unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel uns im Teamquartier in Südkorea. Das war so ein tolles Erlebnis, wir waren alle ganz unheimlich geehrt und irre berührt. Die Kanzelerin in unserer Mitte und die persönlichen Gespräche mit ihr waren sagenhaft. So wie auch die Kartoffelsuppe, die sie mitgebracht hat.

Sie hat uns dann beim Essen erklärt, dass wir das Spiegelbild unserer muttikulturellen und muttireligiösen Gesellschaft sind. Das haben wir alle super gefunden, auch wenn der Mesut etwas komisch geguckt hat. Das war aber vielleicht auch nur von der Kartoffelsuppe. Ja, da haben wir voll cool gemerkt, was es heißt die Mannschaft zu sein, also nicht eine deutsche Mannschaft oder von sonst einem Land, sondern DIE Mannschaft, sozusagen die Weltmannschaft, die Vorbild sein soll für alle anderen Mannschaften.

Denn wenn wir auch muttikulturell und muttireligiös sind, dürfen wir nicht vergessen dass wir aus Deutschland kommen und deshalb eine ganz besondere Verantwortung tragen für ganz viel. Ich habe nicht alles behalten, denn unsere Bundeskanzelerin Angela Merkel hat so viel aufgezählt. Als sie dann wieder unser Teamquartier in Südtirol verlassen hat, da haben wir ihr noch lange nachgewunken, denn der Besuch hat einen super Eindruck auf uns gemacht und wir haben alle ganz feste geglaubt, dass wir das schaffen werden.

Fußball ist doch gar nicht so wichtig, viel wichtiger ist: den Dialog suchen, hat man uns gesagt

Nach dem Besuch unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel haben wir dann nach dem Training uns zusammen gesetzt und einen Stuhlkreis gebildet, nein, umgekehrt, erst den Stuhlkreis gebildet und das alles noch einmal refle… – also noch einmal darüber gesprochen. Denn das Wichtigste ist immer das Nachdenken über etwas, vor allem über das, was man tut. Also haben wir vor allem darüber nachgedacht, dass Fußball nicht unser Leben ist und dass wir zwar in Russland auch spielen, aber anderes genau so wichtig ist.

Am schönsten hat das unser Präsident nach der beeindruckenden Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Trainingslager zusammengefasst. Er hat gesagt und sogar geschrieben, dass es eine beeindruckende Begegnung gewesen ist und es „tolle Gespräche“ gegeben hat. Wenn man mich gefragt hätte, ich hätte sogar „geile Gespräche“ gesagt. Haha.

Ja, und dann hat er geschrieben, dass wir uns durch die Begegnung mit der Bundeskanzlerin bestärkt fühlen, „in Russland den Dialog mit den Menschen zu suchen“. Das hat bei uns ganz großen Eindruck hinterlassen! Wir sollten den Dialog mit den Menschen suchen! Eigentlich wollte ich die ganze Zeit gefragt haben, mit welchen Menschen, denn ich spreche ja kein russisch, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen und die anderen aus der Mannschaft haben das auch nicht verstanden.

Wir haben uns doch nur ganz neutral, volk- und grenzenlos, sogar klimaneutral verhalten, wie man es uns beigebracht hat

Auch über was wir den Dialog suchen sollten und so. Ich glaube, das hat uns seit dem 3. Juni alle so sehr beschäftigt, dass wir dadurch irgendwie nicht mehr so richtig Zeit für den Fußball gefunden haben, zumindest menta.. – also im Kopf. Ich bin ganz sicher, dass das mit dem Dialog etwas ganz Tolles gewesen wäre, aber jetzt ist es zu spät. Wen soll ich jetzt noch fragen? Und morgen geht es zurück in das Land, dessen Mannschaft wir sind. Denn wie jetzt alle Welt weiß, sind wir nicht mehr die Fußballweltmeister.

Vielleicht Völkerballmeister, aber ich weiß nicht, ob das Wort überhaupt erlaubt ist, deshalb schreibe ich es hier nur hin aber ich denke es nicht. Diese Südtiroler haben uns einfach wie eine Ping Pong Mannschaft von der Platte geputzt. Und jetzt lachen auch noch alle über uns!

Dabei haben wir nichts anderes gemacht, als uns so neutral und volklos und grenzenlos und klimaneutral zu verhalten, wie wir es gelernt haben. Ich finde das nicht in Ordnung, und wenn unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel uns wieder einmal besuchen sollte, dann will ich sie danach fragen. Sie ist ja trotz allem eine Nette und schickt uns einen Flieger. Die letzten, die in Russland dermaßen unter die Räder gekommen sind, sollen den ganzen Heimweg zu Fuß gemacht haben müssen – hat mir ein Sportskamerad aus dem Internet vorgelesen.

Gute Nacht, liebes Tagebuch. Ich hab dich lieb.

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Zum Autor: Archi W. Bechlenberg, Jg. 1953, studierter Kunsthistoriker, Journalist, Buchautor, Grafiker und Maler, schreibt für Livestylemagazine und kritische Medien wie Die Achse des Guten und Jürgen Fritz Blog.

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Titelbild: © Archi W. Bechlenberg

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