Tsitsipas reiht sich in die Liste der ATP Finals-Champions ein

Von Jürgen Fritz, Mo. 18. Nov 2019, Titelbild: Tennis TV-Screenshot

Am Ende war es der Jüngste im Teilnehmerfeld der acht Jahresbesten, der sich die Trophäe sicherte. Mit dem 21-jährigen Stefanos Tsitsipas gewinnt erstmals ein Grieche die ATP Finals. In einem hochklassigen und spannenden Match besiegt die Nr. 6 der Welt den Österreicher Dominic Thiem mit 6:7, 6:2, 7:6 und reiht sich damit gleich bei seinem Debüt als 24. Spieler in die Siegerliste des fünftwichtigsten Tennisturniers der Welt ein.

Tsitsipas besiegt Thiem in einem klasse Endspiel, in dem beide tolles Tennis zeigten

Nach 2:35 Stunden segelte der Vorhand-Return von Dominic Thiem ins Aus. Damit stand fest: Stefanos Tsitsipas, auf den vor dem Turnier wohl nur wenige getippt hätten, ist der ATP Finals-Champion 2019. Dabei hat der Grieche vom ersten bis zum letzten Match großartiges Tennis gezeigt und war insgesamt tatsächlich der beste Spieler des Turniers.

In der Gruppenphase besiegte er zunächst Daniil Medvedev, der in der Weltrangliste von 4 auf 5 zurückfällt, mit 7:6, 6:4, dann den Titelverteidiger Alexander Zverev (7) ganz klar und problemlos mit 6:3, 6:2. Nur im dritten und letzten Gruppenspiel musste er sich nach einem absolut hochklassigen und höchst spannenden Match der Nr. 1 der Welt, Rafael Nadal, nach 2:51 Stunden mit 7:6, 4:6, 5:7 geschlagen geben. Im Halbfinale sorgte Tsitsipas dann für die erste Sensation als er den zuvor gegen Djokovic glänzend spielenden favorisierten Federer (3) glatt mit 6:3, 6:4 aus dem Turnier warf.

Auch im Endspiel sahen viele Thiem minimal vorne, wenngleich man beide nahezu auf Augenhöhe einschätzte (52,5 – 47,5). Der erste Satz war denn auch absolut ausgeglichen. Thiem macht im Tiebreak die entscheidenden Punkte und gewann den ersten Satz mit nur einem Punkt mehr als Tsitsipas (45:44). Zu Beginn des zweiten Satzes ließ der Österreicher aber deutlich nach, während sein fünf Jahre jüngerer Konkurrent jetzt richtig aufdrehte und gleich zwei Breaks nacheinander schaffte und bei eigenem Service im ganzen Satz nur zwei Punkte abgab. Folgerichtig ging dieser ganz klar mit 6:2 an ihn.

Auch im dritten Satz war Tsitsipas zunächst klar stärker, schaffte das dritte Break gegen Thiem und lag mit 3:1 vorne, wirkte schon wie der sichere Sieger. Nun war die Frage: Würde Thiem nochmals zu seinem Spiel des ersten Satzes zurückfinden und das Match drehen können. Dominic – und das zeigt seine Stärke – schaffte es tatsächlich, sich ins Match zurück zu fighten. Endlich gelang ihm ein Break und er brachte seine Aufschläge nun wieder sicher durch, ging sogar mit 4:3, 5:4, 6:5 in Führung. Doch Tsitsipas blieb dran, so dass erneut der Tiebreak entscheiden musste. Und in dem hatte dieses Mal der Shootingstar die Oberhand, gewann diesen mit 7:4 und damit das Match und das Turnier beides insgesamt sehr verdient.

Griechenland aus dem Häuschen: „Tsitsipas auf dem Gipfel der Welt“

Tsitsipas war über die acht Tage in London tatsächlich der beste Spieler des Turniers. Nur Nadal, der genau wie die vier Halbfinalisten in der Gruppenphase zwei Siege erringen konnte und nur einmal verlor (das Auftaktmatch, nachdem er die Woche zuvor verlezungsbedingt kaum trainieren konnte) und damit sehr unglücklich ausschied – ihn hätte man auch gerne im Halbfinale gesehen -, gelang es, Tsitsipas in knapp drei Stunden niederzuringen. Alle anderen Matches gewann der jüngste Turnierteilnehmer und zeigte dabei zum Einen seine absolute spielerische Klasse, aber auch eine enorme mentale Stärke. Dieser junge Mann, das sollte nun wirklich jedem klar sein, hat das Champions-Gen, er ist ein Gewinnertyp.

In seiner Heimat wurde er dann auch auf dem größten griechischen Sportportal sport24.gr am Sonntagabend als „Stefanos the Great“ und „Tsitsipas auf dem Gipfel der Welt“ bejubelt. Von „Löwenherz Tsitsipas“ war beim Portal Sportfm.gr zu lesen. „Triumph Tsitsipas“ titelte die größte griechische Sonntagszeitung Toprotothema.gr auf ihrer Homepage. Zahlreiche Radiosender unterbrachen am Sonntagabend ihr Programm und berichteten live über die letzten Minuten des Endspiels.

„Für mich war es schon ein großer Erfolg, dass ich mich für die Finals qualifiziert habe. Jetzt, als Turniersieger, weiß ich nicht, wie ich das erklären soll“, sagte Tsitsipas nach dem Match. „Ehrlicherweise fühle ich gar nichts, weil es zu viele Gefühle sind, um irgendetwas zu fühlen“, sagte Tsitsipas schmunzelnd. „Ich erinnere mich dran, wie ich dieses Turnier im Fernsehen gesehen habe und dachte: ‚Oh, diese Jungs müssen ein wahnsinniges Jahr gespielt haben, um da dabei sein zu dürfen.‘ Und jetzt bin ich der Sieger dieses Turniers. Das fühlt sich großartig an.“

Tsitsipas und Thiem können nun auch A-Turniere gewinnen

Dominic Thiem, ein ganz großer Sportsmann, der natürlich „riesig enttäuscht“ war, zeigte sich hierbei einmal mehr als sehr fairer Verlierer: „Er hat großartig gespielt heute. Er hat das ganze Turnier über großartig gespielt. Er ist der Champion und er hat es zu hundert Prozent verdient.“

Sowohl Tsitsipas, der jüngste ATP Finals-Champ seit Lleyton Hewitt 2001, als auch Thiem, der in der Weltrangliste von 5 auf 4 steigt, haben inzwischen die Spielstärke, so meine Einschätzung, dass sie 2020, 2021 auch Grand Slam-Turniere (A) gewinnen können. Ähnliches gilt für Medvedev (5) und hoffentlich auch Alexander Zverev (7), wobei dieser die größten Formschwankungen von den Youngstars zeigt. Aber auch die drei Altstars Federer (Jg. 1981) und vor allem Nadal (Jg. 1986) und Djokovic (Jg. 1987) können weiterhin Majors gewinnen.

Insofern dürften die nächsten ein, zwei Jahre enorm spannend werden, wie schnell die jungen Wilden die Oldies auch bei den vier ganz großen Events, die über zwei Wochen, sieben Matches über jeweils drei Gewinnsätze (best of five) gehen, hinter sich lassen können. Bislang hat noch niemals ein Spieler, der nach 1988 geboren ist, eines der vier A-Turniere für sich entscheiden können. Das wird sich, so meine Prognose, die nächsten ein, zwei Jahre ändern.

Bilder vom Endspiel

Dominic Thiem nach seinem vorletzten Fehler, der zum Matchball für Tsitsipas führt:

2019 ATP Finals Endspiel.png

Tsitsipas kann es noch gar nicht fassen, dass er das Turnier tatsächlich gewonnen hat, ist von seinen Gefühlen überwältigt:

2019 ATP Finals-Champion-2

Die beiden lieferten über zweieinhalb Stunden großartiges Tennis und ein spannendes Match, das wohl beste Endspiel seit Jahren bei den ATP Finals:

T+T

Geschafft:

2019 ATP Finals-Champion (3).png

Damit reiht sich der junge Grieche mit nur 21 Jahren als 24. Spieler seit 1970 in die Reihe vieler großer Tennis-Champions ein, wobei vieles dafür spricht, dass beide Namen, Tsitsipas und Thiem, in dieser Liste noch öfters auftauchen werden.

Masters Grand Prix oder kurz: Masters

Von 1970 bis 1976 wurde das Masters Ende des Jahres an verschiedenen Orten ausgetragen (Tokio, Paris, Barcelona, Boston, Melbourne, Stockholm, Houston), dann ab der Saison 1977 bis 1985 erst im Januar des Folgejahres jeweils in New York. Seit der Saison 1986 dann wieder am Jahresende wiederum in New York.

Hier alle Endspielpaarungen (in den ersten beiden Jahren wurde noch in einem anderen Modus gespielt, jeder gegen jeden, und wer am Ende die meisten Matches gewonnen hatte, war Turniersieger):

1970: Stan Smith vor Rod Laver
1971: Ilie Năstase vor Stan Smith

1972: Ilie Năstase (2) – Stan Smith
1973: Ilie Năstase (3) – Tom Okker
1974: Guillermo Vilas – Ilie Năstase
1975: Ilie Năstase (4) – Björn Borg
1976: Manuel Orantes – Wojtek Fibak

1977*: Jimmy Connors – Björn Borg
1978*: John McEnroe – Arthur Ashe
1979*: Björn Borg – Vitas Gerulaitis
1980*: Björn Borg (2) – Ivan Lendl
1981*: Ivan Lendl – Vitas Gerulaitis
1982*: Ivan Lendl (2) – John McEnroe
1983*: John McEnroe (2) – Ivan Lendl
1984*: John McEnroe (3) – Ivan Lendl
1985*: Ivan Lendl (3) – Boris Becker

1986: Ivan Lendl (4) – Boris Becker
1987: Ivan Lendl (5) – Mats Wilander
1988: Boris Becker – Ivan Lendl
1989: Stefan Edberg – Boris Becker

*Jeweils im Januar des Folgejahres ausgetragen.

ATP Weltmeisterschaft

In den 1990ern Jahren hieß das Tunier nun ATP Weltmeisterschaft und wurde von 1990 bis 1995 in Frankfurt, von 1996 bis 1999 in Hannover ausgetragen.

1990: Andre Agassi – Stefan Edberg
1991: Pete Sampras – Jim Courier
1992: Boris Becker (2) – Jim Courier
1993: Michael Stich – Pete Sampras
1994: Pete Sampras (2) – Boris Becker
1995: Boris Becker (3) – Michael Chang

1996: Pete Sampras (3) – Boris Becker
1997: Pete Sampras (4) – Jewgeni Kafelnikov
1998: Alex Corretja – Carlos Moya
1999: Pete Sampras (5) – Andre Agassi

Tennis Masters Cup

Von Jahr 2000 bis 2008 hieß das Turnier dann Tennis Masters Cup und wurde an verschiedenen Orten gespielt (Lissabon, Sydney, Shanghai, zweimal Houston und dann wieder viermal in Shanghai).

2000: Gustavo Kuerten – Andre Agassi
2001: Lleyton Hewitt – Sébastien Grosjean
2002: Lleyton Hewitt (2) – Juan Carlos Ferrero
2003: Roger Federer – Andre Agassi
2004: Roger Federer (2) – Lleyton Hewitt
2005: David Nalbandian – Roger Federer
2006: Roger Federer (3) – James Blake
2007: Roger Federer (4) – David Ferrer
2008: Novak Djokovic – Nikolai Dawydenko

ATP World Tour Finals

Von 2009 bis 2016 hieß das Turnier nun ATP World Tour Finals und wurde stets in London ausgetragen.

2009: Nikolai Dawydenko – Juan Martin del Potro
2010: Roger Federer (5) – Rafael Nadal
2011: Roger Federer (6) – Jo-Wilfried Tsonga
2012: Novak Djokovic (2) – Roger Federer
2013: Novak Djokovic (3) – Rafael Nadal
2014: Novak Djokovic (4) – Roger Federer
2015: Novak Djokovic (5) – Roger Federer
2016: Andy Murray – Novak Djokovic

ATP Finals

Seit 2017 nennt sich das Jahresabschlussturnier der acht Saisonbesten nur noch kurz ATP Finals und findet weiterhin in London statt.

2017: Grigor Dimitrov – David Goffin
2018: Alexander Zverev – Novak Djokovic
2019: Stefanos Tsitsipas – Dominic Thiem

Bei den ATP Finals hat die Wachablösung bereits 2017 mit dem Sieg von Grigor Dimitrov (Jg. 1991) und dann Zverev (Jg. 1997) sowie jetzt Tsitsipas (Jg. 1998) stattgefunden.

Rekordsieger

Die meisten Titel konnten erringen:

  1. Roger Federer: 6 (+ 4 mal im Endspiel verloren)
  2. Ivan Lendl: 5 (+ 4 mal im Endspiel verloren)
  3. Novak Djokovic: 5 (+ 2 mal im Endspiel verloren)
  4. Pete Sampras: 5 (+ 1 mal im Endspiel verloren)
  5. Ilie Năstase: 4 (+ 1 mal im Endspiel verloren)
  6. Boris Becker: 3 (+ 5 mal im Endspiel verloren)
  7. John McEnroe: 3 (+ 1 mal im Endspiel verloren)
  8. Björn Borg: 2 (+ 2 mal im Endspiel verloren)
  9. Lleyton Hewitt: 2 (+ 1 mal im Endspiel verloren)

Kurzzusammenfassung des Endspiels Tsitsipas – Thiem

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