Sarrazin: Einwanderung war für die einheimische Bevölkerung allermeist sehr nachteilig

Von Jürgen Fritz, Di. 01. Sep 2020, Titelbild: Epoch Times-Screenshot

Gestern erschien Thilo Sarrazins neues Buch Der Staat an seinen Grenzen – Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und GegenwartDarin macht der Autor deutlich: Migration kann die Probleme in den Herkunftsländern nicht lösen, schafft aber neue Probleme in den Zielländern. Die Geschichte zeige: Einwanderung war in den allermeisten Fällen mit schweren Nachteilen für die einheimische Bevölkerung verbunden.

Sechstes Buch seit 2010

Seit nunmehr einer Dekade schreibt Thilo Sarrazin einen Bestseller nach dem anderen. Immer wieder trifft der ehemalige Berliner Finanzsenator, den die SPD vor einem Monat aus ihrer Partei ausgeschlossen hat, den Nerv der Zeit und legt mit seinen Analysen Dinge offen, die die Mehrheit, vor allem in den M-Medien und der Politik nicht hören und nicht zur Kenntnis nehmen möchte, weil es ihrer von Wunschdenken und Realitätsverlust geprägter Weltanschauung widerspricht respektive mit dieser nicht in Einklang zu bringen ist.

Vor exakt zehn Jahren, Ende August 2010, erschien sein erster Paukenschlag Deutschland schafft sich ab, das sich bereits bis Anfang 2012 mehr als 1,5 Millionen mal verkaufte. Es folgten etliche weitere erfolgreiche Bücher, so unter anderem 2012 Europa braucht den Euro nicht, 2014 Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, 2016: Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert, 2018 Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht.

Und nun also Der Staat an seinen Grenzen – Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart. Der Verlag kündigt das Buch wie folgt an (Hervorhebung durch JFB):

»Die menschliche Geschichte war immer wieder geprägt von Wanderungsprozessen. Doch Migration konnte und kann die Probleme in den Herkunftsländern nicht lösen, schafft aber neue Probleme in den Zielländern. Der Autor entwickelt Vorschläge für eine realistische Einwanderungspolitik: von wirksamen Grenzkontrollen bis zur effektiven Bekämpfung der Fluchtursachen in den Heimatländern. Eine profunde Analyse, die breit diskutiert werden sollte – denn es geht um das Überleben unseres demokratischen Systems.«

Damit ist das Thema umrissen, in dem es in seinem neuen Buch geht. Mit The European sprach der Privatgelehrte über sein neues Werk.

Es geht um die Anpassung in Bezug auf die Einstellung zur Demokratie, zum Rechtsstaat, zu den Menschenrechten

„Melting pot“, das sei die Idee gewesen, dass Unterschiede zwischen Einwanderern verschiedener Kulturen verschmelzen und eine gemeinsame Identität entstehen würde, erläutert Sarrazin dem European. Heute dagegen gingen wir eher von dem Modell einer „salad bowl“ aus, einer Salatschüssel, „weil wir erkannt haben, das eine bleibt ein grünes Blatt und das andere rote Paprika“. Wenn es aber den melting pot nicht gebe und die kulturelle und ethnische Identität das menschliche Bewusstsein nachhaltig bestimme, dann müssten wir das Thema „Einwanderung“ anders sehen. „Wir müssen uns verabschieden von der Illusion, dass sich kulturelle Unterschiede binnen weniger Generationen nivellieren“, sagt der Autor.

Noch mehr als vor zehn Jahren, als Deutschland schafft sich ab erschien, erkenne er heute, dass es sehr lange dauere, bis sich Einwanderer an ihr neues Umfeld kulturell anpassen und dass es dabei je nach Herkunft und Religion der Einwanderer auch sehr große Unterschiede gebe. Natürlich gehe es nicht darum, dass Türken Rindsbratwürste statt Döner essen. Sondern es gehe um etwas anderes: Um die Einstellung zur Demokratie, zum Rechtsstaat, zu Menschenrechten, zur Gleichberechtigung von Frau und Mann, zur Akzeptanz von Homosexualität. All das seien Werte, die zu unserer Kultur gehören. Was die Menschen, die diese Werte akzeptieren, essen, welche Musik sie hören und welcher Religion sie angehören, bleibe ihnen natürlich überlassen.

Migration war in den allermeisten Fällen mit schweren Nachteilen für die einheimische Bevölkerung verbunden

In seinem neuen Buch, insbesondere in dem Kapitel „Weltgeschichte der Migration“ habe er sich angeschaut, wie sich Einwanderung in der gesamten Menschheitsgeschichte vollzogen hat. Migration ging meist mit Eroberung Hand in Hand und war selten gewaltfrei. In den allermeisten Fällen war sie mit schweren Nachteilen für die einheimische Bevölkerung verbunden, so das Ergebnis Sarrazins Studien.

Dabei geh es ihm darum, die historischen Tatsachen zur Einwanderung herauszuarbeiten, wie sie in der Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart hinein dominieren. Diese aber „passen nicht zur heute vorherrschenden politischen Erzählung“. Im Laufe der Geschichte hätten sich viele Chinesen in umliegenden Ländern oft gewaltfrei angesiedelt. Sie galten dort als tüchtig, beherrschten Produktion und Handel und haben sich einen Einfluss und Wohlstand aufgebaut, der ihren Bevölkerungsanteil weit überschritt. Das aber führte über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zu Unruhen und Gewalt, die sich gegen die chinesische Minderheit richtete. Das ging bis zum Völkermord, beispielsweise in den 60er-Jahren in Indonesien, wo eine unbestimmbare Zahl von Chinesen getötet wurde, möglicherweise mehrere Hunderttausende, wenn nicht Millionen.

Einwanderung war immer die Ausnahme, erfolgreiche Kulturen haben sich gegen unerwünschte Immigration gewehrt

Einwanderung müsse gesteuert werden. Dazu gehöre auch, dass nicht jeder zu uns kommen könne, der kommen möchte. Er habe drei Thesen überprüft, die die heutige Einwanderungsdebatte beherrschten. Die erste These laute: Einwanderung sei ganz normal, Einwanderung habe es immer schon gegeben. Das aber sei falsch. „Einwanderung war immer die Ausnahme“. Darum sieht ein Chinese anders aus als ein Schwarzer aus Nigeria. Damit sei die erste These damit falsifiziert.

Die zweite These laute: Einwanderung sei immer segensreich gewesen. Auch das stimme nicht. Für die Einheimischen sei die Zuwanderung in weit über 90 Prozent der historisch beobachteten Fälle blutig, verderblich und gefährlich gewesen.

Und die dritte These laute: Einwanderung sei ja sowieso unvermeidlich. Auch das sei historisch nicht haltbar. „Insbesondere erfolgreiche Gesellschaften, Kulturen und Staaten haben sich gegen unerwünschte Einwanderung durchaus gewehrt und den Zustrom reguliert.“ Das gelte für China, für das Römische Reich, das alte Ägypten und so weiter.

Ohne Einwanderer muss man die ökonomischen Strukturen anpassen, höhere Löhne zahlen und mehr Maschinen einsetzen

Die nordamerikanischen Indianer seien durch die europäischen Einwanderer auf zehn Prozent ihrer ursprünglichen Bevölkerungsgröße reduziert worden. Zu ähnlichen Ergebnissen führte die Einwanderung von Spaniern und Portugiesen in Mittel- und Südamerika.

Die Migration sei sicher zum Vorteil der Zuwanderer gewesen, die zudem auf Grund ihres christlichen Hintergrunds kulturell recht ähnlich seien. Gleichwohl steuerten die USA die Migration streng. Denn die hispanischen Zuwanderer stellten auf dem Arbeitsmarkt eine Konkurrenz insbesondere für die Schwarzen dar, aber auch für manche Weiße mit geringer Bildung.

Für weiße Erntehelfer hätte man mehr bezahlen müssen als für Mexikaner oder Kolumbianer. Ebenso für weiße Arbeiter beim Straßenbau oder in Fabriken. Darum habe das Kapital ein Interesse an billigen Zuwanderern gehabt. Aber keine amerikanische Straße wäre ungebaut geblieben und kein amerikanischer Pfirsich ungepflückt, wenn es keine Einwanderung gegeben hätte.

Japan spart extrem viel Geld durch Verzicht auf kulturfremde Einwanderung, hat zudem eine sehr niedrige Kriminalität

Hätte man keine Einwanderer gehabt, hätte man die ökonomischen Strukturen angepasst. Man hätte eben für die einheimische Bevölkerung höhere Löhne in der Landwirtschaft und beim Straßenbau zahlen müssen, vielleicht auch mehr Maschinen einsetzen müssen. Man sehe ja, dass die erfolgreichen ostasiatischen Länder wie China, Korea oder Japan allesamt ohne Einwanderung auskommen.

Selbst bei schrumpfenden Bevölkerungen wie in Japan stelle sich gleichwohl ein stabiles Verhältnis zwischen Menschen im Erwerbsalter und Menschen im Rentenalter ein. Und finanzierbar sei das auch. „Die japanischen Produktivitätsfortschritte liegen pro Kopf exakt da, wo sie auch bei uns in Mitteleuropa liegen“, so Sarrazin. Japan spare extrem viel Geld durch den Verzicht auf eine kulturfremde Einwanderung. Es hat zudem eine sehr niedrige Kriminalität. Dieser Weg funktioniere erkennbar.

Einwanderer, die bei Transferleistungen über, beim Einkommen unter dem Schnitt liegen, sind keine Ent-, sondern eine Belastung

Auch bei niedrigen Geburtenraten und schrumpfender Bevölkerung bleibe die Alterssicherung finanzierbar, wenn Produktivität und Erwerbsbeteiligung der Menschen im Erwerbsalter hoch seien. Entlastend könnten zudem immer nur solche Migranten wirken, die gut ausgebildet und produktiv seien.

Einwanderer aber, die bei den Transferleistungen über und bei den Einkommen unter dem Durchschnitt der Bevölkerung liegen, belasten Staatsfinanzen und Sozialsysteme zusätzlich. „Sie leisten keinen Beitrag für den finanziellen Ausgleich eines ungünstigen Altersaufbaus.“ Für Deutschland lasse sich eindeutig zeigen, dass ohne die Zuwanderung der Gastarbeiter seit den 1960er Jahren das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland höher wäre als es tatsächlich ist.

Zuwanderer können sich günstig auswirken, wenn es wenige sind, sie überlegene Kulturtechniken, kognitive Kompetenzen mitbringen

Ausnahmen von der Regel, dass Migration sehr nachteilig für die aufnehmende Gesellschaft sei, gebe es dann, wenn die Zahl der Zuwanderer im Verhältnis zu aufnehmenden Bevölkerung klein sei und wenn sie zudem überlegene Kulturtechniken und kognitive Kompetenzen mitbringen. Die Hugenotten seien ein Beispiel dafür, ebenso die Juden, die aus Osteuropa nach Mitteleuropa einwanderten.

Die Polen, die nach 1871 vor allem ins Ruhrgebiet kamen, seien nach den polnischen Teilungen überwiegend Bürger des Deutschen Reiches gewesen, die zumeist aus Posen, Westpreußen und Oberschlesien gekommen seien: „Sie hatten eine andere Sprache, aber eine sehr ähnliche Kultur wie die Deutschen“. Zudem seien sie katholisch gewesen und passten sehr gut in die überwiegend katholischen Provinzen Rheinland und Westfalen.

Wenn wir nichts ändern, werden wir in Europa vielfach muslimische Mehrheiten haben, Afrika muss sich von innen heraus reformieren

Wenn sich dagegen die Geburtenrate und die Zahl einwandernder Muslime in dieser Form fortsetze, werden zahlreiche europäische Länder in einigen Jahrzehnten muslimische Mehrheiten haben. Das könne ihren kulturellen Charakter grundlegend verändern.

Der Westen könne sich durch eine restriktive Einwanderungspolitik vor den Folgen der Bevölkerungsexplosion in Afrika in Form von ungezügelter Einwanderung nach Europa schützen. Die afrikanische Bevölkerung habe sich seit 1960, dem Ende der Kolonialzeit, verfünffacht. Und sie werden sich nach der UNO-Prognose bis zum Ende des Jahrhunderts nochmals verdreifachen, von jetzt 1,3 Milliarden auf dann 4 Milliarden. „Allein in Afrika werden dann doppelt so viele Menschen leben wie 1945 auf der ganzen Welt. Afrika und das westliche Asien verbinden große Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung mit einem ungezügelten Bevölkerungswachstum“, sagt der studierte Volkswirt. Von außen könne man dabei kaum Einfluss nehmen. Diese Länder müssten sich von innen heraus reformieren.

Die Entwicklungshilfe und alle Versuche zur politischen Einflussnahme haben grundsätzlich versagt, so Sarrazin weiter. Diese Länder müssten selbst Gesellschaftssysteme entwickeln, die mit der modernen Welt kompatibel sind. Der britische Migrationsforscher Paul Collier habe gesagt, die Menschen in Mali könnten denselben Lebensstandard wie die Franzosen genießen, so sie eine vergleichbare Mentalität ausbilden, ähnliche Institutionen schaffen und die Bevölkerungsexplosion in den Griff bekommen. Wir dürften nicht zulassen, dass diese Länder ihre Probleme durch den Export ihres Bevölkerungsüberschusses nach Europa zu lösen versuchen.

Wer Asyl will, muss Personaldokumente vorlegen und nachweisen, dass er politisch aktiv war

Auch zum Thema Asylrecht macht der ehemalige Politiker und jetzige Autor klare Ansagen: „Wir wissen, dass nach einem langen Verfahren vor dem BAMF am Ende weniger als ein Prozent einen Asylstatus zugesprochen bekommt. Darum müssen wir das Verfahren ändern“ und dazu mache er in seinem Buch konkrete Vorschläge: Wer Asyl beantragen wolle, müsse gültige Personaldokumente mitbringen. „Heute geben sehr viele Antragsteller an, sie hätten ihre Papiere verloren.“ Außerdem müssten sie nachweisen, dass sie politisch aktiv waren. Bei jemandem unter 25 Jahren sei das aber kaum glaubhaft.

Und schließlich sollten die Anträge bei der deutschen Botschaft im Heimatland des Asylsuchenden gestellt werden. Das sei alles machbar und würde die Zahl der Anträge massiv sinken lassen. Und wenn einzelne Aktivisten wie die von der Pro-Demokratie-Bewegung in Hongkong Asyl beantragen sollten, lasse sich bestimmt nachweisen, dass sie politisch aktiv waren.

Die Frage sei einfach, was unsere Verantwortung sei. Unser Staat müsse zunächst die eigenen Bürger schützen. Deutschland sei schlicht nicht in der Lage, unter knapp acht Milliarden Menschen jeden aufzunehmen, der an der Grenze oder beim Konsulat das Wort Asyl ausspreche.

Mit der SPD ist Sarrazin durch, die AfD kommt für ihn nicht in Frage

Zum Thema SPD machte Thilo Sarrazin deutlich, dass er mit dieser Partei durch sei: „Ich kann keinen Respekt aufbringen für eine Partei, die ein Mitglied, das sich sonst nichts zu Schulden kommen ließ, deshalb rauswirft, weil in einem Buch Tatsachen stehen, die niemand widerlegt hat und die lediglich unbeliebt sind.“

Hinzu komme, dass es die SPD bis heute nicht geschafft habe, eine schriftliche Urteilsbegründung vorzulegen. Das scheine für sie intellektuell zu schwierig zu sein. Jetzt warte er erst einmal auf diesen Text.

Und auch auf die Frage, ob die AfD für ihn als zukünftige politische Heimat in Frage komme, fand Sarrazin klare Worte: „Ich habe schon im Jahr 2013, als Bernd Lucke, Hans-Olaf Henkel und andere renommierte Persönlichkeiten die AfD gründeten, Anfragen, ob ich da nicht mitmachen wolle, abschlägig beschieden.“ Durch seinen Ausschluss aus der SPD habe sich an seiner damaligen Position dadurch nichts geändert.

Hier können Sie das gesamte Interview nachlesen.

Thilo Sarrazins neues Buch

Thilo Sarrazin: Der Staat an seinen Grenzen – Über Wirkung von Einwanderung in Geschichte und Gegenwart, Langen/Müller 31.08.2020, EUR 26,00

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