Erste Berliner JFB-Runde: „Herr Gauland, aufwachen!“

Von Axel Stöcker, Mi. 04. Sep 2019, Titelbild: ANNE WILL-Screenshot

Die Berliner Runde ist legendär. Nirgendwo in der Politik wird so deutlich Klartext gesprochen wie dort. Nach dem letzten Wahltag in Sachsen und Brandenburg hat daher auch JFB als aufstrebendes Medium dieses Format aufgegriffen und eine eigene Berliner Runde angesetzt. Und damit das reibungslos abläuft, haben wir extra bei den Profis von der ARD ein Praktikum absolviert. Gerade was Fragetechniken und faire, unparteiische, ausgeglichene Gesprächsführung angeht, konnten wir da noch richtig was lernen. Axel Stöcker leitete die erste Berliner JFB-Runde.

Die erste Berliner JFB-Runde

JFB: Ich darf heute zur ersten Berliner JFB-Runde begrüßen: Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern und kommissarische Parteivorsitzende der SPD, Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer von (Bündnis 90/Die Grünen)und Alexander Gauland, Partei- und Fraktionsvorsitzender der AfD.

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ANNE WILL-Screenshot

Herr Haseloff, die erste Frage geht an Sie. In Sachsen konnte die CDU trotz Verlusten ihren ersten Platz verteidigen und kann voraussichtlich weiterhin den Ministerpräsidenten stellen. Sind Sie damit der Wahlsieger?

Haseloff: Ja, auf jeden Fall! Wie Sie bereits sagten, sind wir wieder stärkste Kraft und können dadurch jetzt unsere Wunschkoalition mit den Grünen und der SPD bilden.

JFB: Wunschkoalition? Aber so ganz einfach wird das ja nicht, oder?

Haseloff: Man muss eben klare Projekte definieren und dann kann man, wie ich in der ARD schon wörtliche sagte, „durchaus punkten in den nächsten Jahren, damit man die AfD noch deutlicher zurückdrängt.“ (hier ab 54:40).

JFB: Was meinen Sie mit „noch deutlicher zurückdrängen“? Das würde ja bedeuten, dass die AfD auch bei dieser Wahl schon zurückgedrängt wurde.

Gauland: Das ist ja wohl ein schlechter Witz. Wir haben doch deutlich zugeno…

JFB: Herr Gauland, sie sind noch nicht dran. Herr Kellner, Sie gelten als intellektuelles Schwergewicht Ihrer Partei. Wie analysieren Sie die Situation?

Kellner: Also, wir als Grüne haben immer gesagt, dass wir uns für das Klima und ganz klar gegen Hass und Hetze einsetzen.

JFB: Frau Schwesig, Ihre Partei, die SPD, hat in Sachsen erneut ganz souverän die Fünf-Prozent-Hürde genommen und ist in Brandenburg sogar stärkste Kraft. Da darf man gratulieren, nehme ich an?

Schwesig: Natürlich. Für mich war das entscheidende, dass „viele Menschen in Brandenburg und auch in Sachsen ganz klar die demokratischen Parteien gewählt haben“, wie ich am Wahltag schon sagte (hier ab 1:15:08).

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ANNE WILL-Screenshot

Gauland: Was soll denn das heißen „ganz klar wählen“? Man kann doch nur wählen oder nicht wählen, das ist doch…

JFB: Herr Gauland, sie sind noch nicht dran. Wie sehen sie das Herr Kellner?

Kellner: Also, wir als Grüne haben immer gesagt, dass wir uns für das Klima und ganz klar gegen Hass und Hetze einsetzen.

JFB: Herr Kellner, sie sind ja ebenfalls einer der Wahlsieger, denn Sie konnten in beiden Bundesländern zulegen. Wie haben sie das hinbekommen?

Kellner: Ich denke, es liegt daran, dass wir als Grüne immer gesagt haben, dass wir uns für das Klima und ganz klar gegen Hass und Hetze einsetzen.

Gauland: Herr Kellner sagt ja immer dasselbe!

JFB: Herr Gauland, sie sind noch nicht dran. Wie sehen Sie das Abschneiden der Grünen, Frau Schwesig?

Schwesig: Ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass viele Menschen in Brandenburg und auch in Sachsen ganz klar die demokratischen Parteien gewählt haben.

JFB: Und Sie Herr Haseloff?

Haseloff: Ja, ich denke, mit den Grünen zusammen können wir die AfD noch deutlicher zurückdrängen als an diesem Wahltag!

JFB: Ein weiterer Sieger dieses Wahltages, das sei an dieser Stelle erwähnt, ist die FDP, die bei beiden Wahlen ihren Stimmenanteil deutlich steigern konnte, auch wenn es nicht ganz gereicht hat. Kommen wir nun zu den Wahlverlierern: Herr Gauland …

Gauland (schläft): Chrrrr…

JFB: Herr Gauland !!!

Gauland (wacht auf): Oh, Verzeihung! Bin ich jetzt dran?

JFB: Herr Gauland, in beiden Bundesländern nur Nummer zwei, in Brandenburg das Ergebnis gerade mal so verdoppelt, in Sachsen nicht einmal ganz verdreifacht – wie groß ist ihre Enttäuschung?

Gauland: Also entschuldigen Sie, das finde ich jetzt schon eine sehr merkwürdige Fragestellung, denn…

Haseloff: Ist ja mal wieder typisch, diese Journalistenbeschimpfung. Gut, dass wir diese Partei noch weiter zurückdrängen werden.

Schwesig: Gleich wieder in der Opferrolle. (äfft nach) „Die Journalisten stellen mir böse Fragen. Mimimi…“ Das würden wir von den demokratischen Parteien niemals machen.

Kellner: Zum Klima nichts zu sagen haben, aber Hass und Hetze gegen Journalisten betreiben! Dass die unabhängig sind und fragen dürfen, was und wie sie wollen, hat sich bei der AfD wohl noch nicht rumgesprochen.

JFB: Herr Gauland, wäre die AfD als Wahlverlierer denn überhaupt bereit, eine bürgerliche Koalition mit der CDU einzugehen?

Gauland: Ja, also grundsätzlich…

Haseloff: Moment Mal! So können Sie nicht fragen! Das geht auf gar keinen Fall! Die AfD ist ja wohl nicht bürgerlich. Sie ist eine Partei, die noch weiter zurückgedrängt werden muss!

Schwesig: Rechtsextremisten kann man nicht als „bürgerlich“ verharmlosen, das sollte ja wohl klar sein. Ich verlange im Namen aller demokratischen Parteien eine Umformulierung der Frage!

Gauland: Aber haben Sie nicht gerade gesagt, Journalisten seinen unabhängig und…

Kellner: Herr Gauland, Sie halten sich da raus! Sie verstehen von Journalismus so wenig wie vom Klima. Hören Sie endlich auf mit Ihrer Hetze!

Gauland: Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass das Ergebnis der SPD in Sachsen im Vergleich mit dem unserem, nicht mehr ist als ein Vogelschiss.

Schwesig: Sie bezeichnen unsere Wähler als Exkremente??? Das ist eine Entgleisung! Menschenverachtend! Wählerbeschimpfung ist das! Da brauchen Sie sich nicht wundern, dass wir uns mit dem Pack, das Sie wählt, gar nicht abgeben!

Gauland: Nein, nicht die Wähler. Ich habe nur…

Haseloff, Schwesig und Kellner: NAZIS RAUS!! NAZIS RAUS!! NAZIS…

Gauland: Das ist ja albern! Sie machen Sie ja lächerl…

JFB: Ruhe bitte! Ruhe! Herr Gauland, ich möchte Sie dringend bitten, die anderen Gesprächsteilnehmer nicht ständig zu provozieren und zu unterbrechen. Ich werde das nicht länger dulden! Bevor das hier weiter eskaliert, kommen wir lieber zur Schlussrunde. Welches Thema sollte die Politik nach diesem Wahltag als nächstes angehen? Herr Haselhoff?

Haselhoff: Also, wichtig wäre in meinen Augen, dass wir die AfD noch deutlicher zurückdrängen, als wir es an diesem Wahltag schon geschafft haben.

JFB: Interessanter Standpunkt! Frau Schwesig?

Schwesig: Mir wäre wichtig, dass noch mehr Menschen ganz klar die demokratischen Parteien wählen!

JFB: Natürlich, auf jeden Fall! Vielen Dank, Frau Schwesig, dass Sie darauf nochmals hingewiesen haben. Herr Kellner?

Kellner: Also, wir als Grüne haben immer gesagt, dass wir uns für das Klima und ganz klar…

JFB: … gegen Hass und Hetze einsetzen. Ist schon klar. Ganz wichtiger Punkt! Herr Gauland?

Gauland (schläft): Chrrrr….

JFB: Meine Dame, meine Herren, wir bedanken und für diese aufschlussreiche Diskussion! Bis zur nächsten Berliner-JFB-Runde nach der Thüringen-Wahl.

*

Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren und Satiren an.

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