Warum Religion zur Begründung von Moral nicht taugt

Von Jürgen Fritz, Sa. 05. Okt 2019, Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

Fragt man nach dem Verhältnis von Moral und Religion, so muss man mindestens drei Fragen unterscheiden: 1. Kann Religion eine Moral begründen? Kann jene diese rechtfertigen? 2. Kann Religion helfen, dass eine wohlbegründete, gerechtfertigte Moral (oder auch eine nicht gerechtfertigte) eher eingehalten wird? Dies wäre also nicht die Frage nach der Begründung der Richtigkeit, sondern die Frage nach der Motivation, einer (richtigen oder falschen) Moral Folge zu leisten. 3. Schließlich kann die Frage gestellt werden, ob die Moral eine Religion rechtfertigen kann. Dieser Frage widmete sich insbesondere Immanuel Kant. Ich will im folgenden die erste Frage untersuchen und dabei wichtige Hinweise zur zweiten geben.

Noch niemals hat ein höheres Wesen seine Forderungen inhaltlich zu begründen vermocht

Käme ein Gott zu mir käme und sagte: „Mach fortan dies und unterlasse fortan das!“, so würde ich ihn fragen: „Weshalb soll ich dies tun und jenes unterlassen?“ Damit wäre dieser Gott gleichsam aufgefordert, das von ihm als gut und das von ihm als böse, das von ihm als zu Tuendes (Gebot) und das von ihm als zu Unterlassendes Postulierte (Verbot) inhaltlich zu begründen, sprich seine Forderungen zu rechtfertigen. Dazu war aber bislang niemals ein Gott oder ein höheres Wesen fähig. Warum niemals ein Gott dazu fähig war, ist für den neutralen Beobachter natürlich leicht zu erklären.

Die einfachste Erklärung wäre: Weil es gar keine Götter gibt und deren Erfinder natürlich ja gerade diese Rechtfertigung der von ihnen selbst postulierten Normen vermeiden wollten, da diese Begründung dann angreifbar wäre. Genau dem wollen sich alle religiösen (Ver-)Führer sich ja entziehen, indem sie die Götter erfinden. Eine andere mögliche Erklärung könnte etwas lauten: Götter können nicht denken und argumentieren, sondern sind reine Gewalt- und Machtwesen. Eine dritte mögliche Erklärung könnte sein: Sie sind so schlau und halten uns für so dumm, dass sie keine Lust auf Begründungen haben. Das aber hieße, sie haben keinerlei Achtung vor der Würde des Menschen, seiner Fähigkeit zur Erkenntnis und Selbstbestimmung. Eine vierte mögliche Erklärung wäre: Sie sind sich zu fein, um ihre Forderungen zu rechtfertigen, empfinden schon die Frage als Frechheit, als Unverschämtheit und fühlen sich dadurch gekränkt, machen dann innerlich dicht. Auch dann hätten sie keinerlei Achtung vor der Menschenwürde und wären zudem etwas infantil. Somit kann sich jeder aussuchen, was ihm am plausibelsten erscheint. Doch zurück zur Begründungsfrage von Moral.

Die Motivationsebene: Abrichtung über Belohnung und Bestrafung

Die Antwort: „Ich lass dich im Feuer schmoren und wenn deine Haut und dein Fleisch völlig verbrannt sein werden, ziehe ich dir neues Fleisch und neue Haut auf und lasse dich weiter brennen, gebe dir Infusionen und verhindere, dass du stirbst, so dass die Qualen niemals aufhören werden, wenn du nicht tust, was ich dir sage. Ich werde dir sämtliche Zähne ohne Narkose, einer nach dem anderen rausreißen und dann alle wieder einsetzen, um sie sodann erneut rauszureißen. Und das wird niemals aufhören! Ich werde dir kochendes Wasser einflößen, dass dir deine Gedärme zerreißen wird. Wenn du dich aber genau an das hältst, was ich gebiete, dann wird es dir fortan und in alle Ewigkeit besser ergehen, als du dir es überhaupt vorstellen kannst. Ich werde dich über alle Maßen lieben, dich beschenken, weit über deine Vorstellungskraft hinaus. Nie wieder wird es dir an etwas mangeln und du wirst alle Zeit glücklich sein, glücklicher als du es dir ausmalen kannst“, ist keine Begründung für die Richtigkeit der moralischen Normen, sondern bewegt sich rein auf der motivationalen Ebene, indem Drohungen und Belohnungen versprochen werden, genau wie es jeder Mafiaboss macht oder jeder Lobbyist, der korrupte Politiker besticht.

So werden auch Tiere dressiert, wobei man hier nicht so gut etwas in Aussicht stellen kann, was das Tier sich dann ausmalt. Man muss wegen der nicht oder nur rudimentär vorhandenen Sprachfähigkeit meist direkt spürbar mit Belohnungen und Bestrafungen arbeiten, zum Beispiel Elektroschocks oder Stockschlägen und Zucker geben, streicheln etc. Das Prinzip ist aber das Gleiche. Das versteht natürlich auch jeder Mensch, da jeder Angst vor Schmerzen hat und jeder sich über Belohnungen (angenehme Gefühle) freut. Hier wird also rein der Egoismus des anderen angesprochen, indem man ihn über Belohnungen und Bestrafungen dressiert. („Denn, ich wiederhole es, alle Tugend, die irgendwie eines Lohnes wegen geübt wird, beruht auf klugen, methodischen, weitsehenden Egoismus.“ – Arthur Schopenhauer, 1788 – 1860So kann man beispielsweise einen Hund abrichten, dass er Rauschgift auffindet oder Blinde führt, aber auch dass er kleine Kinder totbeißt. Das hat nichts mit Ethik zu tun, das ist einfach nur Psychologie.

Diese Abrichtung auf der motivationalen Ebene sagt also gar nichts über die Richtigkeit dessen aus, wozu das Wesen abgerichtet wurde. Das ist rein motivationspsychologisch, nichts Inhaltliches, nichts Sachliches, nichts Ethisches. Es hat nichts mit einer Begründung für die Richtigkeit einer moralischen Norm zu tun, nichts mit einer Rechtfertigung.

Die Rechtfertigungsebene: inhaltliche Begründungen geben

Eine Rechtfertigung muss inhaltlich begründen, warum diese Norm richtig, eine andere aber falsch ist. Genau das können Religionen nicht, die nicht begründen und argumentieren, sondern Geschichten erzählen, neudeutsch: einen die Gruppe verbindenden Narrativ stiften.

Sobald aber eine andere Gruppe auftaucht, die einen anderen verbindenden Narrativ hat und dann noch eine dritte und eine vierte und eine fünfte und eine … Gruppe, gibt es Probleme, da jeder sich nur auf seinen Narrativ, auf seine Geschichten, auf seinen Gott oder was auch immer berufen kann, diese aber unterschiedlich sind. Hier gibt es also nichts, was über den Göttern stünde und eine Entscheidung ermöglichen würde, die über allen Religionen stünde. Denn es gibt ja keine Super-Religion.

Eine Begründung von moralischen Normen deren Rechtfertigung oder aber Verwerfung, ist dagegen für jeden überprüfbar. Entweder die Begründung ist schlüssig und überzeugend oder sie ist schon in sich fehlerhaft oder weniger plausibel. Diese Schlüssigkeit ist nicht von der je eigenen Tradition, Kultur etc. abhängig, zumindest nicht bei Personen mit einem offenen Geist, die sich auf die Begründung ihres Gegenübers offenen Herzens einlassen.

Und wenn eine Moral überzeugend gerechtfertigt werden kann durch schlüssige Begründungen, dann spielt es keine Rolle ob sie von höheren Wesen kommt, von diesen übermittelt wurde oder nicht. Sollte es wider Erwarten und entgegen aller Indizien doch einen gütigen Schöpfergott geben, der eine Moral favorisiert oder setzt, dann wird es ja umso leichter möglich sein, diese argumentativ schlüssig zu rechtfertigen, so es tatsächlich eine gute solche ist. Wer sich aber dieser Begründung zu entziehen versucht, der macht sich im Grunde nur eines: verdächtig und damit auch unglaubwürdig.

Solche Begründungen, solche Rechtfertigungen von moralischen Werten und Normen zu liefern beziehungsweise tradierte moralische Normen auf ihre inhaltliche Legitimation hin zu prüfen, ob sie auch wirklich gerechtfertigt, mithin haltbar sind, ist die Aufgabe der Ethik, also der Moralphilosophie als Teil der praktischen Philosophie.

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