Irrtum, Lüge, Ideologie: die drei Gestalten des irrenden und irreführenden Bewusstseins

Von Jürgen Fritz, Sa. 14. Dez 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

„Sobald das Getäuschtwerden von Freiwilligkeit affiziert ist, entsteht die dritte Gestalt des irrenden Bewusstseins, das man als Aberglauben, als Ideologie, als Autosuggestion bezeichnet. Für die Gebilde der ideologischen Irrtumsstufe ist der halb bewusste, halb unbewusste Pakt zwischen den Lügnern und den Belogenen kennzeichnend. Mit Ideologie hat man es folglich zu tun, solange eine mehr oder weniger explizite Produktion von suggestiven Idolen konvergiert mit der mehr oder weniger offenen Nachfrage nach erbaulichen Illusionen. Diese Konvergenz setzt sich überall durch, wo ein «Wille zum Glauben» auf «Propaganda» trifft, sprich auf elaborierte und nachhaltige Überredungssysteme vom Typus Missionspredigt, Konfessionsliteratur, Sektenpresse und Parteiindoktrinierung.“ – Peter Sloterdijk

0. Das Erwachen des kritischen Bewusstseins

Was unterscheidet das kritische vom mythischen, vom naiven Bewusstsein? Die Differenz ist eine doppelte: Das mythische oder naive Bewusstsein zieht noch nicht in Betracht, dass Vorstellungen, die in ihm vorhanden sind, falsch sein könnten, und es unterscheidet noch nicht zwischen Welt und Weltdeutung. Seine Weltdeutung ist für das mythische Bewusstsein gleichsam die Welt. Einen anderen Weltbegriff hat es nicht. Somit kann es auch keine falsche Weltdeutung geben, da dies ja die Differenz Welt – Weltdeutung voraussetzt, die dann falsch ist, wenn die Deutung der Welt die Welt nicht richtig repräsentiert.

Dass auch der Mythos eine Weltdeutung bietet, dass diese wahr oder falsch sein kann, kann immer nur von einem Standpunkt jenseits des Horizontes des mythischen Bewusstseins gedacht werden. Dies setzt bereits ein kritisches Bewusstsein voraus. Dass Homer möglicherweise nicht die Wahrheit berichtet, ist eine für das griechische Denken folgenreiche Entdeckung gewesen. Sodann zeigen sich drei Gestalten des irrenden und irreführenden Bewusstseins.

Der Erste, der diese Frage stellte: „Stimmt das überhaupt, was uns die Alten erzählen?“, vollzog einen Meilenstein in der Geistesgeschichte der Menschheit. Dieser ereignete sich im kritischen Hinterfragen. Ist dieser Entwicklungsschritt einmal gemacht worden, ist eine Rückkehr in die Sphäre der Märchenwelt, ins mythische Bewusstsein ein für alle mal versperrt. Ein Zurück ins Paradies der Naivität und der Infantilität gibt es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Peter Sloterdijk beschreibt dieses Durchdrungen-Sein unserer Vorstellungswelt von Täuschungen in seiner einzigartigen Sprache wie folgt:

„Selbst wenn es wahr wäre, dass die Welt alles sei, was der Fall ist, wäre nicht alles, was gesprochen wird, durch das, was der Fall ist, gedeckt. (…) Schon das ursprüngliche Sprachverständnis oszilliert zwischen Leichtgläubigkeit und Argwohn, und sofern es die argwöhnische Haltung pflegt, nimmt es spontan die Haltung ein, durch deren Kultivierung hervorgeht, was man seit den Anfängen der Aufklärung «Kritik» nannte.“

1. Der einfache, ungewollte Irrtum

Das kritische Bewusstsein hat eine Sinn entwickelt für Täuschungen. Was bedeutet es aber, wenn jemand, nennen wir ihn G, sich täuscht? G sieht ein Ding D und meint versehentlich, D sei so und so, es hätte die Eigenschaft e, die es aber gar nicht hat. Dann sitzt G einer Illusion bezüglich D auf. Er sieht D anders als es tatsächlich ist. Er meint zum Beispiel, der Stab, der unter Wasser getaucht ist und dessen reflektierte Lichtstrahlen an der Wasseroberfläche gebrochen werden, wäre viel kürzer als er tatsächlich ist.

Oder aber G meint, da sei ein Ding, wo gar keines ist. Er hört zum Beispiel Stimmen und meint, die kämen von einer Person oder einem Geist, dabei ist da aber gar niemand, sondern die Stimmen werden in seinem eigenen Gehirn erzeugt (Halluzination). In beiden Fällen, bei der Illusion und der Halluzination, entsteht in G eine Fehlvorstellung – eine Fehlrepräsentation der Wirklichkeit in seinem Bewusstsein.

Beim einfachen Irrtum geschieht dies in G, dem Getäuschten, von selbst. Da ist niemand, der das machen, herbeiführen oder evozieren würde. Er sieht den Stock im Wasser selbst, ohne dass jemand den Stock ins Wasser tauchen und ihm zeigen würde: „Schau mal, wie kurz dieser Stock ist“. Oder er hört die Stimmen von selbst. Da ist niemand, der zu ihm sagt: „Hast du das eben auch gehört?“. Es geschieht einfach, ohne dass es von einem anderen gewollt oder gemacht wäre. Das kennt jeder. Jeder macht irgendwann die Erfahrung, dass er sich irren kann, ohne dass irgendjemand daran Schuld hätte.

Unsere Wahrnehmung und unser Denken sind nicht unfehlbar, aber viele Irrtümer bemerken wir mit der Zeit, wenn wir aufmerksam und geistig offen, wenn wir selbstkritikfähig sind. Dann können wir unsere Irrtümer und damit unsere Deutung der Welt, unsere innere Repräsentation der Wirklichkeit korrigieren und damit gleichsam aus einer Fehlvorstellung eine richtige oder adäquate Vorstellung machen – unter einer Voraussetzung: wenn der Wille dazu vorhanden ist.

Hören wir wieder, wie Peter Sloterdijk es beschreibt:

„Es gehört zu den eindrucksvollsten Merkmalen der Hochkulturen, die seit dem ersten vorchristlichen Jahrtausend den Gang der Zivilisationsgeschichte befeuern, dass sie «den Menschen» mit zunehmender Explizitheit als ein Wesen auffassen, in dessen Natur es liege, Irrtümern zum Opfer zu fallen. Damit war nicht gemeint, «der Mensch» sei im alltäglichen Umgang mit Dingen und seinesgleichen nie ganz vor dem Risiko zu schützen, sich in der einen oder anderen Hinsicht zu täuschen.

Die hochkulturellen Weltanschauungen dramatisieren das Durchdrungen-Sein des Daseins von der Spannung zwischen Wahrem und Falschem bis an einen Punkt, an dem es in Gefahr gerät, einer umfassenden Täuschung zu verfallen. Von Anfang an scheint es eingetaucht in eine Irrtums-Ganzheit, aus der es sich nur durch außerordentliche spirituelle Anstrengungen loszulösen vermag oder, sofern diese nicht genügen, dank dem Entgegenkommen der aus menschlicher Eigenmacht unerreichbaren Wahrheit.“

2. Die einseitig gewollte Lüge

Nachdem ein Bewusstsein einmal erfasst hat, dass es sich irren kann, bekommt es meist auch schnell heraus, dass es in anderen einen solchen Irrtum erzeugen, dass es andere täuschen, dass es lügen kann. Auch die Lüge hat also mit einem Irrtum zu tun, wenngleich dieser auf andere Art zustande kommt als beim einfachen, ungewollten Irrtum:

Der Lügner L, erzählt G, dem Getäuschten, etwas, 

  • was nicht stimmt, was nicht wahr ist,
  • von dem L auch weiß, dass es nicht stimmt,
  • und er erzählt es G in der Absicht, eine dauerhafte Fehlvorstellung in ihm zu erzeugen, also nicht nur zum Scherz, der gleich wieder aufgelöst wird (den anderen foppen), so dass keine dauerhafte Fehlvorstellung entsteht, sondern L will G dauerhaft täuschen, während G aber nicht getäuscht werden möchte.

Der Lügner hat also – das ist das Entscheidende – eine Täuschungsabsicht. Und wenn G, der Getäuschte, merkt, dass dass gar nicht stimmt, was L ihm erzählte, und L das auch wusste, dass es nicht stimmt, dann fühlt G sich von L nicht nur getäuscht, sondern irgendwie auch betrogen.

Auf diese Weise entsteht in G ein Enttäuschungsmoment. Und dieses Enttäuschungsmoment hat wiederum zwei Komponenten: In G wird die Fehlvorstellung, die in ihm war und die durch L erzeugt wurde, aufgehoben, so dass die Täuschung aufhört in ihm zu sein. Zugleich entsteht dadurch aber kein Glücksgefühl, dass nun die eigene Vorstellungswelt verbessert wird, sondern es entsteht ein Unglücksgefühl, ja ein Schmerz. Weshalb das? Weil das Vertrauen beschädigt wird, und das wiederum in doppelter, ja vielleicht sogar in dreifacher Weise:

Zum einen weiß G nun nicht mehr, inwieweit er L, der ihn ja belogen, also vorsätzlich getäuscht hat, überhaupt noch vertrauen kann. Wie soll G jetzt beim nächsten Mal wissen, ob L die Wahrheit sagt oder nicht schon wieder lügt? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, sagt der Volksmund. Zum zweiten wird aber auch das Vertrauen von G in sich selbst gestört. Denn G, der Getäuschte, merkt ja nun, dass es möglich war, ihn hinters Licht zu führen, ohne dass er es merkte! Wie soll er sich fortan nochmals selbst vertrauen, dass ihm dies nicht immer wieder passiert? Dieses Enttäuschungsmoment im zweiten Sinne als Verlust von Vertrauen in den anderen und in sich selbst kann dazu führen, dass als drittes sogar das Vertrauen von G in die ganze Welt oder in einen ganzen Teil dieser erschüttert wird, also nicht nur gegenüber L, der ihn tatsächlich belogen hat.

Dieses Phänomen kennen wir zum Beispiel daher, wenn eine Frau zum zweiten oder dritten Mal von einem Mann belogen wird und dies dann auf alle Männer überträgt beziehungsweise umgekehrt ein Mann von allen Frauen enttäuscht ist. Wir erleben einen solchen allgemeinen Vertrauensverlust derzeit gegenüber den Massenmedien, die von vielen als Lügenpresse wahrgenommen werden. Wenn der SPIEGEL relotiert und das nicht nur einmal, sondern reihenweise, und andere wie die Süddeutsche und die FAZ ebenso, dann kann das Vertrauen in die gesamte Mainstreampresse verloren gehen. Die Lügen werden von M-Medium 1, 2 und 3 auf M-Medium 4, 5 und 6 übertragen. Seltsamerweise glauben just diese Personen dann oft noch viel unseriöseren Medien, die noch viel mehr lügen und täuschen respektive noch viel unseriöser berichten. Aber wahrscheinlich möchte man einfach irgendetwas haben, woran man sich noch festhalten kann.

Generell gilt in dieser Sphäre des einseitig gewollten Lügens, Täuschens und unwillentlich Getäuscht-werdens: Wenn eine Person A kommt und G, dem Getäuschten, aufzeigt, dass L, der Lügner, ihn getäuscht hat, so ist G meist auf L, den Lügner, böse und ist A, der ihn aufklärte, dankbar, dass er ihm die Augen öffnete und ehrlich zu ihm war.

Soweit zum Phänomen der Lüge, dem unwillentlich Getäuscht-werden und hier wiederum wie Peter Sloterdijk das Ganze beschreibt: 

„Es ist eine Elementarerfahrung des Rede-Wesens Mensch, dass die Rede … zugleich das Mittel zur bewussten und absichtlichen Verdrehung der Tatsachen sei. Wie nichts anderes eignet sich Sprache zur Verheimlichung von zweiten Gedanken und zur Verführung von Rezipienten durch Vorspiegelung eines konsensfähigen Scheins. Die Lügen-Rede erzeugt also durchaus nicht bloß eine unwillkürlich falsche Repräsentation der gegebenen Verhältnisse … Aber man lügt nicht aus Versehen. Keine falsche Aussage ist angeboren. Stets enthält die Lüge eine vorsätzliche Auflehnung gegen die Pflicht, die Wahrheit zu sagen, eine Pflicht, die in den Hochkulturen mit pathetischer Explizitheit bekräftigt wird.

So tritt, nach dem primären unfreiwilligen Irrtum, die Lüge in der alltäglichen Phänomenologie des irrenden und irreführenden Bewusstseins als dessen zweite Gestalt auf den Plan. In ihr ist die Täuschung auf der Seite des Täuschenden von bewussten Absichten animiert, auf der Seite des Getäuschten wird sie unfreiwillig erlitten.“

3. Ideologie: von beiden Seiten gewollte Lügen

Der unwillentlich Belogene wird getäuscht, ohne getäuscht werden zu wollen. Er ist nicht Mitspieler in einem gemeinsamen Spiel, sondern ein anderer, der Lügner, treibt vielmehr ein böses Spiel mit ihm. Wie ist es nun aber bei dem Ideologisierten respektive dem ideologisch Verblendeten V.

Hier belügt L, der Lügner, V, erzeugt mithin eine falsche Repräsentation der Wirklichkeit in ihm, sprich eine Fehlvorstellung, eine Illusion (D hat gar nicht die Eigenschaft e) oder gar eine Halluzination (es gibt gar kein D), aber diese von L in V erzeugte Fehlvorstellung, die Illusion oder Halluzination gefällt V derart gut, sie ist ihm so angenehm, dass er nach dieser Täuschung, nach dieser Lüge regelrecht dürstet und L dankbar ist, dass er ihm gibt, wonach er insgeheim verlangt. Der Ideologisierte bzw. Verblendete V will belogen werden und der Lügner liefert ihm, wonach er sich sehnt, liefert ihm, was er haben möchte, liefert ihm das Produkt, das V nachfragt.

Was passiert nun, wenn A in diesem Fall V aufklären will, dass L ihm Lügen aufgetischt hat? Was, wenn A nachweist, dass L nicht die Wahrheit erzählt? A will V, den Ideologisierten und Verblendeten, ja etwas Gutes tun. V aber empfindet das nun völlig anders, weil die Lügen von L so süß sind, ihm so sehr munden, dass er nie mehr auf sie verzichten möchte, dass er immer noch mehr von ihnen haben will. Der süße Geschmack verlangt aber, dass nicht klar ist, dass es gelogen, dass das Geglaubte falsch ist, denn sonst, wenn dies offengelegt wurde, verwandelt sich die Süße sogleich in Bitternis.

Das Erlogene muss als wahr ausgegeben werden und als wahr postuliert werden, sonst kommt die Süße auf der Zunge von L nicht zustande. Und so werden L, der Lügner, und V, der Verblendete, zu einer verschworenen Gemeinschaft, die ihr gemeinsames Konstrukt, von dem ja – ähnlich wie der Drogendealer und sein Stammkunde – beide profitieren, um jeden Preis schützen wollen.

Wenn nun also A sagt: „Sieh doch, ich zeige dir, dass dies alles gelogen ist, dass dies gar nicht stimmt und in Wahrheit ganz anders ist“, so wird V ihm auf auf keinen Fall dankbar sein. Nein, er wird ihn vielmehr als Bedrohung ansehen und wenn A ihn nicht in Ruhe lässt, wird er ihn dafür hassen, weil A ihm seine süßen Illusionen und Halluzinationen kaputt macht („Finger weg von meiner Blase!“).

Unter Umständen wird schon alleine das Existieren von A als Bedrohung gesehen. Denken Sie daran, wie die Christen die Juden über mehr als 1500 Jahre hassten, verfolgten, unterdrückten, aus dem öffentlichen Bereich zu entfernen suchten und sie zum Teil aus ihren Städten vertrieben oder gar umbrachten. Oder denken Sie an die heutige islamische Welt, in der Juden und Christen sowie Nicht-Religiöse (Cleane) oft nicht geduldet oder zumindest massiv unterdrückt werden. Und denken Sie heute an die hegemonialen Neuen Linken, die keine grundlegende Opposition zu ihren Positionen im öffentlichen Raum dulden wollen. Warum tun all diese Ideologisierten oder Verblendeten dies?

Weil sie alleine schon das Vorhandensein solcher, die eine andere Weltdeutung repräsentieren nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung empfinden. Der Ideologisierte fühlt sich dadurch nicht bereichert, obschon ja seine Deutung der Welt nun viel besser wird. Besser in dem Sinne, dass sich die Wirklichkeit von jetzt an viel genauer in ihm repräsentiert und Fehlvorstellungen in ihm korrigiert werden, so dass sein Weltbild richtiger, mithin besser wird. Die Richtigkeit seines Weltbildes spielt für den Ideologisierten, für den Verblendeten aber überhaupt keine Rolle. Für ihn zählt etwas völlig anderes.

Nämlich zum einen dass es sich für ihn gut, genauer: angenehm anfühlt, sich die Welt so vorzustellen, zum Beispiel weil ihm dies Sicherheit und Halt gibt sowie Trost spendet. Und zum zweiten ermöglicht ihm dies, dass er hierdurch zur Gemeinschaft der Ideologisierten dazu gehört, was ihm ebenfalls wieder ein angenehmes Gefühl verleiht, kein Ausgeschlossener zu sein, sondern einer, der dazugehört. Denn dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, hebt die Angst vor der Einsamkeit ein Stück weit auf und gibt ein Gefühl der Geborgenheit in der Gruppe, die ja auch wiederum Schutz und Wärme bietet.

Der Ideologisierte bildet also mit all den anderen eine ideologische – sei es eine religiös oder politische ideologisierte – Gemeinschaft. Und was wird diese Gemeinschaft immer mit denen tun, welche sie aufklären wollen, welche ihnen all die Lügen als solche aufzeigen möchten, die ihnen aber doch so gut schmecken und von welchen sie gar nicht genug bekommen können, so dass sich ganze Industrien (Kirchen und Propagandaabteilungen) bilden, die sie damit versorgen, wonach sie dürsten? Was werden sie mit den Aufklärern machen, wenn diese nicht endlich still sind und immer wieder aufs Neue aufzeigen, was jene gar nicht hören und sehen wollen?

Geben wir das Schlusswort wiederum Peter Sloterdijk:

„Sobald das Getäuschtwerden von Freiwilligkeit affiziert ist, entsteht die dritte Gestalt des irrenden Bewusstseins, das man, je nach dem Bezugsrahmen der Irrtums-Kritik, als Aberglauben, als Behexung durch Idole, als Ideologie, als Autosuggestion oder als «willentliche Ausserkraftsetzung des Nichtglaubens» bezeichnet …

Vom «Aberglauben» ist in den monotheistischen Theologien die Rede, seit der Glaube an den wahren einen Gott unterschieden werden soll von den Kulten der vielen Götter: Die gelten nach der Offenbarung des Einen als erlogene Phantome … Wenn die Götter tot sind, so weil die Theologen des Einen sie getötet haben. Sie waren es, die der aufklärenden Polemik gegen menschengemachte Trugbilder den Weg bahnten.

Die theologische Kritik an Gebilden des Aberglaubens, wie sie sich zwischen Irenäus von Lyon und Augustinus von Hippo geformt hatte, geht zu Beginn der Neuzeit in politisch und moralisch virulente Ideologiekritik über. (…)

Für die Gebilde der ideologischen Irrtumsstufe ist der halb bewusste, halb unbewusste Pakt zwischen den Lügnern und den Belogenen kennzeichnend. Mit Ideologie im präzisierten Wortsinn – als dritter Gestalt in der Formenreihe des irrenden und irreführenden Bewusstseins – hat man es folglich zu tun, solange eine mehr oder weniger explizite Produktion von suggestiven Idolen konvergiert mit der mehr oder weniger offenen Nachfrage nach erbaulichen Illusionen.

Diese Konvergenz – oft unter religiösen, später überwiegend unter politisch-ethischen Vorzeichen codiert – erwies sich aus historischer Sicht als überaus erfolgreich, ihrer Labilität zum Trotz. Sie setzt sich überall durch, wo ein «Wille zum Glauben» – um mit William James zu reden – auf «Propaganda» trifft, sprich auf elaborierte und nachhaltige Überredungssysteme vom Typus Missionspredigt, Konfessionsliteratur, Sektenpresse und Parteiindoktrinierung.“

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