Wolfgang Kubicki bei Markus Lanz: eine Offenbarung der Inkompetenz

Von Jürgen Fritz, Do. 16. Apr 2020, Titelbild: ZDF-Screenshot

Eines wurde gestern Abend in der Sendung von Markus Lanz überdeutlich: Der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP Wolfgang Kubicki hat in der größten Krise seit 75 Jahren selbst jetzt, Mitte April, das eigentliche Problem noch gar nicht wirklich verstanden, möchte aber gleichwohl über die Bekämpfung dessen, was er nicht erfasst hat, mitbestimmen. Das gestern war ein Offenbarungseid, der deutlich macht, warum die FDP selbst für halbwegs umsichtige, verantwortungsbewusste, liberal gesinnte Menschen inzwischen unwählbar geworden ist.

Kubicki hat die gesamte Problematik nicht ansatzweise verstanden, geht von einer Todeszahl von 18.000 aus

Die Markus Lanz-Sendung von gestern Abend, dem 15.04.2020, war in Sachen Coronakrise und wie wir damit umgehen können, eine Offenbarung. Karl Lauterbach (SPD), promovierter Mediziner und Epidemiologe, und die Virologin Prof. Melanie Brinkmann zeigten hierbei eine Kompetenz, eine Umsichtigkeit und Souveränität, wie man sich das nur wünschen kann. Und sie erklärten die Problematik und auch den möglichen Lösungsweg ganz exzellent.

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Genau das Gegenteil stellte dagegen Wolfgang Kubicki (68), seines Zeichens stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP dar. Immer wieder mussten Lauterbach und Brinkmann ihn korrigieren und sie hätten das noch öfter tun können. So meinte Kubicki beispielsweise, die Sterblichkeitsrate (Letalität) von 0,37 Prozent, die Professor Streeck in einer Mini-Stichprobe in Heinsberg ermittelt hat, würde sich nur auf die Problemgruppe der besonders Alten beziehen und nicht auf alle Infizierten. Kubicki sagte zu Karl Lauterbach wörtlich (ab Minute 1:00:20):

»Sie können nicht die Gesamtpopulation nehmen bei Ihren Berechnungen, sondern Sie müssen immer kucken, wie hoch ist die Mortalitätsrate jeweils nach Alter und Vorerkrankungen. Dann stellen Sie fest, dass Sie nicht 0,5 (Prozent) nehmen können von 60 Millionen Deutschen, sondern 0,5 (Prozent) von 3,6 Millionen.«

Das ist natürlich vollkommen falsch und zeigt, wie wenig Kubicki die Problematik versteht. Kubicki geht von einer maximalen Todeszahl von ca. 18.000 Personen in Deutschland aus (0,5 Prozent von 3,6 Millionen). Die 0,5 Prozent Letalität beziehen sich aber auf ALLE Infizierten, nicht nur auf die Risikogruppen. Bei den Risikogruppen, älteren Menschen und solche mit relevanten Vorerkranungen, ist die Letalität sehr viel höher!

Das tatäschliche Risiko liegt nicht bei 18.000 Toten, sondern bei ca. 1,1 bis 1,6 Millionen Toten in Deutschland

Und 0,5 Prozent bedeuten – wenn wir davon ausgehen, dass die Ausbreitung des Virus nicht erst bei 100 Prozent Durchseuchung der Bevölkerung endet, sondern spätestens bei um die 65 Prozent, dass also nur knapp zwei Drittel der Bevölkerung sich SARS-CoV-2 überhaupt einfängt -,  bei 65 Prozent von 83 Millionen Menschen = 0,5 Prozent von ca. 54 Millionen und nicht von 3,6 Millionen. 0,5 Prozent von 54 Millionen sind aber 270.000 Tote und nicht 18.000.

Das heißt, das tatsächliche Risiko ist 15 mal höher als von Kubicki veranschlagt, sprich der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP unterschätzt die Dimension des Problems vollkommen (!) und versteht daher natürlich auch nicht die Notwendigkeit der getroffenen Maßnahmen, ja hat überhaupt keine Grundlage für eine Einschätzung der Verhältnismäßigkeit dieser.

Hinzu kommt, dass die Letalität, also die Sterblichkeit aller Infizierter, nicht bei 0,37 oder 0,5 Prozent bleiben muss. Sobald in Deutschland nicht nur 3.000, 5.000 oder 10.000 Schwerstverläufe gleichzeitig auftreten, die beatmet werden müssen, sondern 30.000, 50.000 oder 100.000, dann wird die Letalitätsrate förmlich nach oben schießen, weil viele gar nicht beatmet werden können, sondern aus einem Mangel an Kapazität ihrem Schicksal überlassen werden müssen. Dann aber sprechen wir ganz schnell von Sterberaten von 1, 2 oder 3 Prozent von bis zu 54 Millionen Menschen, das heißt, dann ginge es ganz schnell über eine Million Tote hinaus, womöglich sogar weit. Das tatsächliche Risiko liegt also um den Faktor 60 (1,08 Millionen) bis 90 (1,62 Millionen) höher als von dem FDP-Vize vermutet.

Fazit

All das ist Kubicki, der aber gleichwohl darüber mit entscheiden möchte, welche Maßnahmen in Schleswig Holstein getroffen werden und welche nicht, offensichtlich nicht einmal ansatzweise klar. 

Die FDP, die nicht umsonst von knapp 11 auf 5,4 Prozent runter rauschte, gibt seit Wochen und Monaten ein desaströses Bild ab und das nicht nur in Bezug auf ihren Bundesvorsitzenden Christian Lindner. Das sage ich als jemand, der die FDP fast 20 Jahre lange wählte (1998 bis ca. 2015/2016). Eine Partei, die in einer Krise diesen Ausmaßes selbst nach Wochen und Monaten (!) nicht einmal das Problem erfasst hat, ist nicht nur völlig unfähig, mit ihm adäquat und verantwortungsbewusst umzugehen, sie ist schlicht unwählbar.

Reaktionen der TV-Zuschauer auf Twitter

All das ist natürlich auch vielen anderen nicht verborgen geblieben. Hier einige Reaktionen:

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Die Markus Lanz-Sendung vom 15.04.2020

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