Wie ungebildet und wie antiintellektuell waren Jesus und die Urchristen?

Von Jürgen Fritz, Di. 11. Jun 2019, Titelbild: YouTube-Screenshot aus der Verfilmung der Geschichte der Hypatia Agora

Dieser Text ist nicht für Christen gedacht, die so bleiben wollen, wie sie sind, die ihre eigenen Fundamente nicht reflektieren und kritisch würdigen wollen, die sich mithin nicht für historisch-kritische Forschung interessieren, sondern mit dem ihnen in der Kindheit und/oder später vermittelten christlichen Narrativ (Geschichten, Märchen, Mythen) völlig zufrieden sind, weil ihnen das Halt und Orientierung gibt, auf welche sie nicht verzichten wollen oder können. Der Text ist vielmehr gedacht für solche, die gerne wissen wollen, welches Bild die Geschichtswissenschaft und die historisch-kritische Theologie nach fast 250 Jahren intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema herausschälen konnten.

Jesus: keinerlei Interesse an Kultur, Kunst, Wissenschaft, Geistesleben oder Philosophie

Jesus von Nazareth war – davon müssen wir, wenn wir die historisch-kritische Forschung zu Rate ziehen – vollkommen gleichgültig gegenüber jeder Form von Kultur, die vor ihm schon die jüdischen „Propheten“ bekämpft hatten. Der Nazarener besaß offensichtlich keinerlei Sinn für Geistesleben, Wissenschaft und Kunst. Als Sohn eines kinderreichen Dorfhandwerkers (Bauhandwerker, nicht Zimmermann!), dürfte er die Kenntnisse, die er hatte, auf Straßen und Märkten, in der Synagoge und bei der Lektüre des Alten Testamentes erworben haben. Lesen konnte er sicherlich, ob er auch schreiben konnte, ist fraglich. Dass er durch Gelehrte geschult wurde, gilt als sehr unwahrscheinlich, denn nirgends spricht er die Sprache der theologisch Gebildeten seiner Zeit.

Auch an Philosophie zeigte Jesus keinerlei Interesse. Wie alle antiken jüdischen „Weisen“ machte er sich nichts aus ihr. Aber auch als religiöser Mensch war er Laie, ebenso wie alle seine Jünger, „ungelehrte Leute und Laien“, wie es im Neuen Testament heißt. Jesus verkündete auch keine echte „Gotteslehre“. So etwas wie Gottesbeweise sucht man bei ihm vergebens. Auch die Erläuterung längerer philosophischer oder theologischer Prinzipien fehlt vollkommen. Jesus wandte sich als selbst ganz offensichtlich sehr wenig Gebildeter gegen das Ideal des Weisen, des Gebildeten, was wiederum bei geistig sehr einfach gestrickten Menschen sehr gut angekommen sein dürfte: „Ich preise dich, Vater und HERR des Himmels und der Erde, daß du solches verborgen hast den Weisen und Klugen, und hast es offenbart den Unmündigen.“ (Lk. 10,21)

Die völlige Umwertung der Werte: Anti-Intellektualismus und reine Unterschichtenreligion

Wir sehen hier also eine völlige Umwertung der Werte, die Huldigung der Nichtklugen, der Dummen, der Ungebildeten, also einen extrem ausgeprägten Anti-Intellektualismus, den wir später auch bei Mohammed und dem Islam sehen. Das setzte sich zunächst  auch genauso im Urchristentum fort. Dieses war bis weit ins 2. Jahrhundert hinein ein reines Unterschichtenphänomen. Über hundert Jahre lang nahm kein halbwegs Gebildeter auch nur Notiz vom Christentum. Die frühen Christen lebten weitgehend abgekehrt von allem Weltlichen, zumeist in kommunistisch-sozialistischen Gütergemeinschaften ohne Privateigentum, da Jesus jeden Reichtum, im Grunde überhaupt jeden Besitz negiert hatte. Sein Ansatz war also vollkommen antikapitalistisch, mithin ganz anders als in den jüdischen Zehn Geboten, wo im zehnten Gebot das Eigentum explizit geschützt wird, sogar der Besitz an Menschen, also Sklaven:

„Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“ 

Während also der Gott des Alten Testaments quasi noch ein Anhänger des Privateigentums oder, zugespitzt formuliert, des Kapitalismus war, sehen wir in Jesus, der jeglichem Reichtum und sogar jeglichem Besitz gegenüber äußerst kritisch war, und nichts besaß, eine starke Hinwendung zum Kommunismus, sprich der absoluten Besitzlosigkeit und der Gütergemeinschaft.

Jesus, eine frühe Greta

Auch die Urchristen lebten wie Jesus, der kein Christ, sondern hundertprozentiger Jude war – das Christentum ist eine Erfindung vor allem von Paulus, der Jesus nie begegnete und diesen für seine eigene Lehre instrumentalisierte -, in der Endzeiterwartung, der Erwartung des baldigen Anbruchs einer neuen Welt (Eschatologie). Der zentrale Punkt in der Jesus-Lehre war, dass das Reich Jahwes, das Reich Gottes bald schon auf der Erde hereinbrechen, dass es dann ein großes Gericht geben werde, wo die Menschen geschieden werden, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Diese Ausdrücke benutzte er wohl nicht, aber so kann man es vereinfacht umschreiben. Die Jesus-Lehre war also nicht auf ein Jenseits gerichtet, sondern hier auf die Erde, welche aber völlig verwandelt werden sollte.

Diese erklärt auch, warum Jesus von Nazareth natürlich auch keinerlei Sinn für Kultur, für Kunst, für Wissenschaft, für Philosophie hatte. Das jetzige Dasein, so seine Vorstellung, die aus den als authentisch eingestuften, überlieferten Jesus-Worten rekonstruiert werden kann, wäre ja nicht mehr von langer Dauer. Das Ende der jetzigen, als so schrecklich empfundenen Welt sei nicht mehr fern. Jesus war also im Grunde eine frühe Greta, könnte man sagen, der nicht müde wurde, den Weltuntergang zu prophezeien und den Menschen Angst einzujagen, um sie so zur inneren „Umkehr“ zu mahnen, bevor es zu spät sei und der, genau wie Greta, an sonst nichts Interesse hatte. Personen, die so etwas glaubhaft rüberbringen können, üben meist eine enorme Faszination zumindest auf bestimmte Mitmenschen aus, wobei die Wirkung von Greta natürlich millionenfach größer ist im Vergleich zu den wenigen Anhängern, die der jüdische Wanderprediger um sich zu scharen vermochte.

Die Urchristen: ein Haufen von Kleinbürgern, Bettlern und Sklaven

Diese Endzeiterwartung erklärt zugleich, warum Jesus kein Interesse an einer neuen Kirche hatte. Wozu eine Kirche, also eine Institution, die den „rechten Glauben“ organisiert, verwaltet und über die Generationen, über die Jahrhunderte und Jahrtausende tradiert, wenn das Reich Gottes bald hereinbrechen wird? Und dies erklärt auch, warum in den ersten Jahrzehnten so wenig aufgeschrieben wurde. Selbst falls Jesus schreiben konnte, welche Motivation sollte er haben, Schriften zu verfassen, wenn in Kürze die Erde in ihren damals aktuellen Form untergehen würde? Die frühen Christen waren lange von dieser Geringschätzung der Welt und allem Weltlichen durchdrungen.

Das änderte sich erst ganz allmählich im Laufe der Jahrhunderte. Die ersten christlichen Berufsschriftsteller, Justin und Melito von Sardes, beginnen erst in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts zu schreiben. Die Christenheit des gesamten 1. Jahrhunderts aber war mit geringen Ausnahmen ein „Haufen von Kleinbürgern, Bettlern und Sklaven“. Wie Paulus bezeugt, fehlten auch ehemalige Diebe und Spitzbuben nicht. Hier sehen wir übrigens starke Parallelen zum Islam, ebenfalls zunächst ein Unterschichtenphänomen. Auch das intellektuelle und bildungsmäßige Niveau der frühen christlichen Führer war recht niedrig. Die Christen galten gemeinhin als die Dummen. Sogar Kirchenvater Tertullian (ca. 150 – 220) gesteht unumwunden, die „idiotae“ seien unter den Christen immer in der Majorität und hier befinden wir uns bereits im ausgehenden 2. und frühen 3. Jahrhundert.

Die antike Wissenschaft war noch im 4. Jahrhundert dezidiert heidnisch

Man muss wohl unumwunden konstatieren: Der – ich bitte den Ausdruck zu entschuldigen – frühchristliche Pöbel stieß die gelehrten Menschen der hellenistischen Welt meist eher ab. Und auch die drei ersten Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas), entstanden ca. zwischen 70 und 90, also rund ein halbes Jahrhundert nach dem Kreuzestod Jesu, vermochten kaum einen Gebildeten hinterm Ofen hervorzulocken, vermochten kaum einem zu imponieren. Denn sie waren in der einfachen Volkssprache geschrieben, sie zeigten sowohl in ihrer Stilistik als auch ihrer Motivierung, Gestaltung und Durchschaubarkeit allzu deutlich die Spuren ihrer proletarischen Provenienz. Einige Altphilologen sprechen gar von „stilistischen Monstra“.

Bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts hinein bewegte sich das Christentum also fast nur in den unteren Schichten. Die gebildeten Kreise nahmen in dieser Zeit vom Christentum, dieser neuen jüdischen Sekte, überhaupt keine Notiz. Noch im 4. Jahrhundert war die antike Wissenschaft dezidiert heidnisch.

Interessant in diesem Zusammenhang auch der Fall der griechische Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Hypatia von Alexandria, (355 – 415), die im frühen 5. Jahrhundert von einer aufgehetzten christliche Meute in eine Kirche geschleppt, dort nackt ausgezogen und ermordet wurde, bevor ihr Leichnahm mit „Scherben“ („Dachziegeln“) regelrecht zerstückelt wurde.

Die antike Wissenschaft konnte nur mit Hilfe des Staates vom Christentum verdrängt werden, welches sich wenig rühmlich an ihre Stelle setzte, nachdem die römischen Kaiser sich für das Christentum entschieden hatten. Ob damit der kulturelle und geistige Niedergang Europas einsetzte respektive sich fortsetzte und beschleunigte, wäre genauer zu untersuchen. Fakt ist, dass das weströmische Reich bereits im 5. Jahrhundert unterging.

Wie schaffte es das Christentum über die Kreise der Unterschicht hinaus zu expandieren?

Der entscheidende Faktor dürfte hier der folgende gewesen sein: Erst als das Christentum verstärkt griechische Philosophie, insbesondere Platon und den Neuplatonismus (sehr viel später Aristoteles) in sich aufnahm (klaute, usurpierte), nachdem es sich zuvor am Judentum, an den alten Mysterienreligionen und an heidnischen Kulten reichlich bedient hatte, erreichte es einen geistigen Stand, der es auch für Gebildete interessant machte. Mit der Jesus-Lehre, von der man sich von Anfang an entfernt hatte, schon bei Paulus, dem eigentlichen Vater und Begründer des Christentums, der Jesus vollkommen instrumentalisierte und zum Gott machte (christlicher Vergottungsprozess des Juden Jesus), hatte das aber immer weniger zu tun.

Und sobald die Christen an der Macht waren, begannen sie nun, alle anderen zu verfolgen, viel extremer und intoleranter als die Verfolgungen, die sie zuvor von den weitgehend toleranten Römern hatten erleiden müssen. Interessant ist in diesem Zusammenhang beispielsweise, was sie mit Kaiser Julian, dem „Abtrünnigen“ (331 – 363) machten, dem Neffen Konstantins, der sich nach anfänglicher Begeisterung (er wollte als Jüngling Priester werden) schnell vom Christentum abwandte und der als Kaiser die Götterkulte wieder einführte. Julian organisierte eine ausgedehnte Armenfürsorge, baute Pilgerherbergen und Krankenhäuser und gebot Fürsorge, sogar für die Gefängnisinsassen und Feinde, „denn wir geben dem Menschen als solchem, nicht der Person“. Hier klingt bereits die kantische Weisheit der Achtung vor der Menschheit in jedem Menschen an.

363 erlag der nicht mal 32-jährige Julian einer Speerwunde, zugefügt wahrscheinlich von einem gedungenen christlichen Soldaten (Hochverrat). Die Christen in Antiochien feierten Julians Tod mit Tanzveranstaltungen in den Kirchen und überschütteten den Toten mit Schmähungen, die sich bis weit ins christliche, genauer: katholische Mittelalter erstreckten und die so schlimm waren, dass ich sie hier nur ansatzweise wiedergeben kann. Die frommen christlichen Erzähler schmückten ihre Geschichten im Laufe der Zeit immer mehr aus. Julian hätte die Gebeine der Märtyrer und Heiligen geschändet, Kindern das zuckende Herz ausgerissen und schwangeren Müttern den Leib aufgeschlitzt usw. usf.

Die Ermordung Julians, der sich vom Christentum abwandte und zu den Götterkulten zurückkehren wollte

Erst die Aufklärung beendete diese widerliche christliche Schmutzkampagne. Voltaire, Montaigne, Chateaubriand u.a. zählten Julian zu den größten Menschen der Geschichte. Schiller wollte ihn, so wird berichtet, zum Helden eines Dramas machen, und Goethe habe sich gerühmt, Julians Hass gegen das Christentum zu verstehen und zu teilen.

Von Julian selbst wird berichtet, er habe ein untadeliges Leben geführt. Schon als Jüngling habe er sich durch Bescheidenheit und Fleiß ausgezeichnet und jede Bevorzugung abgelehnt. Als Kaiser habe er jeden Luxus verschmäht. Julian beseitige das orientalische Hofzeremoniell der bisherigen christlichen Regenten. Bei feierlichen Anlässen ging er zu Fuß. Im Sitzungssaal diskutierte er und ließ die Senatoren in seiner Gegenwart sitzen. Er besuchte keine Zirkusspiele, gab keine ausschweifenden Gelage und betrank sich nie. Er las die Philosophen und galt als bedeutender Stilist.

Vielleicht hätte Julian die Geschicke Europas in eine völlig andere Richtung lenken können. Vielleicht war es auch schon zu spät. Wer weiß? Fest steht: Er wollte das Christentum wieder los werden. Doch die Christen kamen ihm zuvor und ließen höchstwahrscheinlich durch einen Meuchelmord beseitigen. Julian wurde nicht einmal 32 Jahre alt. Und fest steht auch: Im 5. Jahrhundert ging das weströmische Reich, sicherlich aus vielen Gründen, unter. Es folgten tausend Jahre christliches Mittelalter und Europa fiel wissenschaftlich weit, weit zurück.

Literaturempfehlungen

Diese zwei absoluten Meisterwerke können jedem, der sich für das Thema interessiert, nur dringend anempfohlen werden. Zum einen der vielleicht versierteste Katholizismuskritiker überhaupt: Karlheinz Deschner, der sich jahrzehntelang intensivst mit der Geschichte des Christentums beschäftigte und ein nahezu einzigartiges Gesamtwerk vorlegt. Bereits 1962 veröffentlichte er sein vielleicht wichtigstes Buch überhaupt, das 1000-seitige Werk Abermals krähte der Hahn. Es folgten unter anderem zehn dicke Bände zur Kriminalgeschichte des Christentums.

Als Fürsprecher für das Christentum sei Jörg Lausters Verzauberung der Welt empfohlen. Lauster ist Professor für evangelische Theologe und hat in München einen Lehrstuhl inne für Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene. Seine Kulturgeschichte des Christentums ist ein sehr gut geschriebenes Mammutwerk von über 700 Seiten, die sich ebenso wirklich lohnen, wenngleich der sicherlich nicht unkritische Theologe natürlich eine gewisse Tendenz hat, die Dinge ein wenig schön zu reden, was aber bei fast jedem Theologen so sein dürfte und insofern ein gutes Contra zu Deschner darstellt.

          

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