Alte und neue SPD-Führung: das Ende der Bürgerlichkeit

Von Thomas Schmid, Di. 07. Jul 2020, Titelbild: ZDF-Screenshot

Fast hundert Jahre lang war die SPD eine sozialistische Arbeiterpartei. Sie vertrat nicht die Mittelschicht: die Groß- und Bildungsbürger (Kaufleute, Professoren, Pastoren, höhere Beamte), die Kleinbürger (kleine Kaufleute, einfache, mittlere Beamte, Angestellte, selbständige Handwerker). Und sie vertrat auch nicht die Bauern, sondern eben ihr spezielles Klientel: die Arbeiter, bei anderen Beschäftige, die vorwiegend körperlich arbeiteten. Nach 1949 wandelte sich die SPD bis zum Godesberger Programm 1959 zunehmend zu einer sozialdemokratischen Volkspartei, indem sie sich einem breiteren Wähler- und Mitgliederspektrum öffnete, insbesondere dem Bürgertum. Doch die gegenwärtigen wie auch frühere SPD-Vorsitzende beweisen auf je eigene Weise, dass wir bereits in einer nachbürgerlichen Zeit leben, wie Thomas Schmid konstatiert.

Sozialdemokratische Asketen und Hedonisten

Photographien aus der Ahnengalerie der deutschen Sozialdemokratie zeigen meist ernst dreinblickende Herren – dem Wohl der Partei, der Menschheit hingegeben. Pflichtgefühl und Askese, aber kaum eine Spur von Lebensfreude oder gar Hedonismus. Doch dieses Bild trügt. Es gab immer Sozialdemokraten, die dem guten Lebe und dem Luxus zugeneigt waren. Ferdinand Lassalle war einer von ihnen.

Ein anderer Georg von Vollmar, der erste Vorsitzende der königlich-bayerischen Sozialdemokratie. Georg Carl Joseph Heinrich Ritter von Vollmar auf Veltheim, wie er  mit ganzem Namen hieß, entstammte einer adeligen Beamtenfamilie. Als junger Mann machte ihn August Bebel zum Chefredakteur des Zentralorgans „Der Sozialdemokrat“. Er verlor dieses Posten aber, weil er der Parteiführung zu radikal war. Dank seiner reichen Ehefrau lebte er in einer großzügigen Villa am Walchensee. Er genoss das gute Leben, blieb aber zugleich sein Leben lang ein aktiver, kämpferischer SPD-Politiker.

Die charmefreien, kleinbürgerlichen und kleinkarierten Sozis

Die beiden gegenwärtigen SPD-Vorsitzenden gehören zweifellos nicht in diese Kategorie. Sie verkörpern keine Sozialdemokratie des Genusses, der Ermunterung. Sondern eine grämliche Sozialdemokratie der Verbote, der Regulierung, des Misstrauens, der Hinterzimmer und auch des Neides. Sie verkörpern eine auf ungute Weise kleinbürgerliche und charmefreie SPD. Gäbe es nur die Beiden, die SPD wäre verloren.

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DW-Screenshot

Doch auch ihr Gegenpol, den zurzeit die Partei-Senioren Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel bilden, macht nicht froh. Dass sie nach der Politik mehr Geld als bisher einnehmen wollen, ist ihr gutes Recht. Und die grundsätzliche Kritik, die Linke, Grüne und die beiden SPD-Chefs daran äußern, hat etwas Kleinkariertes.

Nichts Großbürgerliches: Ein gute Figur machen auch Schröder und Gabriel nicht

Aber es ist nicht schön anzusehen, wie ein ehemaliger Bundeskanzler, der inzwischen schon mal in babyblauer Kleidung auftritt, seinen Wohlstand erkauft hat: durch die Liaison mit dem Autokraten Putin – durch eine Freundschaft, die ihn dazu gebracht hat, gegenüber Russland sein kritisches Vermögen zu betäuben. Auch das hat gar nichts Großzügiges. Es ist klein, es erinnert nicht ans Großbürgerliche, sondern eher an die Geissens.

Gerhard Schröder in blau

ZDF-Screenshot

Und es ist auch nicht schön anzusehen, wie Sigmar Gabriel von seinem Fettnapf-Navigator ausgerechnet zur Firma Tönnies dirigiert worden ist. Die moralisierende Kritik daran hat er sich mit guten Argumenten verboten. Aber eine gute Figur macht er dabei nicht.

Die Zeit des Bürgertums ist vorbei

Zwei frühere und zwei gegenwärtige SPD-Vorsitzende beweisen auf je eigene Weise, dass wir in einer nachbürgerlichen Zeit leben.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Überschrift, Teaser und Zwischenüberschriften durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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