Es gibt kein Recht auf freie Ansteckung anderer

Von Jürgen Fritz, Di. 26. Jan 2021, Titelbild: WELT-Screenshot

Auch der Liberalismus wird ja nur von wenigen wirklich verstanden und nicht überall, wo jemand sich als Freiheitskämpfer aufspielt, steckt wirklich ein solcher drin. Es gibt kein Recht auf freie Ansteckung anderer mit einem Virus, das in 0,3 bis 1 Prozent der Fälle tödlich ist und bei vielen anderen schwere Erkrankungen und Spätfolgen hervorruft, vor allem aber eine gesamte Gesellschaft und Nationalökonomie lahmlegen kann.

Es geht nicht um Eigenverantwortung, sondern um Verantwortung anderen gegenüber, um Schutz der Nichtinfizierten vor den Infektiösen

Der Begriff Eigenverantwortung ist hier völlig deplatziert und zeigt bei denen, die ihn in diesem Zusammenhang verwenden, dass das Problem gar nicht wirklich verstanden wurde. Jeder Infizierte ist gleichsam eine biologische Waffe gegenüber allen anderen, die ihm nahe kommen, weil er das Virus weiterträgt und auf andere Menschen überträgt, damit für andere zu einer Bedrohung wird, für SARS-CoV-2 aber zu dessen bester Freund. Und dieses Virus ist unser Feind. Wer sich also mit ihm verbündet, verbündet sich gegen seine Mitmenschen.

Daher geht es nicht um Eigenverantwortung, sondern um Verantwortung allen anderen gegenüber beziehungsweise, wenn wir die Perspektive umdrehen, um Schutz der Nicht-Infizierten vor den aktiv Infektiösen, was nur mit staatlicher Gewalt sichergestellt werden kann, weil auf freiwilliger Basis niemals alle oder fast alle sich an Empfehlungen halten – zumindest bei uns nicht. In Ostasien und vielleicht auch Schweden schon viel eher. Aber selbst dort müssen Dinge angeordnet und zeitweise verboten werden, weil nur so sichergestellt werden kann, dass fast alle sich daran halten.

Große Teile der FDP, der AfD und der Medienschaffenden verstehen ein Jahr nach Beginn der Pandemie die Problematik noch immer nicht

Ich habe als liberal Denkender fast 20 Jahre die FDP gewählt, aber wie diese sich in der Pandemie geriert, empfinde ich als peinlich. Die Partei hat bis heute, nach fast einem Jahr Coronakrise, die eigentliche Problematik noch immer nicht verstanden, von der AfD ganz zu schweigen.

Diese Problematik liegt a) in der relativ hohen Basis-Reproduktionszahl R0 von rund 3,3 (100 Infizierte stecken 330 andere an, diese dann 1.089, diese 3.594 usw.) in Verbindung mit b) einem sehr kurzen seriellen Intervall (4 Tage), das kürzer ist als die Inkubationszeit (5 bis 6 Tage), so dass Infizierte andere meist nach 3 bis 5 Tagen anstecken, obschon sie selbst noch gar keine Symptome spüren, mithin gar nicht wissen, dass sie bereits infiziert sind. Dadurch entsteht c) sehr leicht eine mögliche exponentielle Ausbreitung, wenn man nicht frühzeitig gegensteuert, so dass das Gesundheitswesen an die Grenzen stoßen kann, wodurch die Letalität dann drastisch in die Höhe schnellt von 0,3 bis 1 Prozent auf 1 bis 2 Prozent oder sogar noch deutlich höher. d) Durch die britische Mutation B.1.1.7 von SARS-CoV-2 und andere extrem ansteckende Mutanten dürfte sich die Basis-Reproduktionszahl R0 nochmals deutlich erhöhen, so dass die Geschwindigkeit der potentiell exponentiellen Verbreitung nochmals drastisch zunehmen wird.

Auch Teile der anderen Parteien bis in die Linkspartei hinein und Teile der Medienschaffenden, leider auch der Juristen in unseren Gerichten verstehen die eigentliche Problematik nicht wirklich. Einige spielen sich nun sogar ausgerechnet mitten in einer solchen Jahrhundertkatastrophe als vermeintliche „Freiheitskämpfer“ auf und kämpfen damit in diesem Fall für die freie Verbreitung des Virus, also gegen ihre Mitmenschen.

Es gibt nur eine erfolgversprechende Strategie: Jedes kleine Feuer sofort austreten, so dass niemals ein Großbrand entstehen kann

Nochmals: Es gibt kein Recht auf freie Ansteckung anderer mit einem alles andere als harmlosen Virus, nicht harmlos vor allem für die Gesellschaft, wegen der hohen Verbreitungsgeschwindigkeit, wenn man nicht frühzeitig ganz konsequent gegensteuert.

Man muss quasi jedes kleine Feuer sofort austreten, so dass niemals ein Großbrand entstehen kann. Auf diese Weise kann der Schaden minimal gehalten werden. Und zwar NUR auf diese Weise, wobei der Schaden und die Beschränkungen umso kleiner ausfallen, je früher man entstehende Brände sofort auslöscht.

Und dazu sind kurzzeitig – Wochen oder Monate, keine Jahre – persönliche Einschränkungen nötig, wobei gilt: je früher und konsequenter diese eingeleitet und umgesetzt werden, desto kürzer die Einschränkung, je später und weniger konsequent sie getroffen werden, desto länger müssen sie andauern. Diese Maßnahmen und zeitweise Beschränkungen der individuellen Freiheit sind notwendig, nicht weil jemand diese generell wegnehmen will, sondern um das Problem in den Griff zu bekommen, um viele Menschenleben zu retten, um die Gesundheit von noch mehr Menschen zu schützen und weil die Ökonomie mittel- und langfristig nur so gerettet und erhalten werden kann.

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