Marina Ovsyannikova, eine russische Heldin und ihre mutige Aktion

Von Jürgen Fritz, Di. 15. Mrz 2022, Titelbild: Odesa Film Studio-Screenshot

Es gibt sie: anständige und mutige Russen, die gegen den verbrecherischen Angriffskrieg auf die Ukraine protestieren. Eine von ihnen ist die Redakteurin und Fernsehproduzentin Marina Ovsyannikova. Diese wagte gestern Abend mitten in der Nachrichtensendung des wichtigsten russischen TV-Senders etwas bislang Einzigartiges.

60 bis 80 Prozent der Russen stehen hinter Putin, also bei weitem nicht alle – Und es gibt auch einige wirklich Mutige

Nicht alle Russen stehen hinter Putin und dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine sowie all den Kriegsverbrechen, die die russischen Streitkräfte dort begehen. Putin hat zwar nach wie vor eine Mehrheit von ca. 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung hinter sich, das aber heißt: Mindestens 20 bis 40 Prozent stehen nicht hinter dem russischen Tyrannen, stehen nicht hinter diesem Krieg. Daher bitte auch nicht pauschal auf Menschen bei uns losgehen, nur weil sie aus Russland kommen! Und bitte auch niemanden anpöbeln. Bei aller sehr berechtigter Russlandkritik, das ist nicht der richtige Weg. Wir müssen Russland anders bekämpfen (Wirtschaftskrieg, Waffenlieferungen in die Ukraine, Russen von internationalen Sport- und sonstigen Kulturveranstaltungen ausschließen, den russischen Staat weltweit isolieren etc.).

Die allermeisten derer, die nicht hinter Putin und diesem Krieg stehen (20 bis 40 Prozent), sind zwar wiederum in stiller Opposition, aber es gibt auch einige wenige Mutige (unter 0,1 Prozent), die das offen artikulieren. Und das obschon so etwas in dem Polizeistaat Russland drastisch geahndet wird. Es werden Haftstrafen von bis zu 15 Jahre (!) angedroht für Widerspruch, Protest oder Aufklärung über Russlands Krieg gegen die Ukraine. Selbst das Wort „Krieg“ im Zusammenhang mit der „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine zu verwenden, ist verboten und wird bei Zuwiderhandlung streng bestraft.

Marina Ovsyannikova, eine russische Heldin und ihre couragierte Aktion

Gleichwohl ist gestern Abend eine dieser Ehrlichen und Mutigen, die TV-Redakteurin Marina Ovsyannikova, während einer laufenden Live-Sendung und zwar während der Abendnachrichten „Wremya“ („Zeit“) von Russlands wichtigstem Sender Channel One ins Bild gelaufen und hat folgendes Plakat in die Kamera gehalten. Darauf stand:

„Nein zum Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier belügen sie Euch.“

Außerdem rief die 43-Jährige mehrfach: „Nein zum Krieg!“ Nach fünf Sekunden hat die Regie sofort weggeschaltet und schnell einen Bericht gesendet, aber da hatten schon viele die Aktion gesehen. Russische Oppositionelle teilten einen Mitschnitt des Protests in den sozialen Medien. Die TV-Sender sind mit das wichtigste Medium der russischen Lügen-Propaganda, denn diese erreichen enorm viele Menschen, und vor allem Ältere glauben den russischen TV-Sendern nahezu blind.

„Sie können uns nicht alle einsperren“

Zuvor hatte Ovsyannikova, die nach eigenen Angaben Tochter eines Ukrainers und einer Russin ist, offenbar eine kurze Ansprache aufgezeichnet, die seither verbreitet wird. Darin fordert sie dazu auf, zu Protesten gegen den Krieg zu gehen: „Sie können uns nicht alle einsperren“, sagt Ovsyannikova. Sie erklärt, sie schäme sich dafür, für den Sender gearbeitet zu haben, bei dem Lügen vom Bildschirm kämen.

Leider habe ich mehrere Jahre bei Channel 1 gearbeitet und die Propaganda des Kreml verbreitet. Dafür schäme ich mich. Wir haben 2014 geschwiegen, als das alles gerade erst begonnen hatte. Wir haben nicht protestiert, als der Kreml Nawalny vergiftete.“

Ein menschenfeindliches, verbrecherisches Regime

Man habe demmenschenfeindlichen Regime nur schweigend bei der Arbeit zugesehen. Und jetzt hat uns die ganze Welt den Rücken gekehrt.“ Was in der Ukraine geschehe, sei ein Verbrechen.

Marina Ovsjannikova wurde kurz nach ihrer couragierten Aktion festgenommen. Ihr droht nun wohl eine harte Strafe. Hunderte Millionen Menschen in der ganzen Welt stehen aber hinter dieser Frau und beten nun wohl, dass man ihr nichts Schlimmes antut.

Marina Ovsjannikova wurde 1978 in Odessa, damals Sowjetunion, heute Ukraine, geboren. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, sagte sie in ihrem Video. Sie arbeitete viele Jahre in der internationalen Abteilung der Nachrichtenredaktion von Channel One.

Die Aktion und die Ansprache von Ovsyannikova

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