Merkels vier Coronakrisenmanager

Von Stefan Groß-Lobkowicz, Mi. 08. Apr 2020, Titelbild: ZDF-Screenshot

Krisenmanager sind in Coronazeiten gefragt. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gleich vier davon. Drei von ihnen sind potentielle Kanzlerkandidaten: Markus Söder, Jens Spahn und Armin Laschet. Doch da ist noch einer und der ist vielleicht der wichtigste von allen, wie Stefan Groß-Lobkowich deutlich macht.

1. Helge Braun

Für die Bundeskanzlerin ist Helge Braun so etwas wie der Hauptfeuerwehrmann in der Coronakrise. Der Kanzleramtschef hat jetzt seinen großen Auftritt, er hält die Krisenstäbe zusammen und ist zum wichtigsten Kopf im Kanzleramt in der Krise geworden. Braun, aus Hessen stammend, ist ein Arbeitstier, darüber hinaus äußert loyal zur Kanzlerin wie sonst nur noch Peter Altmaier, Steffen Seibert, Strategin Eva Christiansen und Büroleitern Beate Baumann.

Dabei ist der 47-Jährige alles andere als ein showerprobter Mediendauerläufer, dem der Medienzirkus Lebenselixier ist. Braun ist eher das Gegenteil, scheu und unauffällig im Hintergrund agierend. Was Braun derzeit für die Kanzlerin zum Ausnahmetalent macht, ist, dass er wie Merkel selbst Naturwissenschaftler ist. Der Draht zwischen beiden fein gesponnen. Es ist die nüchtern, sachlich-faktische Art, die die Physikerin der Macht an Braun wertschätzt. Der Kanzleramtsminister, von Haus aus Anästhesist und Notfallmediziner, verdiente sich seine Meriten einst im Uniklinikum Gießen. Das tägliche Gespräch mit Virologen ist daher für ihn vertrautes Terrain, quasi ein Heimspiel. Wo andere sich erst in das Thema hineindenken können, ist die Kompetenz Brauns in der Krise sein strategischer Vorteil. Und das unterstreicht er auch: „Ich komme aus der Anästhesie und der Intensivmedizin. Da gibt es eine Null-Fehler-Strategie und knappe Zeitrahmen“.

Was Braun nicht will, und darum schläft er kaum, sind italienische Verhältnisse in Deutschland. Leben erhalten, Krankenhauskapazitäten ausbauen, Intensivbetten bereitstellen und Atemgeräte kaufen, stehen jetzt ganz oben auf seiner Agenda. Neben all dem muss er den Spagat wagen, einerseits die Bevölkerung nicht mit Hiobsbotschaften in die Panik zu jagen, andererseits aber mit Bestimmtheit für Ausgangssperren und Freiheitsbeschränkungen eintreten. Was Braun derzeit vollzieht, gleicht einem Drahtseilakt und einem kommunikativen Seiltanz, steht er doch immer in Gefahr, von der einen oder anderen Seite fehl interpretiert zu werden.

2. Markus Söder

Aus anderem Holz geschnitzt ist der bayerische Ministerpräsident. Er liebt große Auftritte, ob bei der Frankenfasnacht oder als Minister. Söder spielt immer im Glanz, ist aber im Amt des Ministerpräsidenten deutlich gewachsen. Er hat Bayern fest im Griff, gibt sich ökologisch und geht in grünen Gewässern auf Wählerjagd. Der einstige Intimus von Horst Seehofer ist politisch erwachsen und verkörpert die politische Stabilität in politisch schweren Fahrwassern meisterlich als Kapitän. In der Kanzlerfrage hält er sich noch zurück, wenngleich eins deutlich bleibt, er will Kanzlermacher sein. Und Söder wird damit zum Fels in der Brandung, an dem sich potentielle Merkelnachfolger abarbeiten müssen, an ihm führt nichts vorbei.

Vorbei die Zeiten des Ehrgeizlings mit stählernen Ellenbogen. Söder ist von der Bühne der Eitelkeiten ins seriöse Fach gewechselt und eine Art Neben-Vize-Kanzler geworden. War Bayern seit der Flüchtlingskrise zum Hort des patriotischen Widerstandes gegen Berlin geworden, lieferte sich eine Materialschlacht um die andere mit dem Kanzleramt, gibt es unter König Markus keinen erkennbaren Konflikt mit Angela Merkel.

Der Jurist Carl Schmitt hat immer für einen starken Staat geworben, denn „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Im Ausnahmezustand, in der Corona-Krise, steht Söder wie kaum ein anderer für den starken Staat, der wie Hobbes’ „Leviathan“ in der Lage ist, „alle Bürger zum Frieden und zu gegenseitiger Hilfe gegen auswärtige Feinde zu zwingen“. Die Coronakrise wurde für den geborenen Nürnberger zu dem, was der Fall ist, hier konnte er blitzschnell agieren, wurde zum Treiber und politischen Leitfigur, ja vielleicht zu dem führenden Landespolitiker im Bund. Als Feuerwehrhauptmann setzte er früh auf Ausgangsbeschränkungen, brachte Bayern wieder in den Mittelpunkt positiver Wahrnehmung.

Mit Söder hat Angela Merkel nicht nur einen erprobten Krisenmanager, der Corona auch als Chance sieht, seinen politischen Einfluss in Berlin zu erweitern. Das macht er aber bislang nicht im Stil von Franz Josef Strauß, sondern weltoffener und wenig aggressiver.

3. Jens Spahn

Der Bankkaufmann aus der tiefsten Provinz, Gesundheitsminister Jens Spahn, ist seit Jahren auf der Überholspur. Selbst Merkel musste gegen ihn beim Doppelpass-Beschluss Federn lassen. Und Spahn – im Gegensatz zur Kanzlerin –  Katholik, bekennender Schwuler ist nicht wie Helge Braun einer, der auf Kuschelkurs mit Merkel geht, sondern der sich schon während der Flüchtlingskrise 2015 von der Kanzlerin emanzipierte, von Staatsversagen sprach und den naiven Multikulturalismus kritisierte. Spahn ist auch anders als Braun einer, der in die Offensive geht, er liebt das Spiel mit dem Feuer – und er hat keine Angst zu verbrennen. Er gilt als konservativ-liberaler, wird als Kanzlerkandidat gehandelt und setzt beim Poker um die Macht eigene Akzente, sei es bei seiner kritischen Sicht auf den Islam, das Burkaverbot oder die Kinderehen.

Aber Spahn polarisiert auch – und dies immer wieder gern. Sein Satz: „Hartz IV bedeutet keine Armut“, brachte ihm am Anfang seiner Ministerzeit viel Kritik ein. Es sei zu befürchten, dass das „Gesundheitsministerium zu einer sozialen Kältekammer verkommt“, bemerkte damals Katja Kipping von der Linkspartei. Doch in der Coronakrise sieht Spahn jetzt seine Chance, alles richtig zu machen. Punktet er jetzt, kann ihn das weit nach oben tragen, verliert er, riskiert er seine politische Karriere und landet auf dem Abstellgleis.

Span ist agil, wendig, äußert fleißig und zutiefst kommunikativ – ein Twitterkönig. Wie Söder ist auch Spahn im Amt gereift, erwachsener geworden, selbst ehemalige Kritiker loben ihn, er geht besonnen vor, lobt FDP-Gesundheitspolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus. War Spahn früher eher unter dem Typus Wadenbeißer zu subsumieren, ist er jetzt zum Sachpolitiker geworden, mit dem nach Merkel 51 Prozent der Deutschen zufrieden sind, so der Deutschlandtrend vom März 2020.

Gerade in der Coronakrise macht Spahn eben keinen Wahlkampf, sondern gibt sich als solide Informationsquelle, die überparteilich Anerkennung findet. Der Feuerwehrhauptmann Spahn spielt in der Coronakrise partei- und fraktionsübergreifend. Damit setzt er das kontinuierlich fort, was sich einst Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sogar geschworen haben, eine gute Zusammenarbeit.

Wenn er weiter sein Gesundheitsministerium mit weiser und besonnener Hand durch die Krise führt, könnte er in den nächsten zehn Jahren durchaus aus dem Kanzleramt seine Anweisungen geben. Werden Schwächen innerhalb des Gesundheitswesens, das zu anderen Ländern vergleichsweise gut aufgestellt ist, in den nächsten Wochen offenbar, dann wird es für Spahn schwer und die Bekämpfung der Corona-Pandemie tatsächlich zu seiner Schicksalsfrage.

4. Armin Laschet

Die Coronakrise ist auch die Stunde des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet (CDU). Wie Braun, Söder und Spahn ist er Taktgeber und vertritt die Kanzlerin in Quarantäne mit konzilianter rheinischer Natur. Erst vergangene Woche gründete er einen „Expertenrat Corona“, der ihn im weiteren Umgang mit der Krise beraten soll. „Wir müssen heute damit beginnen, anhand transparenter Verfahren Kriterien und Maßstäbe für die Öffnung des sozialen und öffentlichen Lebens zu entwickeln“, so Laschet.

Laschet weiß, wovon er spricht. Mit dem Corona Hot Spot Heinsberg hat er einen extremen Krisenherd im eigenen Land. Und Laschet nimmt die Lage durchaus sehr ernst, es sei die ernsteste „Situation in den letzten 70 Jahren unseres Landes“ betont er sogar. Dass er mit seiner härteren Gangart Recht hat, zeigt die Entwicklung in Heinsberg, scheinen dort die strengen Maßnahmen „zu wirken, die Kurve flacht ab“, erklärte der CDU-Politiker und Kandidat um den CDU-Vorsitz vor dem Düsseldorfer Landtag

Intern gilt Laschet, der seit Jahren die schwarz-gelbe Koalition in NRW erfolgreich führt, als Brückenbauer, er kann charmant vermitteln, nimmt sich der Sorgen seiner Landeskinder fürsorglich an und ist damit für viele so etwas wie ein echter Landesvater geworden, dem man auch am Rhein zutraut, das großkoalitonäre Berlin aufzumischen und eigene Akzente zu setzen.

Es ist die rheinische Frohnatur, die Laschet von Söder und Sphan unterscheidet, ein ausgeglichenes Naturell. Das lässt ihn – bei allem Leid – das das Coronavirus nicht nur in Deutschland ausstrahlt, zu einer neuen Lichtfigur werden, der vielleicht bald nicht mehr der regionale Krisenmanager und Feuerwehrhauptmann in NRW ist, sondern derjenige, der die CDU wieder zurück an die Macht führt und damit das angeschlagene Image der Volkspartei mit energischer Sanftmut kittet.

Fazit

Mitten in der Krise, Emmanuel Macron sprach vom Krieg und viele Politiker von der größten Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg, hat Angela Merkel vier starke Männer an ihrer Seite, die sie angesichts ihres politischen Rückzugs 2021 nicht mehr ignorieren, geschweige denn wegbeißen kann.

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Dieser Artikels erschien zuerst auf The EuropeanEr erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors Stefan Groß-Lobkowicz, der zugleich Chefredakteur des The European ist.

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Zum Autor: Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz studierte Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Jena, München, Valladolid, Nizza und Madrid. Nach dem Studium wurde er in Jena und Madrid promoviert. Er war Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Jena. Stationen seines Lebens waren Cicero, die Friedrich-Schiller Universität, die TU München u.a. – Seit drei Jahren arbeitet Stefan Groß für die Weimer Media Group – zuerst als Chef vom Dienst, stellvertretender Chefredakteur und nun als Chefredakteur und Textchef für die Print- und Online-Ausgabe des The European. Er ist Autor mehrerer Bücher.

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