Das Abschneiden der eigenen geistigen Tradition

Von Jürgen Fritz, Fr. 05. Nov 2021, Titelbild: Mirjam Meinhardt, ZDF MoMa-Screenshot vom 22. Sept. 2021

„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, dies hätten „wir uns vom Tierreich abgeschaut“, sagt die ZDF Morgenmagazin-Moderatorin Mirjam Meinhardt. Tatsächlich geht dieses Sprichwort zurück auf eine Fabel des griechischen Dichters Aesop (um 550 v.u.Z.), auf welches sich Aristoteles (384–322 v.u.Z.) in seiner Nikomachischen Ethik bezieht, dem mehr als zweitausend Jahre wichtigsten Werk der Moralphilosophie bis zu …

Das Abschneiden der eigenen geistigen Tradition

… Immanuel Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) und Kritik der praktischen Vernunft (1788). So heißt es bei Aristoteles:

„Das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und vollkommensten Tugend gemäße Tätigkeit. Dazu muß aber noch kommen, daß dies ein volles Leben hindurch dauert; denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Sommer macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich und selig.“ – Nikomachische Ethik, um 350 v. Chr. 1098a (I, 6.) Übersetzt von Eugen Rolfes (1911)

Was hier so harmlos wirkt, scheint mir etwas Exemplarisches und sehr Aufschlussreiches zu sein: der ständig zunehmende Verlust zur eigenen geistigen Tradition, vor allem zur griechisch-römischen Antike. Dabei war es genau die Rückbesinnung auf diese, welche in der Renaissance den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit einläutete respektive vorbereitete, sodann in eine neue Aufklärung nach der antiken griechischen und in den Humanismus führte, was weit mehr ist als Humanitarismus (Humanismus = wohlwollende Humanität + Bildung, insbesondere sprachliche, aber auch Charakterbildung).

Dieses Abschneiden von der eigenen geistigen Tradition geht inzwischen so weit, dass schon die Begriffe, wie Humanismus in den Köpfen gar nicht mehr vorhanden sind und die Worte dann mit einem anderen Inhalt gefüllt werden. Aristoteles wird nicht mehr gelesen und Aesop gar nicht mehr gekannt. Dabei kommen wissenschaftliches Denken (Eratosthenes berechnete um 240 v.u.Z. den Erdumfang mit einfachsten Mitteln bereits recht genau auf nur vier Prozent Abweichung: 41.750 km statt 40.075 km), Demokratie, Aufklärung (die erste, die antike griechische Aufklärung begann mit den ionischen Naturphilosophen um 600 v.u.Z., ging dann über die Sophisten zu dem Dreigestirn Sokrates, Platon und Aristoteles, in denen sie gleichsam gipfelte), Humanismus (mit der antiken Schlüsselfigur Cicero) direkt und letztlich auch das Menschenrechtsdenken (moralischer Universalismus) indirekt aus der griechisch-römischen Antike. Kein einziger anderer Kulturkreis hat etwas Vergleichbares entwickelt.

Dies – wissenschaftliches Denken, Demokratie, Aufklärung, Humanismus und Menschenrechtsdenken – sind Alleinstellungsmerkmale, die in der Neuzeit fast weltweit zu Idealen wurden. Die Griechen und Römer kannten übrigens auch keinen Hautfarben-Rassismus. Der kam erst viele, viele Jahrhunderte später, fast tausend Jahre nach dem Untergang des weströmischen Reiches, im Späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit von woanders her nach Europa: aus dem Südosten, genauer: aus der arabischen Welt. Der Hauptfarben-Rassismus wurde also – wie so einiges andere Ungute – importiert.

„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ kommt im ZDF nicht von Aesop und Aristoteles, sondern „das haben wir uns von der Natur abgeschaut“. Das „Wir“ bleibt hier seltsam unbestimmt, insofern ist die Aussage natürlich strenggenommen nicht einmal falsch, sofern Meinhardt Aesop und Aristoteles mit ihrem „Wir“ meint. Aber die wahren Quellen werden einfach nicht mehr genannt, womöglich gar nicht mehr gewusst. Aber dieses kleine, so harmlos wirkende Beispiel zeigt etwas – etwas Allgemeines: das Abschneiden der eigenen geistigen Tradition.

Um Aesop (um 550 v.u.Z.), den hier Übergangenen wenigstens ein wenig die Ehre zu geben, einige seiner wunderbaren Fabeln.

Berühmte Fabeln von Aesop

Der Fuchs und der Storch

Ein Fuchs hatte einen Storch zu Gaste gebeten, und setzte die leckersten Speisen vor, aber nur auf ganz flachen Schüsseln, aus denen der Storch mit seinem langen Schnabel nichts fressen konnte. Gierig fraß der Fuchs alles allein, obgleich er den Storch unaufhörlich bat, es sieh doch schmecken zu lassen.

Der Storch fand sich betrogen, blieb aber heiter, lobte außerordentlich die Bewirtung und bat seinen Freund auf den andern Tag zu Gaste. Der Fuchs mochte wohl ahnen, daß der Storch sich rächen wollte, und wies die Einladung ab. Der Storch ließ aber nicht nach, ihn zu bitten, und der Fuchs willigte endlich ein.

Als er nun anderen Tages zum Storche kam, fand er alle möglichen Leckerbissen aufgetischt, aber nur in langhalsigen Geschirren. »Folge meinem Beispiele«, rief ihm der Storch zu, »tue, als wenn du zu Hause wärest.« Und er schlürfte mit seinem Schnabel ebenfalls alles allein, während der Fuchs zu seinem größten Ärger nur das Äußere der Geschirre belecken konnte und nur das Riechen hatte.

Hungrig stand er vom Tische auf und gestand zu, daß ihn der Storch für seinen Mutwillen hinlänglich gestraft habe.

Was du nicht willst, daß man dir tu‘,
Das füg‘ auch keinem anderen zu.

Der Löwe und das Mäuschen

Ein Mäuschen lief über einen schlafenden Löwen. Der Löwe erwachte und ergriff es mit seinen gewaltigen Tatzen.

»Verzeihe mir«, flehte das Mäuschen, »meine Unvorsichtigkeit, und schenke mir mein Leben, ich will dir ewig dafür dankbar sein. Ich habe dich nicht stören wollen.«

Großmütig schenkte er ihr die Freiheit und sagte lächelnd zu sich, wie will wohl ein Mäuschen einem Löwen dankbar sein.

Kurze Zeit darauf hörte das Mäuschen in seinem Loche das fürchterliche Gebrüll eines Löwen, lief neugierig dahin, von wo der Schall kam, und fand ihren Wohltäter in einem Netze gefangen. Sogleich eilte sie herzu und zernagte einige Knoten des Netzes, so daß der Löwe mit seinen Tatzen das übrige zerreißen konnte. So vergalt das Mäuschen die ihm erwiesene Großmut.

Selbst unbedeutende Menschen können bisweilen Wohltaten mit Wucher vergelten, darum behandle auch den Geringsten nicht übermütig.

Der Fuchs und die Trauben

Eine Maus und ein Spatz saßen an einem Herbstabend unter einem Weinstock und plauderten miteinander. Auf einmal zirpte der Spatz seiner Freundin zu: »Versteck dich, der Fuchs kommt«, und flog rasch hinauf ins Laub.

Der Fuchs schlich sich an den Weinstock heran, seine Blicke hingen sehnsüchtig an den dicken, blauen, überreifen Trauben. Vorsichtig spähte er nach allen Seiten. Dann stützte er sich mit seinen Vorderpfoten gegen den Stamm, reckte kräftig seinen Körper empor und wollte mit dem Mund ein paar Trauben erwischen. Aber sie hingen zu hoch.

Etwas verärgert versuchte er sein Glück noch einmal. Diesmal tat er einen gewaltigen Satz, doch er schnappte wieder nur ins Leere.

Ein drittes Mal bemühte er sich und sprang aus Leibeskräften. Voller Gier haschte er nach den üppigen Trauben und streckte sich so lange dabei, bis er auf den Rücken kollerte. Nicht ein Blatt hatte sich bewegt.

Der Spatz, der schweigend zugesehen hatte, konnte sich nicht länger beherrschen und zwitscherte belustigt: »Herr Fuchs, Ihr wollt zu hoch hinaus!«

Die Maus äugte aus ihrem Versteck und piepste vorwitzig: »Gib dir keine Mühe, die Trauben bekommst du nie.« Und wie ein Pfeil schoß sie in ihr Loch zurück.

Der Fuchs biß die Zähne zusammen, rümpfte die Nase und meinte hochmütig: »Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.« Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.

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