Der Fall des Lars Steinke, der nicht zum Fall der AfD werden sollte

Von Jürgen Fritz, Do. 02. Aug 2018

Claus Schenk Graf von Stauffenberg sei kein Held gewesen, sondern ein „Verräter, der bereit war, Millionen von Leben zu riskieren und zu opfern – ohne erkennbaren Nutzen für das deutsche Volk“, soll ein junger AfD-Politiker in Niedersachsen auf seinem Privataccount auf Facebook geschrieben haben. Der 20. Juli 1944 wäre „kein Glanzstück“ gewesen, sondern „der beschämende Versuch eines Feiglings, die eigene Haut vor dem kommenden Sieger zu retten“. Wer ist der, der solches notierte? Hat er es wirklich geschrieben und wenn ja, was ist davon zu halten? Vor allem aber: Was bedeutet das für die AfD?

Der Volksverräter des 20. Jahrhunderts

Seit über elf Jahren war Adolf Hitler im Juli 1944 an der Macht, zunächst als Reichskanzler, dann ab 1934 zugleich auch als Reichspräsident, der sich nun „Führer“ nennen ließ. Seit fast fünf Jahren tobte der Zweite Weltkrieg, der 1944 längst verloren war für das Deutsche Reich. Doch die NS-Führung, namentlich Adolf Hitler, wollte die endgültige Niederlage so lange wie möglich hinauszögern. In den kommenden neun bis zehn Monaten würden mehr Menschen ums Leben kommen als in all den Monaten zuvor. Bereits im November 1941 hatte Hitler gesagt:

„Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden.“

Seit dem Sommer 1944 unternahm der „Führer“ alles, das Reich von der Landkarte zu fegen und die Deutschen zum „Volkstod“ zu verurteilen. Er führte nun quasi einen Krieg gegen das eigene Volk, an dessen Wohl ihm in Wahrheit niemals viel gelegen war, das er gleichsam benutzte, um seine abstrusen Vorstellungen in die Wirklichkeit umzusetzen. In seinen Anmerkungen zu Hitler, einem der besten Hitler-Bücher überhaupt, bezeichnete Sebastian Haffner dieses Verhalten als „Verrat“ am eigenen Volk. Genau das war es. Adolf Hitler war der Volksverräter des 20. Jahrhunderts. Auch der britische Historiker Ian Kershaw arbeitet das in seinem Werk heraus.

Der Nerobefehl

Zwischen Juli 1944 und seinem Selbstmord am 30. April 1945 legte Hitler trotz zittriger Hand (Parkinson) und hinfälliger Körperlichkeit – der 55-Jährige sah bereits aus wie ein Greis – eine ungeheure Entschlusskraft an den Tag. Er wollte, bevor er von der Weltbühne abtreten würde, vernichten, was nur geht, so viel wie möglich mit in den Tod reißen. Zerstören, was nur zerstört werden konnte, vor allem aber so viele Juden wie möglich umbringen.

Aber eben auch das Deutsche Reich sollte vollkommen untergehen. Es hatte seinen, Hitlers Krieg nicht gewinnen können, also hatte es den völligen Untergang verdient. Mitleid, ja so etwas wie ethische Prinzipien und Moralität waren diesem Mann vollkommen fremd. Folgerichtig erging Mitte März 1945 der „Nerobefehl“ und der „Verbrannte-Erde-Erlass“ des „Führers“: „alle Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes“ sollten zerstört werden. Hitler wörtlich:

„Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft.“

Einer der größten Helden der NS-Zeit: Georg Elser

Dies war der historische Kontext, in welchem das Attentat vom 20. Juli 1944 stattfand. Es war bei weitem nicht das erste solche. Viele waren zuvor versucht worden. Besonders beeindruckend jenes von Georg Elser vom 8. November 1939. Der 36-jährige Kunstschreiner führte im Münchner Bürgerbräukeller ein Bomben-Attentat auf Adolf Hitler und nahezu die gesamte NS-Führungsspitze, insbesondere Göring und Goebbels aus, das nur knapp scheiterte. Georg Elser war einer der größten Helden der gesamten NS-Zeit, der das Attentat völlig alleine durchführte, was die Nazi-Schergen einfach nicht fassen konnten und ihn immer wieder folterten, um die Hintermänner, die es doch geben müsse, wie sie glaubten, herauszubekommen. Erst als Elser genau erklärte, wie er die Bombe gebaut hatte und sie ganz allein ein zweites Mal nachbaute, ließ die Gestapo von ihm ab.

Über fünf Jahre lang wurde er dann in Dachau inhaftiert. Hitler wollte, dass ihm nach dem „Endsieg“ ein Schauprozess gemacht werde. Als klar war, dass das Ende nah ist, erließ Hitler persönlich den Befehl, ihn umzubringen. Ein Monat vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und zwanzig Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch US-Truppen wurde Georg Elser am Abend des 9. April 1945 heimlich und ohne Gerichtsurteil von einem SS-Oberscharführer am Hinrichtungsplatz beim Krematorium in Dachau per Genickschuss exekutiert, Elsers Leichnam anschließend im Krematorium verbrannt.

Ich bitte den kleinen Exkurs zu entschuldigen, aber Georg Elser wird viel zu selten erwähnt und er verdient es, immer mit Stauffenberg, Tresckow und all den anderen Widerstandskämpfern mit genannt zu werden.

Das Attentat vom 20. Juli 1944

Als bedeutendster Umsturzversuch des militärischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus gilt das Attentat vom 20. Juli 1944. Dieses war bereits seit Ende 1943 geplant, die Durchführung scheiterte jedoch immer wieder aus verschiedenen Gründen. Im Dezember 1943 fasste Stauffenberg dann den folgenschweren Entschluss, persönlich das Attentat gegen Hitler und gleichzeitig gegen Himmler und Göring zu verüben und anschließend den Aufstand von Berlin aus zu dirigieren.

Wenige Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 hatte er bei Henning von Tresckow anfragen lassen, ob es noch Sinn habe, an dem Attentatsplan festzuhalten, für den ein praktischer Zweck nun nicht mehr erkennbar sei. Tresckow, eines der entschlossensten Mitglieder und neben Stauffenberg die zentrale Figur des militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, ließ diesem dann folgendes übermitteln:

Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der im Krieg einen Arm verloren hatte, deponierte sodann bei einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze eine Sprengladung, die er selbst scharf machte, wobei er gestört wurde, so dass er nur eine der beiden Sprengladungen aktivieren konnte, was sich als verhängnisvoll herausstellen sollte. Die Detonation riss zwar vier der Teilnehmer in den Tod und verletzte neun weitere schwer, Hitler selbst aber wurde nur leicht verletzt, was er als Zeichen „der Vorsehung“ und seiner „Auserwähltheit“ deutete.

Der Umsturzversuch war gescheitert. Mehr als 200 Personen, die an der Verschwörung beteiligt waren, vor allem Adlige, sowie Personen aus der Wehrmacht und der Verwaltung, wurden hingerichtet, darunter Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, 19 Generäle, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre sowie der Chef des Reichskriminalpolizeiamts, mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten und Regierungspräsidenten.

Junger AfD-ler bezeichnet Stauffenberg als „Verräter“ und „Feigling“

Und nun das Entscheidende: Wäre dieser Anschlag nun endlich geglückt, nachdem zuvor so viele andere schon gescheitert waren, so hätte der Zweite Weltkrieg um mehr als neun Monate früher beendet werden können. Millionen und Abermillionen Menschen hätten nicht sterben, hätten nicht niedergemetzelt, hätten nicht massakriert werden müssen. Doch das sieht ein junger AfD-Politiker namens Lars Steinke offensichtlich anders.

Laut der Welt soll dieser auf seinem Privataccount auf Facebook folgendes geschrieben haben (Rechtschreibfehler, der Text ist voll davon, korrigiert):

Stauffenberg war ein Verräter, der bereit war, Millionen von Leben zu riskieren und zu opfern – ohne erkennbaren Nutzen für das deutsche Volk. Der Krieg war nämlich – entgegen der heutigen Propaganda – kein Krieg primär gegen Hitler, sondern gegen Deutschland und das deutsche Volk.

Und weiter:

„Stauffenberg ist kein Held und der 20. Juli 1944 kein Glanzstück. Es war der beschämende Versuch eines Feiglings, die eigene Haut vor dem kommenden Sieger zu retten.“

Steinke soll auf Anfrage der Welt bestätigt haben, dass er, „den Text selbst verfasst und auch selbst auf meiner privaten, nicht öffentlich einsehbaren Facebookseite“ verbreitet hat.

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Wer ist nun dieser Lars Steinke?

Steinke ist der Vorsitzende der niedersächsischen AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA). Der Göttinger soll dem Landesverband der AfD in Niedersachsen von Anfang, seit seiner Wahl vor einem Jahr, ein Dorn im Auge gewesen sein. Wegen seiner politischer Ausrichtung hatten JA-Funktionäre ihre Ämter niedergelegt. Laut dem Göttinger Tagblatt sagte der AfD-Landessprecher Daniel Biermann bereits im July 2017:

„Die Wahl von Herrn Steinke ist nicht im Sinne des Landesvorstands der AfD-Niedersachsen“

Mehr als 20 JA-Mitglieder sollen damals wegen der Wahl Steinkes aus der Jungen Alternative ausgetreten sein. Schon vor zwei Jahren soll es ein Ausschlussverfahren gegen Steinke gegeben haben. In dem Antrag hierzu vom Juni 2016, der dem Göttinger Tageblatt vorliegen soll, heiße es, Steinke habe sich „in besonders schwerwiegenden Maße“ nicht von „extremistischen Organisationen“ distanziert.

Heftige Kritik von Meuthen und Gauland, der den Ausschluss von Steinke fordert

Distanziert hat sich nun aber offensichtlich der niedersächsische AfD-Landesvorstand von dem JA-Landesvorsitzenden:

Mit größtem Befremden hat der Landesvorstand der AfD-Niedersachsen die Facebook-Veröffentlichung des Herrn Lars Steinke zum Thema Widerstand gegen Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg zur Kenntnis genommen“.

Steinkes Meinung spiegele „in all ihrer Absurdität weder die Meinung des Landesvorstandes der AfD-Niedersachsen noch die der AfD insgesamt“ wider. Auch mehrere AfD-Landtagsabgeordnete sollen sich in Kommentaren bereits von Steinkes Eintrag distanziert und diesen kritisiert haben.

Noch heftiger fällt die heutige Kritik durch die beiden AfD-Bundesvorsitzenden aus. Jörg Meuthen hat die Äußerungen von Steinke als „komplett inakzeptabel“ kritisiert. Diese offenbarten „ein absurdes Geschichtsverständnis und haben in der AfD absolut nichts zu suchen“.

Noch heftiger fiel die Kritik von Alexander Gauland aus. Er nannte die Äußerungen „bodenlosen Schwachsinn“. Stauffenberg sei ein Held der deutschen Geschichte. Steinke habe sich für die AfD disqualifiziert, „er sollte ausgeschlossen werden“.

Mein Kommentar: Patriotismus meinetwegen, aber bitte nicht Chauvinismus!

Nicht jeder Nationalismus ist schändlich, nur der exklusive solche (Chauvinismus). Der aber schon! Wenn jemand die eigene Nation näher ist als andere Nationen, so kann man ihn als Patrioten (inklusiven Nationalisten) bezeichnen. Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden. Das muss man nicht gut finden, kann aber. Verwerflich ist es ganz sicher nicht und diejenigen, die es als solches darstellen, sind genau das, was sie jenen vorwerfen.

Wenn aber jemand sagt, alles, was außerhalb meiner eigenen Nation ist, interessiert mich überhaupt nicht, diese Menschen sind mir vollkommen gleichgültig oder schlimmer noch: vor denen habe ich keinerlei Achtung, der ist kein Patriot, sondern ein Chauvinist (exklusiver Nationalist), dessen geistiger Horizont gleichsam an der Grenze endet. Solchen Leuten schüttelt ein anständiger Mensch nur ungerne die Hand und möchte nicht mit ihnen zusammen in einer Partei sein.

Ausblick

Heinz Buschkowsky sagte vor kurzen in einem Interview, er sei davon überzeugt, dass der große Erfolg der AfD noch bevorstehe: „Hat die AfD erst eine ministrable Galionsfigur und macht sie klare Kante zur Neonazi-Szene, dann traue ich ihr 25 Prozent zu.“

Dem kann ich mich nur anschließen. Meiner Überzeugung nach hat die AfD kurzfristig (in den nächsten Monaten) ein Potential von 15 bis 20 Prozent, mittelfristig (in den nächsten Jahren) von 20 bis 30 Prozent, langfristig unter Umständen sogar noch mehr, angesichts des Zustandes der anderen Parteien. Dazu bedarf es in der Tat zweier Dinge: 1. einer überzeugenden, mitreißenden Führungsfigur an der Parteispitze und 2. die klare inhaltliche und auch personelle Kante zu Figuren, die viele Wähler verschrecken und die inhaltlich und charakterlich in keiner Weise zu einer bürgerlichen Partei passen.

Und machen wir uns nichts vor, unsere Nation, unser Kontinent, unsere gesamte Kultur, ja die zivilisierte Welt selbst steht am Scheideweg – Stichwort: weitere Massenimmigration. Wenn wir die Kurve als freie, demokratische, zivilisierte Gesellschaft noch kriegen wollen, dann wird das nur mit einer möglichst starken AfD gehen. Dies ist der einzige wirklich wirksame Hebel. Dieser sollte nicht auch wieder, wie das schon mit unserer Demokratie insgesamt geschehen ist, von innen heraus ausgehöhlt werden.

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Titelbild: Youtube-Screenshots von Lars Steinke und Graf Stauffenberg

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