Australian Open: Werden die Big Three die jungen Wilden erneut stoppen?

Von Jürgen Fritz, So. 19. Jan 2020, Titelbild: ATP-Screenshot

In der Nacht von Sonntag auf Montag geht es los: Die Australian Open beginnen, das erste Grand Slam-Turnier der neuen Dekade. Noch niemals hat im Herreneinzel ein Spieler ein A-Turnier gewonnen, der nach 1988 geboren wurde. Kommt es nun endlich zur Wachablösung oder wird erneut einer der Big Three den Titel holen, die die letzten 12 und 55 der letzten 66 Grand Slam-Turniere gewannen?

Wer wird als der Größte aller Zeiten (GOAT) in die Geschichte eingehen?

In der kommenden Nacht starten die Australian Open, seit 1905 das vierte Grand Slam-Turnier einer jeden Saison. Die ganz großen Spieler werden am Ende ihrer Karriere letztlich an nichts anderem so sehr gemessen wie an ihren Erfolgen bei diesen vier Major-Turnieren (A). Und hier überragen inzwischen drei Spieler alle anderen weit: Roger Federer (Jg. 1981), Rafael Nadal (Jg. 1986) und Novak Djokovic (Jg. 1987). Sie sind wohl schon jetzt, obschon sie noch aktiv sind und noch weitere Titel holen können, die drei größten Tennisspieler aller Zeiten und es wird die nächsten Jahre darum gehen, wer als der Größte von allen (GOAT: The Greatest Of All Time) in die Geschichte eingehen wird.

In den letzten 16 Jahren hieß der Weltranglistenerste 15,2 Jahre lang entweder Federer, Nadal oder Djokovic. Nur Andy Murray konnte 2016/7 diese einmalige Dominanz für 41 Wochen durchbrechen.

Und auch 2020 zählen die Big Three in Australien zu den absoluten Top-Favoriten auf den Turniersieg. Federer, Nadal und Djokovic haben nicht nur die letzten 12 Major-Titel, nein sie haben in den letzten 16,5 Jahren sage und schreibe 55 der letzten 66 Grand Slam-Turniere  gewonnen: Federer 20, Nadal 19, Djokovic 16.

Jeder von ihnen hat den ohnehin schon schier unglaublichen Rekord von Pete Sampras (14) gebrochen, der doppelt so viele GS-Turniere gewann wie der große John McEnroe! Und das obwohl alle drei – Federer, Nadal und Djokovic, die innerhalb von sechs Jahren geboren wurden – die schwerste Konkurrenz hatten, die es je gab.

Wie weit diese drei Ausnahmespieler schon jetzt vor Sampras liegen, sieht man auch an ihren Grand Slam-Finalteilnahmen: Federer 31, Nadal 27, Djokovic 25 gegenüber 18 von Sampras.

GS-Title Leaders

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Australian Open 2020: Die sechs Top-Favoriten auf den Turniersieg

Dabei scheinen die Big Three noch nicht am Ende ihrer Karriere angekommen. Djokovic ist Titelverteidiger in Australien, Rekordsieger aller Zeiten mit 7 AO-Titeln (vor Federer mit 6) und absoluter Top-Favorit. Der 32,6-jährige Serbe wird mit Sicherheit versuchen, Nadal und Federer auch noch zu überholen und als The Greatest Of All Time (GOAT) in die Geschichte einzugehen.

Meine Prognose für 2020 lautete: Erstmals in der Tennisgeschichte wird ein Spieler, der in den 1990ern geboren ist, ein A-Turnier gewinnen. In Frage kommen aktuell vor allem drei:

  • der US Open-Finalist Daniil Medvedev (Jg. 1996),
  • der ATP Finals-Sieger Stefanos Tsitsipas (Jg. 1998) und
  • der zweimalige French Open- und ATP Finals-Finalist Dominic Thiem (Jg. 1993).
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ATP-Screenshot

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ATP-Screenshot

Wenn jemand es derzeit schaffen kann, die Big Three in einem A-Turnier hinter sich zu lassen, dann am ehesten die drei. Ich persönlich glaube aber: Noch ist es nicht so weit. Federer, Nadal und vor allem Djokovic, die wie schon im Juli 2007 die Weltrangliste auf 1, 2 und 3 anführen und auch im Januar 2020 ganz oben stehen, sind im Moment noch zu stark. Die jungen Wilden, genauer: die 1990er-Jahrgänge werden, so meine Einschätzung, noch ein paar Monate warten müssen.

Weitere mögliche Turniersieger

Hoch gehandelt werden bei den heute Nacht beginnenden Australian Open ferner noch:

  • der Australier Nick Kyrgios (Jg. 1995, Nr. 26 der Welt)
  • der Kanadier Denis Shapovalov (Jg. 1999, Nr. 13), der sich die letzten Monate enorm verbessert hat und dem ich die nächsten Jahre sehr viel zutraue,
  • der deutsche Alexander Zverev (Jg. 1997, Nr. 7), der genau die gegenteilige Entwicklung aufzeigt und – nach seinen enorm starken Ergebnissen in 2017 und 2018 – im letzten Jahr nicht stärker, sondern schwächer wurde, sowie
  • der Russe Andrey Rublev (Jg. 1997, ab morgen die Nr. 16), der zur Zeit gerade einen Lauf hat, letzte Woche das D-Turnier in Doha gewann und diese Woche das D-Turnier in Adelaide. Auch von ihm dürften wir die nächsten Jahre noch einiges zu sehen bekommen.

So starteten die Spitzenspieler ins neue Jahr

Damit weist Rublev zugleich die beste Match-Bilanz aller Spitzen-Spieler in 2020 auf, wenngleich er nicht beim ATP Cup für Russland antrat, sondern zwei kleine D-Turniere spielte, bei denen er gegen keinen einzigen Top 20-Spieler antreten musste:

  1. Andrey Rublev: 8-0
  2. Novak Djokovic: 6-0
  3. Roberto Bautista-Agut: 6-0
  4. Hubert Hurkacz: 6-1
  5. Benoît Paire: 6-2
  6. Daniel Evans: 5-2
  7. Daniil Medvedev: 4-1
  8. John Millman: 4-1
  9. Rafael Nadal: 4-2
  10. Karen Khachanov: 4-2
  11. Dušan Lajović: 4-2
  12. Nick Kyrgios: 3-1
  13. David Goffin: 3-1
  14. Felix Auger-Aliassime: 3-4
  15. Grigor Dimitrov: 2-1
  16. Stan Wawrinka: 2-1
  17. Denis Shapovalov: 3-3
  18. Alex de Minaur: 2-2 (muss die Australian Open verletzungsbedingt absagen)
  19. John Isner: 2-4
  20. Gael Monfils: 1-1
  21. Pablo Carreno Busta: 1-1
  22. Stefanos Tsitsipas: 1-2
  23. Dominic Thiem: 1-2
  24. Nikoloz Basilashvili: 1-2
  25. Fabio Fognini: 1-3
  26. Diego Schwartzman: 1-3
  27. Roger Federer: 0-0
  28. Matteo Berrettini: 0-0
  29. Kei Nishikori: 0-0 (muss die Australian Open verletzungsbedingt absagen)
  30. Alexander Zverev: 0-3

Den schlechtesten Start ins neue Jahr legte also ausgerechnet Alexander Zverev hin, der beim ATP Cup dreimal antrat und dreimal verlor, stets gegen in der Weltrangliste niedriger eingestufte Spieler. Zu den Turnierfavoriten zählt er daher für mich nicht.

Djokovic und Nadal bleiben das Maß der Dinge

Aber auch dem bisher erfolgreichsten Spieler des neuen Jahres, Andrey Rublev, rechne ich kaum Chancen aus. Erstens ist er nach meiner Einschätzung spielerisch und körperlich noch nicht so weit, ein A-Turnier mit einem 128er Feld über sieben Runden à drei Gewinnsätze zu gewinnen, was etwas völlig anderes ist als ein D-Turnier mit einem 28er Feld mit vier bis fünf Runden über zwei Gewinnsätze, zumeist ohne Beteiligung von Top Ten-Spielern. Zweitens hat er meines Erachtens den Fehler gemacht, unmittelbar vor den Australian Open zwei Turniere zu spielen, ohne eine Woche Pause dazwischen zu machen, so dass ihm die Frische fehlen wird, so ein schweres Turnier über zwei Wochen durchzustehen.

Auch Kyrgios und Shapovalov sehe ich kaum als ernsthafte Konkurrenten für Djokovic, Nadal, Federer, Medvedev, Tsitsipas und Thiem an. Dabei starteten Djokovic, Medeved und Nadal sehr stark ins neue Jahr, Tsitsipas und Thiem eher schwach und Federer bestritt noch kein einziges Match in 2020, geht also ohne jede Turniervorbereitung in die Australian Open. Das könnte ein deutlicher Nachteil sein.

Wie stark dagegen die zwei überragenden Spieler der 2010er Jahre, Djokovic und Nadal, ins neue Jahrzehnte starteten, zeigte sich sehr eindrucksvoll beim ATP Cup in Brisbane, Perth und Sidney vor ein, zwei Wochen. Nachdem Nadal Spanien im November noch erfolgreich zum Sieg des Daviscups geführt hatte, führten nun beim ATP Cup Djokovic und Nadal Serbien und Spanien ins Endspiel des Nationenwettbewerbs und trafen hier im Spitzeneinzel aufeinander. In einem unglaublich hochklassigen Match schlug dann Djokovic Nadal mit 6:2, 7:6:

Und so sehen es die Buchmacher

Nadal und Djokovic führen nicht nur die 52-Wochen-Weltrangliste weiterhin an, sie scheinen auch zu Beginn des Jahres erneut die zwei stärksten Spieler zu sein. Und so sehen es auch die Buchmacher. Die Wetten auf den Turniersieg bei den Australian Open 2020 sehen vor Turnierbeginn wie folgt aus:

  1. Novak Djokovic: 45,5 %
  2. Rafael Nadal: 18,8 %
  3. Daniil Medvedev: 11,8 %
  4. Roger Federer: 9,1 %
  5. Stefanos Tsitsipas: 6,7 %
  6. Dominic Thiem: 4,3 %
  7. Nick Kyrgios: 3,4 %
  8. Denis Shapovalov: 2,4 % (in der ersten Runde ausgeschieden)
  9. Alexander Zverev: 2 %
  10. Andrey Rublev: 2 %

Der siebenfache AO-Champion Novak Djokovic ist auch für mich der absolute Top-Favorit auf den Turniersieg. Er ist der Hartplatz-König und vor allem der König von Australien. Hier könnte er seinen einmaligen Rekord von sieben auf acht Titel ausbauen. Damit würde er zugleich in der Grand Slam-Sieges-Bilanz mit 17 weiter auf Federer und Nadal aufschließen, so dass der Dreikampf um die Nr. 1 aller Zeiten in den nächsten Monaten und Jahren noch spannender werden wird. Aber wer weiß, vielleicht kommt es in Melbourne ja ganz anders.

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