Impfen: Wieso dem Körper etwas Schlechtes zuführen gut sein kann

Von Jürgen Fritz, Do. 16. Dez 2021, Titelbild: Wilfried Pohnke, Pixabay, CC0 Creative Commons

Woher rührt dieser enorme Widerstand bei doch nicht ganz wenigen – immerhin einigen Millionen allein in Deutschland – gegen das Impfen? Wie ist das zu erklären? Wo kommt das her? Ein Erklärungsversuch.

Impfungen sind zunächst einem etwas Kontraintuitives, man muss aktiv werden und sich etwas Schlechtes verabreichen lassen

Bei den Impfgegnern und -skeptikern vermute ich – natürlich nicht in allen Fällen, aber vielleicht doch in vielen – in der Tiefe eine Art metaphysische Schicksalsgläubigkeit, ein religiöses oder dem religiösen Denken doch ähnliches Muster, auf jeden Fall ein weniger rationales, eher vormodernes, voraufgeklärtes Vorstellungsmuster.

Denn eine Impfung ist ja zunächst einmal etwas Kontraintuitives. Man führt Krankheitserreger oder Teile von ihnen dem Organismus, den man schützen will, gezielt zu. Das muss man erst mal verstehen, wie das gut sein kann. Auf den ersten Blick ist es ja völlig widersinnig. Wenn ich jemanden schützen will, injiziere ich ihm doch nichts, was ihn krank machen kann. Das ist doch absurd – zumindest auf den ersten Blick.

Hinzu kommt, man tut ja aktiv etwas. Das ist, wenn man sich auf natürliche Weise infiziert anders. Das macht man nicht, sondern das widerfährt einem. Das ist also nichts Aktives, sondern „Schicksal“ oder „göttliche Fügung“, so das Denken wohl nicht ganz weniger. „Dann soll das halt so sein“, sagen manche ja auch. In gewisser Weise könnte man auch sagen, dies ist eine Haltung der Demut vor der Natur und eben dem „Schicksal“, was auch immer das genau sein mag. Nicht selten dürften hier auch vormoderne metaphysische Vorstellungen mit hineinspielen, wie sie in Sätzen der Art „Alles hat einen Sinn“ oder „Alles ist für etwas gut“ oder „Das hat schon seinen Grund, auch wenn ich ihn jetzt noch nicht verstehe“ oder „Die Menschen machen Pläne und Gott (Allah) lacht“ zum Ausdruck kommen.

Romantische, anti-aufklärerische Vorstellungen und Motive

Dahinter steckt oft so eine Art Vorstellung, der Mensch solle nicht grundlegend in die Natur eingreifen, wobei wir da ja ständig tun. Das nennt man in den Kulturwissenschaften: Kultur. Kultivieren heißt nichts anderes als die Natur zu verändern. Das beginnt mit der einfachsten Medizin, der Bebauung von Feldern vor vielen tausenden Jahren und mündet in der modernen Technik und der modernen Medizin, eben auch in Impfungen.

Zum Symbol für den Eingriff in die Natur und die Warnungen davor ist wohl die aus Leichenteilen zusammengesetzte Kreatur in Mary Shelleys Frankenstein geworden. Die Botschaft dürfte hier lauten: Finger weg von solchen Eingriffen in die Natur! Und das sitzt tief. Natürlich sind medizinmoralische Fragen zu diskutieren, was darf man und was darf man nicht?, aber hier spielen, so meine These, oft auch romantische, anti-aufklärerische Motive sehr stark mit hinein.

Jeder sollte aber frei entscheiden können, ob und wann er sich impfen lassen will

Beim Impfen wird also etwas Schlechtes in den eigenen Körper infiziert und das soll gut sein? Wie das denn? Noch dazu wird man hier selbst aktiv. Wenn das schief geht und einer richtig krank wird oder gar verstirbt, dann ist ja ein anderer dafür verantwortlich, der ihm das Krankmachende infiziert hat respektive diejenigen, die das zur Pflicht machten. Das ist ohne Frage mehr als heikel.

Deswegen bin ich tendenziell gegen eine Impfverpflichtung. Jeder sollte das selbstbestimmt frei entscheiden können, ob er das will oder nicht. Es sollte aber besser aufgeklärt werden über Impfungen und vielleicht auch positive Anreize gesetzt werden, um diese Hemmschwelle, die ja vorhanden ist – bei dem einen größer, bei dem anderen weniger groß, sich etwas potentiell Krankmachendes spritzen zu lassen -, zu überwinden.

Auch ein Unterlassen ist eine Handlung

Und was von manchen Impfgegner oder -skeptikern vielleicht leicht übersehen wird: Auch ein Unterlassen ist eine Handlung. Und auch für ein Unterlassen und die daraus entstehenden Folgen kann man verantwortlich sein. Jeder versteht dies sofort bei der unterlassenen Hilfeleistung, wenn jemand schwer verletzt am Boden liegt und ein anderer nichts tut. Dieses Nichts-tun ist natürlich auch ein Tun, ist auch eine Handlung. Und in dem Fall meist die völlig falsche. Rein intuitiv fällt es uns bei aktiven Handlungen leichter die Verantwortung zu erkennen als bei Unterlassungen. Impfen ist ein aktiver Eingriff in die Geschehnisse, Nicht-Impfen ist ein Unterlassen, ist ein die Dinge ihren Lauf nehmen lassen.

Da spricht eine gewisse Demut heraus, was sehr sympathisch ist. Andererseits ist diese Demut an der Stelle vielleicht deplatziert. Manchmal ist es einfach vernünftiger, in die Dinge einzugreifen. Genau das tut jeder Arzt ständig. Und fast alle gehen zum Arzt, spätestens dann, wenn sie starke Schmerzen haben, weil dann der Leidensdruck bereits da ist und der Zustand vor der Behandlung und nach der Behandlung leichter verglichen werden kann. Wenn es mir nach der Behandlung besser geht als zuvor, dann habe ich direkt eine zuordenbare Rückmeldung. Auch hier greift der Arzt in den Ablauf ein und hilft anderen. Er hilft anderen auch, wenn er sie impft, obschon das ja erstmal etwas Negatives ist. Manche erkranken sogar erstmal einige Tage. Aber was genau geschieht hier?

Beim Impfen wird der eigene Körper angeregt, eine erregerspezifische Immunkompetenz zu bilden

Dem Körper wird zum Beispiel ein Teil eines Virus in einer bestimmten Dosis verabreicht. Die Menge muss dabei wohl so bemessen sein, dass es genügend ist, damit unser Immunsystem anfängt, gegen diese Teile des Virus aktiv zu werden. Er bildet Antikörper, T-Zellen und noch einen dritten Schutzschirm. Sein Immunsystem wird also zur Bildung einer erregerspezifischen Immunkompetenz angeregt, ohne die Infektionskrankheit selbst durchmachen zu müssen. Hierzu dienen Lebend- oder Totimpfstoffe. Ein Lebendimpfstoff enthält abgeschwächte, noch vermehrungsfähige Erreger, welche die Krankheit beim immunkompetenten Impfling nicht oder nur ganz schwach und kurz auslösen. Ein Totimpfstoff enthält dagegen abgetötete Erreger oder lediglich Bruchstücke des Erregers.

Ist der Impfstoff in den Körper eingedrungen, werden die Proteine (Eiweiße) und/oder Zuckermoleküle des Vakzins durch im Blut zirkulierende und/oder gewebsständige immunkompetente weiße Blutzellen als (körperfremde) Antigene erkannt. Es folgt die primäre Immunantwort durch erregerspezifische Prägung immunkompetenter Lymphozyten in Form langlebiger Gedächtniszellen. Entscheidend für den Schutz bei einer späteren Infektion ist, dass für den Körper die Antigene des Impfstoffs denen des Erregers der Infektionskrankheit weitgehend gleichen.

Wenn dann das vollständige Virus irgendwann einige Wochen oder Monate später in unseren Körper gelangt, so erkennt unser Immunsystem die Struktur wieder. „Das hatten wir doch schon mal.“ Die Gedächtniszellen erkennen dann am eingedrungenen Erreger die Antigene des früher erhaltenen Impfstoffes und bewirken, dass sich einerseits Lymphozyten zu kurzlebigen Plasmazellen differenzieren, die Antikörper produzieren, andererseits zu T-Lymphozyten und NK-Zellen, welche eine weitere zelluläre Abwehr darstellen. Es entstehen also mehrere Schutzschirme. Die Impfung soll mithin eine Immunität gegen den Erreger evozieren, sodass im Falle einer Infektion die spezifische und schnelle Immunantwort die Infektionskrankheit entweder völlig verhindert oder zumindest weitgehend, dergestalt die Erkrankung dann viel schwächer verläuft.

Das Ganze ist eine Art Training für unsere Immunsystem für eine neue Herausforderung, die unser Körper noch nicht kennt

Krank werden kann man trotzdem, aber dann in den allermeisten Fälle deutlich weniger als ohne diese Vorbereitung. Die Impfungen sind quasi wie ein Training für unser Immunsystem für diese speziellen Viren. Wenn man noch nie Tennis gespielt hat und gleich beim ersten Mal, wenn man einen Schläger in der Hand hat, ein Match spielen soll, dann wird das voraussichtlich in die Hose gehen. Genauso beim ersten Mal Bowlen oder Billard spielen. Wenn man das schon mehrfach gemacht hat zuvor, dann kann der Körper sich daran erinnern. Er ist dann besser vorbereitet. Das heißt nicht, dass man jedes Match gewinnt, aber die Chancen steigen doch deutlich an. Und dieses spezielle Impftraining ist sogar so gut, dass man dann ca. 75 bis 90 Prozent der Matches gewinnt. Zu behaupten, Training würde nichts bringen, weil man einige kenne, die hätten oft trainiert und trotzdem verloren, wäre absurd. Das Training ist kein Garant – Logiker sagen: keine hinreichende Bedingung, dergestalt auf A immer B folgen würde -, aber die Chancen steigen deutlich an.

Und so ähnlich ist es beim Impfen. Das ist eine Art Training für unser Immunsystem. Beim Training kann man sich freilich auch verletzen, wenn es nicht richtig dosiert wird. Und Training ist anstrengend. Ja, es stimmt, dass dem Körper etwas Schlechtes zugeführt wird. Das wirkt erstmal so, dass man das vermieden möchte. Man will doch seinem Körper nichts Schlechtes tun. Aber indem man ihm dieses Schlechte in kleiner, weit weniger gefährlichem Ausmaß zuführt oder nur in weit weniger gefährlicheren Teilchen, rüstet man ihn quasi für die volle Ladung des Schlechten, die später kommen kann. Und im Falle von SARS-CoV-2 ist es wohl tatsächlich so, dass eine Infektion damit auf Dauer unvermeidlich sein wird. Sei es in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr, früher oder später wird sich das jeder einfangen, einfach weil diese Dinger längst überall sind.

Man muss eine Hemmschwelle überwinden und aktiv etwas tun, statt passiv etwas einfach geschehen zu lassen

Hinzu kommt, dass sie ihre Form ständig ein wenig verändern, mutieren. Meist kommt dabei nichts Gefährlicheres heraus, in einigen Fällen aber schon. Jetzt ist man mit seinem Tennistraining nicht mehr optimal auf diese neue Herausforderung für den Körper vorbereitet. Also muss das Training umgestellt werden, auf Tischtennis oder Squash oder was aus immer. Das Tennistraining kann auch für Tischtennis und Squash hilfreich sein, besser als wenn man das noch nie gespielt, noch nie trainiert hat. Aber es muss eventuell angepasst werden an die neue Herausforderung. Und man muss immer wieder trainieren, weil der Körper mit der Zeit zwar vielleicht nicht alles vergisst, aber doch einiges, manchmal auch sehr viel.

Das Entscheidende scheint mir aber zu sein, diese Hemmschwelle zu überwinden, etwas aktiv zu tun und nicht passiv auf sich zukommen zu lassen. Joshua Kimmich fielt es sehr schwer, diese Schwelle zu überschreiten und er hat das sehr, sehr sympathisch und nachvollziehbar erklärt. Auch Novak Djokovic fällt das sehr schwer. Vielen anderen auch. Das ist natürlich. Natürlich, weil es zunächst mal völlig kontraintuitiv ist. Man muss da eine ganze Weil selbst nachdenken und sich damit befassen.

Sich etwas Schlechtes zuführen zu lassen, kann etwas Gutes sein, wenn der Körper genau dadurch trainiert wird für ihm bislang nicht bekannte Krankheitserreger

Oder man muss anderen vertrauen. Denen, denen man vertrauen soll, die haben aber in der Vergangenheit oft gezeigt, dass man ihnen besser nicht vertraut. Das erschwert die Sache ungemein. Wenn Vertrauen mal verspielt ist, es es unglaublich schwer, das nochmal zurückzugewinnen. Das dürfte jeder kennen. Insofern müssen hier wohl andere Menschen, denen man vertraut, einspringen. Der eigene Hausarzt, den man schon lange kennt, Freunde, seriöse Personen, die keinen persönlichen Vorteil davon haben.

Impfen heißt, selbst aktiv werden, nicht den Dingen ihren Lauf zu lassen. Menschen können das. Das macht sie gerade aus. Dabei gilt es natürlich umsichtig vorzugehen. Sich etwas Schlechtes zuführen zu lassen, kann etwas Gutes sein, wenn der Körper genau dadurch trainiert wird für diese Krankheitserreger und dieses Training durch nichts anderes ersetzt werden kann. Ja, das ist kontraintuitiv, aber es ist vielleicht einfach vernünftig, vorausschauend, umsichtig, weil man sich auf das Schlechte, das unvermeidlich auf jeden zukommen wird, besser vorbereitet. Und das, sich vorbereiten, ist etwas Gutes.

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