Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth über die Paranoia der Verschwörungsgläubigen

Von Jürgen Fritz, Di. 09. Jun 2020, Titelbild: ARD-Screenshot

Ungefähr ein Fünftel habe sich von dem, was in diesem Land als wahrheitsfähig diskutiert werde, völlig abgewendet, sagt der Politikpsychologe Prof. Thomas Kliche. Dieses Fünftel bediene sich eigentlich nur noch im Internet und vertraue öffentlich-rechtlichen Medien und Qualitätspresse überhaupt nicht mehr, sondern rezipiere nur noch solche Quellen, die seinen Ansichten und Einstellungen sowieso entsprechen. Das heißt, diese Menschen sind vollkommen unkritisch und für die liberale, aufgeklärte Demokratie wahrscheinlich dauerhaft verloren. Aber nicht nur das, wie der Psychoanalytiker Prof. Hans-Jürgen Wirth deutlich macht. Sie bedienen sich vielmehr systematisch paranoid aufgeladener Feindbilder.

Der Hypochonder und der Sozialphobiker

Hans-Jürgen Wirth, Jahrgang 1951, beschäftigt sich seit fast 50 Jahren mit Psychologie und Soziologie. 2002 veröffentlichte er sein Buch Narzissmus und Macht: Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik, mit detaillierten Fallstudien über Uwe Barschel, Helmut Kohl, Joschka Fischer und Slobodan Milosevic. Das Buch erschien 2011 bereits in fünfter Auflage und gilt als Meisterwerk politischer Psychoanalyse. Hans-Jürgen Wirth hat sich schon vor vielen Jahren mit den Auswirkungen des HI-Virus (HIV) und der durch dieses hervorgerufenen Krankheit AIDS auf die Psyche von Personen beschäftigt. Und er stellt nun in einem Interview mit dem SPIEGEL fest: „Es gibt Parallelen zwischen den beiden Pandemien: Die psychischen Reaktionen und Verarbeitungsformen, die ich bei Patienten beobachtet habe, als Aids aufkam, haben auffällige Ähnlichkeiten mit den Ängsten, die manche Menschen jetzt im Zusammenhang mit der Coronakrise haben“, so Wirth.

Als Hintergrundinformation: Die Verbreitung von HIV hat sich seit Anfang der 1980er Jahre zu einer Pandemie entwickelt, die nach Schätzungen des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) bisher etwa 39 Millionen Menschenleben gefordert hat. Hans-Jürgen Wirth unterscheidet aus psychologischer Sicht drei Gruppen, die alle irgendwie gestört, aber sehr unterschiedlich auf solche eine Pandemie reagieren: a) Zum einen habe es die Gruppe gegeben, die unter einer Aids-Phobie litten, Menschen, die sich zwar gesund fühlten, aber eine übertriebene, teilweise groteske Ansteckungsangst entwickelten. Das könne gut übertragen werden auf die heutige Corona-Pandemie und könne sich auswachsen zur Hypochondrie.

Der Hypochonder leidet an der unverrückbaren, zwanghaften Überzeugung, infiziert zu sein. Und davon lässt er sich auch nicht abbringen, selbst wenn sein Arzt oder Familienangehörige ihn argumentativ zu überzeugen suchen, dass er doch objektiv keinerlei Situationen ausgesetzt war, in denen er sich hätte anstecken können. Ja selbst ein negativer Test kann Hypochonder bisweilen nicht überzeugen oder gar beruhigen. Die objektiv vorhandene Gefährdung und ihre ständige Thematisierung in der öffentlichen Diskussion triggere und potenziere bei ihnen die ohnehin vorhandenen Krankheits- und Todesängste. Dann gebe es b) die Sozialphobiker. Diese arrangieren sich am besten, ja für sie könne es sogar eine Erleichterung darstellen, dass sie momentan verpflichtet seien, Abstand zu halten und den direkten Kontakt mit anderen Menschen stark einzuschränken.

Die paranoiden Verschwörungsgläubigen

Und schließlich gibt es c) eine dritte Angst-Störung, die für uns besonders interessant ist: die Paranoia. Die paranoid aufgeladenen Feindbilder, die in der Hochzeit der Aids-Pandemie große Teile der Bevölkerung erfassten, entsprächen in der sozialpsychologischen Dynamik genau dem, was in Zeiten von Corona als Verschwörungstheorien (genauer: Verschwörungsideologien, Verschwörungsmythen und Verschwörungsgläubigkeit) bezeichnen werde, erläutert Hans-Jürgen Wirth. Damals wie heute gehe von solchen Verfolgungsfantasien eine unheimliche Faszination und, damit verbunden, eine soziale Ansteckung aus. Diese sei darin begründet, dass die Projektion auf Sündenböcke in uns allen als Möglichkeit der psychischen Entlastung vorhanden sei und gerade in Krisenzeiten aktiviert werde.

Hinzu komme, dass die Bezugspersonen eines Paranoiden, seien es jetzt Familienmitglieder oder Freunde, spüren würden, dass sie die Verfolgungsgedanken übernehmen und teilen müssen, um sich nicht zu verfeinden. Jemand, der von paranoider Verschwörungsgläubigkeit besessen sei, setze seine Bezugspersonen enorm unter Druck, sich seinen Überzeugungen anzuschließen, weil er sonst die Freundschaft aufkündigen würde. So schaffe er es oft, eine Schar von Gleichgesinnten um sich zu sammeln, die sich wie in einer Festung einmauern.

Und jetzt erinnern wir uns daran, was Prof. Thomas Kliche sagte: Ungefähr ein Fünftel der Gesellschaft bediene sich inzwischen eigentlich nur noch im Internet und vertraue öffentlich-rechtlichen Medien und Qualitätspresse überhaupt nicht mehr, sondern rezipiere nur noch solche Quellen, die seinen Ansichten und Einstellungen sowieso entsprächen. Genau das dürften zum Großteil diese Paranoiden sein, die für die Gesellschaft nicht mehr erreichbar sind.

Hans-Jürgen Wirth referiert hier auf Horst-Eberhard Richter. Der habe solche Konstellationen als paranoide Festungsfamilie oder Festungsgruppe“ charakterisiert. Die Welt wird von diesen Personen in „nur gut“ und „nur böse“ aufgeteilt, man kenne nur noch Freund oder Feind. Dabei entlaste diesProjektion der eigenen inneren beziehungsweise internen Konflikte auf Außenfeinde die Individuen selbst, aber auch Familien, größere und kleinere Gruppen oder auch ganze Gesellschaften von internen Spannungen. Hier sei von mir auch an die faschistisch-ultra-nationalistischen Weltanschauungen erinnert, die davon träumen, die eigene Nation, die eigene Ethnie oder „Rasse“ rein zu halten von fremden Einflüssen, die pauschal und undifferenziert alle als Feinde rubriziert werden.

Reaktivierung mittelalterlicher Weltdeutungen

An der eingebildeten äußeren Bedrohung, so Wirth, kann der Paranoide seine eigenen Aggressionen festmachen und abführen, welche sonst als interne Konflikte aufbrechen würden. Habe sich erst einmal in Teilen der Gesellschaft eine paranoide Stimmung verbreitet, würden die krudesten Lügen, Fake News und Verfolgungsfantasien nur so ins Kraut schießen und sich wechselseitig mit immer abstruseren, hinterhältigeren und bösartigeren Vorstellungen überbieten. 

Satan-Ego-Cloud

In den 1980er-Jahren sei zum Beispiel die Theorie entstanden, das HI-Virus stamme aus einem Militärforschungslabor des US-Verteidigungsministeriums in Fort Detrick. Eine andere These besagte, das HI-Virus sei gezielt in die Welt gesetzt worden, um die Homosexualität auszurotten. Die paranoiden Verschwörungsvorstellungen, die sich um das Coronavirus rankten, folgten dem gleichen Muster, sagt der Psychoanalytiker, dass nämlich das Virus gezielt hergestellt worden oder unbeabsichtigt aus einem Forschungslabor  – wahlweise in China oder den USA – entwichen sei. Viele Menschen dieser Gruppe würden dabei mehreren Verschwörungsmythen zugleich anhängen, selbst dann, wenn sie sich logisch widersprechen.

An der Stelle zeigt sich, wissenschaftstheoretisch gesprochen, dass wir es hier nicht mit Theorien zu tun haben, welche logisch konsistent sein müssen, sondern eben mit voraufgeklärter Verschwörungsgläubigkeit, der es gerade nicht um Wahrheitsfindung und Aufklärung geht, sondern um das Reaktivieren mittelalterlicher und archaischer, sprich voraufgeklärter, vormoderner Weltdeutungen.

Insofern haben diese paranoiden, sich selbst und gegenüber den „alternativen Medien“, die sie rezipieren, völlig unkritischen „Selbstdenker“ eben kein Problem damit, zugleich zu glauben, das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 sei gezielt hergestellt worden und gleichzeitig an die These zu glauben, dass Politiker und Virologen die Pandemiegefahr aufbauschen oder gar gänzlich erfunden haben, um ihre Macht auszubauen und die Menschen zu manipulieren. Logik Fehlanzeige, Hauptsache, es gibt ein großes, mächtiges Feindbild, das man bekämpfen kann. Und andere machen genau damit natürlich ihren Reibach.

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Der ehemalige Immobilien- und jetzt Verschwörungsfantasienverkäufer Heiko Schrang, ARD-Screenshot

Das gesunde Angstgefühl hat im Gegensatz zur Angststörung eine die Welt erschließenden Effekt

Zum Abschluss weist der Psychoanalytiker auf etwas hin, was ich selbst aus philosophischer Sicht bereits in Angst und Vernunft: Die Kunst, sich richtig zu ängstigen sowie in Angst hält uns vor dem Gefährlichen fern, ist daher essentiell für unser Überleben herauszuarbeiten versuchte.

Natürlich könne sich Angst pathologisch steigern, mit irrationalen Überlegungen verknüpft werden. Dann haben wir es mit Angststörungen zu tun. In der Regel aber habe diese Emotion – Angst – eine Signalfunktion und fließe in Haltungen ein, die mit Sorge, Fürsorge für andere, Selbstfürsorge und Schutzverhalten zusammenhingen. Die „Affektive Risikowahrnehmung“, also die Angst, die Sorge, das dauernde Daran-denken-müssen, habe eine zentrale Bedeutung für die Aktivierung von Schutzverhalten und müsse die „Kognitive Risikowahrnehmung“, also das Wissen über die Möglichkeit, sich anzustecken, ergänzen beziehungsweise fundieren.

In meinen Worten philosophisch formuliert: Es sind die Emotionen, die uns die Welt überhaupt erst erschließen, denn ohne den Angstaffekt hätten wir ja gar keine Motivation, das Gefährliche zu meiden. In einem gesunden Maß sei Angst, so auch Hans-Jürgen Wirth, ein grundlegendes Element unserer normalen emotionalen Innenwelt. Im besten Fall heiße das: „Nur wenn wir Angst vor COVID-19 haben, sind wir aus uns selbst heraus motiviert, die lästigen Masken auch wirklich zu tragen und Abstand zu anderen zu halten.“

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