Peter J. Brenner & Josef Kraus: Höcke und wir – eine Grenzziehung

Von Peter J. Brenner & Josef Kraus, Do. 13. Jun 2019

Im Verlag Manuscriptum ist 2018 ein Interviewbuch des Thüringer AfD-Landtagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke mit einem Vorwort
des TUMULT-Herausgebers Frank Böckelmann erschienen: Nie zweimal in den selben Fluss. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig. Für uns als Stammautoren der »Vierteljahresschrift für Konsensstörung« TUMULT und der gleichnamigen Werkreihe gibt das Anlass, sich einmalig und abschließend dem Thema »Björn Höcke« zu widmen.

Was wir geschrieben haben, können wir verantworten, was wir nicht geschrieben haben, müssen wir nicht verantworten

Inhaber und Verleger der Zeitschrift TUMULT ist der selbständige Trägerverein »Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT«. Die Zeitschrift steht in keiner formellen Beziehung zum Manuscriptum Verlag. In diesem Verlag erscheint aber unter eigener Verantwortung des Herausgebers Frank Böckelmann als eine Art Imprint die Werkreihe TUMULT.

Höckes Buch ist also im gleichen Verlag erschienen wie unsere beiden Bücher: Peter J. Brenner, Fremde Götter (2017), und Josef Kraus, 50 Jahre Umerziehung (2018). Damit sind wir unbeabsichtigt institutionell in die Nähe dieses Politikers gerückt worden, sodass dem oberflächlichen Betrachter – und deren gibt es viele in Medien und Politik – der Eindruck einer und sei es auch nur entfernten Verwandtschaft entstehen könnte.

Nun ist es nicht unüblich, dass in Verlagen Bücher erscheinen, deren Verfasser nichts miteinander zu tun haben, und manchmal auch solche, deren Verfasser nichts miteinander zu tun haben wollen. Hier gilt: Für das, was ein Autor schreibt, ist er selbst verantwortlich, und für das, was ein Verleger publiziert, muss er selbst geradestehen. Das gilt für den Autor Höcke, das gilt für den Vorwortschreiber Böckelmann, das gilt für den Verleger Hoof, und es gilt auch für die Autoren Brenner und Kraus.

Was wir geschrieben haben, können wir verantworten, Wort für Wort und Satz für Satz, und was wir nicht geschrieben haben, müssen wir nicht verantworten. Und für das, was wir geschrieben haben, stellen wir uns jederzeit gerne einer Diskussion mit denen – aber auch nur mit denen –, die unsere Texte gelesen haben.

Höckes Buch ist eines von geradezu bestürzender Harmlosigkeit

Für Höckes Buch lassen wir uns indes nicht in die Pflicht nehmen, sehen aber auch keinen Grund, uns in irgendeiner Form davon zu distanzieren. In Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreisen bekommen wir oft genug vorgehalten, rechtspopulistische Publikationsorgane mit unseren Beiträgen zu adeln. Diesem Vorwurf akzeptieren wir nicht und stellen ihm die Aufforderung an unsere Kritiker entgegen, TUMULT und Manuscriptum-Bücher zu lesen und sich jenseits populistischer Schlagwörter selbst eine Meinung zu bilden. Aber leider gilt auch für so manche unserer persönlichen Kritiker: Was der Bauch nicht will, lässt der Kopf nicht rein.

Deshalb unterbleibt meistens jede argumentative Auseinandersetzung mit uns. Dass unser publizistisches Wirken durchaus spaltend wirkt, liegt in der Natur der Sache, da diese Republik insgesamt mit dem Herbst 2015 eine dramatische Spaltung erfahren hat, die sich selbst durch Familien hindurchzieht. Die hierdurch entstandenen Konflikte dürfen nicht beschönigt, sie müssen argumentativ ausgetragen werden, sonst kommt dieses Land nicht zur Ruhe.

Es besteht überhaupt kein Anlass, Bücher von der Publikation und damit von der öffentlichen Diskussion auszuschließen. Auch solche Bücher wie das Björn Höckes müssen publiziert werden, und außer den Anhängern des Autors sollte es auch Politiker,
Journalisten, Wissenschaftler geben, die sie gründlich studieren.

Die Empörungsdebatten über die Bücher von Thilo Sarrazin und Rolf Peter Sieferle haben gezeigt, dass man sich auch in höchsten Regierungs- und Medienämtern nicht geniert, den Ostrazismus von Büchern zu fordern, die man nicht gelesen hat. Das ist nicht unser Stil. Wer sich mit Höcke auseinandersetzen will, sollte sein Buch vorher lesen. Er wird enttäuscht werden, denn es handelt sich um ein Buch von einer geradezu bestürzenden Harmlosigkeit, das dem Ruf seines Autors als Bürgerschreck in keiner Weise gerecht wird. Wer anstößige Stellen sucht, wird in diesem Buch allenfalls mit einer – heute allerdings üblich gewordenen – äußersten Überdehnung einer Verdachtshermeneutik fündig werden.

Höckes Bedeutung liegt in seinem Geschick, mit minimalem Aufwand gewaltige Empörungswellen in der Medienlandschaft zu erzielen

Der politische Kern des Buchs ist ein ziemlich biederer »solidarischer Patriotismus«, der nicht gerade furchterregend wirkt, und der flankiert wird von einer gut bürgerlichen Halbbildung, die als Gewährsleute herbeizitiert, was gerade am Wegesrand liegt: Schopenhauer, Nietzsche, Buber, Heidegger; Karl Martell, Bismarck, Adenauer.

Außer dem Makel der Langeweile bietet das Buch wenig Ansatzpunkte für eine kritische Auseinandersetzung. Auf kuriose Weise erscheint Höckes Buch als eine auf rechts gewendete Neuauflage der 68erPolitik. Wer alt genug ist, wird sich noch erinnern an die »fundamentale Kritik des Bestehenden« – eine Formulierung Höckes, nicht Herbert Marcuses –, an die Unzufriedenheit mit dem »System«, an die auf die Zukunft gerichteten Heilserwartungen. Ernstnehmen kann man das bei Höcke genauso wenig wie die seinerzeitigen Phantasmagorien eines Ernst Bloch oder eines Herbert Marcuse. Damit kann man nichts anfangen, weder philosophisch noch politisch, weder damals noch heute. Deshalb können wir auch das Vorwort des TUMULT-Herausgebers zu Höckes Buch
nicht nachvollziehen. Aber das ist nicht unsere Sache.

Höckes Bedeutung liegt einzig in seinem Geschick, mit minimalem Aufwand gewaltige Empörungswellen in einer Medienlandschaft zu erzielen, die sich gerne provozieren lässt, um ohne jede journalistische oder intellektuelle Anstrengung Skandalisierungseffekte zu erzielen.

Höckes Buch hat keine Substanz, die Ansatzpunkte für eine politische Auseinandersetzung böte

Die Stimme der Vernunft zu Gehör zu bringen, ist immer ein schwieriges Geschäft gewesen. Weder ein Björn Höcke selbst noch die Auseinandersetzung mit ihm kann hierzu einen besonderen Beitrag versprechen. Höckes Buch hat keine Substanz, die Ansatzpunkte für eine politische Auseinandersetzung böte, aber es bietet auch keinen Anlass, Berührungsverbote oder Diskursausschlüsse zu fordern.

Derartige Ausschließungsmänover hat es in der letzten Zeit im Übermaß gegeben. Boykottaufrufe und Lektüre- wie Gesprächsverweigerungen haben auch im akademischen Milieu ein seit dem Untergang der DDR nicht mehr erreichtes Maß angenommen. Das musste schon der Verleger Wilhelm Hopf im April 2018 erfahren, dessen wirtschaftliche Existenz durch einen internationalen Boykottaufruf seiner
akademischen Verlagsautoren und -herausgeber bedroht wurde – ein in der jüngeren deutschen Wissenschafts- und Verlagsgeschichte beispielloser Vorgang.

Seit der »Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu
gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie« vom September 2018 sind alle Schleusen geöffnet. Die Universität Siegen meint diesem Vorbild folgen zu müssen, ebenso die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, und inzwischen fordert selbst eine »Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik«»der Zusammenschluss der Sozialethikerinnen und Sozialethiker im deutschsprachigen Raum« –, die vorher niemand
kannte, den Boykott der Zeitschrift Neue Ordnung nicht nur durch die »wissenschaftlichen Sozialethikerinnen und Sozialethiker«, sondern auch durch
wissenschaftliche Bibliotheken.

Die Werte der Aufklärung werden nicht von Höcke bedroht, sondern von denen, die sie in ihr Gegenteil verkehrt haben

Wir als Autoren der Vierteljahresschrift und der Werkreihe TUMULT stehen für eine andere Diskussionskultur. Dass wir jetzt via TUMULT, Manuscriptum und Höcke-Buch samt Böckelmann-Vorwort in eine politische Ecke gedrängt werden könnten, in
der wir nicht stehen, ängstigt uns keineswegs. Es belastet aber unsere politische und publizistische Anschlussfähigkeit zur konservativen, bürgerlichen und liberalen Mitte. Dem Anliegen dieser Mitte, deren Vitalisierung unsere publizistische und politische
Arbeit in erster Linie dienen soll, ist damit nicht geholfen.

In unseren Analysen der politischen und geistigen Situation der Zeit, die wir in TUMULT und anderswo veröffentlichen, stellen wir uns mit Gründen und Argumenten gegen die Verwerfungen eines Zeitgeistes, der die Tugenden, Einstellungen und Lebensformen
der bürgerlichen Mitte immer weiter an den Rand drängt. Die alten Werte der bürgerlichen Aufklärung, Toleranz und Kritik, Maß und Mitte, werden nicht von
einer politisch marginalen Person wie Höcke bedroht. Bedroht werden sie von denen, die sie sich widerrechtlich angeeignet in ihr Gegenteil verkehrt haben.

Literaturhinweise

Bildergebnis für Fremde Götter Religion in der Migrationsgesellschaft  Bildergebnis für 50 Jahre Umerziehung  Nie zweimal in denselben Fluß

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Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

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