Was heißt vernünftig sein?

Von Jürgen Fritz, Sa. 18. Apr 2020, Titelbild: Screenshot aus Spartacus

Frage: Ist es vernünftig, etwas zu tun, nur weil es aus ethisch-moralischer Sicht das Richtige ist (nicht relativ zu dieser einen speziellen kontingenten Moral richtig, sondern absolut in sich richtig und gut), obschon man selbst keinerlei Vorteil dadurch hat, niemals!, weder in diesem noch einem anderen Leben, ja mehr noch: obwohl es einem selbst massiv schadet, zum Beispiel indem man die Wahrheit sagt, was nur Nachteile für einen hat, vielleicht sogar massive Nachteile, es aber dennoch richtig ist, in diesem Moment die Wahrheit zu sagen, oder indem man einen Verrat ablehnt, von dem man enorm profitieren würde? Ist das vernünftig?

Vom dumpfen zum rationalen Egoismus

Antwort: Ja, ist es. Wer diese Frage verneint, hat einen stark verkürzten Vernunftbegriff, entweder einen rein theoretischen (bloß auf das Erkennen, nicht auf das Handeln bezogen) oder einen praktisch-instrumentellen, dergestalt er die Vernunft dem eigenen Ego, dem eigenen Nutzen unter- und nicht überordnet. Er packt sich also einen Teil der Vernunft, fängt diese für sich ein und hält sie wie eine Sklavin, die ihm zu dienen hat. Das ist nicht ganzheitlich vernünftig, sondern egoistisch, ein rationaler, kluger Egoismus zwar, mehr aber auch nicht.

Der rationale, der kluge Egoist ist fähig, von seiner unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung zu abstrahieren, diese zurückzustellen, das aber nur, weil er sich davon später einen doppelten oder dreifachen Vorteil davon verspricht. Er beherrscht sich jetzt für morgen oder übermorgen, sprich er tut das für sich selbst. Das ist mehr als ein plumper, dumpfer Egoismus, der immer den schnellen, sofortigen Vorteil sucht, das schon. Aber es ist noch kein vernünftiges Sein.

Natürlich erfordert auch das Willensstärke und Disziplin. Die Selbstüberwindung einem momentanen Drang nicht nachzugeben, eine Klugheitsregel oder Lebensweisheit zu befolgen, zum Beispiel nicht ständig viel zu viel zu essen, weil man weiß, dass man sich damit langfristig selber schadet, oder das Rauchen aufzugeben oder monate- und jahrelang hart zu trainieren für die nächsten Olympischen Spiele. All das erfordert einer rationalen Kontrollinstanz in uns, welche die unmittelbare Wunschbefriedigung zurückstellt und das einer nicht unmittelbar vor Augen liegenden Zielerreichung wegen. Insofern ist hier bereits die Vernunft mit im Spiel. Und dennoch ist vernünftig sein viel mehr als das.

Von der Klugheit im engeren Sinn zur Moralität

Vernünftig sein heißt, wenn es nicht nur ein Teilzeit-vernünftig-sein sein soll, sich selbst der Vernunft unterzuordnen, nicht nur im Erkennen des Seins (theoretische Vernunft), sondern auch im Handeln, in der Praxis. Vernünftig sein heißt, sich nicht nur dem Wahren unterzuordnen, auch in den Fällen, wenn die Wahrheit weh tut, einem selbst also Schmerzen bereitet, sondern auch sich dem Richtigen, dem Guten unterzuordnen, selbst wenn es einem selbst schadet, sprich das Richtige um seiner selbst willen zu tun und nicht um seines eigenen persönlichen Vorteils willen. Damit aber betritt man den Boden der Klugheit im weiteren, im aristotelischen Sinne. Damit betritt man den Boden der Moralität (Ethik).

Immer wenn jemand so etwas tut, wenn jemand, das Richtige um seiner selbst willen tut, obschon es ihm selbst schadet, im Extremfall wenn jemand sein Leben für andere oder für eine gerechte Sache hingibt, oder aber wenn jemand einfach nur authentisch und aufrichtig ist, selbst wenn ihm das nicht nutzt, sondern massive Nachteile einbringt, er darum weiß und dies offenen Auges in Kauf nimmt, wenn jemand loyal ist, auch wenn ihm das niemand dankt, ja wenn er dadurch den Zorn anderer auf sich zieht, er aber gleichwohl tut, was er tun muss, weil er weiß, dass dies das einzig Richtige ist, dann berührt uns das innerlich zutiefst, weil wir spüren, dass hier etwas tangiert wird, was viel größer ist als wir selbst. Sich diesem Größeren unterzuordnen, nicht aus äußerem Zwang, sondern aus innerer Einsicht unterzuordnen, das bedeutet vernünftig sein.

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