Corona-Pandemie: Bald 60 Mio. Infizierte und Mio. Tote allein in Deutschland?

Von Jürgen Fritz, Sa. 21. Mär 2020, Titelbild: Worldometer-Screenshot

Deutschland hat am Freitag mit über 4.528 registrierten Neuinfizierten nach Italien (fast 6.000) und den USA (5.851) den größten registrierten Zuwachs weltweit. Insgesamt haben wir jetzt zum Stand Freitagabend 19.848 nachgewiesene Infektionen – fast ein Viertel so viele wie China mit bald 1,4 Milliarden Menschen ausweist. Nur China (über 81.000), Italien (über 47.000) und Spanien (über 21.500) haben mehr ausgewiesene Infizierte als wir, der Iran und die USA haben ähnlich viele. In den Vereinigten Staaten stieg die Zahl gestern enorm an, fast so sehr wie in Italien. Hinzu kommen in allen Ländern die Dunkelziffern, die in den meisten Ländern höher liegen dürften als in Deutschland oder Südkorea. Was kommt auf Deutschland und die Welt zu und was müssen wir jetzt tun?

Bleibt es bei dieser Ausbreitungsgeschwindigkeit, wäre Deutschland in gut einem Monat komplett durchseucht

In Italien stieg auch die Anzahl der an einem Tag an COVID-19 Verstorbenen noch weiter auf erstmals über 600 an. Sollte in Deutschland das Wachstum der Zahl der Infizierten der letzten Tage mit einem Plus von ca. 30 Prozent pro Tag so weiter gehen, so hätten wir in 30 Tagen über 52 Millionen Infizierte (1,3 hoch 30 mal 19.848 = 52.001.674). Sie können das ganz leicht selbst berechnen.

Wenn sich die Zahl der insgesamt Infizierten alle drei Tage verdoppelt (das entspricht einem Zuwachs von 26 Prozent pro Tag, 1,26 hoch 3 = 2,0), dann sähe das wie folgt aus.  Um es besser zu veranschaulichen, runde ich die 19.848 von gestern Abend auf 20.000 auf.

  • 20.03.2020 (Freitagabend): 20.000
  • nach 3 Tagen: 40.000
  • nach 6 Tagen: 80.000
  • nach 9 Tagen: 160.000
  • nach 12 Tagen: 320.000
  • nach 15 Tagen: 640.000
  • nach 18 Tagen: 1,28 Mio.
  • nach 21 Tagen: 2,56 Mio.
  • nach 24 Tagen: 5,12 Mio.
  • nach 27 Tagen: 10,24 Mio.
  • nach 30 Tagen: 20,48 Mio.
  • nach 33 Tagen: 40,96 Mio.
  • nach 34 Tagen: 51,61 Mio.
  • nach 35 Tagen: 65 Mio.

Wenn die Zuwachsrate 26 statt 30 Prozent beträgt, dann dauert es also ca. vier Tage länger bis die 52 Millionen erreicht sind und nach ca. fünf Wochen wäre dann Schluss mit der Verbreitung des Virus in Deutschland. Bei ca. 60 Millionen wäre quasi ganz Deutschland innerhalb von etwas mehr als einem Monat weitgehend durchseucht. Was aber würde das bedeuten? Warum wäre das so schlimm, wenn das Virus sich doch sowieso irgendwann ausgebreitet und 60, 70 oder 75 Prozent der Bevölkerung erreicht haben wird? Eine so schnelle Ausbreitung wäre deshalb so schlimm, weil das zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems mit unzähligen Toten führen würde. Weshalb das?

Bei 3 Mio. lebensbedrohlich Erkrankten auf einmal und nur 28.000 Intensivbetten bräche unser Gesundheitssystem zusammen

Etwa 80 bis 85 Prozent der Infektionen mit dem neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 verlaufen mit geringen oder gar keinen Symptomen. 15 bis 20 Prozent der Infektionen zeigen einen schweren Verlauf der Lungenerkrankung Covid-19. Nicht alle sind aber so schwer, dass sie im Krankenhaus auf die Intensivstation und beatmet werden müssen. Diese Gruppe ist diejenige, die besonders gefährdet ist: diejenigen, bei denen Covid-19 nicht nur einen schweren Verlauf nimmt und die ins Krankenhaus müssen, sondern bei denen die Erkrankung lebensbedrohlich ist. Das ist in ca. 5 Prozent der Fälle, wenn es zu einer Infektion mit SARS-CoV-2 gekommen ist, der Fall.

Wenn also 100 Personen infiziert wurden, dann merken 80 bis 85 nicht sehr viel davon, 15 bis 20 haben heftige Symptome und ca. 5 müssen nicht nur ins Krankenhaus, sondern dort auf die Intensivstation und müssen beatmet werden. 5 Prozent von 60 Millionen Infizierten sind aber 3 Millionen. Und diese 3 Millionen stünden dann ungefähr 28.000 Betten auf Intensivstationen (34 pro 100.000 Einwohner) gegenüber, 25.000 davon mit Beatmungsgeräten. Zum Vergleich: die USA haben weniger als 100.000 Betten auf Intensivstationen und Beatmungsgeräte und das auf knapp 330 Millionen Einwohner (ca. 30 pro 100.000 Einwohner), sind also im Verhältnis schlechter ausgestattet als Deutschland.

Selbst wenn wir die 28.000 Betten auf Intensivstation und die 25.000 Beatmungsgeräte in Deutschland kurzfristig auf 30.000 aufstocken könnten, so würde das bedeuten: auf 100 lebensbedrohlich Covid-19-Erkrankte, die beatmet werden müssen, kommt nur ein einziges Bett und Beatmungsgerät. 99 von 100 Menschen könnte somit gar nicht geholfen werden. Die Menschen würden auf Gängen liegen und einfach wegstreben, ohne dass sich jemand um sie kümmern könnte. Man kann sich die psychische Belastung für das Krankenhauspersonal vorstellen, die 99 von 100 Patienten einfach sterben lassen müssen. Und sie müssen dann ja entscheiden, diesen einen behandle ich, die anderen 99 lasse ich liegen, überlasse ich seinem Schicksal. Und das würde in den allermeisten Fällen bedeuten: dem Tod.

Selbst wenn sich nach fünf Wochen die ersten dann schon wieder erholt haben und nicht mehr beatmet werden müssen, wenn wir es schaffen, dass sich das Ganze quasi auf zwei Erkrankungswellen verteilt, so müsste man immer noch 98 von 100 ihrem Schicksal überlassen. Hier sehen Sie entsprechende Berechnungen für die USA:

Chart 4

Die rote Linie zeigt die Anzahl der Intensivbetten, die zur Verfügung stehen, und die blaue Fläche zeigt die Zahl der Intensivpatienten, welche sich immer weiter auftürmt und weit über der Zahl der möglichen Behandlungen liegt. (Die schraffierte Fläche zeigt die Zahl derer, die so schwere Symptome haben, dass sie ins Krankenhaus, aber nicht auf die Intensivstation müssen.)

Wenn wir nichts gegen die schnelle Verbreitung täten, drohten uns ca. 2,7 Millionen Corona-Tote

Die Letalität (Verhältnis der Todesfälle zur Anzahl der Erkrankten) würde von derzeit ca. 0,2 bis 0,3 auf 4 bis 5 Prozent steigen, weil ja von den 5 Prozent lebensbedrohlich Erkrankten nur ein oder zwei von hundert, also nur 0,05 bis 0,1 Prozent überhaupt behandelt werden könnten. 4,9 bis 4,95 Prozent dieser 5 Prozent, dieser 3 Millionen Menschen, könnte man ja gar nicht behandeln, weil dafür keine Kapazitäten vorhanden wären. Die würden wohl nicht alle sterben, einige wenige würden es auch ohne Behandlung schaffen zu genesen, die meisten aber wären dem Tode geweiht.

Und so ähnlich war es auch in Hubei in China, wo die Epidemie so heftig war, dass die Krankenhäuser gar nicht mehr hinterher kamen. Hier betrug die Letalität ca. 4,5 Prozent aller Infizierten. 4,5 Prozent würde in Deutschland bei 60 Millionen Infizierten innerhalb von wenigen Wochen bedeuten: 2,7 Millionen Tote. Hinzu kämen noch die Kollatoralschäden: Menschen, die an anderen schweren Krankheiten leiden und nicht behandelt werden könnten, weil die Corona-Fälle die Kapazität voll aufbrauchen.

Ähnliche Berechnungen für die USA, die fast viermal so viele Einwohner hat wie Deutschland (knapp 330 statt 83 Millionen), zeigen: Hier kam man auf etwa 11,5 Millionen Tote, wenn die Regierung nichts unternehmen würde, um die Verbreitung des Virus radikal einzuschränken:

Chart 3

Das Problem ist also, dass die Kapazitäten nicht ausreichen, um die lebensbedrohlich erkrankten Menschen zu behandeln, wenn es zu viele auf einmal sind. Die Letalität, die in Deutschland bisher erfreulicherweise nur bei ca. 0,2 bis 0,3 Prozent liegt – das ist im Vergleich zu anderen Ländern sehr wenig! – würde dann auf bis zu ca. 4,5 Prozent hochschnellen, sich mithin etwa verfünfzehn- oder verzwanzigfachen. Und im Extremfall würden dann bis zu 2,7 Millionen Menschen alleine in Deutschland an Covid-19 sterben. Das wären etwa 108 mal so viele wie in der schlimmsten Grippesaison, die wir in den letzten Jahrzehnten je hatten (ca. 25.000 im Jahr 2017/18).

Was wir jetzt tun müssen

Genau das gilt es jetzt zu verhindern. Ziel muss sein, dass die Zahl der extrem schwer verlaufenden, der lebensbedrohlichen Fälle (ca. 5 Prozent der Infizierten) nie deutlich über der Anzahl der Intensivbetten und Beatmungsgeräte liegt, so dass die meisten Menschen, die an Covid-19 sehr schwer erkranken, gerettet werden können und die Letalität nicht auf 4 bis 5 Prozent hochschnellt, sondern bei unter 0,5 Prozent oder noch besser bei 0,3 Prozent bleibt. Vielleicht kann sie bei entsprechendem harten Gegensteuern sogar noch niedriger liegen, wenn es uns gelingt, in den nächsten Monaten Impfstoffe zu entwickeln. Insofern dürften Ausgangsbeschränkungen eine sinnvolle und notwendige Maßnahme sein, um dieses Ziel zu erreichen, um viele, viele Menschenleben zu retten.

Es geht also darum, alleine in Deutschland Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschenleben zu retten und es ist ein Kampf für mehr Zeit, den wir nur zusammen gewinnen können, indem möglichst viele mithelfen, die Verbreitung des Virus zu stoppen oder zumindest deutlich zu drosseln. Alle anderen Länder und Kontinente werden genau die gleichen Probleme bekommen, so sie sie nicht schon haben. Die Länder befinden sich nur in unterschiedlichen Phasen der Pandemie. Und wir müssen alle zusammen gegen die Zeit kämpfen, die Verbreitung entschleunigen, um möglichst alle Erkrankten behandeln und an Impfstoffen und Medikamenten forschen zu können. 

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