Was bedeutet „sein“ und gibt es solche, die, ohne zu lügen, doch Lügner sind?

Von Jürgen Fritz, Mi. 01. Mai 2019

„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden oder, Sich waffnend gegen eine See von Plagen, Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –“ Diese Zeilen aus „Hamlet“ sind weltberühmt, doch was bedeutet überhaupt „sein“ und kann man, zum Beispiel durch manipulativen Gebrauch der Existenzpräsupposition, ohne, dass man direkt die Unwahrheit sagt, doch ein Lügner sein?

Was bedeutet „sein“?

Sein, der grundlegendste Begriff überhaupt, der Grundbegriff der Metaphysik (Ontologie), hat offensichtlich verschiedene Bedeutungen. Mit „sein“ kann gemeint sein:

1. Der Existenzbegriff: „Ich bin“ im Sinne von „Ich existiere“ oder „Es ist“ (= Es existiert).

2. Der Relationsbegriff:
2.1. Die Identität: A ist B.
a) Eine mathematische Gleichheit: 2 plus 2 ist 4.
b) Eine Kennzeichnung: Angela Merkel ist die deutsche Kanzlerin.
c) Eine Definition: Ontologie ist die Lehre vom Sein.
2.2. Eine Eigenschaftszuschreibung (Prädikation): Das Auto ist weiß.
2.3. Eine Klassifizierung (Teilmengenbeziehung): Ein Nashorn ist ein Säugetier.

Die Verwendung des „ist“ als Existenzbegriff kann sich auf die Existenz von Dingen (Personen, Gegenstände), aber auch von Sachverhalten (es ist der Fall, dass …) beziehen.

Die anderen Verwendungen von „ist“ als Relationsbegriff, also Identität, Prädikation oder Klassifizierung kennzeichnen Verhältnisse, wobei sie jeweils die Existenz des Subjektes implizit respektive stillschweigend unterstellen (Existenzpräsupposition). Was aber, wenn es dieses Subjekt gar nicht gibt?

Nicht wahrheitsfähige Sätze

Wird einem nicht-existenten Ding eine Eigenschaft zugeschrieben (eine Prädikation vorgenommen), so ist der Satz weder wahr noch falsch, sondern nicht wahrheitsfähig. Denn wäre er wahrheitsfähig und man würde ihn als falsch deklarieren, so wäre sein Gegenteil (innere Negation), dass diesem nicht-existenten Ding diese Eigenschaft nicht zuschreibt, wahr, was natürlich unsinnig wäre.

Beispiel: „Das derzeit größte noch lebende Einhorn wiegt 30 kg.“ Wäre dieser Satz falsch, wäre sein Gegenteil, seine innere Verneinung, „Das derzeit größte noch lebende Einhorn wiegt nicht 30 kg“ (also mehr oder weniger), wahr. Wird also einem Nicht-Existenten eine Eigenschaft zugeschrieben, so handelt es sich weder um einen wahren noch um einen falschen Satz, auch keinen unsinnigen, denn die Bedeutung, den Sinn des Satzes versteht jeder Sprachkundige. Es handelt sich vielmehr um einen nicht entscheidbaren, nicht wahrheitsfähigen Satz.

Durch eine äußere Negation wird die Präsupposition übrigens aufgehoben: „Es ist nicht der Fall, dass das derzeit größte noch lebende Einhorn 30 kg wiegt.“ Diese äußere Negation kann zweierlei bedeuten: a) „Es gibt gar kein noch lebendes Einhorn“ oder b) „Es gibt noch lebende Einhörner, aber das derzeit größte lebende solche wiegt nicht 30 kg“.

Kann man ein Lügner sein, ohne zu lügen? – Manipulativer Präsuppositionsgebrauch

Was aber, wenn sich ein Mann und eine Frau, die beide auf Partnersuche sind, sich zu ihrem ersten Date treffen und er sagt, „meine kleine 12 Meter-Jacht liegt im Alten Hafen von Marseille“, er aber gar keine Yacht besitzt? Oder wenn sie sagt, „meine Eigentumswohnung ist eine 120 qm-Loftwohnung in der Hamburger Speicherstadt“, sie aber gar keine Eigentumswohnung hat? In beiden Fällen werden einem nicht-existenten Ding Eigenschaften zugeschrieben (Prädikationen vorgenommen), so dass in der Vorstellungswelt des Gegenübers auf Grund der Existenzpräsupposition, die hier in betrügerischer Absicht eingesetzt wird, Fehlvorstellungen gezielt erzeugt werden. Haben die beiden sich nun gegenseitig belogen oder nicht?

Strenggenommen haben beide nicht gelogen, denn der Lügner sagt a) etwas Falsches (eine Unwahrheit), von dem er b) selbst weiß, dass es falsch (nicht wahr) ist und das tut er c) deswegen, um den anderen in die Irre zu führen, um in ihm gezielt eine Fehlvorstellung zu erzeugen und zwar dauerhaft, nicht nur als kurzer Scherz, der sogleich aufgelöst wird.

Genau das tun die beiden hier. Sie erzeugen in dem jeweils anderen bewusst und vorsätzlich eine falsche Vorstellung. Und sie wissen ja auch, dass sie keine Yacht bzw. keine Loftwohnung besitzen. Aber es fehlt das erste Kriterium, sie sagen strenggenommen keine falschen Sätze, sie sagen nicht direkt die Unwahrheit. Gleichwohl sind es natürlich Betrüger. Sie lügen quasi nicht explizit, aber sie führen den anderen hinters Licht. Im Grunde könnte man sagen, wir haben es hier mit Lügnern zu tun, die aber nicht direkt lügen, sondern durch geschickte Formulieren, dieses vermeiden, gleichwohl aber gezielt Fehlvorstellungen bei anderen erzeugen. Falls Sie nun spontan an bestimmte Politiker oder Massenmedien denken sollten, so könnte das seine Gründe haben.

Wie man implizite Lügner stellen kann

Und solche Betrüger kann man natürlich relativ leicht dazu bringen, dass sie entweder die Wahrheit sagen oder aber direkt lügen müssen. Man muss einfach nur nachfragen. Z.B. „Du hast eine eigene Yacht, die dir gehört, die dein Eigentum ist?“ Wenn der andere jetzt auf die Frage direkt antwortet, so muss er entweder die Wahrheit sagen „Nein, ich habe keine eigene Yacht“ oder aber lügen „Ja, ich habe eine“. Antwortet er aber jetzt nicht direkt auf die Frage, so hat er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas zu verbergen. (Natürlich kann man das auch etwas subtiler und raffinierter machen und nicht so direkt fragen, sondern dem Betrüger durch geschickte Fragen immer mehr Fallen stellen, in denen er sich mit der Zeit immer tiefer verfängt und gar nicht mehr weiß, wie er da rauskommen soll.)

Somit kommen wir wieder einmal zu dem Ergebnis: Bei der Wahrheitsfindung liegt die vielleicht größte Kunst darin, die richtigen Fragen zu stellen.

*

Titelbild: YouTube-Screenshot aus Hamlet

**

Aktive Unterstützung: JFB ist vollkommen unabhängig, werbe- und kostenfrei (keine Bezahlschranke). Es kostet allerdings Geld, Zeit und viel Arbeit, Artikel auf diesem Niveau regelmäßig und dauerhaft anbieten zu können. Wenn Sie meine Arbeit entsprechend würdigen wollen, so können Sie dies tun per klassischer Überweisung auf:

Jürgen Fritz, IBAN: DE44 5001 0060 0170 9226 04, BIC: PBNKDEFF, Verwendungszweck: JFB. Oder über PayPal  5 EUR – 10 EUR – 20 EUR – 30 EUR – 50 EUR – 100 EUR

Werbeanzeigen