Zum Tod von Esther Bejarano: Was ARD und ZDF Ihnen nicht sagen werden

Von Jürgen Fritz, So. 11. Jul 2020, Titelbild: tagesthemen-Screenshot

Esther Bejarano ist gestern in Hamburg im Alter von 96 Jahren gestorben. Bei allem Respekt und tiefer Anteilnahme für das, was diese Frau, wie Millionen andere auch, durch die Nazi-Schergen bis 1945 erleiden musste, sollte aber gleichwohl nicht völlig unerwähnt bleiben, wo Bejarano politisch stand, von wo aus ihr politisch-gesellschaftliches Engagement erfolgte und was sie damit womöglich auch bediente.

Der erste Teil der Geschichte

Die geborene Esther Loewy wurde am 15. Dezember 1924 als Tochter des aus Berlin stammenden Kantors und Lehrers Rudolf Loewy und der aus Thüringen stammenden Lehrerin Margarete Loewy, geb. Heymann, in Saarlouis als Jüngste von vier Geschwistern geboren. Der Vater weckte früh ihr Interesse für Musik und sie lernte Klavierspielen. Ab ca. 1934 begannen auch im Saargebiet die ersten judenfeindlichen Vorfälle und schon 1935 waren auch im Haushalt Loewy die ersten Repressionen bemerkbar.

Die jüdische Gemeinde in Saarbrücken begann zu schrumpfen, immer mehr Juden flohen aus dem Deutschen Reich. Rudolf Loewy, der sich selbst als Patriot sah und im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient und das Eiserne Kreuz, 1. Klasse erhalten hatte, hielt die Judenfeindlichkeit und den Nationalsozialismus zunächst nur für eine Phase, blieb deshalb mit seiner Familie in Deutschland.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verlor ihr Vater dann aber endgültig die Hoffnung auf eine Verbesserung der politischen Lage. Er wurde verhaftet, entkam einer Überweisung in das Konzentrationslager Dachau aber, da er als „Halbjude“ galt, und wurde drei Tage später aus dem Gefängnis entlassen. Nun bereitete er seine Familie auf eine schnelle Ausreise vor. Er bewarb sich in Zürich, wurde jedoch abgelehnt, da nur „Volljuden“ akzeptiert wurden. Ohne Ersparnisse blieb die Familie zunächst in Deutschland.

Der Kriegsbeginn verhinderte dann endgültig eine Ausreise. Ihre Eltern wurden im November 1941 in Kowno (Litauen) von den Nationalsozialisten ermordet, ihre Schwester im Dezember 1942 in Auschwitz. Zur Ermordung ihrer Eltern sagte Esther Bejarano später in einem Interview:

„Ich wusste zunächst nicht, wie meine Eltern umgekommen sind; ich habe es erst später erfahren. Ich fand ihre Namen in einem Buch, in dem die Transporte von Breslau nach Kowno aufgelistet waren. Die Nazis haben ja ihre Verbrechen bürokratisch festgehalten. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass meine Eltern sich in einem Wald nackt ausziehen mussten, man sie mit anderen Opfern in einer Reihe aufgestellt, dann einfach abgeknallt hat und sie dann in einen Graben gefallen sind – das ist für mich das Schlimmste und viel grauenhafter als all das, was ich in Auschwitz erlebt habe.“

Im April 1943 wurde die 18-Jährige nach Auschwitz deportiert. Dort wurde ihr die Häftlingsnummer 41.948 eintätowiert. Zunächst musste sie in einem Arbeitskommando Steine schleppen. Für einige Blockälteste trug sie Lieder von Schubert, Mozart oder Bach vor und erhielt so zusätzliche Essensrationen. Die Blockältesten schlugen sie dann für das im Aufbau befindliche Mädchenorchester von Auschwitz vor. Da es kein Klavier gab, wurde wie als Akkordeonspielerin verpflichtet. Die Anordnung der Tasten auf der rechten Seite des Akkordeons waren wie beim Klavier, die mit den Knöpfen auf der linken Seite zu spielenden Bässe waren ihr allerdings fremd. Dank des Knopfes, der mit C-Dur markiert war, war es ihr möglich, daraus die anderen Bässe abzuleiten. Innerhalb weniger Minuten lernte sie – ohne jemals ein solches Instrument vorher in der Hand gehabt zu haben – Akkordeon zu spielen.

Das Mädchenorchester musste u. a. zum täglichen Marsch der Arbeitskolonnen durch das Lagertor spielen. Esther wurde nun von der Zwangsarbeit verschont und erhielt eine bessere Versorgung mit Essen und Kleidung. Nach ihrer Schilderung habe das Orchester auch bei den Selektionen an den Rampen gespielt. Nach mehrmaligen Erkrankungen in Auschwitz wurde sie im November 1943 ins KZ Ravensbrück verlegt.

Im Januar 1945 wurde Esther „arisiert“, ihr wurde also der Judenstern abgenommen und sie wurde als politische Gefangene gekennzeichnet. So konnte sie sich die Zeit des Endkampfs erträglicher gestalten. Sie durfte Essenspakete und Kleidung erhalten und hatte mehr Freiheiten im Lager. Als die Alliierten immer näher rückten, musste die nun 20-Jährige an den berüchtigten Todesmärschen von KZ-Häftlingen teilnehmen. Von Ravensbrück ging es zum KZ-Außenlager Malchow und dann weiter von der Front weg. Schließlich gelang es ihr auf einem dieser Märsche zusammen mit Freundinnen zu fliehen.

Mitte August 1945 reiste Esther Loewy dann nach Palästina aus. Nach einigen Jahren im Militärdienst versuchte sie sich als Sängerin, doch ihr Verdienst reichte kaum aus. Daher jobbte sie nebenher als Kellnerin. Sie versuchte, dem Künstlerverband von Israel beizutreten, doch der Zugang blieb ihr auf Grund ihrer Tätigkeit für den Arbeiterchor, der auch kommunistische Lieder sang, bis auf weiteres verwehrt. Mit 25 Jahren heiratete sie Nissim Bejarano und nahm seinen Namen an. 1951 und 1952 bekam das Paar zwei Kinder.

Nachdem ihr Mann seine Stellung als Fernfahrer wegen seines gewerkschaftlichen und kommunistischen Engagements verloren hatte und ihr das Klima in Israel nicht bekam – sie hatte Kopfschmerzen und wenig Appetit -, beschlossen die beiden, mit den Kindern auszuwandern. Über Italien und die Schweiz wanderte die Familie nach Deutschland ein und ließ sich 1960 in Hamburg nieder. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten erwachte auch ihr politisches Bewusstsein wieder.

Der zweite Teil der Geschichte

Bejanaro schloss sich der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA) an, wurde 1990 sogar deren Bundessprecherin, was sie 18 Jahre lang blieb. Seit 2008 war sie dann Ehrenvorsitzende der VVN-BdA.

Die Initiative zur Gründung der VVN ging 1946 von Angehörigen der KPD und SPD aus. Bereits 1946 empfahl aber die antikommunistische Führungsgruppe der West-SPD, das „Büro Schumacher“, den Sozialdemokraten, der VVN nicht beizutreten und jede Mitarbeit abzulehnen. Da die KPD im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine herausgehobene Rolle gespielt hatte, ergab sich nämlich aus dem hohen Maß an Verfolgung ein hoher Einfluss von Kommunisten in der Verfolgtenorganisation.

Die SPD-Führung im Westen um den ehemaligen KZ-Häftling Kurt Schumacher – ein dezidierter Antikommunist – hatte schon die Gründung der VVN abgelehnt und bereits im Mai 1948 mit einer antikommunistischen Pressekampagne des SPD-Vorstandsmitglieds Fritz Heine die zahlreichen nichtkommunistischen VVN-Funktionsträger zu „nützlichen Idioten“ der KPD und die von Peter Lütsches (CDU) redigierten VVN-Nachrichten zum kommunistischen Presseorgan erklärt. 1948 fassten die Delegierten des Düsseldorfer Parteitags der SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss für die gleichzeitige Mitgliedschaft in SPD und VVN.

1971 erweiterte sich die VVN zum „Bund der Antifaschisten“. Bis Ende 1989 erhielt die VVN-BdA umfangreiche Finanzhilfen aus der DDR. Im November 2019 erkannte das Berliner Finanzamt für Körperschaften der VVN-BdA den Status der Gemeinnützigkeit ab. Es begründete den Schritt mit der Nennung der Organisation als „bundesweit größte linksextremistisch beeinflusste Organisation im Bereich des Antifaschismus“ im bayerischen Verfassungsschutzbericht.

Das Internationale Auschwitz Komitee bezeichnete dies als „Skandal“, der „das gemeinsame europäische Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus“ erheblich schwäche. Der Journalist Gunnar Schupelius verteidigte die Aberkennung in der BZ hingegen. Der Kampf gegen Rechtsextremismus sei zwar richtig und legitim. Er werde jedoch ad absurdum geführt „wenn die Vertreter dieses Kampfes für eine andere Form des Extremismus eintreten“.

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano erklärte die Präsenz zahlreicher Kommunisten so: „Ja, warum sind denn Kommunisten in diesem Verein? Weil sie die Ersten waren, die von der NSDAP verfolgt worden sind! Viele sind in Gefängnissen und Konzentrationslagern umgebracht worden. Sie gehörten zu den wenigen, die gegen die Nazis gekämpft haben. Natürlich sind Kommunisten im VVN, doch das darf doch nicht der Grund sein, uns die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Was kann gemeinnütziger sein als Antifaschismus? Es ist eine Arbeit für die Gesellschaft.“

Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit wurde schließlich wieder aufgehoben. In der Extremismusforschung kam man bereits 1988 zu der Auffassung, es gebe eine kommunistische Dominanz innerhalb der Organisation. Das entspreche nicht dem Grundgesetz und sei nur mit dem „Sowjetkommunismus“ vereinbar. Eine in etwa deckungsgleiche Kritik sah 2013 „Kräfte der DKP an vorderster Stelle“.

Die VVN-BdA wird seit ihrer Gründung durch das Bundesamt und diverse Landesbehörden für Verfassungsschutz beobachtet und als „linksextremistisch beeinflusste Organisation“ eingestuft. Begründung: „… dass ihr politisches Orientierungsmuster nach wie vor die klassische orthodox-kommunistische Antifaschismus-Doktrin ist und sie sich mit gewaltbereiten Autonomen solidarisiert“. In Gremien der VVN-BdA seien „aktive Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und dieser Partei nahestehende Personen politisch tonangebend“.

Schlussbemerkung

Inwieweit Esther Bejenaro, der natürlich wie Millionen unschuldiger anderer Menschen auch Unsägliches angetan wurde von den Nazis, was ein Mensch seelisch ja kaum verkraften kann, gleichwohl aber irgendwie weiterleben muss, wenn er zu denen gehörte, die das überlebten, inwieweit sie das folgende mittrug und zu dessen Verbreitung beitrug, mag jeder für sich selbst reflektieren und entscheiden. Die Frage, weniger auf sie selbst bezogen, sondern viel mehr auf andere, deren Narrativ sie mit dem ihren quasi ständig förderte und schürte oder fütterte, scheint mir auf jeden Fall berechtigt: Der Sündenbock als Projektionsfläche für das eigene Böse – die tiefere Ursache der deutschen Selbstverachtung.

Und was die Kommunisten mit den Menschen anstellen dort, wo sie an die Macht kommen, und wie die Nazis mit den Kommunisten zusammenhingen, können Sie hier nachlesen: Der Neue Linke als Epigone des epigonalen Nazis.

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