Ramelow macht die Thüringer froh oder: Thüringen first

Von Thomas Schmid, Mi. 27. Mai 2020, Titelbild: mdr-Screenshot

Am Wochenende sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (DIE LINKE),  er wolle „den allgemeinen Lockdown“ aufheben und „auf besondere Schutzvorschriften, die für alle Menschen in Thüringen gelten, verzichten“. Am Dienstag nahm der linke Landesfürst sich dann, nachdem es von verschiedener Seite, auch aus seiner eigenen rot-rot-grünen Landesregierung heftige Kritik an seinem Vorstoß gegeben hatte, eine ganze Stunde Zeit, um der Öffentlichkeit zu erklären, was er denn eigentlich gemeint habe mit seiner Ankündigung, dass jetzt mal Schluss sein müsse mit dem Krisenmodus. Dazu ein Kommentar von Thomas Schmid.

Ramelow tut das, was die AfD schon seit sechs Wochen fordert

Der Wettlauf im Lockern der Beschränkungen beweist seit Wochen schon, dass Umsicht und Überschwang nicht mehr Hand in Hand gehen. Ihre Wege trennen sich. Die Vorsicht hat die Vernunft auf ihrer Seite, der Ruf nach dem Ende des strengen Anti-Corona-Regiments die volle Kraft des Lebenswillens. Jetzt hat sich Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow an die Spitze des ministerpräsidentiellen Pulks gesetzt.

Vom 5. Juni an soll in seinem Bundesland vieles anders werden. Mund-Nasen-Schutz, Mindestabstände und Kontaktbeschränkungen – das alles soll ins Ermessen der Bürger übergehen. Der Staat nimmt sich zurück. Ramelow: „Von Ver- zu Geboten, von staatlichem Zwang hin zu selbstverantwortetem Maßhalten.“ Vom Verordnungsstaat zur Bürgergesellschaft. Das ist schon eine besondere Pointe: Ausgerechnet ein Ministerpräsident, der der Linken angehört, formuliert als Erster das Ur-Credo liberaler Selbstverantwortung.

Doch damit ist es vermutlich nicht weit her. Denn in Wahrheit gibt Ramelow – scheinkühn – einem populären Wunsch nach, es nun mit dem ganzen Corona-Getue gut sein zu lassen. Es stimmt ja, was ein Landespolitiker der AfD aus Thüringen gesagt hat: Ramelow tut das, was die AfD schon seit sechs Wochen fordert. So sehr Ramelow Bürgertugenden beschwört – er kommt so auch denen entgegen, die das Corona-Virus bestenfalls für eine Petitesse, schlimmstenfalls für eine bloß eingebildete Gefahr halten. Und er riskiert, dass sein Regelverzicht auf Kosten von Alten, Kranken und Schwachen geht. Denn die müssen nun noch vorsichtiger sein.

Anmerkung JFB: Und wer freut sich darüber? Der hier.

Ramelow-Höcke

Ramelow ist nicht kühn, sondern töricht

Ein Blick auf Einkaufsmeilen, Supermärkte, Gaststätten, Gottesdienste und Familienfeiern zeigt: Mit dem „selbstverantworteten Maßhalten“ ist es oft nicht weit her, mit elementarer Gewalt setzen sich die alten Verkehrs- und Geselligkeitsroutinen wieder durch. Warum soll ich meinem Nachbarn nicht wieder nahekommen, ich kenne ihn doch, von ihm kann keine Gefahr ausgehen. Da ist die eingespielte Lebenspraxis ungleich mächtiger als das von außen und oben kommende Regiment der Vorsicht.

Ramelow sagt, der Erfolg im Kampf gegen das Virus „zwingt uns zu realistischen Konsequenzen und zum Handeln“. Wenn aber das Virus so berechenbar-unberechenbar ist, wie viele Virologen sagen, dann ist dieser Satz nicht kühn, sondern töricht. In einer Situation von Unsicherheit ist Vorsicht der wahre Mut. Schon jetzt hat sich ja bei den Baptisten in Frankfurt am Main und in einem Restaurant in Niedersachsen gezeigt, dass die neue Geselligkeit die Infektionszahlen sofort wieder in die Höhe treiben kann.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung. Teaser, Zwischenüberschriften und Anmerkung durch JFB.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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