Deutsch-sein ist nicht essenziell, korreliert aber positiv mit essenziellen Eigenschaften

Von Jürgen Fritz, Mo. 9. Jul 2018

„Frag nur vernünftig, und du hörst Vernünftiges“, sagte schon der griechische Tragödiendichter Euripides (480 – 407 v. Chr.). Dabei wusste bereits Francis Bacon (1561 – 1626), der englische Philosoph, Essayist und Staatsmann, der die Methodologie der Wissenschaften entwarf und als Wegbereiter des Empirismus gilt: „Klug fragen können, ist die halbe Weisheit“. Denn: „Die Frage ist ein Urteil, von dessen drei Stücken eines offen gelassen ist“ (Arthur Schopenhauer, 1788 – 1860, deutscher Philosoph). Fragen wir also, was es in Wahrheit auf sich hat mit dem Deutsch-sein und dem Multikulturalismuswahn.

Wesentliches und Unwesentliches

Fragen wir also, warum die Menschen so oft die falschen Fragen stellen. Die Antwort lautet: Weil sie die Unterscheidung Substanzielles und Akzidentielles (bei Aristoteles: Substanz und Akzidens oder auch Akzidenz), die Unterscheidung Notwendiges und Kontingentes (Nicht-Notwendiges), Konstitutives und Hinzukommendes, Wesentliches und Unwesentliches, Essenzielles und Zufallendes  nicht beachten, so sie sie überhaupt kennen. Nimmt man einem Ding D das D-konstituierende weg, so ist es kein D mehr. Nimmt man ihm aber nur eine hinzukommende, kontingente Eigenschaft weg, so bleibt es weiterhin ein D. Die Frage ist also bei jedem Ding, bei jeder Entität, bei jedem Seienden: Was ist es in sich selbst? Was ist es an sich? Was macht sein Wesen aus, das man nicht wegnehmen kann, ohne dass es aufhört, es selbst zu sein.

Wenn man zum Beispiel ein Auto umlackiert, so bleibt es doch ein Auto. Auch wenn man alle Kotflügel oder Räder austauscht, das Lenkrad, die Sitze etc. Steckt man es jedoch in die Schrottpresse und macht einen kleinen Metallquader daraus, so ist es kein Auto mehr, obschon die Materie nach wie vor vollständig da ist.

Weil sie diese Unterscheidung – Substanzielles und Akzidentielles – nicht kennen oder nicht beachten, kommen zum Beispiel auch gewisse fernöstliche Lehren, insbesondere die buddhistischen zu solch irrigen Meinungen, der Mensch habe keine konstante Seele, er habe gar keine Seele, gar kein Ich, weil sich ja alles ständig verändern würde. Sie haben das Wesen der Veränderung nicht verstanden, weil sie in ihrer Ontologie die Unterscheidung Substanzielles und Akzidentielles nicht kennen. Erst diese Ontologie der Substanz, die Träger von essenziellen und akzidentiellen Eigenschaften ist, erklärt, wie überhaupt ein und dieselbe Sache sich ändern kann und doch sie selbst bleibt oder eben nicht.

Deutsch-sein ist nicht essenziell, aber es korreliert günstig mit essenziellen Eigenschaften

Ähnliches gilt für die Diskussion des Nationalstaates. Es ist nicht essenziell, ob ich ein Deutscher, Franzose oder Schwede bin oder nicht. Die Eigenschaft des Deutsch-seins ist eine akzidentielle. Entscheidend ist, ein Mensch, d.i. ein vernunftbegabtes, insbesondere ethisch-begabtes Wesen zu sein. Und für eine aufgeklärte, moderne, freiheitliche Gesellschaft ist es wesentlich, ein zivilisierter, gebildeter, selbstbestimmungsfähiger, diskurs- und freiheitsfähiger Mensch und mündiger Bürger zu sein (Eigenschaft z).

Nun kommt aber das Entscheidende bei der Betrachtung: Die Empirie, das Erfahrungswissen zeigt, dass eine positive, relativ günstige Korrelation besteht zwischen dem soeben Genannten (z) und dem Deutsch-sein bzw. Europäisch-sein (Eigenschaft: k1) und eine gänzlich andere Korrelation zwischen dem Genannten (z) und dem k2-sein, wobei k2 für die Eigenschaft steht, aus bestimmten anderen Kulturräumen zu stammen, die hier nicht genannt werden sollen, die aber die meisten sofort werden zuordnen können.

Das Deutsch-sein respektive Europäisch-sein (k1) ist also nichts an sich Gutes – man ist nicht automatisch deswegen ein guter Mensch oder ein zivilisierter, mündiger Bürger, weil man Deutscher/Europäer ist. Auch hier gibt es natürlich jede Menge Gegenbeispiele, aber die Eigenschaft k1 korreliert günstig mit anderen an sich guten Eigenschaften, während es bei Personen gewisser anderer Kontinente und Kulturen genau umgekehrt ist. Dies sind – kantianisch gesprochen – keine A-priori-Urteile, das steht also nicht von vorneherein fest, sonder A-posteriori-Urteile, die sich aus der Erfahrung der tatsächlichen Welt ergeben.

Die richtigen Fragen

Essenziell ist also für eine aufgeklärte, moderne, freiheitliche Gesellschaft – und das wäre die erste richtige Frage -, ob man zivilisiert (z) ist, nicht ob man dieser oder jener Kultur (K1 oder K2) entstammt. Wenn man aber – und das wäre sodann die zweite richtige Frage – empirisch feststellt, dass es in K1 viel mehr zivilisierte Menschen gibt als in K2, wenn man feststellt, dass das durchschnittliche Maß an z in K1 viel höher ist als in K2, und man kippt ganz viele aus K2 in K1 hinein, dann dürfte klar sein – und das wäre dann gleichsam die dritte wichtige Frage -, was das mit K1 langfristig machen wird, insbesondere wenn die aus K2-Kommenden eine hohe Z-Immunität aufweisen.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

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