Metaphysik (Ontologie): Unsere tiefsten Glaubenssätze

Von Jürgen Fritz, Fr. 26. Apr 2019

Vor einigen Monaten fragte ich die JFB-Leser, was denn ihr persönlich tiefster Glaubenssatz wäre. Beim Lesen der Antworten hatte ich den Eindruck, dass die meisten diese Frage nicht wahrheitsgemäß beantworteten. Nicht weil sie vorsätzlich die Unwahrheit sagen wollten, sondern weil ihnen ihre eigenen innersten Überzeugungen gar nicht bewusst waren.

„Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken“ 

Die Frage, die ich damals stellte, lautete: Was ist dein tiefster Glaubenssatz, der dein persönliches Weltbild im Innersten zusammenhält? Und ich erläuterte das Ganze wie folgt.

Gnothi seauton – Erkenne dich selbst!, ist eine vielzitierte Inschrift am Apollotempel von Delphi, als deren Urheber Chilon von Sparta, einer der Sieben Weisen der griechischen Antike, angesehen wird. Der erste Beleg für diesen Gedanken findet sich in einem Fragment des Philosophen Heraklit von Ephesos (um 520 – 460 v. Chr.):

„Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“ 

Sodann stellte ich also die oben zitierte Frage, Was ist dein tiefster Glaubenssatz, der dein persönliches Weltbild im Innersten zusammenhält?, und explizierte dieser folgendermaßen:

Mit Glaubenssatz ist hier nicht unbedingt, nicht zwingend etwas Religiöses gemeint. Wenn Philosophen von „glauben“ sprechen, dann meinen sie zunächst einmal alles, was man für wahr hält, sei es wohlbegründet, vielleicht sogar bewiesen oder auch weniger gut begründet. Der Begriff des Glaubens ist ursprünglich sehr viel weiter als der des religiösen Glauben. Gemeint ist hier also der weite Begriff, der den religiösen Glauben mit umschließt, aber sehr viel mehr enthält als nur diesen.

Worum es mir in meiner Frage geht, ist also, was im Innersten Ihrer Weltanschauung für eine Grundüberzeugung steckt. Oft machen wir uns das, weil es uns als völlig selbstverständlich erscheint – was es aber nie ist! – gar nicht bewusst. Im Innersten stecken meist erst mal metayphysischebeziehungsweise ontologische Überzeugungen ganz grundsätzlicher Art, die wir in unserem Kulturkreis fast alle teilen, die aber in anderen Kulturkreisen bisweilen durchaus anders sein können. Sodann kommen meist ethische Grundüberzeugungen, die wir alle haben. Religiöse Glaubenssätze setzen meist darauf auf und betten das Ganze in einen für den jeweiligen religiös Gläubigen in einen für ihn sinnvoll erscheinenden Gesamtkontext.

Die meisten Leser gaben wohl eher an, was Ihnen persönlich am wichtigsten ist, was ihnen am ehesten Orientierung gibt, aber weniger, was in ihrem Innersten geglaubt und oft völlig selbstverständlich genommen wird. Betrachten wir also die wahrscheinlich innersten Überzeugungen.

Metaphysik (Ontologie): unsere tiefsten Glaubenssätze

Der ontologische Realist glaubt, dass er (sein Köper und sein Geist) und auch die anderen Menschen, die Tiere, Pflanzen, auch all die unbelebten Dinge, überhaupt alles in der Welt ist. Er hält also die ihn umgebende Realität, die Wirklichkeit, die äußere Welt für das Primäre und seine Idee von allem, auch von der Realität selbst für das Sekundäre, das sich auf das Primäre bezieht, dieses richtig erfassen (Wahrheit) oder auch verfehlen kann (Fehlvorstellungen). Er glaubt also, dass die Welt schon vor ihm da war und auch nach ihm noch da sein wird, mithin von ihm unabhängig ist. Es könnte die Welt auch ohne ihn geben, denkt der metaphysische Realist, der sich als kleines Teil in einem riesigen Ganzen sieht.

Der metaphysische Idealist, oder vielleicht besser Anti-Realist glaubt, dass die Welt als Idee in uns, in unserem Geist ist. Wenn er von der „Welt“ spricht, dann meint er diese Idee in seinem Geist, nicht von einer Welt außerhalb von ihm. Er sagt: Außerhalb unseres Bewusstseins ist nichts. So etwas wie Materie gibt es nicht wirklich, das ist nur eine Idee in uns. Für ihn ist also sein eigener Geist das Primäre und die sogenannte Realität auch nur eine Idee, die unser Geist geschaffen hat (daher der Name „Idealismus“).

Der ontologische Solipsist geht auch den nächsten Schritt und stellt fest: Es gibt nichts außerhalb meines eigenen Bewusstseins, auch kein anderes solches. Nur das eigene Ich existiert. Die ganze Welt ist in mir, auch die anderen Menschen. Außerhalb meines Bewusstseins ist nichts.

Keine dieser metaphysischen Grundpositionen kann bewiesen oder widerlegt werden. Es können nur Indizien und Argumente vorgebracht werden, die aber nie zwingend sind. Die Entscheidung, ob wir ein ontologischer Realist, ein Anti-Realist oder ein Solipsist sein wollen, hängt allein von unserer Entscheidung ab, was wir glauben wollen, was uns am meisten überzeugt. Insofern ist es eine Glaubenssache. 

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Titelbild: © By Monika Ledig-Martin

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