Jürgen Fritz Blog

Politische Beiträge und philosophische Essays

Den Opfern von Halle ein Gesicht geben: Jana L. und Kevin S.

Von Jürgen Fritz, So. 13. Okt 2019, Titelbild: Privatbilder

Eigentlich wollte er ja Juden umbringen. Aber mit seinen selbstgebastelten Waffen schaffte er es nicht einmal, sich überhaupt Zugang zur Synagoge zu verschaffen, in der sich zig Menschen aufhielten. Zum Glück! Was machte der Rechtsextremist nun in seiner Not? Er war doch extra aufgebrochen, so viele Menschen wie möglich zu töten. Er erschoss einfach, wer ihm gerade vor den Lauf kam. Doch sein selbstgebasteltes Gewehr hatte ständig Ladehemmung. Einigen kam dieses Glück, das so viele andere hatten, aber nicht zu, vor allem nicht der 40-jährigen Jana L. und dem 20-jährigen Kevin S. Beide wurden tödlich getroffen.

Jana L.

Für diese beiden größten Opfer des Judenhassers haben sich die deutschen Politiker lange gar nicht interessiert. Pawlowartig konzentrierten sich viele erst mal auf das Stichwort Synagoge. Erst Tage später sprach man dann öffentlich von den zwei größten Opfern dieses Anschlags. Das hat natürlich mit der Opferhierarchie zu tun, in der Jana und Kevin nun mal nicht ganz oben stehen. Dazu gleich mehr.

Jana L. war vielen Hallensern wegen ihrer Leidenschaft zum Sammeln von Autogrammen bekannt und oft in vorderster Fan-Linie zu finden. Am Mittwochmittag wurde sie von dem 27 Jahre alten Stephan B. mit vier Schüssen in den Rücken erschossen. Sie hatte das große Pech, genau in dem Moment an der Synagoge vorbeizukommen, an der ihr Mörder gerade versuchte, die Tür zu sprengen. Irgendwie schien sie gar nicht zu realisieren, was hier vor sich ging.  „Muss das sein, wenn ich hier lang gehe“, sagte sie noch zu ihm und ging seelenruhig an ihm vorbei, als ob er gar keine Schusswaffe in der Hand halten würde. Der Neonazi richtete seine Waffe auf Jana und schoss ihr mehrmals in den Rücken. Sie verstarb an Ort und Stelle.

Jana L. war ein begeisterter Schlagerfan. Mit selbstgebastelten Plakaten besuchte sie zahlreiche Konzerte und Autogrammstunden. Viele Stars begegneten ihr persönlich. Let’s Dance-Finalistin Ella Endlich erinnert sich: „Ganz besonders habe ich Jana ins Herz geschlossen. Ich kenne sie von den Treffen mit meinem Fanclub. Sie war von Beginn an dabei, wir haben eine gemeinsame Geschichte.“

Jana L. + Ella Endlich

Dieses Bild postete Ella Endlich (r.) bei Facebook. Es zeigt die Sängerin mit ihrem großen Fan Jana L. © Facebook

Jana L.  traf auch Schlagerstar Andrea Berg mehrmals auf deren Konzerte. „Ich bin Jana bei vielen meiner Konzerte und Autogrammstunden begegnet. Was gestern in Halle passiert ist, lässt mich zutiefst bestürzt und unendlich traurig zurück. Meine Gedanken sind in diesen Stunden bei allen Opfern und Verletzten, ihren Familien und Freunden. Lasst uns alle noch enger zusammenrücken und zeigen, dass Gewalt, Hass, Ausgrenzung und Diskriminierung in unserer Gesellschaft keinen Platz haben“, so die Sängerin.

Der Trompeter Stefan Mross schreibt auf Facebook: „Der Amoklauf in Halle hat uns unseren treusten Fan aus Halle genommen…“ (Ein Amoklauf war es natürlich nicht, sondern ein lange vorbereiteter Anschlag, der aus Unfähigkeit kurzerhand umdisponiert wurde zu: „Dann bring ich halt um, wen ich gerade kriegen kann“.

 Kevin S.

Zum zweiten Todesoper wurde Kevin S. Er wurde gerade einmal 20 Jahre alt. Kevin starb, weil er sich in seiner Mittagspause just in dem Moment als der Neonazi herein kam, gerade einen Döner holen wollte. Seine Mutter sagt im RLT-Interview: „Er hat meinen Sohn kaltblütig erschossen“. Sie habe ein unveröffentlichtes Video gesehen, das die Sekunden der tödlichen Schüsse zeigt. Die Helm-Kamera des Schützen filmte, wie Kevin starb. Der Maler hatte zuvor auf einer Baustelle in der Nähe des Tatorts gearbeitet und wollte sich in dem Laden etwas zum Mittagessen holen.

Auch Kevin S. war wie Jana L. Teil einer Fangemeinde. Der Merseburger war Mitglied des Drittligisten Hallescher FC. Bei Auswärtsspielen fuhr er oft in Fanbussen hinterher. Am Nachmittag kamen Fans des FC zur Synagoge, um zu trauern. Kevin war Mitglied des Vereins – und der aktiven Fanszene. „Es ist ein Familienmitglied von uns gestorben, und das ist echt scheiße“, sagte Paul Violka, der mit dem 20-Jährigen befreundet war, gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung„Er war ein fröhlicher Mensch, der bei 80 Prozent der HFC-Spiele in der Kurve stand“, so Nico Schmädicke, ein weiterer Freund des Opfers.

Daran erinnerte am Donnerstag auch der von Kevin so innig geliebte Fußballclub. Bei dem Spiel gegen Aue traten die HFC-Spieler am Donnerstag mit Trauerflor an. „Wir stehen alle noch unter Schock“, sagt HFC-Präsident Jens Rauschenbach. Die HFC-Fankurve nennt die Tat auf Facebook „einen feigen Anschlag“. Und fügt hinzu: „Er war ein Teil der HFC-Familie.“

Opfer erster, zweiter und nachgeordneter Klassen

Was bei dem ganzen Vorfall wieder einmal deutlich wurde: Die deutschen Opfer Jana L. und Kevin S. passen nicht so optimal ins gewünschte Opferschema (inverser Rassismus). Breite Betroffenheit zeigt die deutsche Öffentlichkeit immer dann, wenn die Ermordeten oder Verletzten ins Konzept passen.

  1. Ganz oben in der Opferhierarchie stehen: die armen Afrikaner, Muslime oder Juden, sofern die Täter Deutsche oder weiße Europäer sind, idealerweise Rechtsextremisten,
  2. deutsche oder weiße europäische Frauen, sofern die Täter deutsche oder weiße europäische Männer, idealerweise Rechtsextremisten sind (Jana L.),
  3. deutsche oder weiße europäische Männer, sofern die Täter deutsche oder weiße europäische Männer sind, idealerweise Rechtsextremisten (Kevin S.).
  4. Weniger interessant sind dagegen: afrikanische oder muslimische Opfer, wenn die Täter auch Afrikaner oder Muslime sind.
  5. Noch weniger interessant: jüdische Opfer, wenn die Täter Muslime sind.
  6. Sehr unbeliebt (sollte im Idealfall gar nicht erwähnt werden): deutsche Opfer, wenn die Täter Afrikaner oder Muslime sind.

Sie sehen: entscheidend sind nicht nur die Opfer, welcher Gruppe sie angehören, sondern auch die Täter. Es kommt also auch darauf an, von wem Sie erschossen, erstochen oder in die Luft gesprengt werden. Ideal ist, wenn Sie eine afrikanische, muslimische oder jüdische Frau sind und von einem weißen, männlichen europäischen Rechtsextremisten, im Optimalfall von einem deutschen solchen ermordert werden. Dann schaffen Sie es posthum garantiert in sämtliche Nachrichten und Politikermünder.

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