Eine liberale, offene Gesellschaft gibt es nur mit Zäunen, nicht ohne!

Von Jürgen Fritz, Mo. 22. Okt 2018

Das Grundproblem unserer Gesellschaft dürfte darin bestehen, dass sie einerseits eine einmalige Höhe erreicht hat – daher wollen ja hunderte Millionen aus der halben Welt ausgerechnet zu uns kommen und nicht nach Saudi Arabien oder Tunesien -, zugleich aber die Mehrheit die eigenen Grundlagen, die diese einmalige Höhe überhaupt erst entstehen ließen, gar nicht mehr kennen und verstehen, sowohl in historischer als auch ökonomischer und philosophisch-ideengeschichtlicher Hinsicht. Dies gilt insbesondere für die Begriffe Liberalismus und offene Gesellschaft. Offene Gesellschaft, so meint der Ungebildete, der Barbar (Stammler), bedeute offene Grenzen. In Wahrheit kommt dieser Terminus von dem Philosophen Karl Popper und bezeichnet natürlich eine geistig offene Gesellschaft, die sich nach außen schützen muss. Ähnlich verhält es sich auch in ökonomischer Hinsicht, wie Prof. Sinn eindrucksvoll darlegt.

Klubgüter und kollektives Eigentum

Der Staat, so macht Prof. Sinn zunächst klar, ist Sachwalter des gemeinschaftlichen Eigentums. Klubgüter aber seien dadurch definiert, dass sie gemeinsam genutzt werden, die Nutzungsqualität jedoch falle, wenn mehr Nutzer da seien. Es gebe also eine Nutzungsrivalität.

Denken Sie einfach, Sie haben sich ein Haus gebaut oder eine Wohnung gekauft oder gemietet, dann haben Sie Anspruch darauf zu bestimmen, wer Ihr Haus, Ihre Wohnung, Ihren Garten nutzen darf. Wenn jeder einfach reinkommen kann, wie er will, dann ist es im Grunde nicht mehr Ihr Haus. Dann sinkt der Wert für Sie, im Extremfall auf nahezu Null. Ähnliches gilt für Fußball- oder Tennisvereine, die ein gemeinschaftliches Eigentum besitzen, das den Klubmitgliedern gehört und über das nicht jeder nach Belieben verfügen kann, wie er will, womöglich alles kaputt macht und dann einfach weiter zieht und sich das nächst krallt, das er haben möchte.

Und der Staat, so Hans-Werner Sinn, sei eben auch so ein Klub, der diese kollektiven Güter – Land und Natur, Infrastruktur, Straßen- und Schienennetz, Behörden, Justiz, Polizei und Feuerwehr etc. – verwaltet. Eine Marktwirtschaft könne überhaupt nur funktionieren, wenn wohldefinierte Eigentumsrechte definiert seien. Ohne Eigentumsrechte hätten wir eine Wildwest-Gesellschaft. Da könnte sich jeder nehmen, was er wolle, und der, der es gerade hat, verteidigt sich dann mit Waffengewalt.

Eine liberale, offene Gesellschaft gibt es nur mit Zäunen, nicht ohne!

Das gelte in ähnlicher Weise auch für kollektives Eigentum in Form des Eigentums einer ganzen Staatsgemeinschaft. Auch dieses Eigentum stehe nicht zur freien Disposition. Nur wenn man das kollektive Eigentum schützen könne, wenn Zäune da seien, könne eine friedliche, offene, liberale Gesellschaft überhaupt existieren.

Das würden sich viele nicht klar machen, die sagen, eine offene Gesellschaft brauche offene Grenzen. Rein semantisch mag das eine gewisse Logik haben, ökonomisch sei das aber alles andere als logisch. Denn wenn die Gesellschaft – nach außen – offen sei, dann wäre das so, als hätte man kein Eigentumsrecht an seinem Grundstück. Dann aber gebe es eben nichts als Streit und auch keine effiziente Allokation des Landes auf rivalisierende Verwendung. Letztlich, so könnte man ergänzen, würde sich dann das Recht des Stärkeren respektive des Brutaleren und Rücksichtsloseren durchsetzen und derjenigen, die sich besser zu organisieren und zu solch brutalen Banden und Clans zusammenzuschließen vermögen.

Die Grundvoraussetzung für marktwirtschaftliche Allokationsprozesse (Zuteilungsprozesse), für Frieden und Freiheit in der Gesellschaft, sei und bleibe ein wohldefiniertes Eigentumsrecht. Und das, so Prof. Sinn weiter, gelte genauso für staatliches wie für privates Eigentum. Also grundsätzlich gebe es eine liberale und offene Gesellschaft nur mit Zäunen und nicht ohne. Viele, die sich hier in Deutschland äußern, hätten diesen Grundtatbestand nicht verstanden.

Hans-Werner Sinn: Die neue Völkerwanderung

Sehen und hören Sie hier den Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn zum Thema „Die neue Völkerwanderung“. Ganz besonders interessant ist die Passage zwischen Minute 41:55 und 45:53.

P.S.: Der Zaun als Bedingung von Eigentum, Hochkultur und dem Gefühl der Geborgenheit

Bereits die alten Griechen und Römer haben um diesen fundamentalen Zusammenhang, den die postmodernen Spinner vergessen haben, gewusst. Alle Hochkultur beginnt mit dem Eigentum, mithin mit der Mauer oder dem Zaun, die daher etwas Heiliges darstellen, weil sie das Eigentum als Keimzelle der Hochkultur und die Heimat schützen und so erst das Gefühl der Geborgenheit in der Welt ermöglichen.

„Für das Gesetz soll ein Volk kämpfen wie für seine Mauer“, wusste schon Heraklit von Ephesos (um 540 – 480 v. Chr.). Und diese fundamentale Erkenntnis kommt wunderbar in dem Gründungsmythos Roms zum Ausdruck: So möge es jedem ergehen, der diese Mauer zu übersteigen wagt – Die Gründung Roms.

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Titelbild: YouTube-Screenshot

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