Wo die liberale, säkulare Gesellschaft eine resolute Grenzlinie ziehen muss

Von Jürgen Fritz, Mo. 14. Okt 2019, Titelbild: YouTube-Screenhshot

Menschen können gegenüber der Weltanschauung anderer intolerant sein, einfach weil diese ihnen fremd ist, weil sie anders ist als die eigene (Intoleranz ersten Grades). Sie können eine Weltanschauung aber auch deswegen ablehnen, weil diese selbst intolerant und gefährlich ist (Intoleranz zweiten Grades). Wer den rationalen Diskurs verweigert und zu Gewalt gegen Andersdenkende aufruft oder Gewalt anwendet, nur weil jemand eine andere Weltanschauung hat, die er anderen aber gar nicht oktroyieren will, der darf von den Toleranten nicht geduldet werden. Denn ansonsten schaufelt sich die liberale Gesellschaft ihr eigenes Grab. Jeglicher Liberalismus muss also, so er überleben möchte, wehrhaft sein gegen seine Feinde.

Der Mensch neigt nicht nur oft zu falschen Vorstellungen, er liebt sie oftmals regelrecht und definiert sich über sie

Menschen glauben an allen möglichen Unsinn. Manche glauben zum Beispiel noch immer, die Erde wäre eine Scheibe, andere sie wäre eine Kugel, die innen hohl wäre, Aliens, die in menschliche Körper schlüpfen, würden die Erde regieren oder es gäbe eine jüdische Weltverschwörung. Warum wird aller möglicher Unsinn geglaubt? Weil Menschen oft sehr einfache Erklärungen mögen. Nicht wenige mögen es am liebsten, wenn alles aus einem einzigen Punkt heraus erklärt werden kann, wie zum Beispiel im Monotheismus oder in Verschwörungsmythen. Sie glauben letztlich allen möglichen Unsinn, weil das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung in dieser sehr unsicheren, höchst fragilen Welt meist stärker ausgeprägt ist als das Erkenntnisinteresse (die Wahrheitsliebe).

Aus philosophischer Sicht handelt es sich hierbei um Fehlvorstellungen (siehe dazu: Fehlvorstellungen sind keine „subjektive Wahrheiten“, sondern Fehlvorstellungen). Die Köpfe sind voll von solchen falschen Vorstellungen von der Welt (zumindest aus Sicht des metaphysischen, epistemologischen (erkenntnistheoretischen) und ethischen Realismus). Religionen sind dabei letztlich nichts anderes als Institutionen, die ihre je eigene Fehlvorstellungen von der Welt, die die Einzelnen schrecklich lieb gewonnen haben und ohne die sie sich ein Leben gar nicht mehr vorstellen könnten, systematisch pflegen, unterrichten und tradieren. Für politische Ideologien gilt bisweilen ähnliches.

Das Wesen der aufgeklärten, liberalen, säkularen Gesellschaft

Eine liberale, säkulare Gesellschaft lässt all diese Fehlvorstellungen, insbesondere die religiösen solchen, einerseits zu (das nennt man Religionsfreiheit, genauer: Weltanschauungsfreiheit), sollte aber andererseits in Schulen, Hochschulen und den Medien solchen Fehlvorstellungen auch entgegenwirken, indem sie Aufklärungsarbeit leistet, insbesondere über die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, zum Beispiel der Evolutionstheorie, der physikalischen, biologischen, historischen und der philosophischen, ganz besonders der ethischen Forschung.

Gegen diese Aufklärungsarbeit, letztlich die Wahrheit, können sich die Anhänger von Fehlvorstellungsgruppen, seien es Religions- oder weltliche Ideologieanhänger, natürlich innerlich sperren, weghören, es nicht annehmen etc. Das gehört zu ihrer Freiheit. Wenn jemand das Weltbild von vor tausend, zweitausend, dreitausend Jahren haben möchte oder ein vollkommen abstruses, das in sich voller Widersprüche ist, die derjenige, der ihm anhängt, aber nicht sehen will, weil diese Welterklärung für ihn leichter greifbar ist, er damit besser zurecht kommt und es ihm mehr Orientierung gibt, um damit sein eigenes Leben zu gestalten und sich auf die hochkomplexe Welt einen Reim zu machen, dann darf er das.

Eine liberale Gesellschaft erzwingt nicht die Abkehr von Fehlvorstellungen. Sie unterbreitet Angebote (von besseren Weltbildern), die der Einzelne ausschlagen kann. Sich so zu verhalten gehört zu seiner Würde (Selbstbestimmungsfähigkeit), die es von anderen zu achten gilt, selbst dann noch, wenn ein Mensch sich für die ganze Gattung eigentlich unwürdig verhält.

Wo die liberale, säkulare Gesellschaft eine unumstößliche Grenzlinie ziehen muss

Was eine liberale, säkulare Gesellschaft aber nicht tun darf, ist: eine Fehlvorstellungsgruppe zu dulden, die sich a) gegen jede Aufklärung systematisch wehrt, b) darüber hinaus auch noch postuliert, alle anderen hätten Fehlvorstellungen, nur sie hätte ein richtiges Weltbild, ohne sich dabei dem offenen, ehrlichen, inhaltlichen Diskurs zu stellen, um ihr (falsches) Weltbild der kritischen Prüfung zu unterziehen und jeden solchen Versuch mit brutaler Gewalt sanktioniert, so dass sie ihr (falsches) Weltbild gegen Kritik immunisiert und damit der Entwicklungsmöglichkeit keinen Raum gibt, ja dieser jegliche Basis entzieht, die ferner c) dann auch noch versucht, alle anderen Weltbilder, also auch die besten (!) auszulöschen, selbst die, die dem ihren weit überlegen und viel richtiger sind, eine Fehlvorstellungsgruppe, die also selbst vollkommen illiberal ist, die selbst keine Weltanschauungsfreiheit kennt und duldet.

Warum darf eine liberale, säkulare Gesellschaft so eine Gruppe nicht dulden? Ganz einfach: Würde sie eine solche Fehlvorstellungsgruppe zulassen oder gar sogar noch fördern, dann würde sie sich ja als freie Gesellschaft gleichsam das eigene Grab schaufeln und die Weltanschauungsfreiheit in einem überschaubaren Zeitraum darin beerdigen.

Das Paradoxon der Toleranz

Oder wie der Philosoph Karl Popper formulierte:

„Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“

Eine universelle, eine grenzenlose Toleranz kann es also nicht geben. Denn, um noch einmal Popper zu zitieren:

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“

Somit stellt sich die Frage, ob nicht jedermann sittlich verpflichtet ist, just diese Intoleranz (zweiten Grades) gegen die Intoleranten (ersten Grades) zu üben, welche die Toleranz, welche die freie, die liberale Gesellschaft zerstören wollen.

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