Prof. Salzborn: 9/11 war der Auftakt des ersten „echten Weltkriegs“

Von Jürgen Fritz, Mi. 11. Sep 2019, Titelbild: YouTube-Screenshot

Die Terrorangriffe vom 11. September 2001 auf die USA eröffneten auch eine neue Offensive des Antisemitismus. Davon ist der Politologe Professor Samuel Salzborn überzeugt. Und er macht deutlich: Mit 9/11 begann der erste „echte Weltkrieg“. Bei diesem stehe nichts Geringeres auf dem Spiel als das Leben des freien Menschen.

Der Kampf um die Verfasstheit der Welt, die nach homogen-identitären Kriterien neu geordnet werden soll

Heute vor 18 Jahren, am 11. September 2001 wurden mittels Flugzeugentführungen und anschließenden Selbstmordattentaten auf wichtige zivile und militärische Gebäude in den Vereinigten Staaten von Amerika vier koordinierte Terroranschläge verübt. Geplant und verübt wurden diese vom islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida. Die Täter waren 19 al-Quaida-Mitglieder, darunter 15 Saudi-Araber. Die Ereignisse dieses Tages bilden ein Zäsur in der modernen Geschichte. Sie werden in den USA auch kurz als Nine-Eleven oder 9/11 bezeichnet.

Prof. Dr. Samuel Salzborn, Gastprofessor am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und apl. Professor für Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, veröffentlichte dazu einen, wie ich finde, bemerkenswerten Essay in der taz, der im folgenden skizziert werden soll.

Natürlich haben schon vor 9/11 militärische und paramilitärische Auseinandersetzungen zunehmend eine asymmetrische Form angenommen, in welcher nicht mehr eindeutig voneinander abgrenzbare Kriegsparteien miteinander Krieg führten, konstatiert Samuel Salzborn in seinem Essay. Die beteiligten Parteien kämpfen dabei nicht um die Geltung einer staatlichen Verfassung. Selbst bei Bürgerkriegen liege das Ziel vor allem darin, die jeweils gültige durch eine alternative Verfassung zu ersetzen. Hier aber gehe es um etwas anderes, viel Größeres: Gekämpft werde um nichts Geringeres als die Verfasstheit der Welt, die nach homogen-identitären Kriterien neu organisiert werden soll.

Der erste „echte Weltkrieg“

Die Auswahl der Ziele der Anschläge von 9/11, so Samuel Salzborn weiter, galt der westlichen Welt als solcher. Es sei nicht nur ein Anschlag auf die USA, sondern ein Anschlag auf die durch sie verkörperten Werte von Freiheit und Gleichheit, auf die Aufklärung und die Moderne gewesen. Und: ein antisemitischer Anschlag. Denn alles, was im islamistischen Weltbild abgelehnt wird, letztlich jüdisch identifiziert werde.

Es sei der Beginn einer Revolution gewesen, an deren Ende eine islamistisch unterworfene Welt stehen soll, in welcher sämtliche ­Errungenschaften von Aufklärung, Moderne und Demokratie zerstört und sämtlicher emanzipativer Fortschritt zum Stillstand gebracht werden soll.

Die russische Tageszeitung Известия (Iswestija) habe schon 2002 sehr weitsichtig davor gewarnt, dass es sich bei dem internationalen Terrorismus um den ersten „echten Weltkrieg“ handele. Er finde überall auf der Welt statt. Die Zeitung betonte, dass die menschliche Zivilisation mit dieser terroristischen Bedrohung einen gemeinsamen Feind habe: Das Leben des freien Menschen als wichtigster Kostbarkeit der Zivilisation.

Rechtsextreme Bewegungen reproduzieren das Weltbild des Islamismus spiegelbildlich, beide sind gegen das Individuum gerichtet

Dieser „echte Weltkrieg“ sei gekennzeichnet durch seine Entgrenzung sowohl territorial wie auch auch weltanschaulich. Er spalte Gesellschaften in Teile, die sich emanzipatorischen und aufklärerischen Werten verbunden fühlten, und solche, die Homogenität und Identität als Zwangssysteme etablieren wollten. Letzteres verfolgten dabei nicht nur die Islamisten sondern auch gerade in Europa und Amerika auch rechtsextreme Bewegungen, die das Weltbild des Islamismus spiegelbildlich reproduzieren.

Eine weitere Gemeinsamkeit dieser beiden Seiten des Spiegels: der Wille zur antisemitischen RevolutionDer antisemitische Krieg verbinde Identitäre auf aller Welt miteinander. Die Revolution der Antisemiten sei mal völkisch bestimmt, mal islamistisch, in jedem Fall aber antiaufklärerisch und gegen das Individuum als Subjekt gerichtet.

Auf dem Spiel steht die wichtigste Kostbarkeit der Zivilisation: die Freiheit

Die liberale, aufgeklärte Welt befinde sich in der Defensive. Was sie bräuchte, sei eine emanzipatorische Bewegung, welche nicht ohne und schon gar nicht gegen den Westen möglich sei. Die neuen identitären Bewegungen aber bildeten sich nicht nur in der politischen Rechten, sondern auch in der Linken. Diese hetzten in Europa massiv gegen die einzige Demokratie im Nahen Osten (Israel) und machten dabei sogar gemeinsame Sache mit Islamisten und Neonazis, wenn es nur gegen den gemeinsamen Feind gehe.

9/11 sei für diesen Entgrenzungsprozess zwar nicht der Auftakt, aber der historische Kristallisationspunkt gewesen, das seismografische Zentrum, von dem aus die bestehende Weltordnung tatsächlich infrage gestellt wurde und die alleinige Hegemonie der amerikanischen Supermacht objektiv gebrochen wurde. An diesem Tag sei die Verwundbarkeit der westlichen Welt deutlich geworden, was zur Mobilisierungsfolie für die Kräfte der Gegenaufklärung weltweit diente. Im Kern aber stecke die antisemitische Revolution. Letztlich stehe alles auf dem Spiel, was die Iswestija als „wichtigste Kostbarkeit der Zivilisation“ bezeichnet habe: das Leben des freien Menschen.

Lesen Sie hier den kompletten Essay von Samuel Salzborn: Die antisemitische Revolution.

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