Rigorose Klugheit versus der Verzweiflung geschuldete „Lockerungen“

Von Thomas Schmid, Fr. 01. Mai 2020, Titelbild: Florenz, Pixabay, CC0 Creative Commons

Wir wissen viel mehr als die Menschen vor 400 Jahren. Deswegen neigen wir dazu, uns ihnen überlegen zu fühlen. Damals Dunkelheit, heute Licht. Damals Unwissen, heute Wissenschaft. So erscheinen unsere Vorfahren als Menschen in einem Zustand kindlicher Ahnungslosigkeit. Sind wir mit all dem naturwissenschaftlichen, technischen und soziologischen Wissen aber auch klüger geworden? In Wahrheit waren unsere Vorvorfahren nicht so unklug, wie oft behauptet wird. Und wir sind – auch das zeigt die Corona-Krise – nicht immer so klug, wie wir gerne wären. Thomas Schmid blickt zunächst zurück ins frühe 17. Jahrhundert, die Zeit der Beulenpest in Europa, um dann nach vorne zu blicken.

Als die Beulenpest nach Norditalien kam

Als im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges aus Deutschland stammende Söldner die Alpen überquerten und nach Süden vordrangen, brachten einige von ihnen im Spätsommer des Jahres 1629 neben Mord und Gewalt auch eine Seuche nach Norditalien: die Beulenpest. Die Region hatte schon mehrfach unter Pestepidemien zu leiden gehabt, zuletzt 50 Jahre zuvor. Es gab kein Mittel, sie medizinisch zu bekämpfen. Schon deswegen nicht, weil erst Ende des 19. Jahrhunderts erkannt wurde, dass die Krankheit vor allem durch Tiere, etwa den Floh, übertragen wurde.

1629 glaubte man dagegen, die Pest werde durch schlechte, verdorbene Luft weitergegeben. Dennoch wurde damals schnell erkannt, dass man die Krankheit zwar nicht besiegen, ihre Ausbreitung aber verlangsamen kann, wenn man das macht, was man heute wieder tut: die Kontakte zwischen den Menschen auf ein Minimum reduzieren, die Erkrankten in lazzaretti möglichst außerhalb der Stadtmauern zu schaffen, die Toten außerhalb der Stadt zu begraben und in den Städten Ein- wie Ausreise zu verbieten. Das half, die unerkannte Krankheit einzudämmen.

Die florentinische Strategie: rigorose Klugheit und Umsichtigkeit

In der Studie „Florence under Siege. Surviving Plague in an Early Modern City“ hat der britische Historiker John Henderson anschaulich beschrieben, wie sich Florenz im Jahre 1630 der Pest zu erwehren suchte. Die Stadttore wurden geschlossen, Zugang hatte nur noch, wer über einen Gesundheitspass verfügte. Die Stadt wurde faktisch von der Gesundheitsbehörde regiert. Im Grunde wurden alle Bürger in Quarantäne versetzt, Zuwiderhandlungen wurden bestraft. Man stellte Mannschaften zusammen, die in den Häusern nach dem Rechten sahen und täglich die Toten abtransportierten. Die Gesundheitsbehörde führte genau Buch darüber, wo es wann zu wie vielen Erkrankungen kam.

Das Regiment war aber nicht nur repressiv, sondern auch sozial und mitfühlend. Es wurde, modern gesprochen, ein Catering Service eingerichtet, der die Eingeschlossenen mit Lebensmitteln versorgte. Die Gesundheitsbehörde erkannte die soziale und psychische Dimension der Seuche gut: Sie richtete Fonds und ein regelrechtes Wohlfahrtssystem ein, mit denen den Armen geholfen wurde. Und sie veranlasste, dass Priester durch die leeren Straßen zogen, um den Eingeschlossenen Trost zu spenden. An Straßenkreuzungen stellte man improvisierte Altäre auf, an denen Priester den Gottesdienst zelebrierten. Die Gesundheitsbehörde arbeitete eng mit den Bruderschaften zusammen, die gewissermaßen als Sozialarbeiter tätig waren.

Und die Tatsache, dass die Seuche unter den Armen ganz besonders stark um sich griff, führte gerade nicht zu deren Ächtung. Die Stadtverwaltung sah vielmehr ihre Aufgabe darin, den Armen besonders beizustehen.

Florenz kämpfte vor 400 Jahren mit völlig unzureichenden medizinischen Mitteln gegen einen unbekannten, unsichtbaren und unberechenbaren Feind – und schaffte es dennoch, die Krankheit durch einerseits rigorose, andererseits umsichtige Maßnahmen weit besser einzudämmen als andere Städte Nord- und Mittelitaliens: Klugheit in der Unwissenheit.

Die Situation heute und der schnelle Ruf nach „Lockerungen“

Was die Bundesregierung im Umgang mit dem noch unerforschten Corona-Virus beschlossen hat, ähnelt sehr den Maßnahmen der Florentiner Stadtverwaltung vor knapp vier Jahrhunderten: soziale Distanz, Quarantäne, Aussetzung des Wirtschafts- wie des gesellschaftlichen Lebens, finanzielle Hilfen. Ein rigoroser und umsichtiger Staat. Es geht nach wie vor darum, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und damit Zeit zu gewinnen.

Doch das steht längst nicht mehr im Mittelpunkt. Schon vor Ostern kam der Ruf nach „Lockerungen“ auf, die dringend notwendig und geboten seien. Mal wurde das wirtschaftspolitisch begründet, mal schulpolitisch, mal demokratietheoretisch, mal psychologisch. Hauptsache „Lockerung“. Und immer wieder wird für diesen Ruf die Bevölkerung in Beschlag genommen. Es müsse unbedingt möglichst bald das sprichwörtliche „Licht am Ende des Tunnels“ wenigstens zu erahnen sein.

Denn andernfalls würden schnell Frust, Verzweiflung oder – wie ein FDP-Politiker schon vor Wochen schrieb – Rebellion um sich greifen. Das heißt ja nichts Anderes als dies: Auch, wenn wir noch nicht wissen, wie gefährlich das Virus wirklich ist, muss so getan werden, als wüssten wir es. Etwas Anderes würde das Volk, der „große Bengel“ (Heine), sowieso nicht verstehen.

„Lockerungen“ können gefährliche Folgen zeitigen

Dieses Vorgehen könnte gefährliche Folgen zeitigen. Angenommen, die „Lockerungen“ kämen zu früh und dies würde die Ausbreitung des Virus noch weiter oder gar exponentiell beschleunigen – dann würde das vermutlich auf verheerende Weise das Vertrauen in Regierung, Politik und beratende Wissenschaft beschädigen. Dann käme wohl wirklich Panik auf und die Überzeugung machte sich breit, dass niemand mehr niemandem vertrauen kann. Je lauter das Rückkehr-Geräusch wird, desto größere Hoffnungen auf eine neue Normalität werden geweckt. Können jene, die entschieden und scheinbar ihrer selbst sich sicher „Lockerungen“ fordern, dies vor sich und ihrem Gewissen verantworten? Sicher nicht, solange das Bewegungsgesetz des Virus noch nicht erkannt ist.

Deswegen ist die neue Stellungnahme der 26-köpfigen Arbeitsgruppe der Leopoldina so ärgerlich. Die Autoren sind zwar allesamt Professoren. Das schützt sie freilich vor Torheit nicht. Im Grunde formulieren sie auf vielen Seiten umständlich immer wieder dasselbe: Alle Daten müssen zusammenfließen, die gesamtgesellschaftliche Lage muss erfasst werden, es gilt, die die Neuinfektionen zu verlangsamen. Die darniederliegende Wirtschaft wie die geschlossenen Schulen dürfen nicht aus dem Auge verloren werden, Risikogruppen sind der Hilfe bedürftig, soziale Isolation birgt Gefahren etc.

Das ist so richtig wie banal. Böse gesagt: pro bono, contra malum. Zugleich bleiben die Gelehrten aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen jede fundierte Begründung dafür schuldig, dass jetzt der Zeitpunkt für die langsame Wiederöffnung gekommen sei. Sie behaupten es einfach. Und sie können es auch nur behaupten. Denn sie sind nicht im Besitz einer absoluten virologischen Weisheit.

Kein guter Zeitpunkt, sich gegen die Regierenden zu profilieren

Niemand weiß wirklich Bescheid. Wenn es aber stimmt, dass das Corona-Virus eine weltweite Bedrohung darstellt, die Gefahr wirklich sehr groß ist und wir alle uns noch im Nebel des Ungewissen bewegen – dann ist es doch zwingend geboten, allen zu erwartenden Verlusten zum Trotz erst einmal strikt bei der verordneten Stilllegung des öffentlichen Lebens zu bleiben – Marcel Fratzscher, Leiter des DIW, hat das zu bedenken gegeben.

Man muss kein staatsfrommes Lamm sein, um die Mahnungen der Bundesregierung zu äußerster Vorsicht ernst und wörtlich zu nehmen. Und umgekehrt, würde die Bundesregierung oder würden Landesregierungen den Empfehlungen der Leopoldina-Arbeitsgruppe folgen, dann wären sie nicht überzeugt, sondern genötigt, übertölpelt worden. Es ist gerade aber kein guter Zeitpunkt, sich gegen die Regierenden zu profilieren.

Mailands verlustreicher Weg in der Pestkrise

Zu was das führen mag, kann man in einem der bedeutendsten Werke der italienischen Literatur nachlesen. Alessandro Manzoni widmet in seinem Roman „Die Brautlaute“ (I promessi sposi) der in Mailand in den Jahre 1629–30 wütenden Pest zwei Kapitel. Sie unterbrechen die Romanhandlung und schildern, auf Berichte von Zeitzeugen gestützt, minutiös den Verlauf der Seuche. Der Gouverneur der Stadt wie die Gesundheitsbehörde reagieren verspätet: Erst wird geleugnet, das Wort „Pest“ ist untersagt. Dann ist von einem pestartigen Fieber die Rede: also keine richtige Pest. Schließlich doch unbezweifelbar Pest – aber nicht als Krankheit, sondern als Folge von Hexerei und Giftmischerei. Manches davon kehrt heute wieder: nicht Seuche, sondern normale Grippe. Oder: eine Seuche zwar, aber nicht im wirklichen Leben entstanden, sondern in den Labors irgendwelcher Verschwörer.

Und als die Mailänder Autoritäten endlich drakonische Maßnahmen verhängen, glaubt ihnen die Bevölkerung nach diesen Hin und Her aus Vertuschungsmanövern nicht mehr. Die Menschen hielten die Vorsichtsmaßnahmen – auch noch angesichts der vielen Pesttoten auf den Straßen – für übertrieben. Oder für eine bösartige Machtdemonstration der Obrigkeit. Von grenzloser Angst getrieben, setzten sie sich über die Angst hinweg, lebten ihr normales Leben weiter – und sorgten damit dafür, dass die Pest immer weiter um sich griff. Manzoni endet mit einem Satz, den man den Vielen, die heute mit unterschiedlichen Vorschlägen zur Wiederöffnung aufwarten, entgegenhalten kann.

Man hätte, schreibt Manzoni, den langen, gewundenen und verlustreichen Weg zu einem Großteil vermeiden können,

„befolgte man die seit langem schon vorgeschlagene Methode: zu beobachten, hinzuhören, zu vergleichen und nachzudenken, bevor man redet“.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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