Nur noch 15 Prozent leben in den fünf neuen Ländern

Von Jürgen Fritz, Sa. 28. Sep 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Die fünf neuen Bundesländer haben zusammen inzwischen nur noch 12,55 Millionen Einwohner. Das ist weniger als Bayern alleine, deutlich weniger als NRW. Bezogen auf Deutschland mit über 83 Millionen Menschen sind es gerade noch 15 Prozent. 85 Prozent der Bevölkerung leben also im Westen, wobei die Einwohnerzahl im Osten weiter schrumpft, während sie im Westen weiter steigt.

Seit 1949 schrumpfte die Bevölkerung Ostdeutschlands um fünf Millionen

Fast sechs von sieben Bewohnern Deutschlands leben im Westen oder in Berlin, nur gut ein Siebtel in den fünf neuen Bundesländern: Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Zusammen kamen diese zum 31.12.2018 gerade noch auf 12,55 Millionen Einwohner. Der Osten des Landes erlebte in den letzten Dekaden ein wahres Ausbluten. So waren es 1949 immerhin noch 18,8 Millionen Menschen, die auf dem Gebiet der damaligen DDR, also inklusive Ostberlin, lebten. Doch diese Zahl ging seither über Jahrzehnte kontinuierlich zurück:

  • 1949: 18,8 Mio.
  • 1960: 17,2 Mio.
  • 1970: 17,1 Mio.
  • 1980: 16,7 Mio.
  • 1989: 16,4 Mio.

Nun sind es also ohne Ostberlin, das 1989 knapp 1,3 Millionen Einwohner hatte, sogar nur noch 12,55 Millionen. Das heißt, die Zahl der Bewohner ist in den fünf neuen Bundesländern* seit 1990 um über 2,5 Millionen geschrumpft. Betrug das Einwohnerverhältnis BRD – DDR 1989 noch 3,8 zu 1, so beträgt das Verhältnis der alten Bundesländer, inklusive Ostberlin, zu den neuen Bundesländern heute (Stand 2018) 5,6 zu 1.

In den vier Jahrzehnten von 1949 bis 1989 schrumpfte die Ostbevölkerung insgesamt um ca. 2,4 Millionen und in den drei Jahrzehnten von 1989 bis 2018 um nochmals gut 2,5, insgesamt also rund 5 Millionen.

Die abstruse Einteilung in völlig unterschiedlich große Bundesländer

Wie absurd die Einteilung der Bundesländer ist, die alle eigene Länderparlamente, eigene Landesregierungen, eigene Polizeien, eigene Schulhoheit etc. haben, zeigt die Übersicht der Bundesländer bezogen auf die Bevölkerungsgröße. Dabei entsendet jedes Bundesland, egal wie klein es ist, mindestens drei Mitglieder in den Bundesrat, und, egal wie groß es ist, maximal sechs.

  1. Nordrhein-Westfalen: 17,93 Mio.
  2. Bayern: 13,08 Mio.
  3. Baden-Württemberg: 11,07 Mio.
  4. Niedersachsen: 7,98 Mio.
  5. Hessen: 6,27 Mio.
  6. Rheinland-Pfalz: 4,09 Mio.
  7. Sachsen: 4,08 Mio.*
  8. Berlin: 3,65 Mio.
  9. Schleswig-Holstein: 2,90 Mio.
  10. Brandenburg: 2,51 Mio.*
  11. Sachsen-Anhalt: 2,21 Mio.*
  12. Thüringen: 2,14 Mio.*
  13. Hamburg: 1,84 Mio.
  14. Mecklenburg-Vorpommern: 1,61 Mio.*
  15. Saarland: 0,99 Mio.
  16. Bremen: 0,68 Mio.

Wenn also Bremen mit drei Sitzen im Bundesrat vertreten ist, Nordrhein-Westfalen nur mit sechs, dann bedeutet dies, dass ein Bremer Bürger im Bundesrat mehr als 13 mal so stark repräsentiert ist wie ein NRW-Bürger. Auf ca. 227.000 Bremer kommt ein Bundesratsmitglied, in NRW dagegen auf 2,99 Millionen ein Abgeordneter. Dies ist natürlich ein ganz eklatanter Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, den wir ganz ähnlich im EU-Parlament sehen, wo luxemburger Bürger mehr als zehnmal so stark repräsentiert sind wie deutsche, die Bürger Maltas sogar 13 mal so stark wie die Bürger Frankreichs. Doch zurück zu Deutschland.

Die fünf neuen Bundesländer* haben zusammen inzwischen nur noch 12,55 Millionen Einwohner. Das ist weniger als Bayern alleine und deutlich weniger als NRW. Bezogen auf Deutschland mit über 83 Millionen Menschen sind es gerade noch 15 Prozent. Doch wie kommt das, dass die ostdeutsche Bevölkerung so sehr geschrumpft ist? Dies hat im wesentlichen drei Ursachen.

1. Seit 50 Jahren viel zu niedrige Geburtenziffern

In den westdeutschen Bundesländern geht die Zahl der Geburten bereits seit der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre zurück (Pillenknick). In der DDR setzte diese Entwicklung nahezu zeitgleich ein, wenngleich die Geburtenraten im Osten ab 1969 minimal und von 1975 bis Ende der 1980er Jahre immer etwas höher waren als im Westen. Gleichwohl wurde auch hier ab ca. 1970 die magische Marke von 2,1 Kindern pro Frau (210 pro 100 Frauen) dauerhaft unterschritten.

Seit der Wiedervereinigung hat sich das Bild jedoch gewandelt und der Osten hat sich dem Westen angeglichen was die Anzahl der Geburten pro Frau anbelangt. Denn in Ostdeutschland sehen wir seit 1990 einen regelrechten Einbruch der Geburtenzahlen um bis zu 25 Prozent im Vergleich zum Vorwende-Niveau. Aus einer leichten „Unterproduktion“ wurde eine gewaltige „Unterproduktion“, die von 1990 bis 2007 sogar noch größer war als die im Westen Deutschlands.

In den letzten zehn Jahren sahen wir in Deutschland nun Geburtenziffern von 139 bis 157 Kindern pro 100 Frauen, Tendenz leicht steigend. Zur Bestandserhaltung sind aber ca. 210 lebendgeborene Kinder pro Frau notwendig (108 Jungen, 102 Mädchen), so dass auf jede Frau etwa ein Mädchen kommt. Wir sehen also selbst bei 157 Kindern pro 100 Frauen eine „Unterproduktion“ von 53 Kindern pro 100 Frauen. Diese „Unterproduktion“ betrug Mitte der 1990er Jahre sogar 85 Kinder pro 100 Frauen und war in Ostdeutschland in den 1990ern und der ersten Hälfte der 2000er-Jahre sogar noch größer.

2. Fast ein Viertel der ursprünglichen Bevölkerung zog aus dem Osten in den Westen, über 1,2 Millionen mehr als umgekehrt

Hinzu kommt als zweiter Faktor eine massive Abwanderung aus dem Osten in den Westen Deutschlands (Binnenwanderung). Während seit der Wiedervereinigung ca. 2,45 Millionen Menschen aus dem Westen in den Osten umzogen, waren es gleichzeitig aber über 3,68 Millionen, die in den Westen weggingen. Das ergibt ein Minussaldo von über 1,2 Millionen. Inzwischen scheint aber ein Punkt erreicht zu sein, dass die Zuzüge in den Osten die Abwanderungen voll kompensieren.

In der Grafik sieht man sehr schön die Wanderungswellen. Bis zum Bau der Mauer 1961 verließen jedes Jahr Hunderttausende die DDR Richtung Westdeutschland. Dies wurde ab 1961 auf wenige Tausend pro Jahr gesenkt. 1989/90, nach dem Mauerfall, schnellte der Wanderungssaldo dann schlagartig wieder nach oben. Allein in den beiden Jahren 1989, 1990 verließen ca. 800.000 Menschen Ostdeutschland. Die Abwanderungszahlen gingen dann zwar deutlich zurück, blieben aber jahrzehntelang klar höher als die Zahl der Menschen, die aus dem Westen in den Osten zogen. Das sind seit den 1990ern jedes Jahr knapp 100.000. Die letzten Jahre scheinen sich diese zwei Zahlen, Ab- und Zuwanderung, nun anzupassen beziehungsweise auszugleichen.

3. Die Immigration geht viel stärker in den Westen als in den Osten

Neben der viel zu niedrigen Geburtenraten und der jahrzehntelangen größeren Abwanderung von Ost nach West als umgekehrt kommt noch ein dritter Faktor für das Schrumpfen der ostdeutschen Bevölkerung hinzu. Die Immigration von außerhalb Deutschlands verteilt sich nämlich höchst ungleich auf West und Ost. Im Jahr 2018 hatte bereits mehr als jeder Vierte im Lande einen Migrationshintergrund (Zugewanderte und ihre direkte Nachkommen). Von über 83 Millionen Menschen waren nur noch rund 62 Millionen indigene Deutsche. 20,8 Millionen waren bereits direkte oder indirekte Immigranten, Tendenz immer weiter steigend. Auf eine Person mit Migrationshintergrund kamen nur noch knapp drei Ursprungsdeutsche. 40,6 Prozent aller Kinder in Deutschland unter fünf Jahren hatten 2018 bereits einen Migrationshintergrund.

Doch dabei verteilen sich die direkten und indirekten Immigranten höchst unterschiedlich auf West- und Ostdeutschland. 2018 lebten nämlich 95,3 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund in Westdeutschland und Berlin und nur 4,7 Prozent in den fünf neuen Bundesländern. Der Immigrantenanteil an der Bevölkerung ist am höchsten in Bremen. Dort beträgt er nicht nur über 25, sondern sogar schon über 35 Prozent (35,1).

  1. Bremen: 35,1 %
  2. Hessen: 33,6 %
  3. Baden-Württemberg: 33,4 %
  4. Hamburg: 33,3 %
  5. Berlin: 31,6 %
  6. Nordrhein-Westfalen: 30,4 %

In Ostdeutschland lag der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung 2018 dagegen lediglich bei 8,0 Prozent.

Zukunftsausblick

Die Geburtenziffern liegen sowohl in West- wie auch in Ostdeutschland weiterhin weit unter 210 Kindern pro 100 Frauen, aber bei diesem Faktor ist kein Unterschied mehr vorhanden. Die Frauen bekommen in beiden Teilen des Landes gleichermaßen viel zu wenig Kinder. Auch bei dem Faktor Binnenwanderung innerhalb von Deutschland haben wir inzwischen ein ausgeglichenes Bild. Bleibt noch der Faktor Migration nach Deutschland. Diese wird wohl auch zukünftig vor allen Dingen in den Westen Deutschlands gehen. Hinzu kommt noch ein weiterer Faktor.

Frauen mit Migrationshintergrund bringen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich mehr Kinder zur Welt als die in Deutschland geborenen Frauen. Bei 100 Frauen, die 2016 im Alter zwischen 45 und 54 Jahren waren, betrug die Zahl der geborenen Kinder im Durchschnitt 160 Kinder pro Frau. Die in Deutschland geborenen gleichaltrigen Frauen (indigene Deutsche) bekamen aber nicht 160, sondern nur 150 Kinder, die zugewanderten Frauen dagegen 200. 100 Immigrantenfrauen bringen also ca. 50 Kinder mehr zur Welt als indigene deutsche Frauen.

Das heißt, selbst ohne weitere Zuwanderung würde sich der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund im Westen deutlich schneller erhöhen als im Osten. Während wir also im Osten eine zunehmende Vergreisung der Bevölkerung sehen, sehen wir im Westen einen rapiden Bevölkerungsaustausch im Sinne einer völlig veränderten Zusammensetzung der Einwohner des Landes.

Übrigens sind bei Frauen mit höherer Bildung die Unterschiede zwischen Indigenen und Immigranten deutlich geringer. 100 in Deutschland geborene Frauen mit höherer Bildung bringen im Laufe ihres Lebens 140 Kinder zur Welt, 100 Migrantinnen mit höherer Bildung 150. Hier sehen wir also keinen großen Unterschied.

Bei Frauen mit niedrigem Bildungsstand sind die Unterschiede dagegen gewaltig: 100 in Deutschland Geborene mit niedriger Bildung bekommen derzeit durchschnittlich 160 Kinder, 100 zugewanderte Frauen mit niedrigem Bildungsniveau dagegen 240 Kinder, 80 mehr als ihr deutschstämmiges Pendant und 30 mehr als zur Bestandserhaltung erforderlich wären. Dies ist quasi das einzige Segment, in dem wir eine „Überproduktion“ sehen: Immigranten mit niedriger Bildung. Und diese betrifft vor allem Westdeutschland.

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