Schach für Weiß

Ein Gastbeitrag von Michael J. Glück, Do. 02. Aug 2018

„Du mußt steigen oder sinken, Du mußt herrschen und gewinnen, Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Amboß oder Hammer sein“, heißt es in Goethes Cophtischem Lied. Doch Weiß hat aufgegeben, Hammer zu sein. Aus der Sicht kritischer Soziologen sind die meisten Nachkriegs-Deutschen regelrecht dehostilisiert, „entfeindet“. Die Immigranten sind es in aller Regel nicht.

Weiß gibt auf

Lange bevor der ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski (1928 – 2017) sein großes Schachbrett der Geostrategie (The Grand Chessboard, 1977 – Die einzige Weltmacht, 2015) veröffentlichte, hat ein Auslandsdeutscher in niederländischen und britischen Diensten seine beruflichen Erfahrungen mit dem Schachbrett-Titel Weiß gibt auf vorgelegt. Das war heute vor 60 Jahren. Darin schildert er abschließend auch seinen Traum vom Leben nach dem Tod (arabisch: mat) des weißen Königs (arabisch: Scheikh, Schach, Schah). Nicht schön, Brzezinskis Ausblick ist schöner.

Der deutsche Chemiker H. G. Thieme aus Thüringen hatte Glück. Das erschien ihm 1920 in der Kantine einer Zuckerfabrik, wo er in seinen Semesterferien arbeitete. Warum gehen Sie eigentlich nicht nach Java (eine der vier Großen Sundainseln der Republik Indonesien neben den weiteren Hauptinseln Sumatra, Borneo und Sulawesi) fragte ihn ein Ingenieur, dem er bekannt hatte, Spanisch zu lernen und nach Südamerika auswandern zu wollen. In Java (wo auch die indonesische Hauptstadt Jakarta liegt). würde er in zehn Jahren reich. Tatsächlich dauerte es zwanzig Jahre bei einer holländischen Plantagengesellschaft auf Java. Ein Tuan war er dort, ein weißer Bauer auf dem großen Schachbrett der Welt, so doch ein Herr über viele braune Bauern. Er machte Karriere und avancierte vom Bauern zum Läufer. Die braunen Bauern blieben Bauern.

Kriegsende macht deutsches Weiß zu Braun

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war es allerdings mit Thiemes Läuferdasein und Wohlstand vorbei. Seine holländische Frau und die vier Kinder blieben ihm lediglich juristisch erhalten, sein Eigentum wurde konfisziert, und er selbst verschwand für sieben lange Jahre hinter Stacheldraht. Denn schließlich war er Deutscher und damit Feind.

Da es auf Java keine entsprechenden Lager gab, hatten ihn die Holländer nach Indien verschifft, wo er mit anderen deutschen Gastarbeitern als britischer Kriegsgefangener auf das Ende des Krieges wartete. Die englischen Aufseher und die Lagerleitung behandelten die deutschen Gefangenen zwar nett, doch netter waren ihnen gegenüber die Inder. Wie die Deutschen wünschten sie die Engländer auf den Mond, auf alle Fälle weit weg. Quit India (verlasst Indien), hieß es auf vielen Mauern.

Nach Ende des Kriegs übergaben die Engländer H.G. Thieme den Niederländern, die ihn noch für einige Zeit als Gefangenen behielten und dann in die Bundesrepublik Deutschland abschoben. Von dort versuchte er illegal nach Holland zu Frau und Kindern zu kommen, was ihm sogar zeitweise gelang. Als Kurzgeschichtendichter verdiente er sein Geld. Niederländisch sprach er längst schon fließend, doch er hatte keine Papiere. So landete er wieder in Deutschland.

Als Bwana in Kenia

Im Nachkriegsdeutschland fand Thieme dann einen englischen Konzern, der sein Wissen für den Sisalanbau in Kenia einzukaufen gedachte. So wurde er wieder ein weißer Läufer auf dem Schachbrett der Welt, dieses Mal ein Bwana, ein Herr über viele schwarze Bauern. Die einfache Arbeit erledigten hier die Schwarzen, auf Java oder Sumatra waren es die Braunhäutigen gewesen. Die Chefs waren dagegen hier wie dort weiß.

Dabei gab es im damaligen Ostafrika der Briten die sogenannten White Highlands, menschenleere Gebiete, die der weiße Mann für sich hätte erschließen können. Doch er machte es hier wie in Indonesien. Er wollte Herr sein, Großgrundbesitzer, nicht kleiner Landwirt. Dazu brauchte er Gastarbeiter. Die gab es in den tieferliegenden Gebieten des heutigen Kenias. Sie kamen auch gern, und sie blieben. Sie bekamen viele Kinder, aber die Kindersterblichkeit war damals hoch. Das empfanden die weißen Herren als schmählich. Ihre Ärzte bekämpften erfolgreich die Krankheiten, vor allem die Krankheitsursachen. Die Kindersterblichkeit ging infolgedessen deutlich zurück, nur der Kindersegen blieb hoch.

Handwerker fehlten im alten britischen Ostafrika. Gleichwohl schickten die britischen Herren ihre schwarzen Untertanen an die Universitäten in England und wunderten sich dann, dass die Heimkehrer die gleichen Jobs haben wollten wie die weißen Läufer. Dabei war die Farbenschranke in Afrika noch schärfer als in Indien. Für Weiße reservierte Einrichtungen gab es vielfach, eine Art umgedrehte „No-go-Areas“ für Schwarze. Es kam zu Aufständen, doch waffentechnisch war Schwarz unterlegen. Aber Weiß gibt auf, schrieb Thieme Anfang der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Heute ist Afrika weitgehend ein schwarzer Kontinent. Das letzte bisschen Weiß in Südafrika wird gerade zum Verschwinden gebracht.

Eine Blaupause für Europa?

Das sieht aus wie eine Blaupause (Vorbild, Modell) für Europa. Denn wo sollen die überzähligen, armen Schwarzen hin, wenn in Afrika nichts mehr zu holen ist? Das sieht im muslimischen Nordafrika und im Nahen Osten nicht anders aus. Die weiße Hinterlassenschaft ist längst verteilt. Da bleibt doch nur noch die Weltengegend übrig, wo Weiß sich häuslich eingerichtet hat.

Dass es da besser aussieht, ist dem heutigen Standardnarrativ zufolge vor allem „der wirtschaftlichen Ausbeutung der einstigen Kolonien“ zu danken. Und wer wie Deutschland nur kurzzeitig wenige Kolonien besaß, stehe wegen Adolf Hitler gegenüber jedermann im Büßerhemd da, meinen die weißen Kritiker des weißen Westens. Schon vor Jahren hieß man in Deutschland daher Gastarbeiter willkommen, die nach getaner Arbeit aber wieder nach Hause sollten. Doch gerade die kinderreichen Muslime blieben.

Der Traum, der den niederländischen Deutschen auf einem Flug von Conakry nach Dakar Mitte der 50er Jahre vergangenen Jahrhunderts nachdenklich stimmte, wäre dem polnisch-stämmigen US-Strategen Brzezinski nicht in den Sinn gekommen. Denn Brzezinski sah sich nicht als Spielfigur, sondern als Spieler. Und ein guter Spieler spielt mit Weiß so gut wie mit Schwarz. Für einen Bauern oder Läufer auf dem Schachbrett gilt das jedoch nicht.

Ein böser Traum: Weißer Paria raus!

Als Thieme auf dem Flughafen Orly in Paris aufwachte, murrte ihn ein eleganter schwarzer Steward unfreundlich an und warf ihn wegen seiner weißen Haut aus dem Flugzeug. Einige Passagiere beschwerten sich auch lautstark über diesen Paria in der Maschine, der den pünktlichen Abflug verhinderte, einen Weißen. Bis auf ihn waren alle Passagiere farbig. Sie waren durchweg elegant gekleidet, wobei Thieme die Mode fremdartig vorkam. Sein eigenes Äußeres erkannte Thieme dagegen als regelrecht ärmlich.

Der Flughafen erschien ihm gewaltig. Auch die Flugzeuge waren deutlich größer als zu seiner Zeit. Auffallend war, dass kein Flugzeug Propeller hatte. Auch erschienen ihm die Flugzeuge viel farbenfreudiger als gewohnt. Farbig waren auch die Reisenden und das Flugpersonal. „Sind die Eingeborenen hier wirklich weiß, Mammy“, hörte er eine kleines dunkelhäutiges Mädchen seine Mutter fragen. „Ja, wirklich“, antwortete die Angesprochene, „aber du darfst sie dafür nicht auslachen. Die Unglücklichen können nichts dafür, dass sie so hässlich sind“. Eine Erkenntnis von Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Draußen, vor dem Flughafengebäude sah Thieme dann mehrere Weiße, zumeist Kulis, die zerlumpt und ärmlich wirkten. Einen Straßenkehrer sprach er an, der sprach sogar Deutsch. Er sei Kontraktarbeiter und habe für fünf Jahre unterzeichnet. Das sei harte Arbeit, und man dürfe die Arbeit nicht einfach aufgeben. Wer weglaufe, würde wieder eingefangen und käme dann für mehrere Monate in den Knast. Die fehlende Zeit müsste auch nachgearbeitet werden. Aber das Essen sei gut. Die Schilder auf den Geschäften und Straßen konnte Thieme nicht entziffern. Sie waren weder Malaiisch noch Suaheli. Auch sein neuer Freund konnte ihm nicht helfen; denn er war Analphabet.

Aufgewacht und „entfeindet“

Dann wachte Thieme auf und erkannte aus dem Flugzeugfenster die schneebedeckte Kette der Pyrenäen. Er überdachte seinen Traum. Undenkbar, fragte er sich. Nachdenklich schüttelte er den Kopf. Aus dem „Kophtischen Lied“ von Johann Wolfgang von Goethe fiel ihm die Alternative ein: „Hammer oder Amboss sein“. Weiß hatte aufgegeben, Hammer zu sein. Aus der Sicht kritischer Soziologen sind die meisten Nachkriegs-Deutschen regelrecht dehostilisiert, also entfeindet“. Die Immigranten sind es in aller Regel nicht.

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Zum Autor: Michael J. Glück, Jg. 1943, ist Wirtschaftsjournalist und Fachbuchautor. Geboren in Berlin, aufgewachsen in Stuttgart, Petróplis bei Rio de Janeiro und Cork in Südirland. Studium der Mathematik, Sprachen und Volkswirtschaft. Volontariat und mehrjährige Redakteurstätigkeit bei einer Tageszeitung in Süddeutschland. Anschließend 25 Jahre bei einem Wirtschaftsverband in Bonn und Berlin. Zuletzt Führung eines eigenen Pressebüros für Print- und Online-Berichterstattung zu Versicherungsfragen. Buchveröffentlichungen: Armut für alle, ECON-Verlag, Düsseldorf 1985, und Keiner verdient, was er bekommt, Sauer-Verlag, Heidelberg 1990.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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