Angst und Vernunft: Die Kunst, sich richtig zu ängstigen

Von Jürgen Fritz, Sa. 09. Mai 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

Angst sei ein schlechter Ratgeber, meinen einige Törichte. In Wahrheit ist sie natürlich einer der besten Ratgeber, die es überhaupt gibt. Unter einer Bedingung: dass sie nicht von der Ratio, der Vernunft abgekoppelt ist. Dann aber gilt: „Angst ist für die Seele ebenso gesund wie ein Bad für den Körper“ (Maxim Gorki).

Der qualitative Erlebnischarakter von Emotionen

Das älteste und stärkste Gefühl sei Angst, die älteste und stärkste Form der Angst wiederum sei die Angst vor dem Unbekannten, meinte der amerikanische Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (1890 – 1937). In der Tat ist die Angst ein Grundgefühl, genauer: eine Basisemotion. Emotionen haben mindestens zwei Charakteristika:

Erstens haben Emotionen (spezielle Gefühle) genau wie andere elementare Gefühle, wie zum Beispiel das Hungergefühl (-), das Sättigungsgefühl (+), das Gefühl des Frierens (-) oder das Gefühl der thermischen Behaglichkeit (+), und wie Stimmungen (längerfristige, nicht direkt anlassbezogene Gemütsverfassungen), wie zum Beispiel Melacholie (-) oder Heiterkeit (+) einen qualitativen Erlebnischarakter für denjenigen, der diese Emotion hat. Das heißt, es fühlt sich irgendwie für ihn an, in diesem Gefühl, in dieser Stimmung, in dieser Emotion zu sein und zwar entweder negativ oder positiv. Die Angst gehört hierbei zu den negativen, den unangenehmen Gefühlen. Daher wohl ihr schlechter Ruf, das jedoch zu Unrecht, wie wir gleich sehen werden.

Intentionalität

Zweitens haben Emotionen – und das ist zugleich ihr Spezifikum, was sie von Empfindungen, einfachen Gefühlen und Stimmungen unterscheidet – eine intentionale Struktur. Was ist damit gemeint? Das Konzept der Intentionalität findet sich bereits in antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Theorien, in der modernen Diskussion geht es meist auf den Philosophen und Psychologen Franz Brentano (1838 – 1917) zurück, der diesen wichtigen Begriff 1874 wieder einführte. Durch die Arbeiten Edmund Husserls wurde Intentionalität zu einem zentralen Konzept der Phänomenologie.

In der aktuellen philosophischen Debatte der Philosophie des Geistes wird gerade Intentionalität oftmals als spezifisches Merkmal des Mentalen, des Geistigen oder Seelischen verstanden: Gibt es Intentionalität, so gibt es Mentales (Geistiges, Seelisches) – und nicht nur Materielles, genauer: nicht nur Physikalisches und naturwissenschaftlich Beschreibbares. Intentionalität ist dabei etwas anderes als und darf nicht verwechselt werden mit dem Begriff der Intention (Absicht), noch mit dem semantisch-logischen Begriff der Intension als Pendant zur Extension (Begriffsinhalt und Begriffsumfang).

Nein, Intentionalität meint etwas anders, nämlich dass bestimmte Gefühle, die Emotionen, und Gedanken sich auf etwas beziehen, etwa auf reale oder nur vorgestellte Gegenstände, Eigenschaften oder Sachverhalte. Sie sind auf etwas gerichtet, ebenso wie unsere Wahrnehmung übrigens. Wir nehmen etwas wahr respektive wir nehmen wahr, dass etwas der Fall ist. Unsere Wahrnehmungen repräsentieren also in uns das, was wir wahrgenommen haben. Ebenso sind unsere Überzeugungen und Erkenntnisse Repräsentationen, denn sie repräsentieren, wovon wir überzeugt sind oder was wir erkannt haben.

Manche Repräsentationen in uns sind korrekt oder wahr, andere sind inkorrekt oder falsch (unwahr). Dann unterliegen wir einem Irrtum (einer Illusion: A hält ein X für ein U, oder einer Halluzination: A meint, da sein ein X, aber da ist gar nichts). Wenn ein Hai nach einem Surfbrett schnappt, das für ihn von unten wie ein Seehund aussieht, dann repräsentiert seine Wahrnehmung fälschlicherweise eine Robbe (Illusion). Im Geist des Hais hat sich also eine Fehlvorstellung gebildet, die Wirklichkeit ist in ihm, in seiner Vorstellungswelt nicht korrekt repräsentiert. Manche innere Repräsentationen unterliegen mithin Korrektheitsbedingungen – und zwar solche Repräsentationen, die in Aussagesätzen über die externe Welt gefasst werden können, zum Beispiel: „Da ist ein leckerer Seehund.“

Emotionen sind selbst zwar nicht wahrheitsfähig, können aber anders als einfache Gefühle auf Fehlvorstellungen aufbauen

Emotionen sind, obschon sie anders als Empfindungen, einfache Gefühle und Stimmungen eine intentionale Struktur aufweisen, also auf etwas in der Außenwelt gerichtet sind, nicht wahrheitsfähig. Es gibt keine unwahren Emotionen, erst Recht keine unwahren Gefühle oder Stimmungen, da diese ja gar keine Repräsentationen der Außenwelt darstellen. Wohl aber gibt es inadäquate Emotionen, dazu gleich mehr. Und was es natürlich gibt, sind unwahre Behauptungen über Emotionen und einfache Gefühle. Wenn ich zum Beispiel sage, ich hätte Kopfschmerzen (einfaches Gefühl) und wolle deswegen nach Hause, in Wahrheit aber habe ich gar keine Kopfschmerzen, sondern mich langweilt nur schrecklich, wo ich gerade bin, dann sage ich die Unwahrheit über mein Innenleben, aber mein Gefühl des Gelangweilt-seins ist nicht wahr oder unwahr, es ist einfach da.

Oder wenn ich sage, dass ich mit mit jemandem über seinen Erfolg freue, in Wahrheit aber denke ich: „Eigentlich hat er das nicht verdient“, dann sage ich die Unwahrheit, der Satz repräsentiert also nicht meine Emotion und meine wahren Gedanken, aber die Emotion selbst (Missgunst) ist nicht unwahr, sie ist einfach da, sei es berechtigt – vielleicht hat der andere diesen Erfolg ja wirklich nicht verdient – oder nicht. Emotionen können, da sie anders als einfache Gefühle, wie Durst, Frieren oder das höchst angenehme Gefühl, sich nach einem langen Tag endlich ins weiche Bett oder aufs Sofa reinzukuscheln, eine intentionale Struktur aufweisen, also auf etwas in der Außenwelt gerichtet sind, auf Fehlvorstellungen aufbauen beziehungsweise durch solche evoziert sein, ähnlich wie das Begehren oder Wünschen.

So zum Beispiel das Begehren des Hais, der in das Surfbrett beißt. Wüsste er, dass dies gar kein Seehund ist, würde er das Surfbrett, dass in seinem Geist fälschlich als Robbe repräsentiert ist, gar nicht begehren. Oder wenn Ihnen ein Freund einen Streich spielt und Ihnen eine Gummispinne hinwirft, Sie sich vor echten Spinnen fürchten und furchtbar erschrecken, vor der Gummispinne Angst haben (ereignisbezogene negative Erwartungsemotion) und auf den Stuhl springen, so resultiert diese Emotion aus einer Fehlvorstellung über die Gummispinne, die Sie für eine echte solche halten. Das unterscheidet Emotionen von einfachen Gefühlen wie Hunger, Durst, Sättigungsgefühl, frieren, eine Hitzegefühl haben, sich thermisch behaglich fühlen usw., die nicht auf Vorstellungen über das Sein der Welt aufbauen.

Da diese einfachen Gefühle keine intentionale Struktur aufweisen, können sie nicht auf Fehlvorstellungen aufbauen, können also über Gedanken weniger beeinflusst werden als Emotionen, die auf Vorstellungen von der Außenwelt aufbauen, da sie ja auf die Außenwelt gerichtet sind: Wir fürchten uns vor etwas (-) oder wir hoffen auf etwas (+) (gegenteilige ereignisbezogene Erwartungsemotion), wir lieben (+) oder hassen (-) jemanden/etwas (gegenteilige Attraktivitätsemotionen), wir bewundern (+) oder verachten (-) jemanden/etwas (gegenteilige Wertschätzungsemotionen), wir empfinden Mitfreude (+) oder Neid (-) bzw. Missgunst (gegenteilige Empathieemotion bei erwünschten Ereignissen), wir empfinden Schadenfreude (+) oder Mitleid (-) (Empathie-Emotion bei unerwünschten Ereignissen), wir ärgern uns über einen anderen (-) oder sind ihm dankbar (+) (unerwünschte bzw. erwünschte Verbindungsemotion) usw.

Die wichtige natürliche Funktion von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Emotionen

Dabei haben alle mentalen Zustände, also innere Repräsentation, sprich Wahrnehmungen, Vorstellungen über das Sein und das Sein-sollen der Welt sowie Emotionen, also das, was unseren Geist ausmacht, eine wichtige natürliche Funktion. Mit ihnen, mit diesen inneren Repräsentationen korrespondieren wir nämlich mit der Außenwelt. Wir nehmen Gegenstände wahr, auf die unsere Sinne gerichtet sind, bilden dann eine Vorstellung, eine innere Repräsentation dieses Gegenstandes in uns, die korrekt oder nicht korrekt ist (Irrtum). Und nun kommt die Schlüsselrolle der Gefühle:

Nur über unsere Gefühle sind wir fähig, das Wahrgenommene zu evaluieren, zu bewerten. Denn manches fühlt sich eher oder sogar sehr angenehm an, anderes eher oder extrem unangenehm. Dadurch bekommen wir eine Ausrichtung in der Welt und diese Ausrichtung ist nur möglich über den qualitativen Erlebnischarakter von Gefühlen und Emotionen als speziellen Gefühlen. Das ist jenes, was ein Roboter oder Computer nicht hat. Ihm fehlt dieser qualitative Erlebnischarakter (Philosophen nennen das Qualia oder phänomenales Bewusstsein) und dadurch eine Ausrichtung aus sich selbst heraus.

Damit kommt folgender kausal verwobener Wahrnehmungs-Bewegungs-Kreislauf zustande. Wir bewegen uns 1. im Raum, um 2. Dinge korrekt wahrzunehmen, sie also richtig zu klassifizieren, und dann 3. zu evaluieren (bewerten). Diese Evaluation löst 4. eine bestimmte motorische Reaktion aus in Form einer Bewegung oder Handlung im Raum. Dabei gilt: Das Attraktive (A) zieht uns an, anderes (B) stößt uns ab, wobei wir hier die Gefühle, die ein näherer Kontakt mit A oder B in uns auslösen wird, 5. mental vorwegnehmen (antizipieren), was nur möglich ist über unser Gedächtnis, inklusive dem, was uns dort über unsere Vorfahren quasi schon mitgegeben ist als Grundausstattung.

Auf diese Weise erhalten wir 6. eine Orientierung im Raum (und im Leben), genau das, was hochgradig dementen Personen oft verloren geht, weil sie vieles nicht mehr erinnern können. In dieser Bewegung im Raum nehmen wir 7. weitere Dinge wahr und 8. evaluieren (bewerten) sie, um uns 9. weiter adaptiv im Raum zu bewegen. Auf diese Weise interagieren wir ständig mit der Welt, in die wir eingebettet sind. Wir bewegen uns also im Raum, um etwas angemessen wahrzunehmen und zu bewerten, und wir nehmen Dinge wahr und bewerten sie, um uns möglichst vorteilhaft im Raum zu bewegen. Welche Rolle spielt hierbei nun die Angst oder Furcht vor etwas?

Uns gibt es nur, weil unsere Vorfahren fähig waren, den Affekt der Angst zu entwickeln

Die Angst hält uns vor dem Bedrohlichen, dem allzu Riskanten, dem Gefährlichen fern. Sie hilft uns also bei der Orientierung im Raum, indem sie uns von dem, das uns schaden würde, das, was uns Schmerzen (-) zufügen würde oder unsere Gesundheit bzw. unser Leben gefährden könnten, uns wegbewegen lässt, um uns in Sicherheit zu bringen.

Angst gehört insofern zum Rationalsten, zum Vernünftigsten, was es überhaupt gibt, sofern diese nicht einer krankhaften Angststörung, zum Beispiel einer Phobie, also einer gestörten Seele entspringt, in der die innere Harmonie aus Logos, Thymos und Eros nicht gegeben ist, wo also etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern sich ganz normal als Reaktion auf eine äußere Bedrohung einstellt, was eine Schutzfunktion (Fight-or-Flight-Reaction) darstellt, welche überhaupt erst das Überleben ermöglicht.

Platons Seelenmodell (2)

Wesen ohne Angst, also ohne affektive Sorge um ihres eigenes oder das Dasein ihrer Liebsten, insbesondere ihrer Kinder, würden sofort aussterben. Uns gibt es also nur deshalb, weil unsere Vorfahren fähig waren, diesen Angstaffekt zu entwickeln und logisch, das heißt vernünftig, darauf zu reagieren, zum Beispiel indem sie vor der Bedrohung geflohen sind, diese ausschalteten, sie in Schach hielten oder sich und ihre Kinder schützten.

Diese evolutionär essentielle Aufgabe kann sie natürlich nur erfüllen, wenn weder ein übertriebenes Maß an Angst das Handeln blockiert oder eine unangemessene Panikreaktion auslöst noch ein zu wenig Angst reale Gefahren, Bedrohunungen und Risiken übersieht, ausblendet oder nicht adäquat einschätzt.

Die Kunst, sich richtig zu ängstigen

In Abwandlung des berühmten aristotelischen Wut-Diktums könnte man also sagen: Jeder empfindet manchmal Angst. Aber ängstlich zu sein vor einer echten Bedrohung, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist die Kunst. Diese wiederum beherrscht nur der, dessen Seelenteile im richtigen Gleichgewicht sind, sprich bei dem, wo der Logos, der vernünftige Seelenteil, über Thymos und Eros herrscht. Angst zu empfinden, was in der Regel zu dem Begehren führt, sich vor der Gefahr in Sicherheit bringen, sie ausschalten oder sich schützen zu wollen, ist also keine Schwäche, sondern ganz im Gegenteil eine überlebensnotwendige Stärke, so die Ratio die Kontrolle behält und genau das ist die zu erlernende Kunst, sich selbst entsprechend zu formen.

Dies ist mithin das göttliche Moment der inneren Selbsterschaffung respektive Selbstgestaltung, wozu nur der Mensch fähig ist und was Selbstreflexion voraussetzt (aus reflectere = „zurückwenden“, „zurückbiegen“), also das Zurücklenken des Logos, der Vernunft auf sich selbst, auf sein eigenes Inneres, um sich a) selbst in seinem momentanen So-Sein zu betrachten (Inventur), b) zu bewerten (evaluieren): Will ich so sein, wie ich momentan bin oder habe ich ein anderes Ideal von mir selbst?, c) zu entwerfen, wie ich sein will (geistige Vorwegnahme, Antizipation) und dann d) dorthin zu führen, zu lenken zu diesem eigenen Ideal von sich selbst. In Bezug auf die Angst könnte das zum Beispiel bedeuten, diese zu beherrschen und zu kontrollieren, sie der Ratio zu unterwerfen, nicht aber sie auszuschalten, denn das wäre unvernünftig.

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Literaturempfehlungen:

Grundkurs Philosophie / Philosophie des Geistes und der Sprache   Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes als Buch   

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