Was die Coronakrise deutlich macht: Wir alle lernen uns besser kennen

Von Jürgen Fritz, Do. 30. Apr 2020, Titelbild: ZDF-Screenshot

Vor zwei Monaten erreichte die Corona-Pandemie Europa, seither beherrscht uns das neuartige Coronavirus weitgehend. Dabei zeigt mir das Ganze vor allen Dingen eines: wie sehr viele in ihrer jeweiligen Weltanschauung, in ihrer Ideologie, ihren kognitiven Konstrukten gefangen und wie wenig sie fähig sind, das Problem selbst jenseits ihrer jeweiligen Klischees und verfestigten Vorurteile zu erfassen, einzuschätzen und zu bewerten, wie sehr der Zugang zur Realität bei vielen doch durch bestimmte Filter und inadäquate Deutungsmuster verzerrt ist. Diese tiefgehende Krise lässt aber auch noch etwas anderes zu Tage treten.

Die üblichen Verdächtigen und die Enttäuschungen

Für einige speziell aus der metaphysische spekulativen Ecke sind mal wieder die Homosexuellen an allem schuld und ihr Gott hat das Virus zur Strafe für deren Treiben geschickt. Für die anderen ist wieder mal Merkel an allem schuld, weil sie die Außengrenzen nicht sofort geschlossen hat.

Die Verschwörungsgläubigen wittern wieder eine gigantische Machenschaft der Machteliten, haben wieder einen Drahtzieher hinter dem Ganzen gefunden, dieses Mal nicht George Soros, sondern Bill Gates, ein anderer reicher US-Amerikaner natürlich wieder. Ein Weltbild ohne Hexen und Juden (Sündenböcke, die für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht werden können, ist ihnen ebenso wie den Erstgenannten oben nicht möglich.

Für die Vierten gilt: schnellstmöglich zur Normalität für alle zurück, schnellstmöglich so umfassende Lockerungen wie nur möglich, dann sterben halt ein paar zig- oder hunderttausend, trifft ja doch hauptsächlich ganz Alte, die sowieso bald gestorben wären“ (vor allem zu finden bei AfD und FDP, aber nicht nur da, Tino Chrupalla am 28.04.2020: Die AfD spricht sich für die sofortige umfassende Wiederaufnahme des wirtschaftlichen Lebens aus.“)

Jeder von diesen fährt auf, was er meist auffährt und einige zeigen jetzt, wie wenig sozial, wie wenig human und auch wie wenig weitsichtig sie doch denken.

Die positiven Überraschungen

Und dann gibt es die anderen, die einen total positiv überraschen, ganz vorne mit dabei: Prof. Karl Lauterbach (SPD), der sich unermüdlich und in vorbildlicher Diskussionskultur tagein tagaus um Aufklärung und Korrektur von Fehlvorstellungen bei etlichen seiner Kollegen bemüht, der im Bereich der Medizin eine Fachkompetenz hat, die wohl einzigartig sein dürfte in Deutschland und der zugleich eine Menschlichkeit an den Tag legt, ein Verantwortungsbewusstsein für alle Mitbürger, wie man sich das von einem Politiker nur wünschen kann.

Oder Angela Merkel (CDU), die nicht wie sonst so oft abwartet, was die Mehrheit will, um sich dann an die Spitze dieses Wollens zu setzen, sondern endlich mal politische Führung zu übernehmen versucht, wie seit vielen Jahren nicht mehr, unglücklicherweise in dieser Frage aber kaum Befugnisse hat, weil die Bundesländer und Kreise zuständig sind, sich aber bemüht, den Laden zusammen zu halten und den eingeschlagenen Weg nicht zu schnell zu verlassen.

Einer ragt ganz weit heraus

Und einer überzeugt mich ebenfalls ganz besonders, wie ich das noch vor wenigen Wochen und Monaten nicht geglaubt hätte: Markus Söder, der schon jetzt unter sämtlichen Ministerpräsidenten weit herausragt, ein Verantwortungsbewusstsein, eine Klarheit, eine Führungsstärke und zugleich eine Diplomatie in der Sprache und im Umgang mit allen anderen an den Tag legt, die beeindruckend ist. Sein Auftreten gestern Abend bei Markus Lanz war wieder so souverän, dass der Wunsch, Söder möge spätestens in einigen Jahren den Platz im Bundeskanzleramt einnehmen, immer größer wird. Man spürt schon jetzt: Er wird auch diese Position ausfüllen können und wird ihr gewachsen sein, ganz anders übrigens als sein Kollege aus Nordrhein-Westfalen.

Und auch wenn ich meine Probleme mit dem Christentum habe, als Söder gestern sagte, was er von dem Satz von Boris Palmer über die Alten hält („Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr wegen ihres Alters oder wegen schwerer Vorerkrankungen sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen. Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben – und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann“), dass dies mit seinem christlichen Weltbild nicht vereinbar wäre, da hat mir das unglaublich gut getan und mir wurde warm ums Herz. Christliches Weltbild lässt sich ja leicht und wohl auch treffender mit humanem Weltbild übersetzen.

Wir alle lernen uns irgendwie besser kennen

Christentum hin, Christentum her, aber genau diese Mitmenschlichkeit, diese Humanität wünsche ich mir von einem Regierungschef, natürlich gepaart mit ausgeprägtem Realitätssinn, Führungsstärke, Klugheit, der Fähigkeit zu wissenschaftlichem plus ethischem Denken und Weitblick.

Kurzum diese Krise macht einiges deutlich, es kristallisiert sich das ein oder andere immer klarer heraus. Wir alle lernen uns irgendwie besser kennen.

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