Über 150 Intellektuelle wenden sich gegen Cancel Culture

Von Jürgen Fritz, Fr. 24. Jul 2020, Titelbild: euronews-Screenshot

Alte Filme werden aus Archiven gelöscht, Statuen gestürzt, Referenten ausgeladen. Menschen, die Positionen vertreten, die als falsch gebrandmarkt werden, werden entlassen, weil sie die heilige Dreifaltigkeit von Gleichheit, Diversität und Inklusion verletzen. Cancel Culture versucht mittels Diffamierung und persönlichen Attacken über sogenannte Shitstorms Menschen mundtot zu machen, bis hin zur Vernichtung ihrer medialen und ökonomischen Existenz. Wir sehen hier eine Anti-Aufklärung am Werk, welche im Namen der Toleranz Intoleranz ersten Grades pflegt und einen Volksgerichtshof der politischen Korrektheit errichtet, der in der Praxis zu einer Art Berufsverbot für Andersdenkende führt. Dagegen haben nun über 150 liberal denkende Intellektuelle Stellung bezogen.

A. Vorbemerkung

Cancel Culture führt zu dem Phänomen der Schere im Kopf: jeder überlegt sich dreimal, bevor er sich äußert, weil er befürchten muss, dass ein wahrer Shitstorm über ihn hereinbrechen könnte, sobald er etwas äußert, was die jeweiligen hegemoniellen illeberalen Kräfte nicht hören wollen und auch nicht wollen, dass andere es hören, ja das es überhaupt jemand ausspricht. Dagegen haben sich nun am 7. Juli 2020 in einem Schreiben mit dem Titel „Ein Brief über Gerechtigkeit und offene Debatten“ über 150 Intellektuelle ausgesprochen, , darunter Margaret Atwood, Noam Chomsky, Francis Fukuyama, Daniel Kehlmann, Steven Pinker, J.K. Rowling und Salman Rushdie.

Der Brief wurde gleichzeitig in den USA vom Harper’s Magazine, in Frankreich in Le Monde, in Italien in La Repubblica und in Deutschland in der ZEIT veröffentlicht. Darin warnen die Autoren und Unterzeichner vor den Kräften des Illiberalismus und einem Klima der Intoleranz, welches die öffentlichen Debatte sowohl durch repressive Regierungen wie auch intolerante Gesellschaften immer mehr einschränke.

B. Ein Brief über Gerechtigkeit und offene Debatte

„Unsere Kulturinstitutionen stehen momentan vor einer Prüfung“ warnen die Verfasser des gemeinsamen Papiers. Heftige Proteste gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit hätten zu Forderungen nach einer Polizeireform und nach mehr gesellschaftlicher Gleichberechtigung geführt – an Hochschulen, im Journalismus, in den Künsten. Diese notwendige und überfällige Abrechnung stärke aber auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse, die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen würden.

Sosehr die Unterzeichner die erste Entwicklung begrüßten, „so entschieden erheben wir unsere Stimme gegen die zweite.“ Sie sehen, die Kräfte des Illiberalismus weltweit Fahrt aufnehmen. Diese Kräfte hätten in Donald Trump einen mächtigen Verbündeten, der die Demokratie ernsthaft bedrohe. Aber Widerstand dürfe nicht – wie unter rechten Demagogen – zum Dogma werden. Die demokratische Inklusion, welche die mehr als 150 Intellektuellen anstreben, könne nur erreicht werden, „wenn wir uns gegen das intolerante Klima wenden, das überall entstanden ist“.

Der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, werde von Tag zu Tag mehr eingeengt. Während dies von der radikalen Rechten nicht anders zu erwarten sei, breite sich auch „in unserer Kultur“ zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus: Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, öffentliche Anprangerung und Ausgrenzung sowie die Tendenz, komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen.

Ihnen gelte eine kernige, mitunter bissige Gegenrede viel. Aber allzu oft würden heute als Reaktion auf vermeintliche sprachliche oder gedankliche Entgleisungen schwere Vergeltungsmaßnahmen gefordert. Noch beunruhigender aber sei, dass viele Institutionen im Geiste einer panischen Schadensbegrenzung übereilte und unverhältnismäßige Strafen verhängen würden, statt überlegte Reformen durchzuführen.

Redakteure würden entlassen, weil sie umstrittene Beiträge brachten; Bücher würden wegen angeblicher mangelnder Authentizität zurückgezogen; Journalisten dürften über bestimmte Themen nicht schreiben; gegen Professoren würde ermittelt, weil sie im Unterricht gewisse literarische Werke zitierten; einem Forscher sei sogar gekündigt worden, weil er eine einschlägig begutachtete akademische Studie in Umlauf gebracht habe; und Vorstände von Organisationen würden ausgetauscht, nur weil sie ungeschickte Fehler gemacht hätten.

Unabhängig von den Details der einzelnen Fälle würden die Grenzen dessen, was ohne Androhung von Repressalien noch gesagt werden dürfe, immer enger gezogen. „Wir zahlen dafür einen hohen Preis“, indem Schriftsteller, Künstler und Journalisten nichts mehr riskierten, weil sie um ihren Lebensunterhalt fürchten müssten, sobald sie vom Konsens abweichen und nicht mit den Wölfen heulen wollten.

Diese stickige Atmosphäre werde den existenziellen Anliegen unserer Zeit schaden. Die Einschränkung der öffentlichen Debatte – ob durch eine repressive Regierung oder eine intolerante Gesellschaft – beeinträchtige diejenigen am meisten, die am wenigsten Macht hätten, und schwäche die Fähigkeit aller zur demokratischen Teilhabe. Schlechte Ideen besiege man, indem man sie entlarve, durch Argumente und Überzeugungsarbeit, nicht durch den Versuch, sie zu verschweigen oder von sich zu weisen.

„Wir lehnen jedes Ausspielen von Gerechtigkeit gegen Freiheit ab, das eine ist nicht ohne das andere zu haben“, schreiben die Intellektuellen. Als Autoren seien sie auf eine Kultur angewiesen, die ihnen Raum für Experimente, für Wagemut, auch für Fehler lasse. „Wir müssen uns die Möglichkeit bewahren, Meinungsverschiedenheiten in gutem Glauben und ohne schlimme berufliche Konsequenzen auszutragen. Wenn wir nicht für das einstehen, wovon unsere Arbeit abhängt, dürfen wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder der Staat diese Werte für uns verteidigt“, heißt es in dem Brief abschließend, der von mehr als 150 führenden Intellektuellen verfasst bzw. unterzeichnet wurde.

C. Die Unterzeichner

Elliot Ackerman
Saladin Ambar, Rutgers University
Martin Amis
Anne Applebaum
Marie Arana, author
Margaret Atwood
John Banville
Mia Bay, historian
Louis Begley, writer
Roger Berkowitz, Bard College
Paul Berman, writer
Sheri Berman, Barnard College
Reginald Dwayne Betts, poet
Neil Blair, agent
David W. Blight, Yale University
Jennifer Finney Boylan, author
David Bromwich
David Brooks, columnist
Ian Buruma, Bard College
Lea Carpenter
Noam Chomsky, MIT (emeritus)
Nicholas A. Christakis, Yale University
Roger Cohen, writer
Ambassador Frances D. Cook, ret.
Drucilla Cornell, Founder, uBuntu Project
Kamel Daoud
Meghan Daum, writer
Gerald Early, Washington University-St. Louis
Jeffrey Eugenides, writer
Dexter Filkins
Federico Finchelstein, The New School
Caitlin Flanagan
Richard T. Ford, Stanford Law School
Kmele Foster
David Frum, journalist
Francis Fukuyama, Stanford University
Atul Gawande, Harvard University
Todd Gitlin, Columbia University
Kim Ghattas
Malcolm Gladwell
Michelle Goldberg, columnist
Rebecca Goldstein, writer
Anthony Grafton, Princeton University
David Greenberg, Rutgers University
Linda Greenhouse
Rinne B. Groff, playwright
Sarah Haider, activist
Jonathan Haidt, NYU-Stern
Roya Hakakian, writer
Shadi Hamid, Brookings Institution
Jeet Heer, The Nation
Katie Herzog, podcast host
Susannah Heschel, Dartmouth College
Adam Hochschild, author
Arlie Russell Hochschild, author
Eva Hoffman, writer
Coleman Hughes, writer/Manhattan Institute
Hussein Ibish, Arab Gulf States Institute
Michael Ignatieff
Zaid Jilani, journalist
Bill T. Jones, New York Live Arts
Wendy Kaminer, writer
Matthew Karp, Princeton University
Garry Kasparov, Renew Democracy Initiative
Daniel Kehlmann, writer
Randall Kennedy
Khaled Khalifa, writer
Parag Khanna, author
Laura Kipnis, Northwestern University
Frances Kissling, Center for Health, Ethics, Social Policy
Enrique Krauze, historian
Anthony Kronman, Yale University
Joy Ladin, Yeshiva University
Nicholas Lemann, Columbia University
Mark Lilla, Columbia University
Susie Linfield, New York University
Damon Linker, writer
Dahlia Lithwick, Slate
Steven Lukes, New York University
John R. MacArthur, publisher, writer
Susan Madrak, writer
Phoebe Maltz Bovy, writer
Greil Marcus
Wynton Marsalis, Jazz at Lincoln Center
Kati Marton, author
Debra Mashek, scholar
Deirdre McCloskey, University of Illinois at Chicago
John McWhorter, Columbia University
Uday Mehta, City University of New York
Andrew Moravcsik, Princeton University
Yascha Mounk, Persuasion
Samuel Moyn, Yale University
Meera Nanda, writer and teacher
Cary Nelson, University of Illinois at Urbana-Champaign
Olivia Nuzzi, New York Magazine
Mark Oppenheimer, Yale University
Dael Orlandersmith, writer/performer
George Packer
Nell Irvin Painter, Princeton University (emerita)
Greg Pardlo, Rutgers University – Camden
Orlando Patterson, Harvard University
Steven Pinker, Harvard University
Letty Cottin Pogrebin
Katha Pollitt, writer
Claire Bond Potter, The New School
Taufiq Rahim
Zia Haider Rahman, writer
Jennifer Ratner-Rosenhagen, University of Wisconsin
Jonathan Rauch, Brookings Institution/The Atlantic
Neil Roberts, political theorist
Melvin Rogers, Brown University
Kat Rosenfield, writer
Loretta J. Ross, Smith College
J.K. Rowling
Salman Rushdie, New York University
Karim Sadjadpour, Carnegie Endowment
Daryl Michael Scott, Howard University
Diana Senechal, teacher and writer
Jennifer Senior, columnist
Judith Shulevitz, writer
Jesse Singal, journalist
Anne-Marie Slaughter
Andrew Solomon, writer
Deborah Solomon, critic and biographer
Allison Stanger, Middlebury College
Paul Starr, American Prospect/Princeton University
Wendell Steavenson, writer
Gloria Steinem, writer and activist
Nadine Strossen, New York Law School
Ronald S. Sullivan Jr., Harvard Law School
Kian Tajbakhsh, Columbia University
Zephyr Teachout, Fordham University
Cynthia Tucker, University of South Alabama
Adaner Usmani, Harvard University
Chloe Valdary
Helen Vendler, Harvard University
Judy B. Walzer
Michael Walzer
Eric K. Washington, historian
Caroline Weber, historian
Randi Weingarten, American Federation of Teachers
Bari Weiss
Sean Wilentz, Princeton University
Garry Wills
Thomas Chatterton Williams, writer
Robert F. Worth, journalist and author
Molly Worthen, University of North Carolina at Chapel Hill
Matthew Yglesias
Emily Yoffe, journalist
Cathy Young, journalist
Fareed Zakaria

Der Aufruf erschien gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La Repubblica und der ZEIT.

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