Jesus von Nazareth: ein jüdischer Nationalist?

Von Jürgen Fritz, Fr. 25. Dez 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot aus Strafsache Jesus von Nazareth – Der Faktencheck mit Petra Gerster – ZDF

Aus dem Wirken der historischen Person Jesus entstand das Christentum, eine Weltreligion mit 2,1 Milliarden Anhängern, mehr als jede andere metaphysisch spekulative Weltanschauung. Das Christentum ist global ausgerichtet. Alle Menschen seien Geschöpfe des einen und einzigen Gottes, so heißt es. War Jesus von Nazareth, der Stifter dieser Weltreligion, in Wahrheit aber gar kein Globalist, sondern ein jüdischer Nationalist? Was sagt die Forschung?

Der „Prophet“ Jesus

„Es werden wohl noch zehntausend Jahre ins Land gehen, und das Märchen vom Jesus Christus wird immer noch dafür sorgen, dass keiner so richtig zu Verstande kommt“, meinte  Johann Wolfgang von Goethe. Das „Märchen“ respektive die Mythen, Legenden und Geschichten um Jesus Christus, also diese literarische Figur sind vielen bekannt. Doch wie steht es um die historische Person? Diese soll im folgenden ein wenig beleuchtet werden, denn hier tut Aufklärung mehr als not.

Jesus von Nazareth, dessen Geburt an Heilig Abend und Weihnachten gefeiert wird, war zunächst einmal ein jüdischer, Aramäisch sprechender Wanderprediger. Geboren wahrscheinlich zwischen 7 und 4 v. Chr. (bzw. vor unserer Zeitrechnung) in Nazareth, gestorben im Jahre 30 (oder 31) in Jerusalem. Der angebliche Geburtsort Bethlehem darf wohl als spätere literarische Konstruktion angesehen werden. Gemäß der Legenden respektive Mythen des Neuen Testaments hat dieser Wanderprediger den Juden seiner Zeit das nahe Reich Jahwes (JHWH), des Judengottes, verkündet und sein Volk darum zur Umkehr aufgerufen. Nach seinem Tod verkündeten seine Anhänger ihn als „Jesus Christus“, den „Messias“ und  „Sohn Gottes“. Daraus entstand im Laufe der Zeit eine neue Weltreligion: das Christentum.

Hierbei kann als erstes festgestellt werden, dass die Phrophezeiung des Jesus, der wie Johannes der Täufer ein unerwartet hereinbrechendes brutales Endgericht predigte, das eine letzte Chance zur Umkehr biete (Lk 12,39–48), und eine nahe „Königsherrschaft Gottes“ beziehungsweise das Ende der Welt, wie man sie bis dahin kannte, nicht so richtig eingetreten sind. Inzwischen sind fast 2000 Jahre vergangen, ein Endgericht und eine Königsherrschaft Gottes aber hat es nicht gegeben. Dieses Phänomen sehen wir im Grunde bei allen sogenannten „Propheten“. Ihre Voraussagen sind a) meist alles andere als konkret, bewegen sich gerne im Vagen und Nebulösen oder aber b) sie treffen nicht ein. Dies gilt gleichermaßen für heutige Kartenleger und Glaskugelgucker wie für antike Knochenwurf- bzw. Vögelgedärmdeuter oder eben sogenannte „Propheten“.

Kritikimmunisierung

In der Regel gehen die Anhänger von „Propheten“ dann so vor, dass sie im Nachhinein die Worte ihres Meisters so lange umdeuten respektive zurechtbiegen, bis es dann irgendwie wieder mit der Wirklichkeit in Einklang gebracht werden kann. Das Schema, welches dem zu Grunde liegt, ist folgendes:

  1. Der Meister hat X gesagt.
  2. a) Falls X eintritt: „Seht ihr, der Meister hat es vorausgesagt! Oh wahrlich, er ist ein Prophet!“ und b) falls X nicht eintritt: „Wie hat der Meister X gemeint? Wir haben es sicher nur noch richtig verstanden. Wir haben seine Worte ganz falsch gedeutet, das war symbolisch gemeint“ oder aber: „X wird bestimmt bald eintreten“.

Was die Anhänger des „Propheten“ nicht machen, ist die Wahrheitsfrage stellen: Stimmt das, was der Meister gesagt hat, oder stimmt es nicht? Sie verhalten sich ihm gegenüber also unkritisch. Sie kommen nicht auf die Idee, dass er komplett und von Grund auf oder zumindest in wesentlichen Teilen falsch liegen könnte.

Insofern wird die Lehre gegen Kritik immunisiert. Eine Falsifikation (Widerlegung) ist a priori ausgeschlossen. In diesem Punkt unterscheiden sich die modernen Glaskugelgucker und die antiken „Propheten“ wenig. Die Leistung des Nazareners muss also in etwas anderem bestehen, nicht in richtigen Voraussagen. Dazu gleich mehr. Richtige Voraussagen machte zum Beispiel Thales von Milet, der gemeinhin als der erste Philosoph des Abendlandes angesehen wird und der die Sonnenfinsternis von 585 v.u.Z. richtig voraussagte, weil er sie mathematisch vorausberechnete, nachdem er einen grundlegenden Mechanismus verstanden hatte.

Die naive, vorkritische Bewusstseinsstufe

Was wir dagegen bei (nahezu) all diesen „Propheten“ sehen, ist ein mangelndes Bewusstsein darüber, dass sie zunächst einmal, wenn nicht ausschließlich, über Dinge in ihrer Vorstellungswelt sprechen. Sie befinden sich quasi noch auf einer naiven, vorwissenschaftlichen oder vorphilosophischen Bewusstseinsstufe. Sie sind noch nicht fähig, sich selbst zu reflektieren, sich von außen zu sehen und zu erkennen, dass sie von ihrer Deutung der Welt sprechen, eben von ihrer eigenen Vorstellungswelt und nicht von der Welt selbst.

Auf die Idee, dass es sich ausschließlich um Projektionen ihres Geistes handeln könnte, die gar keine Referenzobjekte in der Wirklichkeit haben (Halluzinationen, man sieht oder hört etwas, was gar nicht da ist), oder aber dass es tatsächlich solche Referenzobjekte in der Realität gibt, sie diese aber falsch deuten (Illusionen, man sieht etwas, was tatsächlich da ist, macht sich aber ein ganz falsches Bild von diesem), kommen sie gar nicht. Sie sind unkritisch sich selbst gegenüber, so dass wir auch von einer vorkritischen Bewusstseinsstufe sprechen können.

Von Sokrates, Platon oder Aristoteles, die 300 bis 450 Jahre vor ihm wirkten, wusste Jesus, der, soweit wir wissen, niemals europäischen Boden betreten hat, der nach der Quellenlage überhaupt nie aus der Region Palästina herauskam, überhaupt nichts. Ebenso von Konfuzius oder Buddha, die ca. 500 Jahre vor ihm wirkten. Wahrscheinlich hat er nie mehr als einige wenige hunderte Kilometer von der Welt gesehen. Nun hat aber Jesus von Nazareth diese offensichtlich nachhaltig verändert. Irgendetwas Besonderes muss also an ihm gewesen sein. Worin lag das Besondere?

Jesus, der jüdische Nationalist

Aufgewachsen ist Jesus in der Lebenswelt des ländlichen Palästina, also der Provinz. Sein Vater soll Bauhandwerker (nicht Zimmermann) gewesen sein. Hierbei stand Jesus voll und ganz in der jüdischen Tradition, eine gewisse religiöse Ausbildung darf als gegeben angesehen werden. Man geht davon aus, dass er auf jeden Fall lesen konnte, ob auch schreiben ist sehr ungewiss. Fest steht, dass (ähnlich wie bei Mohammed, dem „Propheten“ des Islam) keine einzige von Jesus verfasste Zeile überliefert ist. Auch wird an keiner Stelle behauptet, er hätte mal etwas aufgeschrieben. Wahrscheinlich gab es also niemals ein schriftliches Werk von ihm, nicht einmal ein kleiner Text von ein, zwei Seiten.

Seine ersten Jünger sollen ihn  „Rabbi“ oder „Rabbuni“ („mein Meister“ oder „Lehrer“) genannt haben, was zumindest als Indiz für gute Kenntnisse der jüdischen Religion spricht. Die letzten zwei, drei Jahre vor seinem Tod im Jahre 30 (oder 31) trat Jesus als charismatischer Wanderprediger auf. Dabei sah er selbst sich nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt (Mt 10,5; 15,24). Seine wenigen überlieferten Begegnungen mit Nichtjuden erscheinen als Ausnahmen. Insofern können wir sagen, dass Jesus im Grunde ein jüdischer Nationalist war. Es gibt (so gut wie) keine Hinweise, dass er sich für die Welt außerhalb des Judentums überhaupt interessierte.

Ja, es gibt sogar eine Bibelstelle im Neuen Testament, Mt. 10, 5-6, die im Gegensatz zu vielen anderen Jesusworten, bei denen die historisch-kritische Forschung viele Indizien gesammelt hat, dass sie gefälscht, sprich Jesus nachträglich in den Mund gelegt wurden, als authentisch gilt. Hier in Mt. 10, 5-6 gebietet Jesus seinen Jüngern explizit, nicht zu den Heiden (Nichtjuden) zu gehen:

„Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.“

Paulus, der Globalist und eigentliche Begründer des Christentums

Jesus ging es also ausschließlich um die Juden, seine Brüder, das auserwählte Volk Jahwes, des Gottes der Juden, der ein anderer ist als der Gott der Christen (und ein anderer Gott als der Gott Mohammeds beziehungsweise der Araber oder „Muslime“).

Der spätere christliche Universalismus respektive Globalismus kommt nicht allein, aber vor allem durch Paulus zustande, ein Pharisäer, der die Jesus-Sekte zunächst ablehnte und bekämpfte. Paulus ist Jesus übrigens höchstwahrscheinlich niemals begegnet. Er hat ihn nie persönlich kennengelernt. Ein Umstand, der sich im allgemeinen als hilfreich erweisen kann, wenn es darum geht, einen anderen zu verherrlichen oder zu idealisieren, was Paulus denn auch fleißig tat und aus dem jüdischen Nationalisten den „Sohn Gottes“ machte, nachdem dieser hingerichtet worden war und nicht mehr widersprechen konnte. Jesus selbst hatte sich, soweit es die historisch-kritische Forschung eruieren konnte, niemals als „Sohn Gottes“ bezeichnet. Alle Stellen im Neuen Testament, in denen dies insinuiert wird, gelten als nicht authentisch.

Auf jeden Fall war es vor allen Dingen Paulus, der die Heidenchristen anführte, die in den ersten Jahrzehnten der Urgemeinde mit den Judenchristen im heftigen Streit lagen, und der das entstehende Christentum für die „Heiden“ (Nichtjuden) öffnete. Damit ebnete Paulus den Weg, dass das Christentum eine große Weltreligion werden konnte.

Die historische Person Jesus selbst war, wie später sein Bruder Jakobus und Petrus, die Anführer der Judenchristen in der Urgemeinde, kein Universalist, sondern durch und durch Jude. Und ihm ging es auch nur um sein Volk. Was außerhalb der jüdischen Welt vor sich ging, das interessierte ihn im Grunde gar nicht.

Was war nun das Besondere an seiner Lehre, was sie so erfolgreich machen sollte? Lesen Sie dazu im nächsten Teil: Jesus, der Trostspender für die Notleidenden.

Literaturempfehlungen

Diese zwei absoluten Meisterwerke können jedem, der sich für das Thema interessiert, nur dringend anempfohlen werden. Zum einen der vielleicht versierteste Katholizismuskritiker überhaupt: Karlheinz Deschner, der sich jahrzehntelang intensivst mit der Geschichte des Christentums beschäftigte und ein nahezu einzigartiges Gesamtwerk vorlegt. Bereits 1962 veröffentlichte er sein vielleicht wichtigstes Buch überhaupt, das tausendseitige Werk Abermals krähte der Hahn. Es folgten unter anderem zehn dicke Bände zur Kriminalgeschichte des Christentums.

Als Fürsprecher für das Christentum sei Jörg Lausters Verzauberung der Welt empfohlen. Lauster ist Professor für evangelische Theologe und hat in München einen Lehrstuhl inne für Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene. Seine Kulturgeschichte des Christentums ist ein sehr gut geschriebenes Mammutwerk von ebenfalls über 700 Seiten, die sich ebenso wirklich lohnen, wenngleich der sicherlich nicht unkritische Theologe natürlich eine gewisse Tendenz hat, die Dinge ein wenig schön zu reden, was aber bei fast jedem Theologen so sein dürfte und insofern ein gutes Contra zu Deschner darstellt.

          

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