Polizist: Ich griff in die Klinge hinein, um von Weizsäcker zu schützen

Von Jürgen Fritz, Sa. 23. Nov 2019, Titelbild: WELT-Screenshot

Eigentlich wollte der LKA-Beamte einfach nur einen Gesundheitsvortrag von Prof. von Weizsäcker anhören zum Thema Fettleber. Seine Frau hatte ihn dazu überredet, da er abnehmen wollte. Doch dann kam alles ganz anders. Er wurde zum Helden, der aber den Mord an Fritz von Weizsäcker trotz unglaublichem persönlichen Einsatz dennoch nicht verhindern konnte. Jetzt erzählt er, was am Dienstagabend genau abgelaufen ist.

Gregor S. hat von Weizsäcker mit gezielter Tötungsabsicht attackiert

Ferrid B. heißt der 33 Jahre alte Berliner Polizist, der diese Woche ins Licht der Öffentlichkeit gelangte, als er alles versuchte, um den Messerangriff auf Prof. Fritz von Weizsäcker abzuwehren. Gegenüber der BILD und der B.Z. erzählte er nun, wie er das schreckliche Verbrechen erlebte.

Eigentlich wollte er ja nur den Vortrag des Arztes anhören. Seine Frau habe ihn dazu überredet. Er habe gesünder leben und abnehmen wollen, erzählt er. Fritz von Weizsäcker, der Sohn des 2015 verstorbenen Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der seit 2005 als Chefarzt auf der inneren Abteilung des privaten Krankenhauses tätig war, sei sehr hilfsbereit gewesen. Für Freitag habe es auch schon eine Terminvereinbarung gegeben, um über die Chancen einer gesünderen Ernährung zu sprechen.

Der Angriff ereignete sich, als Weizsäcker seinen Vortrag bereits beendet hatte. Das erklärt nun auch, warum Gregor S. so lange damit wartete und sich den kompletten Vortrag anhörte. Denn jetzt war es offensichtlich viel leichter, nah genug an den Arzt heranzukommen, den er auserkoren hatte, an diesem Tag zu sterben.

Unmittelbar nach dem Vortrag habe er noch kurz mit Weizsäcker gesprochen, schildert  der vierfache Familienvater den Ablauf. Der Arzt habe aufmerksam und konzentriert zugehört. Beide standen direkt nebeneinander, als der Täter plötzlich aufgetaucht sei. Dieser habe Weizsäcker „mit gezielter Tötungsabsicht“ attackiert.

„Ich griff in die Messerklinge hinein, um zu verhindern, dass er weiter auf den Arzt einstechen kann“

„Der Täter erschien urplötzlich und griff gezielt und mit klarer Tötungsabsicht den Doktor an. Von Weizsäcker bewegte sich fluchtartig links an mir vorbei. Mir war klar, dass ich handeln musste – auch, um die älteren Damen und Herren in der Reihe hinter mir zu beschützen“, erzählt Ferrid B., dem, wie er sagt, klar war, einfach so handeln zu müssen als Polizist und als Mensch, wie er sagt.

Ich stellte mich vor den Angreifer, packte ihn an den Armen und griff in die Messerklinge hinein, um zu verhindern, dass er weiter auf den Arzt einstechen kann. Ich erlitt dabei tiefe Schnittwunden.“ Doch Gregor S. konnte sich losreißen und stach nun auch noch auf den Polizisten ein, traf diesen am Hals und am Brustkorb, hätte also leicht auch ihn tödlich treffen können.

„Ich gab alles, um das Messer aus seiner Hand zu bekommen“, erzählt Ferrid B. weiter.  „Ich nahm meine zweite Hand, um ins Messer zu greifen, um es ihm aus der Hand zu reißen. Bei dem Gerangel fielen wir beide über die Stühle der ersten Sitzreihe auf den Boden.“ 

Nach der Tat begann der Mann wirres Zeug zu reden

Dabei darf man die Energie, die dieser schmächtige Mann zu entwickeln vermochte, wohl nicht unterschätzen: Er hatte so enorme Kraft entwickelt, dass ich zunächst dachte, dass ich es nicht schaffen werde.“ Schließlich habe er dem Täter aber die Waffe entreißen können. Dann griffen weitere Besucher des Vortrags ein und halfen den Messerangreifer zu überwältigten.

Dann habe der Mann angefangen, den Polizisten, den er so schwer verletzte und der ihn schließlich zusammen mit den anderen überwältigt hatte, anzusprechen. „Er fing an mich anzusprechen. Er erzählte wirres Zeug. Er sagte, dass er sich in einem Blutrausch befunden habe und ‚Orange blue‘ eingenommen habe.“ Was er damit meinte, habe zunächst niemand verstanden.

Erst jetzt bemerkte ich wie schwer die Verletzungen des Doktors waren. Der Angreifer machte keine Anstalten zu fliehen. Er äußerte, dass er weiß, dass er für lange Zeit weggesperrt wird“, so der Polizist abschließend. Bevor er wenig später zusammenbrach, gelang es ihm noch, den Notruf zu wählen. Kurze Zeit später sei die Polizei gekommen und habe den Mann abgeführt. Ferrid B. brach nun, da die Stresssituation vorüber war, zusammen und wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht, wo er mehrfach operiert werden musste.

Ein Toter und ein Schwerverletzter

Ferrid B. hat bei seinem todesmutigen und verzweifelten Rettungsversuch tiefe Schnittwunden an den Händen sowie Verletzungen an Hals und Brust erlitten. Kurz darauf wurde er operiert und später noch ein zweites Mal. Er liegt noch immer im Krankenhaus. Auf einem Foto in der BILD sieht man ihn mit schwer bandagierten Händen und Unterarmen sowie einem Verband am Hals auf dem Bettrand sitzen.

Besonders tragisch dabei: Trotz seiner unglaublich selbstlosen Anstrengungen gelang des dem Polizisten nicht, den 59-jährigen Fritz von Weizsäcker zu retten. Der Angreifer hatte ihn bereits so schwer am Hals getroffen, dass der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, noch unmittelbar am Tatort an den Halsverletzungen verstarb.

Gregor S. soll ein Einzelgänger gewesen sein. Er sei regelmäßig in asiatische Länder gereist, mit denen er sich verbunden fühlte. Vorbestraft war er nicht. Bei seiner polizeilichen Vernehmung soll er sich auf die Arzthelferin Adelheid S. bezogen haben. Diese hatte im April 1990 bei einer Wahlkampfveranstaltung auf den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine ebenfalls mit einem Messer eingestochen und ihn lebensgefährlich am Hals verletzt. Alles weitere zum Motiv des Täters siehe hier.

Gregor S. wird entweder der Gerichtsprozess gemacht oder er kommt direkt in den Maßregelvollzug, eventuell lebenslang

Die Kriminalpolizei ermittelt nun wegen Mordes und versuchten Mordes. Entweder wird die Staatsanwaltschaft Anklage erheben, so dass es zu einem Gerichtsprozess kommen wird, bei welchem die Schuldfähigkeit des Angeklagten untersucht wird. Oder aber die Staatsanwaltschaft geht schon zuvor davon aus, dass der Mann nicht zurechnungsfähig ist. Dann wird sie direkt die Feststellung der Schuldunfähigkeit beantragen und Gregor S. wird in einer psychiatrischen Anstalt dem Maßregelvollzug (forensische Psychiatrie) überführt.

Der Maßregelvollzug ist kein Gefängnis, sondern Teil eines psychiatrischen Krankenhauses. Die Mauern dort sind in der Regel aber genauso hoch wie im Gefängnis. Die Unterbringung von psychisch schwer kranken Straftäter ist im Gegensatz zum Gefängnis unbegrenzt. Bei der zuständigen Strafvollstreckungskammer am Landgericht wird jährlich überprüft, ob die Unterbringung noch gerechtfertigt ist. Dabei entscheidet nicht die Heilung einer Erkrankung über die Entlassung, sondern die reduzierte Gefährlichkeit. Ist diese nicht gegeben, kann die Unterbringung lebenslang sein.

Dank an diesen mutigen Polizisten!

Zu hoffen ist, dass die körperlichen und auch seelischen Verletzungen dieses mutigen und selbstlosen Polizeibeamten nicht lebenslang sein werden. Seinem Einschreiten kann, auch wenn es letztlich leider nicht von Erfolg gekrönt war, was nicht in seiner Macht stand, gar nicht hoch genug eingeschätzt und honoriert werden. JFB wünscht die allerbeste Genesung und alles nur erdenklich Gute! Haben Sie vielen Dank für Ihren Einsatz, Ferrid B.!

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