Angst hält uns vor dem Gefährlichen fern, ist daher essentiell für unser Überleben

Von Jürgen Fritz, Fr. 22. Mai 2020, Titelbild: Pixabay, CC0 Creative Commons

Die Coronakrise hat sehr viel mit Gefühlen, genauer: mit der Emotion der Angst oder Furcht zu tun. Und Gefühle, ganz besonders Emotionen als spezielle Gefühle, die auf etwas in der Welt gerichtet sind, die mithin eine intentionale Struktur aufweisen und uns mit der Außenwelt in Verbindung setzen, uns die Welt überhaupt erste erschließen lassen, sind ein wichtiges Thema auch der Philosophie, da ohne ihr Verständnis kein Verständnis des Menschen möglich ist, der eben kein reines Vernunftwesen ist.

Emotionen erschließen uns überhaupt erst die Welt

Die moderne Philosophie ist längst, seit vielen Jahrzehnten schon, über den Standpunkt hinaus, Emotionen primär als Problem für Rationalität zu sehen. Wolfgang Wieland (Jg. 1933), Arzt und Philosoph, mein Lieblingslehrer, der in seiner letzten Schaffensphase von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1998 eine Professur für Theoretische Philosophie an der Universität Heidelberg inne hatte und der mich am meisten von allen meinen Lehrern beeindruckte, schrieb dazu in seinem letzten großen Werk aus dem Jahre 2001:

„Von ihren Anfängen an hatte die Philosophie zu den Gefühlen, zu den Emotionen überhaupt eine in der Sache distanzierte oder zumindest ambivalente Haltung eingenommen. (…) Diese Reserve gründete zu einem guten Teil darin, daß selbst sehr starke Emotionen flüchtige Gebilde sind, die sich schwer oder gar nicht objektivieren und mangels Randschärfe auch kaum eindeutig identifizieren und voneinander abgrenzen lassen. Nicht zu übersehen ist auch, daß Gefühle leicht von denen als asylum ignorantiae mißbraucht werden, die nicht bereit sind, die Anstrengungen des Begriffs auf sich zu nehmen. (…) Auf der anderen Seite gibt es nichts, was dem Menschen auf eine so unmittelbare und ungegenständliche, jede denkbare Distanzierung noch unterlaufende Weise so vertraut wäre wie seine Emotionen. (…)

Sein Denken und sein Verhalten glaubt jedermann in der Hand zu haben und darüber verfügen zu können. Emotionen ist es dagegen eigentümlich, daß man sie vielleicht nicht ausschließlich, aber doch vorwiegend auf passive Weise, als Widerfahrnisse erfährt, als Geschehnisse, die einem zustoßen, denen man manchmal geradezu ausgeliefert ist, ohne Herr über sie werden zu können. Die Tatsache, daß einem seine Emotionen nicht wie objektive Sachverhalte, sondern in einer eigentümlichen Unmittelbarkeit und Distanzlosigkeit begegnen, führt überdies dazu, daß sich die Person mit ihnen sogar zu identifizieren pflegt. (…) In Dingen der Emotionalität kann man sich niemals vertreten lassen. Darauf beruht es auch, daß Herrschaft von Menschen über Menschen am wirkungsvollsten dort ausgeübt wird, wo man mit Erfolg auf ihre Emotionen Einfluß nimmt.

Natürlich darf man nicht übersehen, daß die konstruktiven Funktionen und Leistungen der Emotionen niemals völlig vergessen waren. (…) Zu denken ist hier … an das stets auch von Emotionen durchwirkte Kraftfeld, innerhalb dessen sich das gesamte bewußte Leben des Menschen abspielt. Aus ihm bezieht das Erkennen ebenso wie das Handeln die Triebkräfte, ohne die beides schwerlich ins Werk gesetzt und in Gang gehalten werden könnte. Es gibt schlechterdings kein Erkennen und kein Handeln, das nicht von Empfindungen und von Gefühlen zumindest begleitet wäre. Vor allem sollte man nicht aus dem Auge verlieren, daß Emotionen fähig sind, bestimmte Seiten der Welt und der Wirklichkeit allererst zu erschließen.“

Angst hält uns vor dem Gefährlichen fern, ist damit essentiell für unser Überleben

Soweit also Wolfgang Wieland. Und Christoph Demmerling und Hilge Landweer schreiben in ihrem ebenfalls großartigen Buch Philosophie der Gefühle – Von Achtung bis Zorn:

„Angst ist zudem ein Grundgefühl, das der Mensch mit den höher entwickelten Tieren teilt. Der Angst kommt biologisch eine wichtige Funktion zu. Sie warnt vor möglichen Gefahren und setzt Kräfte zur Verteidigung oder Flucht frei. Die Angst lässt sich als ein Warnsystem verstehen, welches dem Überleben dienlich ist.“

In der Tat ist es die Angst, die uns vor dem Bedrohlichen fernhält, dem allzu Riskanten, dem Gefährlichen. Sie hilft uns also bei der Orientierung im Raum, indem sie uns von dem, das uns schaden würde, das, was uns Schmerzen (-) zufügen würde oder unsere Gesundheit bzw. unser Leben gefährden könnten, uns wegbewegen lässt, um uns in Sicherheit zu bringen.

Angst gehört insofern zum Rationalsten, zum Vernünftigsten, was es überhaupt gibt, sofern diese nicht einer krankhaften Angststörung, zum Beispiel einer Phobie, also einer gestörten Seele entspringt, in der die innere Harmonie aus Logos, Thymos und Eros nicht gegeben ist, wo also etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern sich ganz normal als Reaktion auf eine äußere Bedrohung einstellt, was eine Schutzfunktion (Fight-or-Flight-Reaction) darstellt, welche überhaupt erst das Überleben ermöglicht.

Platons Seelenmodell (2)

Wesen ohne Angst, also ohne affektive Sorge um ihres eigenes oder das Dasein ihrer Liebsten, insbesondere ihrer Kinder, würden sofort aussterben. Uns gibt es also nur deshalb, weil unsere Vorfahren fähig waren, diesen Angstaffekt zu entwickeln und logisch, das heißt vernünftig, darauf zu reagieren, zum Beispiel indem sie vor der Bedrohung geflohen sind, diese ausschalteten, sie in Schach hielten oder sich und ihre Kinder schützten.

Diese evolutionär essentielle Aufgabe kann sie natürlich nur erfüllen, wenn weder ein übertriebenes Maß an Angst das Handeln blockiert oder eine unangemessene Panikreaktion auslöst noch ein zu wenig Angst reale Gefahren, Bedrohunungen und Risiken übersieht, ausblendet, ignoriert oder nicht adäquat einschätzt. Und eben dazu bedarf die Angst, bedarf die Emotion der Ratio, der Vernunft, ganz besonders aber der Urteilskraft.

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Literaturempfehlungen:

  • Jürgen Fritz: Angst und Vernunft – Die Kunst, sich richtig zu ängstigen
  • Wolfgang Wieland, Urteil und Gefühl – Kants Theorie der Urteilskraft, Göttingen, Vandenhooeck und Ruprecht, 2001
  • Philosophie der Gefühle – Von Achtung bis Zorn von Christoph Demmerling und Hilge Landweer, J.B. Metzler, Stuttgart 2007

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