An Xavier Naidoo und Andreas Gabalier

Von Jürgen Fritz, Di. 26. Mai 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

Lieber Xavier Naidoo und Andreas Gabalier, Sie haben neulich ein Lied zusammen gesungen „A Meinung ham, dahinter stehn“. Ein sehr schönes Lied übrigens. In dem Song stellen Sie beide es so dar, als sei das schon eine Tugend, überhaupt irgendeine Meinung zu haben und zu dieser zu stehen. Doch Sie übersehen dabei etwas Entscheidendes.

Zu seiner Meinung zu stehen, ist grundsätzlich etwas Gutes, aber letztlich kommt es auf den Inhalt der Meinung an

Denn wenn Sie das so abstrakt rühmen, dass jemand eine Meinung hat, zu der er steht, dann ist das in etwa so, wie wenn jemand sagt, es sei doch auf jeden Fall positiv, sich mit einem Kind abzugeben. Das ist sicherlich in gewisser Weise richtig, insofern sich gar nicht um ein Kind kümmern, sicherlich nicht gut wäre. Aber es ist eben ein Unterschied ob man das Kind schlägt, weil es nicht macht, was man will, oder ob man mit ihm redet und versucht, ihm etwas zu erklären, oder wenn man einen Ausflug mit ihm macht und ihm ein bisschen was von der Welt zeigt.

Soll heißen, eine Meinung haben, zu der man steht, die Tatsache an sich, ist zunächst mal so abstrakt nichts Schlechtes, aber es kommt natürlich auf den Inhalt der Meinung an, so wie es auf die Art des Umgangs mit dem Kind ankommt oder so wie es drauf ankommt, was man isst, während gar nichts essen sicher keine dauerhafte Lösung wäre. Aber nicht jeder Umgang mit dem Kind ist okay und nicht alles, was man sich in den Mund stecken, es kauen und runterschlucken kann, ist gesund oder gut, bekömmlich oder sinnvoll.

Und wenn jemand in einem Rettungsboot sitzt und am Verdursten ist, dann in seiner Not, weil er den Durst nicht mehr aushält, Meerwasser trinkt, dann wäre es unter Umständen sogar besser gewesen, er hätte gar nichts getrunken, insbesondere wenn er dann einen Tag länger überlebt hätte und am nächsten Morgen gefunden wurde.

Was ich damit sagen will: Zunächst mal noch gar keine Meinung zu etwas zu haben, kann unter Umständen manchmal immer noch besser sein als eine völlig blöde solche zu haben. Sie beide bleiben in Ihrem Songtext aber auf der abstrakten, auf der formalen Ebene und blenden aus, um was für eine Meinung es sich handelt.

Wenn die Welt-auf-Wort-Ausrichtung nicht stimmt, so liegt es an der Meinung, sie beschreibt dann die Welt nicht richtig

Philosophen nennen diese Inhaltsbezogenheit Intentionalität. Damit ist gemeint, Meinungen, Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen, Überzeugungen haben immer einen semantischen Gehalt. Man ist der Meinung, dass etwas der Fall ist (Tatsachenannahme, deskriptiv: so ist es) oder der Fall sein sollte (Bewertung, präskriptiv: so sollte es sein). Man hofft oder befürchtet, dass etwas Bestimmtes passiert, man ist der Überzeugung, dass etwas der Fall ist.

Meinungen haben also wie Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen und Überzeugungen einen semantischen Gehalt, der in einer Dass-Klausel zum Ausdruck gebracht werden kann. Und dieser semantische Gehalt oder Inhalt hat irgendwie einen Bezug zur Welt, ist auf diese ausgerichtet, so auch Meinungen und Überzeugungen, dass etwas der Fall ist. Denn wenn eine solche deskriptive Meinung falsch ist, so liegt dies an der Meinung, sie passt dann nicht zur Welt, beschreibt diese nicht richtig, so zum Beispiel, wenn jemand meint, die Erde sei eine Scheibe oder es gäbe keine Viren. Dann stimmt die Wort-auf-Welt-Ausrichtung nicht und das liegt dann an der Meinung oder Überzeugung, nicht an der Welt.

Die deskriptive Meinung über die Form der Erde, welche Gestalt sie hat, oder über Viren, ob es diese gibt, sollte sich der Erde respektive der Existenz solcher biologischer Entitäten anpassen, nicht umgekehrt. Wenn sie das nicht tut, so ist es eine falsche Meinung über das Sein der Welt (eine Fehlvorstellung).

Bei bewertenden (präskriptiven) Gedanken sollten es gute solche sein und nicht schlechte

Bei Wünschen, Hoffnungen, Befürchtungen und Absichten liegt dagegen eine Welt-auf-Wort-Ausrichtung vor, denn wenn sie nicht in Erfüllung gehen, so liegt das an der Welt, die sich den Wünschen oder Absichten nicht fügt. Und auch hier gibt es offensichtlich in Bezug auf den Inhalt, den semantischen Gehalt Qualitätsunterschiede und zwar sehr große. Plump formuliert: die Nazis, die Stalinisten, die Maoisten und die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexenjäger und Judenhasser hatten auch präskriptive Meinungen über das Sein-sollen der Welt und standen zu diesen. Es wäre aber besser gewesen, sie hätten in dem Punkt noch keine Meinung gehabt. Noch besser wäre natürlich gewesen, sie hätten eine ganz andere präskriptive Meinung gehabt. 

Einfach irgendeine „Meinung zu ham“ und zu ihr zu stehen, kann daher vielleicht auf der rein formalen Ebene etwas Gutes sein, entscheidend ist aber natürlich letztlich der Inhalt der Meinung. Bei deskriptiven Gedanken sollte diese die Welt richtig beschreiben und nicht falsch und bei präskriptiven (bewertenden) Gedanken sollten es gute und nicht schlechte solche sein. Ein Kriterium, gute von schlechten Wünschen, Absichten und Handlungen zu unterscheiden, könnte zum Beispiel sein, ob diese verallgemeinerbar sind, ob ich wollen kann, dass alle anderen sich die Handlungsmaxime, die ich zu Grunde lege, sich zu eigen machen und stets danach handeln. Oder was unterm Strich das Beste für alle gemeinsam ist, die von der Handlung betroffen sind, wenn man alle Vor- und Nachteile quasi aufaddieren würde.

Kann es sein, dass bei Ihnen die Wort-auf-Welt-Ausrichtung völlig aus dem Ruder gelaufen ist?

Und wenn Sie singen „Ned ollas glauben wos a poar so redn“, dann wäre es gut, wenn sie genau das auch beherzigen würden und nicht einfach alles blind glauben, was ein Oliver Janich daher redet oder irgendein abstruser Historiker oder völlig Durchgeknallte, die ein YouTube-Video produzieren und einstellen.

Bei dieser kritischen Prüfung hilft meist nachdenken, so zum Beispiel, dass man sich selbst kritische, das heißt prüfende, beurteilende Fragen stellt, etwa: Wie wahrscheinlich ist es, dass die klügsten und ehrlichsten, die seriösesten und besten Köpfe sich auf YouTube tummeln, um dort ihre selbstproduzierten Filmchen einzustellen? Oder die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass tausende von Biologen und Virologen auf der ganzen Welt noch nicht gemerkt haben, dass es gar keine Viren gibt und sie alle seit Jahrzehnten einem riesigen Irrtum aufgesessen sind? Wie wahrscheinlich ist es, dass SARS-CoV-2 in Wahrheit gar kein gefährliches Virus ist und sämtliche Länder der Erde aber zu anderen Ergebnissen kommen, selbst die, die es anfangs anders sahen, schnell umschwenken, sobald sie einige hundert oder tausende Tote zu verzeichnen haben?

Oder wie wahrscheinlich es ist, dass die US-amerikanische Regierung das World Trade Center selbst sprengte und dies nicht die Russen oder Chinesen aufdeckten, sondern ein schweizerischer Publizist, dessen Lehrauftrag an der Universität St. Gallen gestrichen wurde und der sich davon ernährt, dass er überall Vorträge hält, in denen er erzählt, die Türme seien gesprengt worden. Oder die Frage, wie man es geschafft hat, all die Sprengladungen anzubringen, was ja Stunden oder eher Tage gedauert hätte, ohne dass es jemand gemerkt hat. Und wie man es schafft, dass all die, die von solchen Verschwörungen mitbekommen haben müssen, jahrelang dicht halten, wo doch bei jeder Vorstandssitzung aller Parteien, sobald auch nur zehn Personen daran teilnehmen, fast immer an die Öffentlichkeit dringt, was dort gesagt wurde. 

Kritisches Denken, lieber Xavier Naidoo und Andreas Gabalier, bedeutet, dass man auch seine eigenen Gedanken kritisch prüft, ob sie die Welt richtig beschreiben und ob das, was man sich wünscht, wirklich gut ist. Kann es sein, Xavier Naidoo, dass bei Ihnen die Wort-auf-Welt-Ausrichtung völlig aus dem Ruder gelaufen ist? Wenn ja, was stimmt mit Ihnen nicht?

Wo kommt diese unglaubliche Arroganz her?

Und wo kommt diese unglaubliche Arroganz her zu meinen, sie wüssten alles besser als tausende und abertausende hochintelligente Wissenschaftler und Experten auf der ganzen Erde, die sich 40, 50, 60 Stunden die Woche, 46 Wochen im Jahr mit ihrem jeweiligen Fachgebiet auseinandersetzen, während Sie Songs schreiben oder auf der Bühne stehen und für Ihre Fans singen oder in TV-Shows auftreten? Ich käme niemals auf die Idee, zu Ihnen auf die Bühne zu gehen, Sie zur Seite zu schieben und zu sagen „Lass mich mal singen, ich kann das besser“. Woher kommt diese maßlose Arroganz, dass Sie meinen, Sie könnten alles besser als alle anderen und das auf Gebieten, wo sie keinerlei Voraussetzungen mitbringen, nicht einmal die Basics der Basics? Was stimmt mit Ihnen nicht?

Kann es sein, dass Sie irgendwelche traumatischen Erfahrungen mit sich herumtragen, die Sie tief geprägt haben? Bitte, das geht mich natürlich nicht das Geringst an. Ich will Ihnen hier auf keine Fall zu nahe treten. Aber falls es in diese Richtung gehen würde, rein hypothetisch, wäre es dann nicht viel sinnvoller zu versuchen, das aufzuarbeiten?

Ned ollas glauben wos a poar so redn

Xavier Naidoo, Sie sind ein wunderbarer Sänger, meines Erachtens einer der besten überhaupt. Ich kann mich noch erinnern, wie ich Sie gegen Ende der 1990er das erste Mal gehört habe. Ich dachte sofort, der Junge hat das Zeug ein ganz Großer zu werden. Und das sind Sie geworden. Sie sind ein ganz großer Sänger. Aber Sie sind kein großer Wissenschaftler oder Welterklärer. Warum wollen Sie das sein? Christian Drosten oder Peter Sloterdijk versuchen doch auch nicht große Sänger zu sein und fangen an, Konzerte zu geben.

Warum machen Sie nicht das, was Sie ganz ohne Zweifel hervorragend können? Die Natur oder Gott, ganz wie Sie wollen, hat Ihnen eine wunderbare Gabe verliehen. Das ist ein Geschenk, wie es nur wenige Menschen erhalten. Warum bleiben Sie nicht primär dabei und hören in anderen Bereichen auf die, die auf ihrem Gebiet die besten „Sänger“ und „Songwriter“ sind? Warum hören Sie völlig unkritisch auf solche, die überhaupt nicht „singen“ können, auf die schlechtesten Welterklärer von allen? Warum hören Sie sich so einen Schrott an, wo es doch erstklassige Musiker als Welterklärer gibt?

Tun Sie das bitte nicht weiter. Ned ollas glauben wos a poar so redn. Wir wollen Sie als Sänger haben und als Songwriter. Wechseln Sie bitte Ihren Kurs. Ich weiß, das ist alles andere als leicht, wenn man sich mal so richtig verfranzt hat, aber es ist möglich. Sie müssen nur kritisch sein sich selbst und anderen gegenüber, besonders einigen aus einer bestimmten Ecke. Ned ollas glauben wos die so redn.

Ihr Jürgen Fritz, der Ihre Art als Mensch sehr sympathisch, Ihre Stimme und Ihre Musik großartig findet, Ihr Weltbild aber nicht nur völlig abstrus, sondern hochgradig gefährlich

P.S.: Das Weltbild des Xavier Naidoo

Erde ist kein Globus

Aliens unterirdischen Ursprungs

© Screenshot Telegram Xavier Naidoo

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