Mohammed-Karikaturist stirbt bei rätselhaftem Verkehrsunfall

Von Jürgen Fritz, Mo. 04. Okt 2021, Titelbild: OlofE, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0&gt;, via Wikimedia Commons

Der schwedische Karikaturist Lars Vilks, der wegen einer Mohammed-Karikatur von 2007 unter Polizeischutz stand, ist am Sonntag bei einem Verkehrsunfall in Schweden ums Leben gekommen. Neben dem 75-Jährigen sind auch die beiden Polizeibeamten getötet worden, die zum Schutz des Künstlers abgestellt waren.

Rätselhafte Unfallursache

Das Fahrzeug, indem sich Lars Vilks befand, durchbrach in der Nähe von Markaryd im Süden Schwedens aus noch ungeklärter Ursache eine Leitplanke und stieß dann frontal mit einem LKW zusammen. Der Zusammenstoß war derart heftig, dass auch der LKW-Fahrer so schwer verletzt wurde, dass er per Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Warum, das Fahrzeug die Leitplanke durchbrach und auf die Gegenfahrbahn geriet, scheint derzeit noch unklar zu sein. Die schwedischen Behörden gehen aber bislang nicht von einem kriminellen Hintergrund  aus. Der Fall werde „wie jeder andere Verkehrsunfall untersucht“, sagte ein Polizeisprecher. Es gebe keine Hinweise auf einen Angriff.

Es handele sich um einen „unerhört tragischen“ Verkehrsunfall, bei dem Vilks und die beiden Beamten umgekommen seien, schreibt die schwedische Kulturministerin Amanda Lind auf Twitter. Vilks habe seit 2010 ohne Freiheit leben müssen, weil er von seiner Meinungsfreiheit und künstlerischen Freiheit Gebrauch gemacht habe. Es sei unsagbar traurig, dass dies so ende.

Unfallstelle

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Vilks wurde in Schweden 1980 als Schöpfer von Skulpturen aus Treibgut bekannt, die er ohne Erlaubnis in einem Naturschutzgebiet errichtet hatte. 1996 wurde das kleine Gebiet mit den Skulpturen von Vilks zu einem unabhängigen Staat namens Ladonia erklärt. Die Kunstwerke von Vilks werden jährlich von Zehntausenden besichtigt. Eines von ihnen wurde 2016 durch ein Feuer teilweise zerstört.

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Sebastian Vidovic, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/&gt;, via Wikimedia Commons

2007 wird eine Mohammed-Karikatur von Lars Vilks veröffentlicht, ab dann kommt er nie wieder zur Ruhe

2007 wurde Vilks zur Teilnahme an einer Ausstellung mit dem Motto „Der Hund in der Kunst“ in eingeladen. Er fertigte drei Federzeichnungen an, auf denen der islamische „Prophet“ Mohammed als Rondellhund dargestellt ist.

Am Tag vor der Ausstellungseröffnung entschieden sich die Organisatoren, Vilks’ Zeichnungen aus der Ausstellung zu entfernen. Vilks schickte seine Zeichnungen dann für eine Ausstellung an die Schule, an welcher er gelegentlich als Dozent tätig. Auch dort entschied man sich, die Zeichnungen auf Grund von Sicherheitsbedenken nicht zu zeigen.

Am 18. August 2007 druckte die Zeitung Nerikes Allehanda eine der Zeichnungen in einem Leitartikel über Selbstzensur und Religionsfreiheit ab. Nur eine Woche später demonstrierten 60 Muslime vor dem Zeitungsbüro gegen die „Beleidigung der Muslime des Islam“. Vilks selber bekam schnell Morddrohungen von muslimischen Extremisten.

Neun Tage nach der Veröffentlichung der Karikatur wurde die schwedische Geschäftsträgerin in Teheran zum iranischen Außenministerium bestellt, wo man ihr eine Protestnote der iranischen Regierung übergab. Am nächsten Tag erklärte der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad in einer Pressekonferenz, dass „Zionisten“ hinter den Zeichnungen stünden.

Gleich am Tag darauf schloss sich Pakistan dem iranischen Protest an. Das Außenministerium in Islamabad erklärte:

„Bedauerlicherweise nimmt unter manchen Europäern die Tendenz zu, Meinungsfreiheit mit der unverblümten und wohlüberlegten Beleidigung der 1,3 Milliarden Muslime in der Welt zu vermischen.“

Al-Quaida setzt ein Kopfgeld auf den Künstler aus, der „wie ein Lamm geschlachtet“ werden soll

Am 15. September 2007, vier Wochen nach der Veröffentlichung der Karikatur in einer kleinen Provinzzeitung in Schweden, setzte die irakische Gruppe des Terrornetzwerks Al-Qaida Islamischer Staat im Irak per Videobotschaft ein Kopfgeld von 100.000 Dollar auf Lars Vilk aus:

„Von heute an rufen wir alle auf, das Blut des Karikaturisten zu vergießen, der es gewagt hat, den Propheten zu entwürdigen. Wir erhöhen die Belohnung auf 150.000 Dollar, wenn er geschlachtet wird wie ein Lamm.

Die schwedische Polizei ergriff daraufhin sofort „entsprechende Maßnahmen“ zum Schutz. Lars Vilks stand von da an, mehr als 14 Jahre unter Polizeischutz.

Es folgt Anschlag auf Anschlag

Im Oktober 2009 wurde in den USA die zum Islam konvertierte Colleen LaRose (Jihad Jane bzw. Fatima LaRose) festgenommen. Im März 2010 wurde sie angeklagt, versucht zu haben, islamische Terroristen für den gewaltsamen Dschihad zu rekrutieren, und den Mord an Lars Vilks geplant zu haben. Im Februar 2011 bekannte sie sich in allen Anklagepunkten schuldig und wurde im Januar 2014 zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Im November 2018 wurde sie aus dem Gefängnis entlassen.

Im Mai 2010 versuchten zwei Männer das Haus des Künstlers in Brand zu stecken, indem sie Benzinflaschen durch ein Fenster in sein Haus warfen. Während einer Vorlesung an der Universität Uppsala wurde er von einem Zuschauer angegriffen und leicht verletzt. In einem Interview sagte er: „Ich erhalte ständig Drohungen per Mail und Telefon”.

Im Dezember 2010 entging Stockholm nur knapp einer verheerenden Terrorkatastrophe. Mitten im Einkaufstrubel sprengte sich ein muslimischeer Selbstmordattentäter in die Luft. Doch wie durch ein Wunder kam außer dem Attentäter selbst niemand ums Leben. Vor dem Anschlag war eine Drohmail eingegangen, in welcher der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan verurteilt wurde sowie „das Schweigen des schwedischen Volkes” zu Vilks Mohammed-Karikatur.

Im Februar 2015 wurde Vilk in Kopenhagen Ziel eines weiteren Anschlags. Ein 22-jähriger dänischer Attentäter mit palästinensischen Wurzeln wollte Vilks ermorden, dieser konnte aber entkommen. Der Attentäter ermordete bei diesem Anschlag jedoch den dänischen Filmemacher Finn Nörgaard und verletzte drei Polizisten. Später tötete er vor einer Synagoge einen jüdischen Wachmann und verletzte zwei Polizisten, bevor ihn die Polizei vor seiner Wohnung endlich erschießen konnte.

Lars Vilks 2005

Lars Vilks, OlofE, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0&gt;, via Wikimedia Commons

Das Ende der geistig offenen Gesellschaft?

Lars Vilks lebte seit Jahren an einem geheim gehaltenen Ort. Bis zur Veröffentlichung seiner Mohammed-Zeichnung war er außerhalb von Schweden kaum bekannt. Warum asiatische, islamische Länder, wie der Irak, der Iran und Pakistan sich in Angelegenheiten der Kunst in einem europäischen Land einmischen und (noch) halbwegs freien, geistig offenen Gesellschaften hier vorschreiben, was sie drucken, zeichnen und veröffentlichen dürfen und was nicht, wirft sehr tiefe Fragen auf. Doch diesen Fragen wird von europäischer Seite wohl aus Angst (Feigheit) vor der Gegenseite leider systematisch aus dem Weg gegangen. Das Problem wird vielmehr systematisch ignoriert und diejenigen, die es offen ansprechen, müssen sogar mit Repressalien rechnen.

Der Fall Salman Rushdie

Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie wurde nach seinem Werk Die satanischen Verse bereits 1989 mit einer Fatwa zum Tode verurteilt, wer sein Buch „gegen den Islam, den Propheten und den Koran“ verstoßen habe. Der iranische Staatschef und zugleich das islamische Religionsoberhaupt Chomeini rief die Muslime in aller Welt zur Vollstreckung auf. Die iranische „halbstaatliche“ Stiftung 15. Chordat setzte ein Kopfgeld von zunächst einer Million US-Dollar aus, welches später mehrmals erhöht wurde auf fast vier Millionen US-Dollar. Rushdie musste anschließend jahrzehntelang unter Polizeischutz und unbekannter Adresse leben. 2007 wurde er von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen, woraufhin es im Iran, in Pakistan und Malaysia zu teilweise gewalttätigen Straßenprotesten kam. In Kaschmir kam die Wirtschaft einen Tag lang zum Erliegen.

Gleichwohl machte der Schriftsteller, der seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten anglo-asiatischen Vertretern der zeitgenössischen britischen Literatur zählt, mmer wieder auf die Gefahren aufmerksam, die von Religionen ausgehen können. So äußerte er sich 2015 nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo:

„Religion, eine mittelalterliche Form der Unvernunft, wird, wenn sie mit modernen Waffen kombiniert wird, zu einer echten Gefahr unserer Freiheiten. Derartiger religiöser Totalitarismus hat zu einer tödlichen Mutation im Herzen des Islams geführt und wir sehen heute die tragischen Folgen in Paris.“

Die Ermordung Theo van Goghs

Die Liste an bedrohten, angegriffenen und ermordeten europäischen Künstlern ließe sich lange fortsetzen. Besonders tragisch war folgender Fall. Am 2. November 2004 wurde in den Niederlanden der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh, ein Urenkel des Bruders von Vincent van Gogh, von einem radikalen Muslim zuerst mit acht Schüssen niedergestreckt und, als er um sein Leben bittete, mit einer Machete auf offener Straße die Kehle durchgeschnitten, weil dieser zusammen mit Ayaan Hirsi Ali einen Film gedreht hatte, in dem vier muslimischen Frauen über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen. „Nun wisst ihr auch, was euch erwartet“, sagte sein Mörder anschließend zu den Umstehenden.

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