FDP fliegt mit 4,96 Prozent raus: So hat Hamburg gewählt

Von Jürgen Fritz, Mo. 24. Feb 2020, Titelbild: © JFB

Mehr als 1,3 Millionen Wahlberechtigte waren gestern aufgerufen, ihr Landesparlament, die Hamburgische Bürgerschaft, neu zu wählen. Über 63 Prozent sind dem gefolgt und haben an der einzigen Landtagswahl in diesem Jahr teilgenommen. Hamburg war das letzte Bundesland mit einer rot-grünen Regierung und, so viel sei vorweggenommen, wird dies höchstwahrscheinlich auch bleiben. Doch es gab gleich mehrere spektakuläre Ergebnisse in der Hansestadt, insbesondere die FDP betreffend.

Rot-Grün kann sogar nochmals zulegen

Eine Besonderheit bestand bei der Bürgerschaftswahl darin, dass alle die mindestens 16 Jahre alt sind und eine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, wahlberechtigt waren. Das Mindestwahlalter betrug also nicht wie sonst 18 Jahre, was man sicherlich kritisieren kann, was andererseits keinen sehr großen Einfluss auf die Wahl gehabt haben dürfte, da der Anteil der 16- und 17-Jährigen in der Bevölkerung doch eher gering ist.

Erfreulich ist, dass die Wahlbeteiligung von 56,5 deutlich anstieg auf 63,3 Prozent. Nach der zweiten Auszählung aller Stimmen heute am Montag steht fest:

1. Die SPD hat ihre Position als stärkste Kraft mit 39,0 Prozent vor den Grünen klar verteidigt, wenngleich diese enorm zulegen konnten, während die SPD Einbußen von sechs bis sieben Punkte zu verzeichnen hat. Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) wird also sein Amt weiterführen können.

2. Die Grünen mit ihrer Spitzenkandidatin Katharina Fegebank können ihr Ergebnis von 2015 (12,3 Prozent) fast verdoppeln auf nun 24,2 Prozent. Rot-Grün hat damit nicht nur eine komfortable Mehrheit in der Bürgerschaft, sondern sogar 

Zusammen kommen Rot-Grün damit auf über 63 Prozent der Stimmen. Vor fünf Jahren waren es 57,9 Prozent.

CDU bricht völlig ein, FDP fliegt aus der Bürgerschaft raus

3. Die CDU unterbietet ihr bislang schlechtestes Hamburg-Ergebnis aller Zeiten von 2015 (15,9 Prozent) noch einmal deutlich und fällt auf nun 11,2 Prozent. Ein unvorstellbarer Wert für die Christemokraten, wenn man bedenkt, dass sie in der Hansestadt 1953 auf 50,0 und 2004 noch auf 47,2 Prozent kam. 11,2 Prozent ist nicht einmal ein Viertel davon!

4. Die Linkspartei kann ihr starkes Ergebnis von 8,5 Prozent nochmals ein wenig steigern auf jetzt 9,1 Prozent.

5. Die AfD dagegen scheint ihren Höhepunkt im Westen Deutschlands bereits überschritten zu haben. Sie kann nicht einmal ihr ohnehin schon schwaches Ergebnis von 2015, damals als gerade zwei Jahre alte Partei unter Bernd Lucke als Bundesvorsitzender, nicht einmal halten und fällt auf jetzt 5,3 Prozent.

Die siebenjährige Höcke-AfD ist mithin in Hamburg schwächer als die zweijährige Lucke-AfD. (Die AfD von 2015 war deutschlandweit maßgeblich von Bernd Lucke geprägt, der die zentrale Figur der damals noch sehr jungen Partei war, während nun im Jahr 2020 die AfD maßgeblich vom Führer des Flügels, Björn Höcke, geprägt ist, der inzwischen die prägende Person dieser Partei ist.) Dies könnte womöglich den Anfang vom Ende der AfD zumindest im Westen Deutschlands einläuten.

6. Noch schlimmer traf es die FDP, die von 7,4 auf 4,9 Prozent einbricht und damit sogar aus der Hamburgischen Bürgerschaft herausfällt.

So haben die Hamburger gestern gewählt

Hier das Ganze im Überblick:

  1. SPD: 39,2 % (− 6,4)
  2. GRÜNE: 24,2 % (+ 11,9)
  3. CDU: 11,2 % (− 4,7)
  4. LINKE: 9,1 % (+ 0,6)
  5. AfD: 5,3 % (− 0,8)
  6. FDP: 4,96 % (− 2,5)
  7. Sonstige: 6,1 % (+ 1,9)
Vorl. Endergebnis

(c) JFB

Die 123 Sitze der Hamburgischen Bürgerschaft verteilen sich damit wie folgt:

  1. SPD: 54
  2. GRÜNE: 33
  3. CDU: 15
  4. LINKE: 13
  5. AfD: 7
  6. FDP: 1

Die Bürgerschaft wird insgesamt aus 123 Abgeordneten bestehen. Für eine Mehrheit braucht es also 62 Sitze. Rot-Grün hat somit eine überklare Mehrheit von 87 Sitzen (70,7 Prozent). Eine andere mögliche Koalition wäre Rot-Schwarz mit 69 Sitzen, doch erscheint die Fortführung der bisherigen rot-grünen Regierung natürlich viel wahrscheinlicher. Doch betrachten wir das Ganze in der Detailanalyse etwas genauer:

79 Prozent mit der Arbeit von Peter Tschentscher zufrieden

Ein wesentlicher Faktor, warum die SPD dann doch deutlich vor den Grünen liegt, dürfte in dem Spitzenkandidaten Peter Tschentscher begründet sein, der bei den Hamburger Bürgern ausgesprochen beliebt ist, wie die folgenden Zahlen von Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF zeigen:

Sogar die Mehrheit der AfD- und der Linken-Anhänger bescheinigen Tschentscher eine gute Arbeit, die der anderen Parteien sogar mit Werten um die 80 Prozent und die eigenen Parteianhänger mit 97 Prozent. Insgesamt sind ca. 79 Prozent der Hamburger mit seiner Arbeit zufrieden. Das sind ganz ungewöhnlich hohe Werte.

Extrem negative Bewertung der AfD, die von den Bürgern als klar rechtsextremistisch eingestuft wird

Aber auch die Arbeit seiner Partei, der SPD, wie auch die des Koalitionspartners, Die Grünen, wird von den Hamburgern auf einer Skala von +5 bis -5 klar positiv bewertet mit +2,0 bzw. +1,5 bewertet, während die Oppositionsparteien fast alle eher negativ, die AfD aber ganz extrem negativ bewertet wird:

Diese so überwältigend negative Sicht der AfD dürfte insbesondere hiermit zusammenhängen:

Sieben von acht Bürgern sind der Auffassung, dass in der AfD rechtsextremes Gedankengut weit verbreitet sei. Sogar mehr als jeder sechste AfD-Anhänger sieht das so und 80 bis 90 Prozent des bürgerlichen Lagers, im

Die SPD punktet vor allem bei den Ü-60ern

Auffällig auch, wie stark Rot-Grün, das bei allen Wählern zusammen auf über 63 Prozent kam, bei den Frauen ankommt. Hier hat Rot-Grün sogar Zustimmungswerte von 68 Prozent, während die AfD beim weiblichen Geschlecht extrem schwach ist:

Bei den Männern kommt Rot-Grün dagegen „nur“ auf 59 Prozent:

Dabei punktet die SPD vor allen Dingen weit überproportional bei den Über-60-Jährigen:

Die Grünen sind bei den U45-ern die Nr. 1

… während die Grünen bei den Unter-45-Jährigen sogar die Nr. 1 sind:

Diese punkten in allen Berufssparten sehr gut, außer bei den Arbeitern (überwiegend körperlich tätig, Angestellte überwiegend geistig tätig):

Genau umgekehrt dagegen die AfD, die aus der ursprünglichen Professoren-, Intellektuellen- und Wirtschaftskompetenz-Partei immer mehr zu einer Arbeiterpartei wurde. Ausschließlich hier, bei den überwiegend körperlich Tätigen, kann sie deutlich über 5 Prozent erzielen:

Die Grünen reüssieren besonders bei Höher- und Hochgebildeten, die AfD genau umgekehrt

Während die SPD hauptsächlich bei Personen mit geringerer oder mittlerer Bildung sehr gut punktet …

… ist es bei den Grünen genau umgekehrt: Je höher der Bildungsabschluss, desto höher auch die Zustimmungswerte zu grüner Politik, ganz besonders bei Personen mit Abitur oder gar Hochschulabschluss

… während die AfD bei Personen mit Abitur nur wenig und mit Hochschulabschluss inzwischen quasi gar nicht mehr punkten kann:

C. Wahl-O-Matrix erneut mit einer exzellenten Wahlprognose

Betrachten wir zum Abschluss, wie gut das von mir gegründete und inzwischen deutschlandweit führende Meta-Analyse-Tool Wahl-O-Matrix und die führenden Meinungsforschungsinstitute bei der Hamburgwahl waren.

So genau waren die Wahl-O-Matrix-Prognose und die Umfrageinstitute – angegeben ist jeweils die absolute mittlere Abweichung:

1. Forsch’gr. Wahlen (ZDF): 0,45
2. Wahl-O-Matrix (JFB): 0,88
3. PrognosUmfragen: 0,93
4. Infratest dimap (NDR): 1,03
4. INSA (BILD): 1,03
6. Civey: 1,66
7. Trend Research HH (Radio HH): 2,14
8. Uni Hamburg: 2,63

Forschungsgruppe Wahlen ist das einzige Institut, welches Wahl-O-Matrix, das als einziger immer unter den ersten drei liegt, öfters geschlagen hat.

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