21 Sekunden Schweigen als der kanadische Premierminister auf Trump angesprochen wird

Von Jürgen Fritz, Mi. 03. Jun 2020, Titelbild: WELT-Screenshot

Wie er zu Trumps Drohung mit einem Einsatz des Militärs gegen Demonstranten stehe, fragte gestern ein Journalist des Senders CBC den kanadischen Premierminister Justin Trudeau während dessen täglichen Corona-Briefings. Ferner wie er es sehe, dass die Polizei in Washington Demonstranten mit Tränengas vertrieben hat, um Trump einen Fototermin vor einer Kirche zu ermöglichen, fügte der Journalist hinzu, und was es für eine Botschaft senden würde, wenn er, Trudeau, das nicht kommentieren würde. Das war dessen Reaktion:

21 Sekunden Schweigen

So lange hielt der Premierminister während der gestrigen Pressekonferenz inne – womit er mehr sagte als mit allem, was er in diesen 21 Sekunden hätte sagen können. Schließlich fügte er diesem überlauten Schweigen hinzu:

„Wir beobachten alle mit Entsetzen und Fassungslosigkeit, was in den USA geschieht. Es ist an der Zeit zuzuhören, an der Zeit, die Menschen zusammenzubringen, und an der Zeit zu lernen, welche Ungerechtigkeiten trotz Fortschritten über die Jahre und Jahrzehnte fortbestehen.“

„Ich verstehe Euch, wenn Ihr sagt, dass Ihr besorgt und wütend seid“

Trudeau mahnte aber auch zu Vorsicht bei Vergleichen zwischen den USA und Kanada – und vor der Schlussfolgerung, dass „wir hier viel besser seien“. Die Kanadier müssten einsehen, dass „wir unsere eigenen Probleme haben“, betonte das kanadische Regierungsoberhaupt mit Blick auf Rassismuserfahrungen nicht-weißer Kanadier. Rassismus sei nicht nur ein Problem der USA.

Auch in Kanada würden Menschen mit schwarzer oder brauner Hautfarbe und Ureinwohner immer noch zu oft systematisch ungerecht behandelt. Für viele Menschen in Kanada sei Diskriminierung Alltag. Die Regierung und die Gesellschaft müssten „Verbündete im Kampf gegen Diskriminierung“ sein, forderte Trudeau. Jungen schwarzen Kanadiern wolle er sagen: „Ich verstehe Euch, wenn Ihr sagt, dass Ihr besorgt und wütend seid.“

Der US-Präsident hatte damit gedroht, die Unruhen mit militärischer Gewalt zu stoppen. Das Militär hat bereits 1.600 Soldaten auf Stützpunkte rund um Washington verlegt, um bei Bedarf gegen Krawalle vorzugehen. Seit über einer Woche wird die USA von Protesten heimgesucht, die teilweise in Gewalt und Plünderungen von Geschäften sowie dem Inbrandsetzen von Gebäuden und Autos umschlagen.

Anlass für die Demonstrationen war der Tod des Afroamerikaner George Floyd, der am Montag, dem 25.05.2020, bei seiner Festnahme in Minneapolis durch einen brutalen Polizeieinsatz getötet wurde. Inzwischen liegen zwei Autopsie-Berichte vor, die bestätigen, dass der Mann von den Polizisten regelrecht erstickt wurde, indem einer auf seinem Rücken kniete, ein zweiter seine Beine fixierte, der dritte fast neun Minuten auf seinem Nacken kniete und der vierte Polizist seine drei Kollegen absicherte.

„Immer wenn man denkt, Trump kann es nicht noch schlimmer machen, wird man eines Besseren belehrt“

Auch der FDP-Vorsitzende Christian Lindner zeigte sich bestürzt über Trumps immer wiederkehrenden verbalen Ausfälle. Immer, wenn man denke, Trump könne es nicht noch schlimmer machen, werde man eines Besseren belehrt, schrieb Lindner auf Twitter und wünschte den USA Versöhnung statt Spaltung:

Lindner

George W. Bush fordert einen Weg des Einfühlungsvermögens

Auch der ehemalige US-Präsident George W. Bush äußerste sich am Dienstag zu den landesweiten Protesten. Bush lobte die Amerikaner, die gegen Rassenungerechtigkeit demonstrieren, und kritisierte diejenigen, die versuchen, sie zum Schweigen zu bringen. Unverkennbar in Richtung Donald Trump sagte er:

Es gibt einen besseren Weg – den Weg des Einfühlungsvermögens, des gemeinsamen Engagements, des mutigen Handelns und eines in Gerechtigkeit verwurzelten Friedens. Ich bin zuversichtlich, dass die Amerikaner gemeinsam den besseren Weg wählen werden.“

Er selbst sei „verzweifelt“ über den Tod von George Floyd. George W. Bush forderte die weißen Amerikaner auf, nach Wegen zu suchen, um schwarze Amerikaner zu unterstützen, ihnen zuzuhören und sie zu verstehen, die immer noch mit „beunruhigender Bigotterie und Ausbeutung“ konfrontiert seien.

„Die einzige Möglichkeit, uns selbst in einem wahren Licht zu sehen, besteht darin, auf die Stimmen so vieler Menschen zu hören, die verletzt sind und trauern“, sagte Bush. „Diejenigen, die sich aufgemacht haben, diese Stimmen zum Schweigen zu bringen, verstehen nicht die Bedeutung Amerikas – oder wie es zu einem besseren Ort wird. Wir können die Realität nur erkennen, wenn wir sie mit den Augen der Bedrohten, Unterdrückten und Entrechteten sehen, fügte Bush hinzu.

Scharfe Kritik an Trump auch vom ehemals ranghöchsten Soldat der US-Streitkräfte

Auch der Admiral a. D. Michael Glenn Mullen, der von 2007 bis 2011 der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff und damit der ranghöchste Soldat der US-Streitkräfte war, kritisierte Trumps Reaktion auf die Proteste, insbesondere seinen Wunsch, ihn zu militarisieren und aggressive Gewalt anzuwenden. Mullen schrieb, er sei „angewidert“, dass Sicherheitskräfte feindliche Maßnahmen gegen Demonstranten vor dem Weißen Haus ergriffen, um Trump den Weg für einen Fototermin freizumachen.

„Welches Ziel Trump auch immer mit seinem Besuch verfolgte, er legte seine Verachtung für die Rechte des friedlichen Protests in diesem Land bloß“, sagte Mullen. Außerdem betonte der hohe Militär ebenso wie George W. Bush, die Menschen müssten verstehen, dass die Wurzel dieser Proteste der anhaltende Rassismus sei, dem die Afroamerikaner immer wieder ausgesetzt seien.

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