RKI-Studie: 98,7 Prozent ohne Antikörper, Covid-19-Letalität evtl. zwei- bis dreimal so hoch

Von Jürgen Fritz, Mi. 15. Jul 2020, Titelbild: SWR-Screenshot

Seit April untersucht das Robert Koch-Institut zusammen mit Blutspendediensten aller Träger die Blutproben von Erwachsenen aus 29 Regionen auf Antikörper gegen SARS-CoV-2. Bis Ende Juni wurden fast 12.000 Proben untersucht. Das Zwischenergebnis ist ernüchternd. Nur 1,3 Prozent der Personen wies Antikörper auf. Fast 99 Prozent kamen mit dem neuartigen Coronavirus noch gar nicht in Berührung. Diese Daten müssen nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sein. Gleichwohl lässt das Rückschlüsse auf die Letalität von COVID-19 zu, die deutlich (!) höher sein könnte als bisher angenommen.

I. Letalität: eher 0,36 Prozent oder eher 0,91 Prozent?

Die Heinsberg-Studie unter der Leitung von Prof. Streeck war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Letalität von COVID-19 bei um die 0,36 Prozent läge (genauer: sich in dem Intervall zwischen 0,29 und 0,45 Prozent bewege). Von zehntausend Infizierten würden also mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 29 und 45, im Schnitt ca. 36 sterben.

Zugleich gab die Heinsberg-Studie auch Hinweise auf die Dunkelziffer bei den Infektionen. Von insgesamt 919 Personen mit auswertbarem Infektionsstatus in Gangelt waren 15,5 Prozent infiziert. Beim zuständigen Gesundheitsheitsamt in Heinsberg waren für Gangelt aber nur 3,1 Prozent Infizierte gemeldet. Auf einen gemeldeten Fall kamen also exakt vier weitere Infizierte, die nicht gemeldet waren. Anders formuliert: die Zahl der tatsächlich Infizierten war fünfmal so hoch wie offiziell registriert.

Aus diesem Dunkelzifferfaktor ließ sich bisher aber schon folgendes deduzieren: Wenn die Zahl der tatsächlich Infizierten nur etwa fünfmal so hoch ist wie die detektierten Fälle – und nicht zehn- oder 15-mal so hoch, wie gelegentlich auch angenommen – dann hätten wir in Deutschland bei aktuell (Stand 14.07.2020) 9.144 Todesfällen nur fünfmal so viele Infektionen mit SARS-CoV-2 wie offiziell angegeben, also 5 x 200.766 = 1.003.830. Das entspräche dann aber einer Letalität von 9.144/1.003.830 = 0,91 Prozent.

0,91 Prozent würde bedeuten, dass von 10.000 Infizierten nicht nur ca. 36, sondern 91 sterben würden, also mehr als zweieinhalb mal so viele! Das heißt, mindestens eine der beiden Zahlen aus der Heinsberg-Studie kann nicht stimmen beziehungsweise kann nicht auf ganz Deutschland übertragen werden. Wenn die Dunkelziffer so gering ist, dann wäre die Letalität bei fast ein Prozent. Wenn wir noch eine vorsichtige Todesfall-Dunkelziffer hinzurechnen von nur 20 Prozent, dann kämen wir sogar auf 0,91 Prozent x 1,2 = 1,09 Prozent.

II: Je geringer die Dunkelziffer desto höher die Letalität (Mortalität)

Dabei ist eine Todesfall-Dunkelziffer von 20 Prozent sehr moderat angesetzt. In den USA kommen neuere Untersuchungen auf eine Todesfall-Dunkelziffer von ca. 28 Prozent. Die Zunahme der Todesfälle liegt dort um 28 Prozent über den gemeldeten Todesfällen an COVID-19. In Italien gab es in verschiedenen Regionen Übersterblichkeiten von 80, teilweise sogar über 100 Prozent über den offiziell gemeldeten COVID-19-Todesfällen.

Eine Schlüsselfrage ist nun also: Ist die Fall-Dunkelziffer wirklich so gering, haben sich also nur ca. fünfmal so viele Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert wie offiziell registriert, kommen also auf einen offiziellen Fall nur vier Unentdeckte oder ist dieser Faktor eher bei zehn (neun Unentdeckte pro Detektiertem) oder bei 15 (14 Unentdeckte pro registriertem Infizierten). Und klar ist: Je höher die Fall-Dunkelziffer, desto höher die Zahl der tatsächlichen spezifischen Erkrankungen, desto größer also der Nenner, desto kleiner damit Bruch, sprich die Letalität:

Letalität

In Kurzform: je höher die Fall-Dunkelziffer, desto kleiner die Letalität. Und umgekehrt: Je geringer die Fall-Dunkelziffer desto höher die Letalität (Mortalität).

III. Maximal 1,3 Prozent der Blutspender hatten Antikörper gegen SARS-CoV-2

Nun also zu dem Zwischenergebnis der RKI-Studie, das der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar H. Wieler am Montag vorstellte. Siehe hierzu das Epidemiologische Bulletin: Serologische Untersuchungen von Blutspenden auf Antikörper gegen SARS-CoV-2.

Darin heißt es, die Erfassung des Anteils der Bevölkerung, der bereits Kontakt zu SARS-CoV-2 hatte, sei wichtig, um den weiteren Verlauf der Epidemie in Deutschland abzuschätzen und Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz zu planen. Daher sei bereits im März 2020 vom Robert Koch-Institut (RKI) eine Studie geplant, die in der Lage sei, schnell eine große Anzahl an Personen in Deutschland auf das Vorliegen von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 zu untersuchen und so wertvolle Daten zu liefern, mit deren Hilfe sich abschätzen lasse, wie weit SARS-CoV-2 bereits in der Bevölkerung verbreitet ist.

Weiter heißt es in dem Bulletin: „In Zusammenarbeit mit Blutspendediensten aller Träger wurde ab April 2020 mit der Gewinnung von Blutproben Erwachsener aus 29 Regionen in ganz Deutschland begonnen. Diese wurden mittels IgG-ELISA auf das Vorliegen von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 untersucht.“ Zum Stand vom 30.6.2020 sei eine Zwischenauswertung der bis dahin 11.695 untersuchten Proben (ca. 20 Prozent des geplanten Studienumfanges) durchgeführt worden. Diese Untersuchung habe folgende Ergebnisse zu Tage gefördert:

  • Der Anteil von Personen mit spezifischen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 unter blutspendenden Erwachsenen betrage lediglich 1,3 Prozent.
  • Das heißt, mindestens 98,7 Prozent der Blutspender sind offensichtlich noch gar nicht mit SARS-CoV-2 in Berührung gekommen.
  • Von den bisher 75 in einem ergänzenden Neutralisationstest untersuchten Proben hatten wiederum nur 30 Prozent der im ELISA (ELISA = Enzyme-linked Immunosorbent Assay) positiv getesteten Personen auch nachweisbare neutralisierende Antikörper. Diese Untersuchungen seien zwar noch nicht vollständig, so dass der Anteil der seropositiven Personen mit nachweisbaren neutralisierenden Antikörpern noch nicht endgültig abgeschätzt werden könne, aber das dürfte bedeuten, dass es sogar noch weniger als 1,3 Prozent sein könnten, die tatsächlich Antikörper aufweisen.

IV. Der Großteil der deutschen Bevölkerung hat noch keinerlei Antikörper, also keinen Schutz vor SARS-CoV-2

Weitere Ergebnisse des Zwischenberichtes lauten:

  • Männer waren in der Blutspendepopulation signifikant häufiger von SARS-CoV-2-Infektionen betroffen als Frauen.
  • Es wurden Unterschiede in der Altersverteilung der Seropositiven erkennbar. Die Gruppe der 40–49-Jährigen war am wenigsten betroffen.
  • Im Vergleich dazu waren Personen der Altersgruppen 20–24 Jahre,
    25–29 Jahre, 30–39 Jahre und 50– 59 Jahre signifikant häufiger seropositiv.

Dabei sei zu beachten, dass Proben von Blutspendern nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung seien.

Aber: „Aufgrund der niedrigen Prävalenz von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 in der untersuchten Stichprobe ist vermutlich ein Großteil der Bevölkerung weiterhin für eine Infektion empfänglich. Somit könnte bei erneutem Anstieg der Übertragungen auch eine weitere Infektionswelle auftreten.“

Mit anderen Worten: Sollten diese Daten auch nur einigermaßen repräsentativ sein für die Gesamtbevölkerung, so hätten noch immer 98 bis 99 Prozent der Bevölkerung keinerlei Schutz gegen das neuartige Coronavirus. Selbst wenn der Anteil derer, die bereits Antikörper gegen SARS-CoV-2 haben, in der Gesamtbevölkerung doppelt so hoch wäre wie bei den 11.695 Blutspendern, so sprächen wir lediglich von 2,6 Prozent. Also auch dann hätten mindestens 97,4 Prozent der Bevölkerung noch keine Immunität.

V. Letalität von 0,85 Prozent plus Todesfalldunkelziffer

Und noch etwas wird klar. Wenn wir von diesen 1,3 Prozent ausgehen, wobei ja von diesen 1,3 Prozent, soweit sie einem ergänzenden Neutralisationstest unterzogen wurden, nur 30 Prozent neutralisierende Antikörper aufwiesen, und diese 1,3 Prozent als die Gesamtbevölkerung Deutschlands von über 83 Millionen hochrechnen, dann entsprechen 1,3 Prozent davon 1,079 Millionen, tatsächlich bereits Infizierter.

1,079 Millionen ist das 5,37-fache der offiziell gemeldeten Infektionen (200.766). Wir hätten hier also wieder eine Fall-Dunkelziffer von ca. fünf. 9.144 Todesfälle bei ingesamt 1,079 Millionen Infizierten entspricht einer Letalität von 0,85 Prozent. Damit wären wir nah dran an den eingangs in I. berechneten 0,91 Prozent.

Rechnen wir jetzt noch eine sehr moderate Todesfalldunkelziffer von 20 Prozent hinzu, so erhalten wir: 0,85 Prozent x 1,2 = 1,02 Prozent.

Sollten also die Zwischenergebnisse der RKI-Antikörper-Studie einigermaßen repräsentativ sein für die Gesamtbevölkerung Deutschlands, so müssten wir eventuell mit 0,85 bis 1,02 Prozent Letalität rechnen statt mit 0,36 Prozent. Von 10.000 Infizierten würden also im Schnitt nicht nur 36, sondern 85 bis 102 sterben, also ca. 2,4 bis 2,8 mal so viele. Wir können insofern nur hoffen, dass weitere Studienergebnisse zu dem Ergebnis kommen, dass die Fall-Dunkelziffer doch deutlich höher, dass auf einen Detektierten deutlich mehr als nur vier Unentdeckte kommen.

VI. Lothar H. Wieler zu der RKI-Studie

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